Kategorien
Allgemein

66 Donnerstag, 21.05.2020

Die Feiertagsroute des Busses lässt meine Station aus, was mich einigermaßen verwirrt. Ich komme dann trotzdem irgendwo an.

Der Klingelton einer schwerhörigen Alten ist so laut, dass selbst sie ihn wahrnehmen kann. Eine halbe Minute kramt sie in ihrer Handtasche nach dem Gerät (der Anrufer weiß bestimmt, dass es bei ihr immer ein bisschen länger dauert, weshalb er es geduldig läuten lässt). Die Alte hebt ab und spricht so, dass sie sich selbst gut versteht, auch der Lautsprecher ist am Anschlag. Man kann beide Seiten des Gesprächs mithören. Teilweise ist es recht interessant.

Ich erinnere mich, wie uns vor Wochen jene Verhaltensweisen nähergebracht wurden, die eine Verschärfung der Pandemie verhindern sollten: Regelmäßiges Händewaschen und Menschenmassen meiden. So verhalte ich mich seit jeher, dachte ich, und mir wurde bewusst, dass meine Lebensführung immer darauf abgezielt hat, das Ausbreiten einer Infektionskrankheit zu verhindern.

Für Alleinwohner gibt es die Option einer Mietkatze oder anderer Haustiere, die man sich gegen Entrichtung einer fairen Nutzungsgebühr ausleiht, um für einen begrenzten Zeitraum etwas zum Streicheln zu haben.

Gegenüber den Mitmenschen herrscht einerseits eine tiefe Verbundenheit und andererseits der immerwährende Verdacht. In diesem Zwiespalt gilt es sich wohnlich einzurichten. Wie sehr wir gemerkt haben, ohne die Nähe zu den Artgenossen zu verkümmern, so bleibt doch die Gewissheit, einander zur Gefahr geworden zu sein, zum unverhofften Überträger einer Krankheit.

Sich an der aufrechten Haltung anderer aufrichten.

Eine frühe, noch nicht verwertete und ins Reine geschriebene Notiz: Kaum etwas schweißt mehr zusammen als der gemeinsame – bestenfalls äußere – Feind. Die Menschheit rückt näher ans Feuer, weil es kleiner geworden ist. Einer wärmt sich am anderen, alles wird sich finden.
(Diese leichtfertig hingedachten Sätze erscheinen mir reichlich naiv. Ich hätte jeden Satz mit einem Fragezeichen abschließen sollen. Immer wieder bin ich über den Eintrag gestolpert und daran hängengeblieben, doch war es mir zu peinlich, ihn kommentarlos ins Narrativ zu übernehmen. Ich hätte es bleiben lassen sollen. Wenn ich ihn löschen wollte, kam mir etwas in die Quere, vielleicht ein schlechtes Gewissen, nicht auch manchmal an die einfache Antwort zu glauben. Jetzt bin ich es wenigstens los.)

Es gibt sie, die moralischen Analphabeten.

Beziehungen werden gefestigt, neue Bande geknüpft. Ein paar Jahrzehnte später: Corona-Veteranen, die gemeinsam etwas durchgestanden haben, trinken in geselliger Runde. Beduselt dozierend über die seltsamen Zeiten. Mit erhobenem Zeigefinger: Wisst ihr noch, damals …? Klar, wir waren ja dabei.

Aus heiterem Himmel trifft mich die Erkenntnis, dass der Stadtpark eine Hundeverbotszone ist. Jedenfalls entdecke ich plötzlich die entsprechenden Schilder. Jetzt frage ich mich, ob er es immer schon war, und wie es mir all die Jahre nur entgehen konnte. Die Hundehalter gehen doch seit jeher mit ihren Tieren seelenruhig über die Wege, an den Wiesen vorbei und um den seichten Teich herum. Da und dort sieht man wen eine Faust warmer Scheiße aufklauben. War es etwa nie erlaubt?
Ich überprüfe die Verwitterung der Schilder, sie wirken recht neu. Vielleicht ist die Umstellung noch nicht so lange her. Geschah es über Nacht? Da sind festgetrocknete Spinnwebreste, auch Rostflecken und Randabsplitterung des Blechs. Ich zweifle an der eigenen Wahrnehmung und gelobe, meiner Umwelt in Zukunft mit größerer Aufmerksamkeit zu begegnen – allein schon aus Gründen der Wertschätzung. Wir sehen oft nur, was uns betrifft, den Rest blenden wir aus.

Das eingefallene Dichtergesicht beleuchtet zu ungesunder, beinah transsilvanischer Blässe.

In einem knappen Satz etwas sehr Langwieriges zusammenfassen: Jetzt passieren schlimme Dinge. (Amüsante Regieanweisung in einem Drehbuch oder Theaterstück.)

Wo man nur hinschaut, offenbart sich die Möglichkeit einer lohnenswerten Analyse.

Zum unbeschwerten Vogelruf: Jetzt reicht es aber mit dem Überspielen!

Deutsche Band mit Feuershow: Die Marschrichtung der Krachmusik zelebriert eine Präzision der Gewalt. (Aufgehobenheitsgefühl im verschwitzten Kollektiv, Headbang-Haar im Mitnick-Takt. Jeder Schlag ein Treffer; jeder Treffer sitzt. Die Kraft ist breit und kontrolliert / Behaglich behäbig, bedrohlich schwer / Wie Musik einfach nur funktioniert.)

Der Podcast This American Life hat mir mehrmals das Leben gerettet. Ira Glass ist Gott.

Es besteht zu jemandem eine gefühlte Verwandtschaft.

Warm wie Schlaf.

Manche Geschichten gehen nicht aus.

Kategorien
Allgemein

65 Mittwoch, 20.05.2020

Die große Narrenfreiheit ist ausgebrochen. Den ganzen Tag sind Krankenwagen mit Sirenen unterwegs. So geht das schon seit Wochen. Längst bin ich der Meinung, dass damit etwas faul ist. Der exzessive Einsatz des Martinshorns muss den Fahrern von höchster Stelle angeordnet worden sein, um der Bevölkerung die Dringlichkeit der Sache zu verdeutlichen. (Vor Augen führen – vor Ohren führen.) Es geschieht keine Verrenkung im Gehirn, wenn man sich vorstellt, wie ein Vorgesetzter oder Standortleiter den anwesenden Untergebenen bei einem morgendlichen Briefing erklärt, sie sollen ordentlich aufdrehen, sonst checken es die Leute einfach nicht. Vielleicht sollen sie aufdrehen, wenn sie einen positiv Getesteten oder auch nur einen Verdachtsfall transportieren. Vielleicht sollen sie aufdrehen, wenn sie irgendeinen Patienten transportieren. Vielleicht sollen sie überhaupt immer aufdrehen, auch bei einer Leerfahrt ganz ohne Patient.
So rasen die Krankenwagen mit ohrenbetäubendem Lärm über unbefahrene Kreuzungen, um wütend auf sich aufmerksam zu machen. Mit nervösem Blaulicht sowieso. Es wirkt planlos und sinnlos. Bei jedem Transport, der so laut vorbeirauscht, zucke ich vor Schreck zusammen, und gleichzeitig ist mir das übertriebene Krawallschlagen der Einsatzkräfte furchtbar peinlich. Wir haben es doch längst gecheckt.

Ein erster Museumsbesuch. In den Prunkräumen geht es um Nachtleben, Kaffeehauskultur und Clubs, um Kabaretts und schummrige Kaschemmen, und die sich daraus entwickelnden Kunstströmungen. Es geht um Schattentheater, Filmexperimente, Literatur und Tanz und Malerei. Eine Weltreise durch verrauchte Etablissements auf den Spuren einer trinkfesten Avantgarde. Neben Paris, Wien oder Zürich führt diese auch in den Iran, nach Harlem und Nigera. In Afrika traut man sich Farbe, denke ich.
Dass etwas anders ist als sonst, erzählen einem gleich zu Beginn zwei getrennte Sortierbügel für die Museumshocker. Links die gebrauchten, rechts die desinfizierten. Unter keinen Umständen darf eine Verwechslung und Vermischung passieren. (Jedenfalls nicht vom einen zum anderen, vom anderen zum einen spielt es keine Rolle.) Eine Kleingruppe wird durchs Museum geführt. Alle tragen wir durchgehend Masken, und an der Oberlippe schwitzt sich der Schweiß fest. Eigenhigh vor Luftknappheit, denke ich.
*
Information zu den Schutzmaßnahmen:
Auch bei geöffneten Museen ist es weiterhin wichtig, dass wir aufeinander achten und uns gegenseitig schützen. Da unsere Aktivitäten von der Begegnung mit unserem Publikum leben, haben wir gemäß den aktuellen behördlichen Vorgaben folgende Maßnahmen für Ihre Sicherheit getroffen:
– Unsere Kunstvermittler_innen tragen ein Gesichtsvisier und verwenden sorgfältig desinfizierte Silent Systems.
– Geführte Touren finden in Kleingruppen von maximal neun Personen statt.
– Während der Führungen vermeiden wir Aufenthalte in kleinen Ausstellungskabinetten und an Engstellen.
Zudem ersuchen wir Sie, während der gesamten Führungsdauer die Besuchsregeln einzuhalten.
*
Hinweisschild vor Ort:
SILENT SYSTEMS
Die Touren werden mit sorgfältig desinfizierten
Silent Systems unterstützt. Bitte verwenden Sie
aus hygienischen Gründen Ihre persönlichen Kopf-
hörer oder fragen Sie nach unseren Einwegkopf-
hörern.
Geführte Touren finden in Kleingruppen von
maximal 9 Personen statt.
(Es folgt eine Übersetzung ins Englische, die statt sieben Zeilen nur sechs in Anspruch nimmt.)
*
Aufsteller am Stiegenabgang zur Garderobe: Bitte achten Sie auf den Gegenverkehr. (Auch Fußgänger brauchen Regeln.)
*
Eine etwas ältere, nach wie vor gültige Museumsnotiz: Im Museum werde ich zum Geistergeher, bewege mich also entgegen der von den Ausstellungsmachern angedachten Geh- und Wahrnehmungsrichtung. Wie beflissen manche vor den Bildern verweilen und sie sachkundig mustern, als hätten sie alle ein Kunstgeschichtestudium im Lebensrucksack. Dabei erzählen die Werke ihnen nichts. Leute nehmen auf den großzügigen, mitten im Raum platzierten Sitzflächen Platz, vermeintlich aus Interesse, um in dieser Ruheposition kontemplativ ein Vorzeitpanorama, ein wurlendes Schlachtengetümmel zu studieren, dabei sind es einfach nur übergewichtige britische Touristen, die ihre müdegelatschen Sandalenfüße ausruhen. Ich ziehe weiter gegen den Strom auf der Suche nach dem unerzählbaren Wahrheitskern der Kunst und finde ein paar Pinselstriche lang mich selbst.

Für jede Kunstform gilt: Einfachheit ist etwas, das man sich hart erarbeiten muss.

Der Wind packt einen beim Atem.

Ich habe gelernt, wie Skateboarder bei gelungenen Tricks den Komplizen applaudieren: Sie greifen sich das seitlich abgelegte Board und klacken es zustimmend gegen den Boden. Dieser Skateboard-Applaus kann sehr unterschiedlich ausfallen: Mal ist er zurückhaltend und vorsichtig ermutigend, dann wieder kollegial und pflichtbewusst, und selten auch richtig überrascht und euphorisch, wenn zum Beispiel ein blindes Huhn auch einmal ein Korn findet und dem tollpatschigen Mitläufer ein arger Inward Heel Flip gelingt.

Selbst wenn ich Skateboard fahren könnte, könnte ich nicht Skateboard fahren. Das ist mir viel zu laut.

Der nach vorne hin offene Mönchskranz (wie ihn der ehemalige niederösterreichische Landeshauptmann trägt) ist keine legitime Frisur.

Ausgestorbene Berufe: Ab 1780 wurden unter Friedrich dem Großen etwa 400 Kriegsversehrte als Kaffeeriecher eingesetzt, um in den preußischen Kommunen illegale Röstereien zu erschnüffeln. Zum Schutz der einheimischen Malzkaffeehersteller und -lieferanten war die Einfuhr von Bohnenkaffee streng untersagt.
Auch Perrückenriecher machten sich beim Volk unbeliebt, indem sie das Eintreiben der Perrückensteuer erledigten. Der Perückeninspektor und seine Unterinspektoren durften in der Öffentlichkeit jedweden künstlichen Haarschopf abnehmen und den angebrachten Stempel kontrollieren.
Abtrittanbieter gingen – oft maskiert – mit verschließbaren Holzkübeln durch die Straßen und ermöglichten es den Bürgern, unterwegs ihre Notdurft zu verrichten. Diese wurden dabei mit Umhang oder Mantel vor neugierigen Blicken geschützt.
Vielleicht erlebt die eine oder andere dieser Tätigkeiten eine Renaissance – ausreichend seltsam wären die Zeiten ja.

Verbrannter Kaffee riecht wie nasser Aschenbecher.

Die Straße geht voraus, ich hinterher.

Kategorien
Allgemein

64 Dienstag, 19.05.2020

Beim Überqueren der Straße beobachte ich den Ausgleichsblick. Die vorbeiradelnde Frau wird von einem Mann in kurzen Hosen auffällig gemustert, woraufhin er demonstrativ in die Gegenrichtung blickt, zu stillstehenden Autos. Seiner Umwelt signalisiert er damit, dass er die Radlerin eben nicht bewusst angesehen hat, sondern sich bloß einen groben Überblick verschaffen und das allgemeine Verkehrsaufkommen einschätzen wollte. Es funktioniert.
*
In einem Blickbuch könnte man die verschiedenen Arten von Blicken beschreiben und archivieren; auch Länge und Intensität sollten ihre Berücksichtigung finden. Der Ampelblick – wenn man aufs Umspringen wartet. Der Horizontblick – wenn man andächtig am Meer steht und sich die großen Fragen des Lebens stellt. Der Buffetblick – wenn man sich aus der Fülle an Häppchen die besonders schmackhaften herauspicken will. Der Kussblick – wenn man im Begriff steht, zu küssen oder geküsst zu werden; hier eine differenzierende Zweiteilung des Eintrages vornehmen.
Der Leseblick – wenn man angeträumt in ein Buch versunken ist. (angeträumt zu gebrauchen wie angetrunken.) Der Gitarrenblick – wenn man über die Nase hinweg aufs Griffbrett linst. Der Bastelblick – wenn die Falttechnik beim Origimai leichter aussah, als sie ist. Der Motorhaubenblick – wenn man den Füllstand der Kühlflüssigkeit kontrolliert. Der Tankstellenblick – wenn man die Benzinanzeige auf eine runde Zahl bringen will.
Der Münzfachblick – wenn man beim Einkaufen Kleingeld sucht. Der Angstblick – wenn man Angst hat. Der ungestillte Lustblick – wenn man erregt ist. Der Tunnelblick – wenn eine zornige Gewissheit einrastet. Der Liebesblick – wenn etwas bei uns stimmt. Der Vergewisserungsblick – wenn man sich die wohlwollenden Erwiderung des Gegenübers einholt. Der Verschwiegenheitsblick – wenn man die kriecherische Einhaltung eines unausgesprochenen Gesetzes signalisiert. Der Verdachtsblick – wenn man jemandem etwas zutraut, das man sich selbst niemals zutrauen würde. Der Aufzählungsblick – wenn man nach Neuankömmlingen in der fortgesetzten Reihe Ausschau hält.
*
Man könnte jetzt hergehen und alle Blicke der Welt aufzählen – es wären Millionen und Abermillionen – und dann noch weitere dazuerfinden, die es gar nicht gibt. Man könnte in alle Ritzen und Nischen des Zwischenmenschlichen eindringen und auch alle Berufszweige abdecken – der Mikroskopblick, der Vertragsblick, der Fluglotsenblick aus dem Tower. Man könnte das tun und hätte ziemlich Vergnügen damit. Aber man wird es nicht tun – weil es zu einfach ist. Deshalb wird es das Blickbuch niemals geben.

Rechtschaffen müde – gibt es das in unseren Breiten heutzutage noch?

Um den Wirtschaftseinbruch abzufedern, wird begeistert Geld erfunden. Die Notenbanken drucken es, die Staaten überweisen es, die Betriebe verbrauchen es. So bleibt das Vertrauen erhalten. Es kommt aus der Luft und bleibt reine Idee. (Ob Geld oder Vertrauen gemeint sind, lässt diese Formulierung offen. So entsteht ein feiner Doppelsinn.)
Die wundersame Geldvermehrung ist eine Fortsetzung oder hintergründige Parallelgeschichte zur wundersamen Brot- und Fischvermehrung, wie sie Jesus Herkules Christus am Nordwestufer des See Genezareth bei der Speisung der Fünftausend herbeigebetet haben soll. Da sage noch einer, Kapitalismus sei keine Religion.

Von einem Klügeren habe ich gelernt, dass man für Gehässigkeit keine Zeit haben darf.

Pierre heißen ist sicher auch nicht leicht.

Verhandlungen immer so führen, als wären sie aussichtslos.

Lieber ein stiller Riese als ein vorlauter Zwerg.

Die Werbeindustrie hat auf die seltsamen Zeiten schnell reagiert. Neue Slogans spielen mit unseren Ängsten und dem dringenden Bedürfnis nach Sicherheit und Erholung.
Blick nach vorne, sagt die Autowerbung, jetzt losfahren und erst 2012 zahlen. Dieses Angebot, sofort zu konsumieren, aber erst später – oder auch monatsweise – die Rechnung zu begleichen, ist äußerst verlockend. Die Menschen haben keine Disziplin und können nicht warten, vor allem nicht auf eine Bedürfnisbefriedigung, was Studien mit Kleinkindern belegen, denen man die Wahl lässt, entweder ein Zuckerl gleich zu schnabulieren oder nach einer Wartezeit zwei Zuckerl zu bekommen; hier offenbart sich die erste Ausprägung eines Impulskontrollverlusts. Dass eine Ratenzahlung wesentlich teurer kommt, ist schon zu weit in die Zukunft gedacht, und vorausdenken ist furchtbar anstrengend, und eines mündigen Konsumenten nicht würdig. Genau hier lässt sich in unsteten Zeiten andocken, um der ins Stocken geratenen Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen.
*
Vorfreudezeit, sagt die Tourismuswerbung, das erste Mal wieder an Urlaub denken. Nach der anstrengenden Quarantäne haben sich alle ein bisschen unbeschwerten Sonnensommer verdient, eine Almwiesenwanderung mit abschließender Brettljause, und die Kinder im Bauernhotel einen naturtrüben Apfelsaft, für den die Mehrwertsteuer gesenkt worden ist (wie auf alle alkoholfreien Getränke in der Gastronomie). Alle haben sich jetzt einen erfrischenden Badesee und Fahrradtouren mit Leihrädern verdient, und die verbissene Besteigung von irgendeinem seichten Berg mit nassgeschwitztem Leiberl beim Abnehmen des Rucksacks, wo einem beim Gipfelkreuz-Selfie der Wind schön die Haare verweht.
Wer es sich leisten kann, der braucht jetzt Urlaub. Wer es sich nicht leisten kann, der braucht besser keinen Urlaub, sonst würde er etwas brauchen, das er nicht haben kann, und würde plötzlich neben der körperlichen und geistigen Erschöpfung auch noch traurig sein. Das wäre doch schade. Oft wird durch Spots und Plakate eine Sehnsucht geweckt, die aus eigener Kraft nicht gestillt werden kann.
*
Krisen stellen viele Rechtsfragen, sagt die Anwaltswerbung, wir haben die Antworten. Insbesondere in den Bereichen: Arbeits- und Sozialrecht, Miet- und Wohnrecht (Belange von Mietern und Vermietern von Wohn- und Geschäftsräumen), Schadenersatz- und Gewährleistungsrecht, Entschädigung für Betriebsausfall, Versicherungsrecht, Reiserecht, Steuer- und Abgabenrecht, Förderungen und Finanzierungen, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Testament, Ehe- und Familienrecht (Scheidungsrecht, denke ich, Besuchserlaubnis von getrennt lebenden Elternteilen), Unternehmens- und Gesellschaftsrecht, Insolvenz- und Exekutionsrecht, Baurecht, Bauvertragsrecht, Konsumentenschutz und Internetrecht, allgemeine zivilrechtliche Angelegenheiten, verwaltungsrechtliche Angelegenheiten, strafrechtliche Angelegenheiten, uvm.
Die österreichischen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, sagt die Anwaltswerbung, sind gerade jetzt für Sie da und helfen Ihnen mit fundiertem Rechtsrat. Mir fällt auf, dass die genannten Rechtsbereiche alle Bereiche des Lebens abdecken. Der Rest wird vom abgekürzten und viele mehr abgedeckt. Anwälte sind die Totengräber unter den Büromenschen, jedenfalls was die Jobsicherheit in Krisenzeiten anbelangt, das Aufblühen ihrer Branche in der Krise.

So niese ich mich durch den Tag – jetzt sind die Gräser.

An einem schwülen Dienstagabend mit nacktem Oberkörper im Wohnzimmer arbeiten und billigen Weißwein direkt aus der Flasche trinken – ist das die Show, wie Nachbarn sie sich vorstellen?

Auch Frauen trinken Bier.

Das anstrengende Teppichmuster verkompliziert sich randeinwärts zu abstrakt ausschwingenden Schnörkeln.

Es ist mir schleierhaft, wie jemand etwas anderes als ein Künstler sein kann, oder eine Art Künstler. Wie kann man Anwalt sein oder Lehrer oder Lokführer? Wie leben die Menschen? Wie verarbeiten sie ihre Eindrücke, Erfahrungen, Entsagungen? Warum platzen sie nicht? Vielleicht tun sie es ja. So kommt das Verbrechen in die Welt.

Ich bin ein verlässlicher Umzugshelfer – immerhin das.

Wortreich die Ahnung beschreiben, alles gesagt zu haben.

Irrtum nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt.

Jemand weiß nicht mehr weiter. Aber wohin weiß er nicht mehr weiter?

Neuerdings gebe ich auf.

Kategorien
Allgemein

63 Montag, 18.05.2020

Ich habe nichts zu erzählen.
Mir fällt auf, dass es Notizen gibt, die ich zwar entschlossen angehäuft habe, bei denen ich aber keinerlei Lust empfinde, sie abzuarbeiten und ins öffentliche Notizbuch zu schaufeln, sie also dem Narrativ einzuverleiben. (Alles Geschriebene geht seinen mühseligen Weg durch die Instanzen.) Nicht jede Begebenheit ist erzählenswert, nicht jedes Bild stimmig, nicht jeder Gedanke interessant. Man kann gar nicht streng genug filtern, was vom lokalen Weltgeschehen man überhaupt absorbiert, und was davon weitertransportiert werden soll an verschiedene Zielorte. Was schließlich andere Menschen erreicht, darf nur ein schlüssiger Bruchteil sein, die zu Ende verdichtete Essenz. (Hemingways berühmtes Eisbergmodell ist ungebrochen gültig und ragt mahnend aus dem Meer.)
Ich will Fremden nur das erzählen, was ich auch mir selbst erzählen würde. Wenn man sich selbst mit etwas langweilt, kann man nicht davon ausgehen, dass es anderen so anders damit geht. (Die Grundannahme muss lauten, dass es sehr wenig Interessantes und sehr viel Langweiliges gibt auf der Welt.) Ausgehend von der Selbstbelustigung findet eine Fremdbespaßung statt. Sich verständlich auszudrücken, kann dabei hilfreich sein.
*
Ich erzähle nicht vom ersten Freundestreffen, vom ersten Abend beim Anwalts-Freund, der Essenseinladung, bei dem auch der Arzt-Freund dabei war. Es ist zwei Wochen her, und ich kann es nicht erzählen, und das ist schön, denn ich brauche es nicht zu erzählen. Es war einfach und es war normal. Nichts daran war spektakulär. Ich erzähle nicht, dass wir einander scheu hergedrückt haben, ein bisschen unbeholfen und ziemlich belustigt, dass ausgiebig getrunken und geplaudert wurde.
Hier bewahrheitet sich die alte Behauptung vom Unglück, dass es braucht, um kreativ sein zu können – sie stimmt insofern, als dass es eine Lücke braucht, die befüllt werden will. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Beim Abend mit Freunden hat nichts gefehlt, er war so wie immer, also genau richtig; er stellte keine Herausforderung oder Zumutung dar. Er ließe sich erzählen, aber warum? Es war nach all der Zeit nicht seltsam, sich wieder in Fleisch und Blut gegenüberzustehen, wenn überhaupt, dann war es normaler als es jemals gewesen ist. Große Erleichterung stellte sich ein.
*
Ich erzähle nicht, dass es israelisches Huhn gab, dass der Weißwein gut war, dass ich Gin und Tonic und ein halbes Netz Zitronen mitgebracht habe, und dass der Gastgeber – das Geburtstagskind – sich bloß noch um ausreichend Eiswürfel kümmern musste. Ich erzähle nicht, dass ich alter Geizkragen zur Feier des Tages nicht den billigsten Gin gekauft habe, sondern den zweitbilligsten – und nicht bloß deshalb, weil der billigste ausverkauft war. Ich erzähle nicht, dass ich zwar ein paar Gin Tonics zusammengekippt, selbst aber keinen getrunken habe, weil ich bereits genug hatte.
Ich erzähle nicht von der ansehnlichen Himbeertorte, die eine Himbeerbombe war, ein rosaroter Mehlspeisgupf. Ich erzähle nicht, dass wir haltlos gelacht haben, dass ich irgendwann so lachen musste, dass ich kurz befürchtete, mich in den Mund zu erbrechen, weil ich ja auch so angegessen war, doch diese Sorge verflog noch in der Blitzsekunde des Herbeidenkens, und ich erzähle nicht, dass ich keinen Schluck hochgelacht habe.
(Vor allem erzähle ich nicht, dass ich damals am Schulskikurs in der dritten Klasse Gymnasium so viele Mandarinen gegessen habe, dass ich mich tatsächlich einmal vor Lachen übergeben musste, wenn man so will, dass ich wohl acht oder neun Mandarinen in ein Sackerl geschält und mir zugeführt habe, und dass ich genau in dieses Schalensackerl dann ein bisschen speiben musste, weil wir so gelacht haben, dass wir am nächsten Tag allesamt Bauchmuskelkater davon hatten. Jedenfalls wird es sich so oder so ähnlich abgespielt haben, denn so wird es seither erzählt. Doch das erzähle ich nicht.)
*
Ich erzähle nicht, dass ich mich kurz vor Mitternacht verabschiedet habe, weil ich Sorge hatte, ob es denn noch eine Nacht-U-Bahn gibt, obwohl es der Vortag zum Wochenende war. Ich erzähle nicht, dass der Anwalts-Freund gut kochen kann, und dass der Arzt-Freund schon reichlich entspannt war, weil sich im Krankenhaus die Dinge längst gut eingependelt hatten.
Ich erzähle nicht, dass es schöner ist, einander als echte Menschen zu begegnen als mit ruckelnden Bildschirmgesichtern in Kacheln zu sprechen. Ich erzähle nicht, wie steril das einsame Anstoßen ist, und wie klingend das herkömmliche überm Tisch im menschenwarmen Wohnzimmer. Ich erzähle es deshalb nicht, weil das jedem klar ist.
Ich erzähle nicht, dass es zum Leben gehört, ein paar Abendstunden mit Freunden zu verbringen, zu essen und zu trinken und zu reden und zu lachen und zu diskutieren, und sich dann satt und träge und zufrieden auf die weiche Couch zu schleppen, weil jeder weiß, wie es ist. Deshalb brauche ich es nicht zu erzählen.
*
Ich erzähle auch nicht vom ersten Familienbesuch im Schrebergarten, von der herrlichen Schrebergartenmelancholie, wenn draußen die Sonne scheint und man im Inneren des Hauses am Esstisch hockt, um Briefe an Bots in den Laptop zu klopfen. Ich erzähle nicht, dass ich im Prater spazieren war und das Gefühl hatte, die ganze Welt würde auch dort sein – oder jedenfalls ganz Wien. Ich erzähle nicht, dass es mich einerseits beschwingt und andererseits gelangweilt hat, so viele Menschen zu sehen, die irgendeine Sonne oder irgendeine frische Luft genießen mit irgendwelchen Ballspielen oder Slacklines, und so viele Kinder feierten den Nachmittag mit Seifenblasen oder Sand. Ich brauche es nicht zu erzählen, weil alle im Prater waren und mit irgendwelchen Bällen gespielt und irgendein Picknick gemacht haben, und jeder hat sich irgendwann angestellt fürs Klo, außer ein paar ungenierte Männer, die sich irgendeinen abseits stehenden Baum gesucht haben, was gar nicht so leicht war.
*
Ich erzähle nicht, dass die Leute jetzt wieder an wackligen Kaffeehaustischen sitzen und sich etwas zu sagen haben, dass die Aschenbecher gefüllt sind und die Wasserpfeifen gründlich und entspannt vor sich hin gurgeln. Ich erzähle nicht, dass ich zum ersten Mal seit Beginn der seltsamen Zeiten in einem Gasthaus war, dass ich nach acht Wochen wieder einmal von einem anderen Menschen bedient worden bin, dass mir das aber nicht gefehlt hat.
Ich erzähle nicht, wie sehr ich mich stattdessen auf das erste frisch gezapfte Bier gefreut habe, und dass meine Vorfreude auch eingelöst wurde. Ich erzähle nicht, dass ich dem ersten Bier vom Fass zur Sicherheit noch ein zweites nachschicken musste, um sicherzugehen, dass ich mich in meinem Genuss auch nicht getäuscht habe, dass es auch wirklich so bitter und durstlöschend war, wie ich es bei der verhaltenen Kostprobe empfunden habe. Ich erzähle nicht, dass es ein türkisches Restaurant war, in dem ich vorher noch nie gewesen bin, oder dass es sehr gut geschmeckt hat und die Preise fair waren, dass ofenwarmes Brot im Korb serviert wurde, das ein Gedicht war. Ich erzähle nicht, dass ich vorhabe, wieder dort einzukehren, dass ich es damit aber nicht sonderlich eilig habe.
*
Ich erzähle nicht, dass die Auferstehung der Stadt vollzogen wird, Straße um Straße, Haus um Haus, und des ganzen Landes, Schanigarten um Kirche um Sportplatz. Jeder weiß es, jeder kann es sehen; jeder kann es trinken, jeder kann es essen; jeder kann es riechen, jeder kann es schmecken.
Ich erzähle nicht, dass viele immer noch nicht wissen, wie es weitergeht, zum Beispiel jene, die im Veranstaltungsbereich beschäftigt sind, dass die Clubszene gefährlich in der Luft hängt, dass es sorgenvolle Unternehmer und Arbeitslose gibt. Ich erzähle nicht, dass sich in die Erleichterung über den fliedernen Sommerduft ein leiser Zukunftszweifel schleicht. Ich erzähle nicht den Tag ohne die Nacht.
*
Ich erzähle nicht, dass die Schule wieder begonnen hat mit strengen Vorschriften, dass in manchen Stockwerken Direktoren auf Knien rutschend Bodenmarkierungen mit Klebeband anbrachten, um nach Geschlechtern getrennte Laufwege zur Toilette vorzugeben, was ich für reichlich überzogen hielt. Ich erzähle nicht, dass heute Montag ist oder dass ich mir später ein Schnitzel mit Pommes holen möchte, weil Schnitzelmontag ist und es da beim Schnitzelhaus ein gutes Angebot gibt. Ich erzähle nicht alle Nachrichtenüberschriften oder alle neuen Erkenntnisse über den Virus. Ich erzähle nicht das Echo eines fremden Rufs, sondern möglichst nur den eigenen Ruf – mit Rückkopplung.
Ich erzähle nicht, dass mir der neue Haarschnitt eine Kraft gibt, weil wieder Ordnung herrscht auf meinen Kopf, die sich auch auf dessen Innenleben überträgt, dass auch die Gedanken an Struktur gewonnen haben, dass sich der Haarschnitt tageweise sogar auf die Körperhaltung überträgt und ich ein bisschen weniger schlurfend ins Büro spaziere, und ein bisschen weniger lümmelnd an der roten Ampel warte. Ich erzähle nicht, dass es uns gibt. Ich erzähle nicht, wie befreiend es sein kann, nicht mehr weiter zu wissen. Ich erzähle nicht, dass die Welt ist, wie sie ist. Ich habe nichts zu erzählen.

Betroffenheit beim Anblick eines gebückt stehenden Alten, der eine Maske trägt. Für sich genommen wirkt er schon sehr verletzlich, die Maske unterstreicht diesen Eindruck noch. Was hat es damit auf sich? (Deshalb tragen Despoten keine Masken – sie erkennen es als Zeichen von Schwäche. Wer sich vor etwas schützt, ist auch nur ein Körper, in den etwas Unliebsames eindringen kann. Der Präsident der Vereinigten Staaten wird niemals eine Maske tragen. Allein der Gedanke dieses Anblicks passt nicht in den Kopf.)

Trotz ausgerufener neuer Normalität herrscht wieder die alte Unverbindlichkeit: Es scheint unmöglich, eine feste Vereinbarung zu treffen, die dann auch eingehalten wird. Zeitliche Verschiebungen und Nachfragen sind nötig. Ein gutes Zeichen: Alles ist wie vorher.

Ein Mann telefoniert in ungesunden Krächzlauten – tut das nicht weh?

Jemand ist ein pragmatischer Romantiker.

Nach der Lösung suchen, als ob es sie gäbe.

Kategorien
Allgemein

62 Sonntag, 17.05.2020

Im Online-Auswahlfenster der Regionalnachrichten ist ein Beitrag betitelt mit: Hundert Jahre alter Paternoster entdeckt. Ich lese: Hundert Jahre alter Pornostar entdeckt – und frage mich: Warum ist das nur im Regionalfernsehen?

Der erste Friseurbesuch, streng nach Vorschrift durchgehend mit Maske. (Weil meine aus Stoff mit ausfransenden Bändern am Hinterkopf verschlossen wird, bekomme ich eine Einwegmaske, deren Schlaufen man diskret hinter den Ohren verstauen kann.)
Es war längst an der Zeit, meine ungestüme Löwenmähne zu bändigen. (Kein ausgewachsener König der Löwen, eher ein aufstrebender – hitzköpfiger – Thronfolger.) Trotz der Behinderung klappte das Schneiden ganz gut, auch das Sprechen. Ich wusste mich in fähigen Händen.
Als es ans Stutzen der Ohrengegend ging, schlug ich vor, dafür kurz die Maske abzunehmen oder wenigstens auf der betreffenden Seite das Gummibändchen in die Hand zu nehmen. Der Friseur versicherte mir, dass es nicht nötig sei, er schneide einfach um die Maske herum. Ich vertraute ihm und ließ ihn machen. Am Ende setzte ich die Brille auf, bekam einen Spiegel vor mich hingeschoben (während des Schneidens herrscht in dem Salon Spiegelverbot) und kontrollierte meinen Schnitt, den ich als gelungen empfand.
Erst zu Hause bemerkte ich, dass es um die Ohren sehr unsauber geworden war. Ich nahm eine gewöhnliche Haushaltsschere und stutzte es mir nach. Spiegelverkehrt war das gar nicht so einfach.

Beim Friseur: Die Sixties, das waren schwierige Frisuren.

Am U-Bahnsteig schon länger die zwischengeschaltete Anzeige:
SCHÖN, DASS DU
WIEDER DA BIST!
Ich habe den Gruß nie bewusst wahrgenommen, sondern als Selbstverständlichkeit empfunden, als die insgeheim vorausgesetzte Geste eines alten Freundes. Ein gutes Zeichen eigentlich. Die Wiener Linien sind immer noch mein Freund, ich fühle mich während der Fahrt wieder wohl – und so geschieht für mich die Rückeroberung der öffentlichen Verkehrsmittel. Die U-Bahn gehört wieder mir. Sie ist mein Ort, so wie sie es all die Jahre war.

Wer erfindet den Fachbegriff für die Angst, dass einem jemand beim Aussteigen aus der U-Bahn versehentlich das Handy auf den Boden rempelt? Ich nicht, denn ich habe Besseres zu tun. Kaum gehen die Türen auf, umklammere ich panisch mein Handy.

Wie schön wird das sein, wenn mir in der U-Bahn endlich wieder jemand ordentlich auf die Zehen steigt; oder beim drängelnden Aussteigen auf den Rücken den Ferse. Anrempeln als städtischer Nähebeweis.

Aus dem zufälligen Straßentreffen zweier Frauen wird ein kurzweiliges Distanzgespräch.

Die blasse Tochter wirkt müdegelebt. Ihr Lachen ist resigniert wie das der Erwachsenen.

Die Allerweltspalme in einer Kinderzeichnung greift mit sieben Filzstift-Fingern nach dem zweibogigen Hintergrundvogel.

Vor einer sehr dicken Person: Braucht auch viel Disziplin, sich einen solchen Bauch anzuessen.

In asiatischen Gesichtern wirken Masken weniger deplatziert als in europäischen. Es geht darum, welcher Anblick uns aus den Fernsehbildern vertrauter ist. Bald hat sich der Eindruck gewandelt und die Masken werden in jedem Gesicht ähnlich auf uns wirken – gleich befremdlich oder gleich alltäglich.
Fast immer, wenn uns ein Film oder eine Fernsehserie das Bild einer glaubwürdigen dystopischen Zukunft malt, kommen darin Maskenmenschen vor; einerseits weil es eine realistische Prognose ist, dass die Gesellschaft in vielen Lebensbereichen asiatisiert wird, andererseits weil absehbar war, dass wir es früher oder später mit Erregern zu tun haben, die sich pandemisch verbreiten. Zuletzt gesehen in der dritten Staffel der Science-Fiction-Serie Westworld – die maskierten Statisten in der U-Bahn oder im öffentlichen Raum wirken seltsam normal. Diese Erkenntnis verursacht leichte Gänsehaut und ein sehr angenehmes Bauchkribbeln.
*
(Überhaupt Westworld: Die Straßen sind sauber und leer. Die Menschen halten Abstand und tragen unkommentiert Masken. Es gibt eine App für kleinkriminelle Aufträge. Jeder Winkel wird überwacht, jedes Gespräch mitgehört. Endzeitliche Gedanken- und Gefühlskontrolle. Eine künstliche Intelligenz steuert das Treiben, Lebenslinien sind vorherbestimmt, Schicksale im Code vorgezeichnet. Langsam regt sich Widerstand. Wer führt den Aufstand an?
So sauber und so leer sind die gefilmten Straßen, so ohne alle Spuren von Lebendigkeit oder der Unordnung durch Eigensinn. Die gezeigte nahe Zukunft erinnert frappierend an unsere Gegenwart – jedenfalls an Quarantänebilder. Eine befreundete brasilianische Hackerin prophezeit, dass sich die vermeintlich reale Welt als weitere Imagination entpuppen wird, als virtuelles Environment höherer Ordnung; doch bis zum Ende der Staffel wird dieser Erzählraum noch nicht aufgemacht.)

Als mir beim Herausholen des Notizbuchs aus der Hosentasche ein unverhoffter Zwanziger entgegenflatterte, da nahm ich es als untrügliches Zeichen, dass alles gut werden würde – und das wurde es dann. Wenn auch anders als gedacht. So oder so. Und wenn schon nicht so – dann eben so. (Sich am Notizbuch festhalten, als wäre es ein Talisman, magisch aufgeladen mit einer namenlosen Kraft. Das sind federleichte Frühlingsgedanken, die man sich nicht immer durchgehen lässt.)

In mancherlei Hinsicht leben wir in einer Erniedrigungsgesellschaft. Wir neiden anderen, was sie haben oder dürfen, weil wir es auch gern hätten oder dürften. (So ertappe ich mich dabei, wie ich den Fußballern vorwerfe, dass sie Vollkontaktsport betreiben können, während es beim sinnvollen Ausrichten von Konzerten noch bei vagen Andeutungen bleibt. Immerhin ist es den Spielern verboten, ins Gras zu spucken; eine Regel, bei der sich keiner vorstellen kann, dass sie tatsächlich eingehalten wird. Und wer soll es ahnden, vielleicht der Spuck-Sheriff? Mit der graugrünen – rotzfarbenen – Karte, zusätzlich zur gelben und roten.) Wenn man sich durch die Sonderbehandlung anderer erniedrigt fühlt, dann möchte man zurückerniedrigen, und lässt sich zu unfairen Aussagen hinreißen. Die sozialen Medien bieten dafür eine geeignete Plattform.
*
Auch bereitet es manchen eine kranke Lust, bestimmte Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen dauerhaft erniedrigt zu wissen, zum Beispiel, indem man Krankenpfleger vergleichsweise schlecht entlohnt oder Lehrern und Kinderbetreuern nicht den Respekt entgegenbringt, der ihnen eigentlich zusteht. Erniedrigte Minderheiten oder Religionsangehörige sind auch immer vorteilhaft, wenn es darum geht, das eigene Selbstbild auf Kosten von Schwächeren zu polieren. Welche unzulässige Befriedigung liegt darin, den Untergebenen, den schweigsamen Kollegen, den finanziell Schlechtergestellten, den Bildungsfernen, den einfachen Arbeiter zu erniedrigen, indem man sie ausblendet oder schroff übergeht. Die Erniedrigungsgesellschaft beruht im Kern darauf, anderen abzusprechen, dass sie die gleichen Bedürfnisse haben wie man selbst. (Blind sein für ein Gesehenwerdenwollen.)

Personenbeschreibung: Ende vierzig oder Anfang fünfzig, Brillenträger, Nichtraucher, Lehrer für Geschichte und Geographie, alleinstehend, Vater noch am Leben, Mutter tot, sammelt Briefmarken, mag Tierdokumentationen und knappe Fußballspiele, isst gerne italienisch, hat statt einer Nase einen Zahnarztbohrer im Gesicht.

Jemand ist eine sehr umständliche Person, die für alles eine Extraeinladung braucht.

Jemand bricht offen die von ihm selbst für alle aufgestellten Regeln: Das ist seine Art von Humor.

Jemand gehört verboten.

Wenn mann sich in jemandem getäuscht hat, dann hat man sich eigentlich in sich selbst getäuscht.

Es gibt einen inneren Kreativitätstank, der nicht unerschöpflich ist, der alle paar Wochen oder Monate regenerieren sollte. Die Schreiblust muss man sich dann wieder ein paar Bücher lang anlesen.

Irgendjemand hat mein Buch geschrieben.

Standtrandbus: Im vorbeischaukelnden Fenster das Spiegelspiel eilig flirrenden Lichts.

Die Gewissheit, niemals wieder in meinem Leben etwas Welthaltigeres zu erzählen. (Bereitwillig scheitern.)

Die leise Frage nach dem großen Warum.

Schade, dass wir unsterblich sind.

Kategorien
Allgemein

61 Samstag, 16.05.2020

Es ist Samstag und die Sonne scheint. Menschen genießen die neu gewonnene Freiheit, sitzen draußen an Tischen vor kühlen Getränken. Am Bauernmarkt werden Kostproben verteilt. Ich freue mich mit. Ganz dazugehören kann ich noch nicht – aber möchte ich das? Meine Lust, ein Restaurant oder Lokal zu besuchen, hält sich in Grenzen. Es wird ganz normal eingekauft und zu Hause gekocht. Es ist nicht so wichtig, wieder gesellig an Tischen zu sitzen, aber es ist schön, wie gut es vielen tut. Die Menschen atmen den leichten Samstag ein. Wer darin eine bedenkliche Sorglosigkeit erkennt, hat sich in der Zeit geirrt, das Sitzen und Trinken ist hart erkämpft und wohlverdient.

Im Podcast der New York Times geht es um den Unterschied zwischen Mysterium und Geheimnis. Und zwar speziell in Bezug auf Geheimdienste und die Lücken in deren Informationshaushalt. (Ich höre die Folge mit einiger Verspätung, weil ich insgesamt bei vielen stützenden Routinen und liebgewonnenen Gewohnheiten im Verzug bin.) Es gibt Dinge, die wir nicht wissen, weil sie von sich aus im Verborgenen liegen, so der eingeladene Interviewpartner – dabei handelt es sich um ein Mysterium. Es gibt Dinge, wir wir nicht wissen sollen, weil uns jemand etwas vorenthält oder uns sogar aktiv davon abschirmt – dabei handelt es sich um ein Geheimnis.
Stammt der Virus aus einem Labor in China? Das ist die Frage, die im Moment vor allem in den Vereinigten Staaten heiß diskutiert wird. Nur wenige erwiesene Sachverhalte lassen auch nur an die Möglichkeit denken, die Pandemie sei keine Laune der Natur, sondern menschengemacht und freigesetzt worden, ob aus Versehen oder absichtlich. Im chinesischen Wuhan, das nach allgemeinem Dafürhalten als Ursprung des Erregers gilt, existiert ein Labor für Virologie – diese Tatsache allein darf noch kein Grund sein, mutwillig Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen, jemandem verbrecherische Absichten oder leichtfertige Missachtung von Sicherheitsstandards vorzuwerfen.
Die sogenannte Labortheorie bleibt ein sehr durchschaubares Ablenkungsmanöver eines amerikanischen Kabinetts, das in weiten Teilen mit dem Krisenmanagement im eigenen Land überfordert ist. (Das Mundtotmachen von warnenden Stimmen durch Handlanger des chinesischen Regimes wiederum gilt weitgehend als erwiesen.) Die Frage nach dem Ursprung des Virus schafft Raum für eine weitere, eine Übersichtsstufe höher angesiedelte: Ist die Frage, ob der Virus künstlich hergestellt wurde, das Eindringen in ein Mysterium oder ein Geheimnis? – abgesehen davon, dass es unwahrscheinlich bleibt. Mindestens kann es förderlich sein, fest nachzudenken, worüber wir uns eigentlich Gedanken machen.
*
Ein Mysterium liegt im Dunkeln, wahrscheinlich werden wir niemals die Antwort erfahren. Ein Geheimnis, das ein andere gezielt vor uns verbergen möchte, kommt irgendwann ans Licht. (Je länger ein Ereignis zurückliegt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand auspacken wird, nicht zuletzt jemand, der sich bedroht fühlt oder der nichts mehr zu verlieren hat. Eine Hoffnung, die auch Verschwörungsjünger haben: Könnte nicht einer am Sterbebett verraten, wer die Mondlandung inszeniert, wer Kennedy erschossen hat? Findet nicht der Enkel eines verstorbenen Generals am Dachboden die Schachtel mit Erinnerungsfotos aus der Area 51 mit ballonköpfigen Außerirdischen?)
Die Arbeit von Geheimdiensten besteht darin, diese Suche nach der Wahrheit zu forcieren, sie sich also dort, wo sie nicht von sich aus vor den Vorhang tritt, zu erschleichen oder zu erpressen. Im besten Fall geschieht dieser Vorgang hinter verschlossenen Türen, unbemerkt vor den Argusaugen der investigativen Presse. (Bleibt die Wahrheit durch Gewalteinwirkung intakt oder wird sie verfälscht und kontaminiert, angereichert mit Fragmenten der Lüge? Ein durch Waterboarding und andere Techniken aus dem Lehrbuch für erweiterte Verhörmethoden herausgefoltertes Geständnis kann zur Gänze falsch sein. So mancher redet sich um Kopf und Kragen, um ersteren zu retten.)
*
Julian Barnes: Well, what happens next is there’s some intelligence that comes in on March 30, some new intelligence that Chinese officials have discussed the possibility that the virus came from the lab.
Michael Barbaro: Wow.
*
Es sollen also Hinweise oder sogar Dokumente existieren, die nahelegen, chinesische Behörden würden untersuchen, ob der Virus aus dem Labor in Wuhan stammen könnte. Meinungsmacher und Nachbeter stürzen sich darauf mit Schaum vor dem Mund. (Es gibt die Verwalter unseres Hasses.) Viele Anhänger der Labortheorie sehen sich in ihren Wunschvorstellungen eines perfiden Plans bestätigt. Dabei bedeutet diese Information – so sie denn durch die Wirklichkeit gedeckt ist – eher das Gegenteil, nämlich dass die chinesischen Machthaber eben nicht bewusst einen Erreger freigesetzt haben.
Was mir sofort dämmert und worauf auch der Moderator eifrig hinweist: Das bedeutet doch nichts anderes, als dass man in China ja genauso ratlos ist und der Sache nachgehen will. Damit hätte sich der Vorwurf einer absichtlichen Freisetzung weitgehend in Luft aufgelöst. (Einschub für Zweifler: Was lokale Behörden untersuchen, ist die eine Sache, das Gottgebaren der höheren Instanzen eine andere. Es gibt Informationsdefizite innerhalb von Strukturen der Macht.)
*
Die Frage der künstlichen Herstellung an sich ist damit noch offen; wer will, kann es erfreulich finden, dass ihr offensichtlich auch in China nachgegangen wird. Hat es nachweisliche Verfehlungen gegeben, werden Köpfe rollen. (Vielleicht nicht nur im übertragenen Sinn.) Wenn sich die Frage überhaupt stellt, dann haben wir es also nicht mit einem Geheimnis zu tun, das jemand für sich behalten will; und mit einem Mysterium wohl genauso wenig. Die Zusammensetzung des Virus wurde von Forscherteams analysiert, auch gezielt daraufhin, ob es sich um das Produkt fehlgeleiteter Wissenschaft handeln könnte. Nach derzeitigem Wissensstand ist das nicht plausibel und kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden.
Es müssen nicht immer finstere Mächte am Werk sein, wenn wir Leid erfahren; die Natur kommt dabei ganz gut alleine zurecht. Wer es aber glauben will, das Schauermärchen von der großen Übeltat, der wird es auch weiterhin glauben, mit wachsender Begeisterung.
*
Jetzt, im Beschreiben des Gehörten, setze ich über aus dem Faktengrau des seriösen Journalismus und der Wissenschaft hinüber ins Erzählen, wo es mir viel besser gefällt. Was man hier vorfindet, sind alle benötigten Zutaten für einen unterhaltsamen Spionagethriller. Gerade die Welt der Geheimdienste kennt den double bluff und die false flag operation, deren Protagonisten sind geübt im Tarnen und Täuschen, sie schlagen Haken, dass einem schwindlig wird.
Mein Erzählgehirn denkt: Was, wenn die Chinesen eben doch Dreck am Stecken haben und einen barbarischen Akt sehr einfallsreich vertuschen, oder wenn es sich um einen fahrlässigen Forschungspatzer handelt, für den die Parteifunktionäre nicht zur Rechenschaft gezogen werden möchten – und man die Unwissenheit nur behauptet? Die Geschichte könnte lauten: Jemand fälscht Dokumente oder inszeniert eine Untersuchungskommission, um den Anschein zu erwecken, selbst herausfinden zu wollen, was sich zugetragen hat. Teil der Geschichte ist das gezielte Leaken vermeintlicher Abhörprotokolle, in denen angeheuerte Schauspieler die Rollen von integren Behördenvertretern übernehmen. So hört jeder: Wir wissen nichts. So denkt jeder: Dem ungeschickten Praktikanten ist kein Reagenzglas heruntergefallen. So weiß jeder: Das mit dem biologischen Kampfstoff muss Blödsinn sein. (Was ist das überhaupt – China? Und wer sind die Chinesen?)
Solche Gedankenfäden zu spinnen und aus ihnen einen kuscheligen Thriller zu stricken, macht Spaß. Die Geschichte funktioniert jedoch nur als Geschichte und ist im Reich der Phantasie am besten aufgehoben. Hier gelten andere Gesetze, nämlich jenes der Spannung und des Effekts, glaubwürdig oder faktenbasiert braucht das Erzählte nicht zu sein. Geschichten sind mysteriumsaffin und veranschaulichen eine Möglichkeit; die Quellen, aus denen wir unsere Schlüsse ziehen und Entscheidungen treffen, sollten mit Wahrscheinlichkeiten operieren.
*
(Auch im zwischenmenschlichen Umgang kann die Meinung anderer über uns durch drastische Mittel gezielt manipuliert werden. Seinfeld-Miterfinder Larry David erläutert in seiner Comedy-Serie Curb Your Enthusiasm – sechste Episode der neunten Staffel – die Technik des accidental text on purpose: Eine Kurznachricht absichtlich falsch versenden; also zum Beispiel der missgestimmten Partnerin eine Textmitteilung zukommen lassen, die vermeintlich an den besten Freund hätte gehen sollen, in der man ihm berichtet, wie sehr man sein Verhalten gegenüber dem geliebten Menschen bedauert und wie glücklich man über eine baldige Versöhnung wäre. Eine solche Gefühlsregung kann um die Ecke gespielt viel wirkungsvoller sein als die plumpe und direkte Zuneigungsbekundung. Komödientaugliches Verhalten, das man sich im Liebesalltag eher verkneifen sollte.)

Es gibt das Wort hineingeheimnissen.

Kategorien
Allgemein

60 Freitag, 15.05.2020

Mit Alpakas hat sich der liebe Gott eine kleine herzliche Spielerei erlaubt.

Jetzt, wo das Publikum wegfällt, machen Talkshows wieder Sinn. Es ist so angenehm, den eloquenten Gesprächen der Gäste zu lauschen, ohne dass sie von zustimmendem Applaus oder ablehnenden Lachern unterbrochen werden. Ich bin kein großer Talkshow- kenner oder liebhaber, weiß aber, wie viele es davon gerade in Deutschland gibt. Kein Tag der Woche, an dem nicht mindestens eine dieser Runden stattfindet, bei denen im besten Fall sehr unterschiedliche Meinungen im freien Austausch und ohne Untergriffigkeit behandelt werden können. Die Abwesenheit des Publikums spart dabei sehr viel Zeit. Im leeren Studio ist es so ruhig.
Ich höre nur zu, das äußere Erscheinungsbild der Anwesenden interessiert mich nicht, hat es doch auf meine Einverstandenheit mit dem von ihnen Gesagten keinerlei Einfluss, genauso wenig wie auf den Grad des Erkenntnisgewinns. In letzter Zeit mache ich es so: Zum Einschlafen lege ich mir das Handy aufs Nachtkästchen und lasse eine Gesprächsrunde laufen. Den Bildschirm decke ich mit dem Notizbuch ab, da er sich aus unerfindlichen Gründen abschaltet, sobald ich die Hülle zuklappe. (Noch bin ich mit den Eigenheiten des neuen Smartphones nicht vertraut; das alte ist mir einmal zu oft heruntergefallen und hat den Geist aufgegeben.)
Ich liege also im Bett und lausche einer spannenden Diskussion, was das Einschlafen natürlich nicht erleichtert, da mich die Aussagen sehr fesseln, nicht zuletzt von Wissenschaftlern zitierte Modelle und Statistiken, die ich mich trotz mangelhafter Rechenkünste nachzuvollziehen bemühe. Ich liege konzentriert im Bett, und vom Nachtkästchen plaudert das Smartphone, und redegewandte Leute sagen sehr kluge Dinge, die wieder ein neues Licht auf alte Fragen werfen, die man für sich selbst schon als beantwortet abgehakt hat, sie lassen einen an schlüssigen Denkvorgängen teilhaben und ordnen Informationen anders ein. Und hält man etwas für abwegig oder nicht sonderlich geistesgegenwärtig, dann ist auch das lehrreich, weil man sich im Abgrenzen zu anderen seiner eigenen Grenzen und Positionen bewusst wird.
*
Das Studio ist leer. Eine Handvoll Menschen sitzen darin auf großzügig im Raum verteilten Stühlen. Ein Gesprächsleiter oder eine Gesprächsleiterin steckt die Bereiche des Besprochenen ab, erteilt und entzieht den Teilnehmern das Wort. Die Abwesenheit des Publikums führt auch dazu, dass die Talkgäste nicht zu sehr versucht sind, jemandem gefallen zu wollen. Natürlich müssen sie bis zu einem gewissen Grad auch eine Klientel bedienen – gerade Politiker –, doch ohne Gleichgesinnte direkt vor Ort sind sie weniger krampfthaft darum bemüht, das Gegenüber zu provozieren oder eine heftige Reaktion bei der in den Zuschauerreihen sie anfeuernden Zielgruppe auszulösen.
Manchmal rattern die Münder in Talkshows, es werden regelrechte Salven auf den Gegner losgelassen, aber jetzt, in den seltsamen Zeiten, ist die Stimmung merklich beruhigter, bei allem Ernst, der im Diskutieren von Fallzahlen, einer schwierigen Wirtschaftslage oder fragwürdigen Demonstrationen angebracht scheint. Nicht nur in Deutschland, auch hierzulande, gibt es eine solide Gesprächsbasis unter den Menschen, man kann noch miteinander diskutieren, ohne gleich in Streit verfallen zu müssen, man kann noch unterschiedlicher Meinung sein, ohne den anderen gleich zu verdammen.
Vielleicht höre ich deshalb so gern zum Einschlafen Talkshows: Weil es mich beruhigt, dass gebildete Menschen in höflicher und ehrlicher Weise miteinander über gewichtige Sachverhalte sprechen, weil der zivilisierte Umgang zwischen Andersdenkenden ein guter Ausgangspunkt für eine Gesellschaft ist, die vor großen Herausforderungen steht. Und wenn ich nicht einschlafen kann, weil ich den nächtlichen Stimmen lausche und die Runde allzu interessant ist, dann schalte ich die nächste Talkshow ein, decke den Bildschirm mit dem Notizbuch ab, drehe mich auf die andere Seite und erfreue mich ein paar schlaflose Stunden lang am schönen Zufall, dass es mich gibt.

Oh, böses Spiel der Hoffnung!

Ich habe mir selbst gegenüber behauptet, dass jeder kommende Roman, der die Pandemie nicht mitdenkt – wenigstens als Phänomen –, automatisch ein historischer Roman sein wird. Was meine ich damit? Angenommen, nächsten Herbst erscheint ein Roman, der laut Buchrücken in der Gegenwart spielt. Er erzählt das Übliche anhand herkömmlicher Szenen. Die Protagonisten gehen in ein Restaurant ohne Masken zu tragen, sie besuchen Konzerte ohne jede Beschränkung, sie treffen wen sie wollen wann sie wollen ohne jede Distanzmaßnahme. Wie befremdlich wird beim Lesen die Auslassung sein? Welche relevanten Details werden wir in der Wiedergabe des beschriebenen Alltags schmerzlich vermissen? Ein kurzer Flug nach London oder Paris ist das Normalste der Welt, der Arbeitsmarkt ist stabil und bietet Chancen, die Einkaufsstraßen wuseln vor Geschäftigkeit und laden ein zum nachmittäglichen Schaufensterbummel. So war es in der Entstehungszeit des Romans, bevor ein Ruck durch die Länder gegangen ist.
*
Werden wir beim Lesen nicht insgeheim spüren, dass die Geschichte zwar in der Gegenwart spielt, aber eben nicht jetzt? Werden wir uns um unsere Empathie, unser Mitfiebern und Mitdenken und Mitleiden betrogen fühlen? Wollen wir nicht über andere lesen, um etwas von von uns selbst zu erfahren? Ein solcher Roman, denke ich, erzählt uns doch nicht mehr unser Leben, wie es ist, sondern einen dumpfen Nachhall des Vergangenen.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob meine Vermutung sich bewahrheiten wird, und freue mich darauf, bald selbst zu entdecken, inwiefern sich dieses stolz Vorgewusste als sorglos Dahingeglaubtes entpuppt. Vielleicht ist es Blödsinn und wir werden uns nichts dabei denken, wenn der Held unbekümmert eine Flugreise plant oder unmaskiert seine Oma im Altersheim besucht.
Es wird auch davon abhängen, wie sich die Dinge weiter entwickeln, wie lange die Zeiten noch seltsam sein werden. Abgesehen davon wäre es ja auch nicht schlimm, einen vermeintlichen Gegenwartsroman als historischen Roman zu lesen, es wäre sogar erfreulich, endlich wieder an etwas anderes zu denken als an das blöde C-Wort.
*
Ich stelle mir vor, in ein paar Monaten ein Buchgeschäft zu betreten und mit den Augen die hingeschlichteten Cover abzugrasen. Im Kopf verteilt man unsichtbare kreisförmige Pickerl: Prä-Corona oder Post-Corona, vor oder nach Beginn der Pandemie entstanden, den Virus mitdenkend oder eben auslassend. Auch danach trifft man seine Kaufentscheidung, je nach Wunsch.
Unsere Gegenwart und damit unsere Wirklichkeit haben sich grundlegend gewandelt. Wie so viele bin ich davon überzeugt, dass die grassierende Veränderung irreversibel ist, dass zwar nicht plötzlich alles anders sein wird, aber doch vieles nicht mehr selbstverständlich oder jedenfalls getrübt, oder im Gegenteil sogar offener und von mancherlei Zwängen befreit.
Wir wissen es nicht und können es nicht wissen. Letzte verbliebene Konstante ist die Ungewissheit; mit ihr können wir in jedem Fall sicher rechnen. Das macht den Reiz und das macht die Gewalt der Zeiten aus.

Es gibt überhaupt keinen Grund, man selbst zu sein.

Zum weggelegten Brotanbiss beim Frühabendkaffee: Du bist das Gedichthafte des Tages.

Kategorien
Allgemein

59 Donnerstag, 14.05.2020

Der Tag steht ganz im Zeichen des Bundeskanzlers. Für eine seiner vielen Dauerwahlkampfveranstaltungen hat er das Vorarlberger Kleinwalsertal besucht, welches ausschließlich über Deutschland zu erreichen ist. Den Anrainern wurden im Vorfeld Beflaggung empfohlen und Bekundungen ans Herz gelegt. Der Bundeskanzler hat sich feiern lassen wie es seine Art ist – als Heiland und Gesandter einer besseren Zukunft. Es scharten sich die Menschen um ihn bei der Verkündigung baldiger Grenzöffnungen zu Bayern, vielleicht auch deshalb, weil es zum Interessantesten gehört, das jemals im Kleinwalsertal stattgefunden hat (seit der Hubschrauberlandung von Bruno Kreisky im Jahre 1973). Der Bundeskanzler ging Schulter an Schulter mit dem grübchenkinnernen Landeshauptmann, und Atem an Atem mit dem schnauzbärtigen Bürgermeister. Er winkte der Menge, ließ sich bereitwillig ablichten von hochgereckten Handykameras. Dabei wurde jede Abstandsregel missachtet, und damit jede Anstandsregel. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen. Ich werde dem Bundeskanzler nicht ins Gesicht schlagen.
*
Verordnung des Bundesministers für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz betreffend Lockerungen der Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Verbreitung von COVID-19 ergriffen wurden (COVID-19-Lockerungsverordnung – COVID-19-LV):
§ 1. (1) Beim Betreten öffentlicher Orte im Freien ist gegenüber Personen, die nicht im gemeinsamen Haushalt leben, ein Abstand von mindestens einem Meter einzuhalten.
§ 10. (1) Veranstaltungen mit mehr als 10 Personen sind untersagt.
*
Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und kann niemanden verstehen, der dem Bundeskanzler nicht ins Gesicht schlagen möchte. Dafür verstehe ich plötzlich, wie Gewalt in die Welt kommt. Es gibt einen Bundeskanzler, der sich nicht an die eigenen Regeln hält, und das ohne jede Scham, direkt vor den Augen der Öffentlichkeit. Es gibt einen Koalitionspartner, der hörig dazu schweigt. Es gibt einen Gesundheitsminister, der sich bei einer Pressekonferenz diesbezüglich nicht äußert. Es gibt das abgeschnittene Mittelberg, in dem die Menschen Transparente in die Höhe halten wie zappelige Teenager bei der Schulsprecherwahl, die eine bedenkliche Politikerverehrung an den Tag legen, wie sie einer aufgeklärten Wählerschaft unwürdig ist. Ich werde dem Bundeskanzler nicht ins Gesicht schlagen.
Vielleicht ist er sich seiner Handlungen bewusst, vielleicht ist er sich ihrer nicht bewusst; vielleicht ist er ein bedauerlicher Einzelfall, vielleicht ist er das Symptom einer selbstgerechten Machtelite, die sich für unangreifbar hält, weil sie es zu oft war. Seelenruhig spazierte der Bundeskanzler durch die Gemeinde Mittelberg zum Walserhaus, um bei Tischrunden seine wichtigen Gespräche über Tourismus zu führen.
Ich sehe mir das mehrminütige Video seines Besuches an, spule vor und zurück, springe an bestimmte Stellen, dorthin, wo er sich für ein Selfie zärtlich in die Menschen lehnt, dorthin, wo er verschämt die abgelegte Maske in die Jackentasche steckt; ich spule und springe und sehe, wie er sich grinsend neben dem Bürgermeister postiert, wie die herausgeputzten Kleinwalsertaler und vor allem die verliebt strahlenden Kleinwalsertalerinnen hektisch werden beim großen Besuch aus der Hauptstadt, wie sie jauchzen und jubeln und jodeln, wie sie applaudieren und pfeifen und ihrer unermüdlichen Begeisterung durch enthemmte Bravo-Rufe Ausdruck verleihen. Ich möchte nicht nach Mittelberg auf Urlaub fahren. (Noch dazu, wo es dort keine Polizei gibt, die nach dem Rechten sieht.) Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen.
*
Bundeskanzler: Jetzt sind viele Leute, ich bitt euch alle a bissl an Abstand zu halten, so gut als, so gut als möglich.
Kleinwalsertaler: (Erheitertes Gelächter)
*
Der in mir keimende Zorn ist nicht mein eigener, sondern ein Zorn der anderen. Mir geht es gut, ich habe keinen Grund, wehleidig zu sein. Die Absagen und Einbrüche und Einschnitte sind schmerzhaft und bedauerlich, aber zu verkraften; trotz Wegbrechens vieler Möglichkeiten des Kunstschaffens fehlt es mir in materieller Hinsicht an nichts. Ich bin aus eigener Kraft in der Lage, über die Runden zu kommen und könnte im Notfall jederzeit mit Hilfe aus dem familiären Umfeld rechnen. Als geübter Durchschwindler bin ich es gewohnt, in Lebensritzen einzudringen und dort das Nötigste zusammenzuklauben. Ich führe ein vergleichsweise komfortables Leben. Es geht mir so gut oder schlecht wie allen jetzt, sicher um einiges besser.
Doch es gibt andere, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen und nicht wissen, wie es weitergeht, weil es ihnen nicht gesagt wird, andere, die seit Wochen und Monaten ihre älteren Angehörigen nicht im Pflegeheim besucht haben oder denen es sogar verboten war, sich bei einem Begräbnis von einem Verstorbenen zu verabschieden. Beim Anblick des Bundeskanzlers, wie er frohgemut durch angeheizte Schaulustige stolziert, wird mir schlecht.
Ich studiere das Gesicht jeder einzelnen Person, um mir all die Gesichter zu merken, und erkenne in einer Frau mit lilafarbener Handyhülle und Schal vor dem Mund nichts als eine degenerierte Fahnenschwenkerin, dabei ist sie so viel mehr. Ich sehe die Menschen, und dass erlaubt ist, was eigentlich verboten sein sollte. (Von mir aus soll es ja wieder erlaubt sein, aber dann für alle und nicht bloß für manche, und nicht nur, wenn es gerade genehm ist und vermarktbare Bilder produziert.) Immer und immer wieder sehe ich mir die Aufnahmen an, bewegt und unbewegt, sehe mir aus mehreren Winkeln das immergleiche verwerfliche Schauspiel an, das eine Verhöhnung der Geduldigen ist. Ich kann mir nicht helfen. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen.
*
Man sollte die Kirche im Dorf lassen. Ich balle die Faust und kann sie nicht mehr öffnen, und will sie auch gar nicht mehr öffnen. Ich lasse sie eine Zeitlang geballt und sehe mir in Endlosschleife das Video aus dem mittelbergischen Kleinwalsertal an. Dann öffne ich sie doch wieder, die Faust, wenn auch unwillig, um zu schreiben, dass ich dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen möchte. Ich kann den Blick nicht mehr abwenden von den Bildern des Bundeskanzlers und des Landeshauptmannes und des Bürgermeisters, suche immer wieder nach ihnen, und steigere mich in eine zornige Erregung, die kein Ventil findet. Wenn die Faust auch nach außen hin offen ist, so bleibt sie innerlich doch geschlossen, um dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen zu können, weil ich ihm ins Gesicht schlagen möchte.
Ich sehe die Bilder der Veranstaltung und denke an die Menschen in einer existenzbedrohenden Notlage, und möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen. Ich kann es nicht ändern. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen. Gleichzeitig weiß ich, dass ich es niemals tun werde. Unter keinen Umständen würde ich dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen, wie ich auch sonst niemals jemandem ins Gesicht schlagen würde, und noch nie in meinem Leben jemals irgendjemandem ins Gesicht geschlagen habe. (Als Kind vielleicht, denke ich, ja, ganz sicher einmal als Kind. Das gehört doch dazu. Dem Bruder wahrscheinlich im Streit. Aber sonst?) Vielleicht ist es nötig, seine Affekte zu kennen, um eben nicht nach ihnen zu agieren. Morgen werde ich die Kirche dann wieder im Dorf lassen, aber heute möchte ich dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen.
*
Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und frage mich, ob man allein durch eine öffentliche Äußerung dieses Wunsches die Sphäre der gefährlichen Drohung betritt. Allerdings sage ich nicht: Ich werde dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen. Oder: Hiermit rufe ich andere dazu auf, dem Bundeskanzler ins Gesicht zu schlagen. Ich sage lediglich, dass ich dem Bundeskanzler in einem Anflug von menschenverachtender Geistesgegenwart ins Gesicht schlagen möchte. Die Tatsache, dass ich dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen möchte, verknüpfe ich mit dem Hinweis, es niemals zu tun, was einer unverrückbaren Festlegung gleichkommt.
So kommt Gewalt in die Welt. Ich verstehe, dass es Menschen gibt, die anderen nicht nur ins Gesicht schlagen möchten, sondern die es eines Tages auch tun. Vielleicht ist es die Hilflosigkeit des Machtlosen gegenüber dem Machthaber, die nur bis zu einem gewissen Grad noch zu ertragen ist, vielleicht kommt eines Tages eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ans Licht, und man weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als jemandem ins Gesicht zu schlagen. Ich bleibe geballt.
Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen. Ich möchte nicht, dass irgendjemand dem Bundeskanzler ins Gesicht schlägt. Ich möchte nicht, dass dem Bundeskanzler jemals ins Gesicht geschlagen wird. Ich werde dem Bundeskanzler nicht ins Gesicht schlagen.
*
Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und bin nicht stolz darauf. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und habe heute aufgewärmte Spaghetti zu Mittag gegessen. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und höre draußen das heisere Krächzen einer Krähe. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und wollte mir auf der Heimfahrt in der U-Bahn die bescheuerte Maske vom Kopf reißen. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und finde langsam, dass es reicht. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und habe mich zwanzig Minuten vor der Post angestellt. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und wollte mir auch am Schalter die Maske vom Kopf reißen. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und habe mir weder in der U-Bahn noch in der Post die Maske vom Kopf gerissen. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und möchte wahrscheinlich nur mir selbst ins Gesicht schlagen.
*
Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und schäme mich dafür. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und werde es nicht tun. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und werde dem Bundeskanzler niemals ins Gesicht geschlagen haben. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und stehe dazu. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und möchte nicht, dass ihm jemals ins Gesicht geschlagen worden sein wird. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und möchte nicht, dass ich dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen möchte. Ich möchte dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen und frage mich, wie ich dafür sorgen kann, dass ich dem Bundeskanzler nicht mehr ins Gesicht schlagen möchte.
*
Was müsste passieren, dass mein Wunsch, dem Bundeskanzler ins Gesicht zu schlagen, verfliegt? Grundsätzlich sollte ich mich abreagieren, zum Beispiel durch körperliche Ertüchtigung, vor allem sollte ich dringend an die frische Luft und ein paar Mal tief durchatmen. Der Wunsch könnte verfliegen durch ein winziges Schuldeingeständnis des Bundeskanzlers oder des Landeshauptmannes oder des Bürgermeisters. Er könnte verfliegen durch Klarheit, wie es weitergeht. Solange aber Theaterarbeiter bedrohlich in der Luft hängen und am Strick ihrer Zukunftsangst baumeln, solange es keine Erklärung oder Entschuldigung des Bundeskanzlers und seiner Gefolgsleute gibt, werde ich ihm womöglich noch länger ins Gesicht schlagen wollen – ohne es jemals zu tun –, solange also bleibt der Wunsch aufrecht und verschafft sich Gehör.
Ich bin kein Mensch, der anderen ins Gesicht schlägt oder auch nur schlagen möchte, und entdecke etwas an mir, dass mich verstört. Ich frage mich aber, inwieweit der Grund für meine Erregung in mir selbst zu finden ist und inwieweit beim Verhalten des Bundeskanzlers und seiner Sprecher, die alles relativieren und abstreiten und umerzählen, obwohl Bilder nicht lügen. Ist es die Schuld des Bundeskanzlers, dass ich ihm ins Gesicht schlagen möchte? Hat er es sich selbst zuzuschreiben, dass jemand den Wunsch verspürt, ihm ins Gesicht zu schlagen?
Bestimmt liegt es an mir. Ich sitze einer Blendung oder einer Fehlsicht auf. Welche zusätzlichen Informationen, die mir derzeit aus unerfindlichen Gründen nicht zur Verfügung stehen, bräuchte es, damit ich dem Bundeskanzler nicht mehr ins Gesicht schlagen möchte? Welches Detail des Besuches im Kleinjubeltal bei den Kleinjubeltalern wurde in der Berichterstattung verkürzt dargestellt? Die Bilder sprechen für sich.
*
Ich merke, dass ich dem Bundeskanzler so sehr ins Gesicht schlagen möchte, dass sich im rechten Ohr eine Taubheit einstellt. Mein Gehörgang dröhnt davon, dass ich dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen möchte. Ein dumpfes Klingeln setzt sich fest, ein taubes Dröhnen wie von Tinnitus. Ich frage mich, wer dem Bundeskanzler sonst noch ins Gesicht schlagen möchte. Gibt es eigentlich jemanden, der dem Bundeskanzler nicht ins Gesicht schlagen möchte?
Ich kenne Leute, die ihren Mut verloren haben, für die Zukunft keine Zeit mehr ist und die Welt kein Ort mehr. Ich kenne welche, die alles schlucken und alles mitmachen, die alles akzeptieren und alles schultern, die jeden Spießrutenlauf mitstolpern und jeden Eiertanz mitmachen, die nicht murren, obwohl sie verzweifelt sind. Ich kenne Wahrheiten, die kein Geheimnis sind, weil sie offen auf dem Tisch liegen. Es ballt sich etwas fest und es bahnt sich etwas an. Wie ist es möglich, dem Bundeskanzler nicht ins Gesicht schlagen zu wollen?
*
Es dröhnt. Ich kann mich nicht sattsehen an den Bildern des Bundeskanzlers, wie er sich in den Bekundungen der Kleinwalsertaler suhlt vor ihren kurzfristig beflaggten Häusern. Ich kann mich nicht sattfragen an der Frage, wer ihnen die kleinen rot-weiß-roten Fähnchen in die Hand gedrückt hat, um sie im Antlitz des Gesandten zu schwenken. Ich kann mich nicht sattdenken an den Gedanken, welch himmelschreiende Ungerechtigkeit und Verlogenheit und Unverfrorenheit hier am Werk ist. Ich kann mich nicht sattschreiben am Satz, dass ich dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen möchte. Ich kann mich nicht sattlesen an den Kommentaren unter dem Video seines Besuches, an den Foreneinträgen auf Zeitungsseiten, an den Artikeln und Häppchen und Posts. Ich kann mich nicht sattverlieren in einer contentgenährten Empörungsspirale. Ich kann mich nicht sattwünschen am Wunsch, dem Bundeskanzler ins Gesicht zu schlagen. Es dröhnt so schön.
*
Ich möchte dem Bundeskanzler nicht mehr ins Gesicht schlagen. Ich erinnere mich, dass ich dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen wollte, dass ich davon erzählt habe, wie ich ihm ins Gesicht schlagen möchte, und dass im Erzählen der Wunsch abgeklungen ist. Es war nötig, davon zu erzählen, dass ich dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen möchte, weil ich ihm jetzt nicht mehr ins Gesicht schlagen möchte. Es ist besser, davon zu erzählen, dass man dem Bundeskanzler ins Gesicht schlagen möchte, als dem Bundeskanzler tatsächlich ins Gesicht zu schlagen. Ich werde dem Bundeskanzler nicht ins Gesicht geschlagen haben. Ich möchte dem Bundeskanzler nicht ins Gesicht schlagen.

Kategorien
Allgemein

58 Mittwoch, 13.05.2020

Jedes Mal, wenn ein Virologe davor warnt, den neuartigen Coronavirus mit herkömmlichen Grippeviren zu vergleichen, weil das so sei, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen, stelle ich mir Äpfel und Birnen vor und erschrecke, wie ähnlich sie sich sind. (Sympathisch ist mir die Aussage eines Grazer Infektionsmediziners – Gewinner des Österreichischen Infektionspreises 2016 –, wonach man diese Diskussion unbedingt führen müsse und beim Vergleich womöglich feststelle, dass in unseren Breiten die Grippe bedenklich verharmlost werde.)
Ich bin kein begeisterter Obstesser und habe diese Redensart noch nie verstanden. Es ist doch nicht nur zulässig, sondern äußerst hilfreich, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, um sagen zu können: Hier sind sie sich ähnlich, hier unterscheiden sie sich. Das einzige, was nicht geschehen darf: Äpfel mit Birnen gleichsetzen. Vielleicht wäre es gut, die Redensart dementsprechend abzuwandeln.

HIER KÖNNTE IHRE WERBUNG STEHEN.

Ich erinnere mich an Innsbruck Ende Februar. Vor der Mittagszeit, so gegen halb zwölf, schlug ich in einem Restaurant mein Leselager auf. Zum amerikanischen Roman bestellte ich mir eine Melange. (Der Roman liegt jetzt geschlossen vor mir. Das Lesezeichen verharrt stur auf Seite 144, seit damals bin ich keine Zeile weitergekommen. Habe ich nicht schon längst den Faden verloren? Werde ich in die Geschichte der zwei schrulligen New Yorker Junggesellen so leicht zurückfinden können?) Ich nippte also an meiner Melange, blätterte erheitert im Buch und kritzelte beiläufig ins Notizbuch. Innsbruck zeigte sich derweil von seiner schönsten und sonnigsten Seite. Noch war Corona nur ein Wort, das die Runde machte und einander in unterschiedlichen Graden der Aufgeregtheit zugeraunt wurde. Ein zentral gelegenes Hotel war kurz davor geschlossen und abgeriegelt worden, nachdem es erste positive Tests gegeben hatte.
(Erstaunlich, wie viel klarer der Blick zurück sein kann als jener aus dem eigenen Fenster.)
*
Mein Platz war so gewählt, dass ich den Eingang sehen konnte, da ich ein gemeinsames Mittagessen ausgemacht hatte. Der Tisch befand sich direkt neben dem Tresen, hinter dem der Chef den zwei Kellnerinnen letzte Anweisungen fürs Mittagsgeschäft gab. Auch aus der Küche hörte man es klappern und plaudern. Die Menüplan war hinreichend erklärt. Die Kellnerinnen hatten alles zurechtgelegt und betreuten die nach und nach eintröpfelnden Gäste. Zwischendurch blieb ihnen Zeit, ein paar Worte zu wechseln. Die Sorge der einen war unüberhörbar, sie war regelrecht aufgedreht vor Nervosität.
Sie sei in die Drogerie gegangen, aber Desinfektionsmittel sei ausverkauft gewesen, leider ausverkauft, habe man ihr gesagt, und in der nächsten auch. Sie habe sich um einen Mundschutz gekümmert, eine Atemmaske, oder wie man das nenne, jedenfalls werde sie sich mit Schutzmasken eindecken, sagte sie, eindecken werde sie sich, sobald das wieder möglich sei, denn zurzeit würde auch da alles knapp werden. Schon bei den Eingängen zu Apotheken seien Schilder angebracht, die darauf hinweisen würden. (Ich erinnere mich, bald darauf in einem Fernsehbericht die Aussage einer Apothekerin gehört zu haben, wonach sie normalerweise schätzungsweise so zwischen fünfzig und hundert Stück Masken verkaufen würde, und jetzt, sagte sie, könne sie wohl ein paar Tausend verkaufen, wenn sie diese denn hätte, so groß sei die Nachfrage. Wenn ich sie hätte, sagte die Apothekerin, und schaute ganz betreten vor entgangenen Einkünften. Ihre Aussage war höchstwahrscheinlich übertrieben – aber wohl gar nicht so sehr.)
Ich nippte weiter zögerlich an der Melange, las aber gar nicht mehr richtig, weil ich mich auf das Geschriebene nicht mehr konzentrieren konnte, so interessant war das Gespräch der Kellnerinnen, welches hauptsächlich aus dem Reden der einen und dem aufmerksamen Zuhören der anderen bestand. Ich legte einen Zettelabriss als Lesezeichen ein – auf Seite 144 – und verabschiedete mich vorerst von meinen New Yorkern. Stattdessen klappte ich endgültig das Notizbuch auf, um mir ungeniert einzelne Fragmente des Gesagten mitzunotieren, also selbst Geschriebenes herzustellen. Auf diesen Innsbrucker Satzfetzen beruht meine Erinnerung, der Rest bringt sich selbst zur Welt, wie das eben so ist.
*
Die besorgte Kellnerin berichtete, sie gehe nicht mehr weg. Am Wochenende bleibe ich zu Hause, sagte sie, auf jeden Fall zu Hause, da gehe ich sicher nicht fort, auch wenn es schade ist, das ist einfach zu viel, das traue ich mich einfach nicht, egal, was an dem Wochenende ist, eine Party oder was auch immer, und hat da nicht der du schon Geburtstag, aber das muss jetzt einfach nicht sein. Am Abend vor dem Schlafengehen noch einmal ordentlich die Hände desinfizieren, sagte sie, das tut richtig gut, das mache sie jetzt bereits seit einigen Tagen, das ist so befriedigend, sagte sie, vor dem Bett noch einmal alles so richtig durchdesinfizieren, nach dem Händewaschen, als neue Abendroutine, erst die Hände waschen, dann sie desinfizieren, und danach ein bisschen Feuchtigkeitscreme, damit der Handrücken nicht austrocknet, sagte sie, sonst leidet ja die Haut.
Die Kollegin nickte dazu und zeigte sich verständnisvoll. Hin und wieder streute sie aufmunternde Sätze ein, die der anderen ein bisschen die Angst nehmen sollten, war dabei jedoch niemals besserwisserisch und belehrend. Sie nahm die geäußerten Sorgen so ernst wie den beschriebenen Umgang damit, bemühte sich lediglich, eine optimistische Perspektive für den weiteren Verlauf der Ausbreitung zu liefern. Ich erinnere mich, dass ich die Angst der Kellnerin zwar verstehen konnte, ihren Desinfektionswahn jedoch für schrecklich übertrieben hielt und mich insgeheim darüber lustig machte, so wie über die Tatsache, dass sie das kommende Wochenende allein verbringen wolle, während ich noch unbefangen mit dem Zug durch die Gegend fahren würde, erst die Heimkehr nach Wien, dann bald weiter in ein rätselhaftes Burgenland.
*
Ich ekle mich schon so vor den Menschen, sagte die Kellnerin, und da tat sie mir Leid, weil sie ja kellnerte und mit nichts anderem zu tun hatte als mit Menschen, bestand doch ihre einzige Aufgabe darin, andere zu begrüßen, zu bedienen und zu verabschieden, was dauerhafte Nähe bedeutete. Ich konnte ihren Menschenekel nachvollziehen, wo sie doch solche Angst hatte, sich anzustecken. Da wurde mir bewusst, dass dieser in aller Ehrlichkeit ausgesprochene Ekel ja alle miteinschloss, dass sich die Kellnerin also auch vor mir ekelte. Das gab mir zwar zu denken, nur konnte ich zum gegebenen Zeitpunkt nichts dagegen tun.
Während die Kellnerin ihrer Kollegin die steigende Verunsicherung im Umgang mit anderen beschrieb, lächelte sie nervös. Sie traue sich nicht mehr unter Menschen, sagte sie, gleichzeitig müsse sie hier stehen und arbeiten und so tun, als wäre nichts. Und so viele Touristen, sagte sie, wie viele schätzt du, oft sicher die Hälfte oder mehr, oft sechzig Prozent oder siebzig Prozent Touristen. (Das Restaurant befand sich direkt neben einem Museum, war vielleicht sogar gleichzeitig das obligatorische Museumskaffeehaus.)
*
Ich erinnere mich, dass die Kellnerin, obwohl sie jung war – jünger als ich – und gesund wirkte, panische Angst davor hatte, sich selbst anzustecken und selbst krankzuwerden; es ging ihr nicht um den Schutz von Angehörigen, die Überlastung des Gesundheitswesens oder andere abstraktere Faktoren. Sie hatte tatsächlich Angst um ihr eigenes Wohlbefinden, das sie aufs Spiel zu setzen drohte durch ihr Erscheinen am Arbeitsplatz. Immer wieder brach ein erschrecktes Kichern aus ihr hervor.
Ihre Handtücher, sagte sie, würde sie am allerliebsten mit hundertfünfzig Grad waschen, da wäre ihr wohler, nicht nur mit sechzig, sondern mit hundertfünfzig Grad, aber das sei nicht möglich, denn ihre Waschmaschine gehe leider nur bis fünfundneunzig Grad, und dabei schüttelte sie betreten den Kopf, als hätten die Hersteller bei der Konstruktion ihrer Geräte einen unverzeihlichen Fehler begangen, es gibt nur Kochwäsche, sagte sie, mit fünfundneunzig Grad, so mache sie das, sagte sie enttäuscht, mehr geht leider nicht. Zur Sicherheit, das tötet alle Keime. Die Handtücher mit fünfundneunzig Grad.
*
Ich erinnere mich, dass ich die Aussagen der Kellnerin sehr übertrieben fand und davon peinlich berührt war. Als es Zeit wurde und jene anderen Mittagesser erschienen, mit denen ich mir etwas ausgemacht hatte, bezahlte ich die Melange und wechselte an einen größeren Tisch. Es kann sein, dass ich mich beim Garderobengeraschel in einem Nebensatz liebevoll über die Kellnerin lustig gemacht habe, was ich immer noch für berechtigt halte. (Falls sie es mitbekommen hat, könnte sie verschnupft gewesen sein.) Wahr ist aber, dass die Kellnerin sich mir oder den anderen Gästen gegenüber nichts hat anmerken lassen und durchgehend eine professionelle Freundlichkeit unter Beweis stellte, an der nichts gespielt oder geheuchelt wirkte. Wer es nicht gewusst hätte, der wäre niemals auf die Idee gekommen, wie sehr ihr die Virusangst zu schaffen machte.
Ich erinnere mich, dass der Kaffee stark war und das Essen gut, dass die Gesellschaft angenehm und die Gespräche angeregt waren, und dass jemand gesagt hat, jemand ganz anderer habe einmal gesagt, er lasse sich nicht in die Biographie scheißen, und alle haben wissend genickt, froh darüber, etwas so Wahres in so einfache Worte gekleidet zu hören. Ich erinnere mich, dass ich mich an diesen Satz erinnern wollte, ihn aber dafür nicht aufschreiben musste, und dass ich den restlichen Tag in der Innsbrucker Sonne verbrachte.
Ich erinnere mich, dass die Kellnerinnen einheitlich gekleidet waren und ziemlich sicher Hosenträger hatten. Ich erinnere mich, dass mir später beim Hinsetzen auf Museumsstufen der Rucksack umgefallen und die gläserne Wasserflasche zerbrochen ist, und dass mir jemand geholfen hat, die Scherben aus dem Seitenfach des Rucksacks in den Mistkübel zu leeren, und dass wir versucht haben, uns dabei die Hände nicht allzu schmutzig zu machen.
Ich erinnere mich, dass Innsbruck eine Stadt ist, in der man leben kann, weil sie zwar klein ist, aber nicht zu klein, dass es aber auch eine Stadt ist, in der ich nicht leben könnte, weil sie zwar groß ist, aber nicht groß genug. Ich erinnere mich an den Platz und den Blick und den Tag. Im Zug nach Wien haben welche gehustet, und ich habe mich ein bisschen geekelt.

Kategorien
Allgemein

57 Dienstag, 12.05.2020

Beim Anstellen für etwas den Glauben an die Menschheit verlieren.

Ab kommenden Freitag darf wieder Fußball gespielt werden. Trainings mit direktem Körperkontakt sind erlaubt, zwei Wochen später kann es womöglich auch herkömmliche Matches geben, die vor leeren Rängen stattfinden. Das ist schön. Erwachsene Männer dürfen hauptberuflich einem Lederball nachlaufen, sich gegenseitig am Leiberl zupfen und an den Popsch greifen, und in eine sehr gepflegte Wiese rotzen. Es gelten besondere Quarantäneregeln: Bei einem positiven Test muss sich lediglich der betroffene Spieler in Quarantäne begeben, die Teamkollegen sind angehalten, weiter trainieren. (Klagt wiederum an einem niederösterreichischen Gymnasium ein Schüler über Übelkeit, werden zweiundfünfzig seiner Mitschüler bis zum Testergebnis aus Sicherheitsgründen mehrere Tage lang nach Hause geschickt.)
*
Ab kommenden Freitag darf wieder Fußball gespielt werden. Am selben Freitag wird die Staatssekretärin für Kunst und Kultur einen Fahrplan vorlegen, wie es frühestens ab Juli mit Veranstaltungen weitergehen könnte. Planungssicherheit ist überbewertet. Man muss Prioritäten setzen. Es hat alles eine höhere Logik, die sich dem Laien nicht sofort erschließt.

Irgendwie ist alles wurscht.

Eine Zeit in der Hölle – als Pauschalreise buchen.

Eine Bekannte sagt, sie habe von einem fetten Wellensittich geträumt, von dem sie dachte, er sei tot. (Fett ist ihr Wort, nicht meines, ich hätte ihn vielleicht nur mollig oder dick genannt.) Sie habe ihn nicht mehr in seinen Käfig zurückstopfen können, also sei er im Badezimmer geblieben, wo sie ihm Tropengeräusche vorgespielt habe. Später habe er ihre Mitbewohnerin attackiert, sie gezwickt und Haare ausgerissen. Nicht schlecht für einen toten Vogel, denke ich, und hoffe, dass er mich bald ebenfalls im Traum besucht.

Jemand heißt wie Leute, die sich etwas trauen.

Ich erfinde eine Jüdin namens Vadukova und frage mich, wo ihre Betonung liegt.

Auf der Straße Hand in Hand ein Paar. Die Frau kennt zielsicher den Weg. In den Augen des Mannes funkelt leise Verzweiflung, sein Blick schreit um Hilfe. Er ist gefangen und kommt nicht mehr aus. Solche Paare sieht man oft. Stur bleiben sie zusammen und enthalten einander das Leben vor. Niemand hilft.

Jemandem gegenüber eine unterschwellig schwelende Grundverliebtheit bemerken.

Verehrung muss einen konsequent belustigen.

Zusammengewachsene Augenbrauen lassen mich erschaudern. Was hindert jemanden daran, sie einfach abzurasieren? Es ist zum Verzweifeln. Einer in der U-Bahn hat ein regelrechtes Büschel an der Nasenwurzel, das wüst in die Luft ragt. Er trägt es dermaßen selbstbewusst und guckt dabei so unbedarft aus der Wäsche, dass man ihm ins trottelige Gesicht springen und alle Haare einzeln ausrupfen will – und es auch tut. Beherztes Jäteglück.

Schöne Männer sind schrecklich.

Seit Tagen meldet sich in unregelmäßigen Abständen eine schwer zugängliche Stelle auf der Rückseite des Oberschenkels, es brennt oder zwickt, manchmal mehr, manchmal weniger. Bei genauerer Untersuchung – für die einige Verrenkung nötig ist –, stellt sich heraus, dass es sich nicht um einen Zeck handelt, der sich an mir festgebissen hat. Ich bin enttäuscht, richtig verstimmt. Es ist bloß ein eingewachsenes Beinhaar, schwindlig in sich selbst gekrümmt, mit rötlich beleidigtem Wurzelhügel. Der Zeck wäre eine Geschichte gewesen.

China wappnet sich für die hochgerechnete zweite Welle. In einverstandenem Gleichschritt duckt man sich ihr entgegen.

Das Pendeln zwischen einem Überhandnehmen der Ängst und sturer Selbstbeschwichtigung.
Ich: Naja, so schlimm wird es doch nicht werden.
Auch ich: Moment, aber so schlimm ist es ja schon.
Wieder ich: Okay, aber nicht so schlimm.
Wieder auch ich: Da muss ich mir recht geben.
Abschließend wieder ich: Immerhin darf man ab Freitag Fußball spielen.
Endgültig wieder auch ich: Man muss Prioritäten setzen.

Es ist wirklich alles eh schon wurscht.