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25 Freitag, 10.04.2020

Dein Zuspruch hat mir ja gerade noch gefehlt!

Die Stadt weiß alles über mich – gerade im Frühling.

Über einen Wiener Underground-Künstler heißt es wo: Er lebt in einem Männerheim und sammelt Lokalverbote. (Da merkt man erst, wie langweilig man selbst eigentlich ist.)

Die Obendrüberwohner haben Besuch. Der Husterich und seine leidgeprüfte Frau. Man hört das Kindergetrappel der Enkel. Bald spielt es von oben unsanft Klavier. War es so gedacht? Das ist deren Sache, denke ich, hier greift die angemahnte Eigenverantwortung. Es betrifft mich zwar indirekt – doch es geht mich ganz bestimmt nichts an.

Mein Lieblingsmaler ist der deutsche Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi. Ich liebe es, wie er da sitzt, mit seinem gesunden Bauch und der Silbermähne, die sein lausbubenhaftes Gesicht umlockt. Er schafft Bilder, die es gegeben haben könnte, schließt im bestehenden Werk des Künstlers eine Lücke – sie steht für die Möglichkeit, diese zu schließen.
Beltracchi verstaut sich viel Haar hinterm Ohr. Ihm beim Malen zusehen und denken: Jeder sollte etwas haben, das ihn so sehr bei sich sein lässt. Welche Gelassenheit ein solcher Mensch ausstrahlt, der ganz genau weiß, wer er ist und was er kann; richtiggehend belustigt von der eigenen Fähigkeit. Und der auch nur deshalb in sich ruht, weil eine symbiotische Verbindung zu seinem Lebensmenschen besteht. (Der geborene Fischer erhielt mit der Heirat einen würdigen Malernamen)
*
Als Lene dahinterkam, was ihr Mann da insgeheim trieb, wurde sie Teil des Spiels und half Werke in den Markt einzuschleusen. Da raste der Puls in Pariser Hotels. Es hagelte Expertisen, die den hochbezahlten Kennern nach wie vor den Schlaf rauben müssen. Nach Jahrzehnten wurden die beiden erwischt. Das Zinkweiß brachte sie zu Fall, denn in der Tube waren Spuren von Titanweiß, das zur behaupteten Entstehungszeit des Bildes noch nicht existierte. Die Gefängniszeit war eine Hölle mit Briefen. Beltracchi verewigte Mithäftlinge. Heute lebt er seine Kunst offen aus. Betritt er ein Museum – wenn man ihn lässt – begegnet er oft heimlich seiner Arbeit und behält es für sich.
Ich denke innig an ihr Lebensabenteuer. (Gibt es das – sich zuversichtlich erinnern?) Lene sagt: Du, wir bräuchten dann mal wieder ein Milliönchen. Und er malt ein neues Bild. Die Erzähung des Meisterfälschers Beltracchi ist eine Liebesgeschichte.

Sich langsam mit seinen kalten Füßen anfreunden.

Allgemein bekannt, dass das wichtigste Werk eines Künstlers jeweils das von ihm gelebte Leben ist.

Zwei Polizisten nachts beim Schaufensterbummel. Sie bleiben stehen vorm Juwelier. Wahrscheinlich aus Gewohnheit sehen wir uns die gut beleuchtete Glitzerware an, obwohl wir ja gerade nichts davon kaufen dürfen. Es sind Polizist und Polizistin. Er macht ein paar Schritte zur Seite und deutet auf etwas. Ich stelle mir vor, dass sie zusammen sind. Ich höre ihn sagen: Schatz, was meinst du, vielleicht der? Und zeigt auf einen Ring. Er sagt es nur in meinem Kopf.
Sehe ich eine gegengeschlechtliche – gemischte – Streife, dann denke ich sofort: Das ist ein Paar! Verbunden und verbündet im Beruflichen wie im Privaten. Dabei stimmt es oft nicht. Aber wer weiß, denke ich, vielleicht finden die zwei ja zusammen. Ich wünsche es ihnen.
*
Der Blick der Polizistin streift mich kurz, doch ich spüre es kaum. Sie weiß, dass ich ein Verrückter bin, mit meinem Notizbuch, in das ich rastlos Unsinnssätze kritzle, sie erkennt, dass von mir keine Gefahr ausgeht und man mich lassen muss in meiner Nacht. Auch der Polizist blickt kurz herüber und verspricht sich nichts von mir. Sie denken, dass ich etwas anderes festhalte als ihre Blicke auf mich. Niemand erkennt in mir den Mitternachtsdetektiv, der ins Blaue hinein ermittelt. Wir bleiben auf Distanz.
Sie gehen weiter in einem wirklich zurückgenommenen – fast zurückgelehnten – Schlendertempo. Die Stadt lässt sich Zeit, und irgendwo gehören wir schon hin. Die Streife macht gelassen ihre Runde. Ich nehme die Verfolgung auf.

Wie kann irgendwer jemandes Vorgesetzter sein, jemanden überwachen und zurechtweisen, jemanden mit etwas beauftragen und eine ebenso gewissenhafte wie zeitnahe Erledigung einfordern, und bei enttäuschendem Arbeitseifer seiner Unzufriedenheit Ausdruck verleihen, im schlimmsten Fall sogar das Dienstverhältnis auflösen? Wie können Hierarchien funktionieren? Wie gibt es Büros? Wie geht das – Welt?

Der Mistkübelmann wohnt in seinem Mistkübelhaus, man sieht es ja am rauchenden Kamin. Manchmal finstern seine Augen böse aus dem Guckloch hervor, in das die Leute ihr Wurstsemmelpapier oder ihre Energydrinkdose werfen. Er ist geduldig mit uns. Jemand löscht.

Menschlichkeit muss gepaart sein mit einem gewissen Beharrungsvermögen, das einen keinen Millimeter zurückweichen lässt. Bei mir ist es damit nicht weit her, denn ich weiß nur zu gut, dass es anderen viel schlechter geht als mir selbst, doch ich habe im Moment andere Sorgen und lasse es zu.

Ein Paar, bei dem anfangs beide recht mollig sind. Irgendwann aber nimmt sie stetig zu, er wird aus Protest immer dünner. So gleicht es sich aus. Ich ahne voraus, dass eines Tages sie ein unförmiger Fleischberg geworden ist, und er komplett verschwunden sein wird.

Vortragende streuen gern das Wort sozusagen ein, oft nuscheln sie es arg herunter, dass es wie sozang klingt. Bald wird es als eigenständiges Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen und im Wörterbuch zu finden sein: Sozang.

Immer wieder der schwache Moment, wenn ein Entscheidungsträger zum Volk spricht, danach zu Hause an die Schulter seiner Frau sinkt und eingesteht: Ich weiß nicht, wie es weitergeht, ich weiß es einfach nicht. (Allein, dass ich als Bild unweigerlich den männlichen Politiker vor mir habe, der sich an seiner Partnerin ausweint, die ihn mit fraulicher Wärme umfängt, zeigt ein Problem. Immer sehen wir sie aufgereiht – in unserem Fall mehr oder weniger vier Stück – wie sie ihre wichtigen Sachen erzählen. Selten eine Politikerin oder Expertin. Es ist Symptom einer gestrigen Männerkultur, die wir noch viel zu wenig abgeschafft haben. Aber Zeit wäre es.)

Bei der Post habe ich ein Paar gesehen. Beide trugen ein Halstuch ums Gesicht wie in einem Western die Bösen vorm Banküberfall. Oder wie Cowboys im Fasching. Man hat ihnen angemerkt, wie viel Spaß es ihnen macht, sich zu verkleiden. Ihr macht halt das Beste, aus dem ganzen Corona, habe ich mir gedacht; dankbar, dass es sie gibt. Die beiden waren Komplizen. Mit ihren zwei Tüchern haben sie fein zusammengehört, und darunter bestimmt gelächelt. Das war schön. Manche Dinge sind ganz einfach, und man erkennt sie daran, dass es darüber nicht viel zu sagen gibt.

Großzügig ausgespart in der familienfreundlichen Berichterstattung des Österreichischen Rundfunks bleiben Fragen der Intimität und der Sexualität. Kontaktsperre bedeutet, niemanden treffen zu dürfen in einem Lokal auf ein Getränk, geschweige denn jemanden kennenzulernen und zu küssen oder mehr. Im heldenhaften Beschließen der Beschränkungen wurde ein Geselligkeitsverbot ausgesprochen. Mit dem Aufrechterhalten und Durchsetzen, mit dem Verhängen von Ordnungsstrafen für die Abweichler, tritt ein verstecktes Beischlafverbot für Partnerlose in Kraft.
Die Minister sagen: So und so wird es sein. Und für die Alleinstehenden heißt es: Du bist gemeint. Die Minister sagen: So und so lange wird es dauern. Und für die Alleinwohnenden heißt es: Bis dahin harre aus. Ein verklausuliertes Berührungsverbot, an das niemand sich halten kann, wer geistig und seelisch halbwegs gesund bleiben will. Die meisten der Entscheidungsträger leben in gefestigten Partnerschaften in gemeinsamen Haushalten oder einem Familienverbund. Europa ist ein reicher Kontinent; Merkmal dieses Reichtums ist eine räumliche Vereinzelung.
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Laut Eurostat liegt der Anteil von Single-Haushalten im EU-Durchschnitt bei 33,1 Prozent. Schweden hat mit 51,8 Prozent den höchsten Anteil. Dahinter folgen Litauen (43,3 Prozent), Dänemark (42,6 Prozent), Finnland (41,0 Prozent), Deutschland (40,5 Prozent), Estland (37,5 Prozent), die Niederlande (37,1 Prozent) und Österreich (37,0 Prozent). Die Daten sind vier Jahre alt. Es ist davon auszugehen, dass der Trend zum Single-Haushalt seitdem nicht nachgelassen hat.
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Der Gesundheitsminister sagt: Soziale Kontakte einschränken. Er meint: Nicht umarmt werden dürfen. Der Bundeskanzler sagt: Monate. Er meint: Nicht umarmt werden dürfen. Der Bundespräsident sagt jovial: Wir machen das schon. Er meint: Nicht umarmt werden dürfen. Der Innenminister sagt: Die Polizei wird kontrollieren, ob Menschen zusammen wohnen. Er meint genau das.
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Ich denke weniger an die Jungen, die Mittel und Wege des Zusammenseins finden. Ich denke mehr an die älteren Alleinstehenden, an die Geschiedenen, an die unfreiwilligen Singles, denen es ohnehin schwerfällt, nicht den Anschluss zu verlieren. Ich sehe die Fünfzigjährige in ihrer Wohnung sitzen, der man das wöchentliche Kartenspielen und den Tanzabend genommen hat. Ich sehe den Siebzigjährigen aus dem Fenster schauen, der beim Seniorensingen immer einen so satten Bass gebrummt hat. Man hat es ihnen genommen. Mag sein, aus guten Gründen, doch genommen ist es doch. Ein Begegnungsverbot wird die Vereinsamung schüren.
Noch habe ich nichts davon gehört, dass sich die Regierung neben Medizinern und Volkswirten auch Psychologen in den Beraterstab geholt hat. Wahrscheinlich habe ich es verpasst. Manches entgeht einem eben, wie aufmerksam man auch versucht zu sein. Denkbar ist, dass es beim Organisieren des Corona-Zölibats sachkundige Hilfe von Vertretern der römisch-katholischen Kirche gab. (Wem schicken wir die Rechnung für den Knacks? Wer führt die Strichliste beim Incel-Amok? Wohin tanzt du deinen Frust, wenn nicht in den nassgeschwitzten Club?) Wie leidenschaftlich wir manches beschweigen. Wie kenntnisreich wir vieles überspielen.
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Ich sehe liebenswerte Familien, die kreativ den neuen Alltag schupfen. Ich sehe Digital Natives, die in Gruppenchats mit Drinks anstoßen. Ich sehe gelungene Experimente. Ich sehe erbauliche Einblicke in zweisame Nähe. Großzügig ausgespart in der familienfreundlichen Berichterstattung des Österreichischen Rundfunks bleiben Fragen der Intimität und der Sexualität. Und auch wir wollen diese Fragen großzügig aussparen.

Uns allen werden aus dieser Zeit starke Erinnerungen bleiben. Dinge brennen sich uns ein, ob wir es merken oder nicht. Jetzt geht es darum, welcher Art diese Erinnerungen sein werden. Gerade Eltern sind gefordert, dafür zu sorgen, dass es mehr positive als negative sind, dass sich den aufnahmebereiten Kindergehirnen und erschütterungsempfänglichen Kinderseelen eine zwar seltsame und schwierige, doch insgeheim spannende und gemeinsam gemeisterte Zeit einprägt. Wie es schaffen? Ich weiß nicht: Es schaffen. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Erinnerungen an die Gegenwart möglichst hell und erbaulich bleiben; prägend und stark sein werden sie ohnehin.

Die U-Bahn ist mein Zuhause. Der Mittvierziger entwirrt sein Kopfhörerkabel, das er bei einer tragbare Spielkonsole einstöpseln will. Während des langwierigen Vorgangs schüttelt er andächtig den Kopf. Sein tägliches Geduldsspiel.

Sich am Bahnsteig bei einem Menschen dazustellen – wie als Frage.

Es gibt mehr Wörter, als gut für uns ist.

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24 Donnerstag, 09.04.2020

Eine weißhaarige Frau zu mir in der U-Bahn: Gehen Sie vom Eingang weg, wie kann man da aussteigen? (Ich stehe an der Wand neben der Tür. Hier war doch immer mein Platz.)

Draußen auf der Straße beginnt Musik. Ein Mann spielt Gitarre und singt. Ich eile zum Fenster, kurble die quergestellten Lamellen der Jalousie hoch, um mich hinauslehnen zu können. Aus dem fünften Stock erkenne ich durch die Baumkrone eine vielteilige Sängergestalt. Der Mann steht am Gehsteig. Er singt O sole mio. Ich kenne das Lied aus dem Stadtpark, es ist mir bis hierher gefolgt. Der Mann singt es für mich. Auch im Gegenüberhaus lehnen sich ein paar Leute aus dem Fenster. Unten am Gehsteig erkenne ich zwei Frauen, die stehengeblieben sind. Der Mann singt frei und laut. Er macht das öfter, schätze ich. Wir hören zu. Selbst als das Lied seinem Höhepunkt zusteuert, die Töne besonders hoch werden, bricht seine Stimme nicht. Mag sein, dass er es für mich singt, denke ich, aber gehören tut das Lied ihm.
Als er fertig ist, klatschen wir hinunter, und die zwei Frauen klatschen auch, und beginnen ein Gespräch. Stolz, ihn in unserer beschaulichen Straße zu haben. (In Sackgassen passiert ja nicht so viel.) Der Mann blickt sich um und winkt hinauf. Aber bitte nur Centstücke werfen, lacht er, Zweier tun so weh. Ich werfe kein Geld nach ihm, das wäre obszön. Niemand tut es, war ja auch nur ein Scherz. Er plaudert angeregt. Die Baumkrone zerschattet ihn.
Eben noch war ich so müde, dass ich fast vom Stuhl gerutscht wäre; so wie gestern schon. jeden Moment wollte ich aufstehen und mir kaltes Wasser ins Gesicht klatschen, um mir die Augen zu löschen. Jetzt bin ich hellwach. In der Küche wartet der Abwasch, an den Bodenleisten nistet der Staub. Nichts davon werde ich angehen, denn nichts davon ist wichtig. Es gibt eine Arbeit, die getan werden muss. Der Tag hat einen Raum und einen Namen.

Profaner Geistesblitz: Dass wir Masken tragen, obwohl wir doch schon vorher welche getragen haben, die man uns weniger leicht ansah. Vielleicht herrscht jetzt die neue Ehrlichkeit.

Ich dachte, ich werde verrückt. Und als ich es zu denken aufgehört habe, dann vielleicht deshalb, weil ich es geworden bin.

Eilig hingedöster Nachmittagsschlaf. Kaum erholt, bloß notdürftig entmüdet.

Jetzt war also jeder – jeder! – Österreicher mindestens einmal im Fernsehen: Beim Singen vom Balkon, beim Klatschen für die Helden des Alltags, beim Brotbacken, beim Chatten mit Freunden, beim Gassigehen mit dem Hund, beim Joggen, beim Diskutieren mit der Polizei, beim Musizieren in der Küche mit Töpfen und Pfannen, beim Hausaufgabenmachen, beim Tanzkurs übern Bildschirm – Bauchtanz, Walzer, alles –, beim Yoga auf der schweißgebeizten Matte, beim Äußern einer Meinung auf der Straße, als Interviewpartner zu wichtigen Themen, beim pathetischen Aufblättern seines Notizbuchs, beim Herstellen von irgendeinem Produkt, das gerade viel gekauft wird oder nicht verkauft werden darf, als jemand, für den sich gar nichts, ein bisschen, wenig, einiges, viel, sehr viel oder alles geändert hat, als Essensauslieferer oder Fahrradbote, als Regaleinschlichter, Kundenbetreuer oder Arbeitsloser, als Lebenskünstler, Durchschwindler, Krisengewinnler, Armutsgefährdeter oder Vorstandsvorsitzender.
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Jeder hat erklärt, wie es ihm geht, wie er mit allem umgeht, was er sich wünscht und erhofft, was ihn besorgt und was ihn verstört und was ihn beglückt. Alle Journalisten haben alle Musiker interviewt, und alle Schriftsteller haben alle gescheiten Sachen gesagt, und alle Klein- und Mittelbetriebe haben jeden Mitarbeiter vor die Kamera geschleift, und alle Politiker haben in allen Shows von ihren Haustieren und grünen Daumen erzählt, und alle Selbständigen haben ihre Meditationstechniken erklärt, und alle Kinder haben gesagt, dass sie die Oma vermissen, und alle coolen Jugendlichen mit Schirmkappe und teurem Leiberl haben vor sich und der Weltöffentlichkeit bekannt, dass sie sich eigentlich schon wieder voll auf die Schule freuen, weil immer nur von der Couch aus zocken über Voicechat halt irgendwann auch fad wird. Und alle Mütter sind danebengestanden und haben mit nachsichtigem Lächeln den Kopf geschüttelt. Und alle Väter haben im Hintergrund den Geschirrspüler ausgeräumt oder selbst ein Hemd gebügelt und zugegeben, dass es Arbeit ist.
*
Und alle Bäckereibesitzer haben geklagt, wie schlecht es läuft, und alle Buchhändler haben gesagt, dass sie jetzt auch liefern, und alle Filialleiter aller Supermärkte haben versichert, dass es genug von allem gibt, haben eine Klopapier-Garantie abgegeben, eine Wein-, Speck- und Obstgarantie. Alle haben zu allen gesagt, dass die Lager mit allem voll sind. Und zwar immer mit den Worten: Unsere Lager sind voll. Und alle Theatermacher haben gesagt, dass sie alle Stücke und gestrichenen Premieren ungekürzt streamen, und alle Museumsdirektoren haben gesagt, dass sie alle Führungen jetzt virtuell geben und online zugänglich machen. Und überhaupt haben alle mehrmals gesagt, dass sich jetzt alles ins Netz verlagert, die Schule und die Freizeit und die Liebe und der Stress. Und alle Blumenhändler haben gesagt, dass sie ihre Schnittblumen entsorgen müssen. Und alle Hundebesitzer haben gesagt, dass sie das alles eher entspannt sehen und dass man ihn eh streicheln darf, weil er eh nix tut. Und alle Zweitwohnbesitzer haben gesagt, dass man ihnen in den Bundesländern bitte nicht das Wasser abdrehen soll. Und alle Bürgermeister haben gesagt, dass sie alles unter Kontrolle haben. (Und Sepp haT gesagT, wir müssen alles anzünden.)
*
Und alle niedergelassenen Ärzte haben gesagt, dass es in ihrer Praxis von allem zu wenig gibt und dass sie sich im Stich gelassen fühlen von der Ärztekammer oder irgendeiner Behörde. Und alle Zuständigen haben gesagt, dass Nachschub kommen wird. Und alle geheimen Quellen haben als Silhouette und mit verstellter – oder nachgesprochener – Stimme gesagt, dass die Lieferung aus China mangelhaft ist und dass die Chinesen uns als gespendete Schutzkleidung eher billige Schrottware liefern. Und alle Spitalsärzte haben gesagt, dass sie für uns da sind, solange wir nur schön brav zu Hause bleiben. Und das machen wir auch, weil es gescheit ist. Und alle haben gesagt, dass man die Bundesgärten öffnen soll, was auch geschieht. Und alle haben eine lustige Anekdote erzählt, die sie selbst erlebt oder auch nur erzählt bekommen haben.
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Und alle Virologen haben skizziert, wie es weitergehen könnte. Und alle Ökonomen haben gesagt, dass es die schwerste Wirtschaftskrise seit irgendwann wird. Und so ziemlich alle Lehrer haben gesagt, dass es über Computer nicht so leicht geht und man immer erreichbar sein muss. Und alle haben sich gefragt, ob das Internet eingeht, aber noch passt es eh. Und alle sind froh. Und alle Chefs haben gesagt, dass sie ihre Angestellten in Kurzarbeit schicken. Und alle Psychologen haben gesagt, dass es den Leuten auf Dauer nicht so gut tut, allein in den eigenen vier Wänden zu hocken. Und schon ganz am Anfang der seltsamen Zeiten – als noch gar nicht abzusehen war, wie lange sie dauern werden –, da hat unser lieber Herr Bundespräsident mit seiner asiatisch-höflich-freundlichen Verbeugung gesagt, dass es zwischendurch ja ein bisschen Spaß machen darf. Und das tut es auch.
*
Und alle Fußballspieler haben allen Halbstarken und Käfigkicker gesagt, dass Quarantäne nicht so schlimm ist und man derweil nicht im Park gaberln soll, sondern zu Hause bei der Mama vor der Kredenz. Und alle freischaffenden Dichter und alle Alleinerziehenden und alle Gelegenheitsjobber haben gesagt, dass es sich hinten und vorne nicht ausgeht. Und es stimmt. Und alle Minister haben gesagt, dass es vorbeigehen wird. Und alle Journalisten haben alle Leute und einander interviewt. Und alle haben alles gesagt, und alle haben alles von allen gehört, und haben sich darin wiedergefunden. Wir haben uns in uns selbst wiedergefunden. Wir sind ein fertiges Kreis, ein geschlossenes, in sich überlebensfähiges System.
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Wir sind ein so kleines, ein winziges Land. Wir sind vollkommen durchbefragt und durchinterviewt – durchgedreht. Wir sind auserzählt. Und wie klein das Land ist, merkt man daran, dass wir beim Ende angelangt sind und es jetzt wieder beim Anfang beginnt. Wir alle haben unseren Ruhm gekostet, und er war schön. Und jetzt stellen wir uns alle wieder hinten an für eine zweite Runde. Und all das löst eine stille Freude aus. Es stimmt heiter. Wir sind so wenige. Wir sind so ein artiges und eigenwilliges und musisches Volk. Unerheblich bis zum Größenwahn. Wir sind ein bedrohlich putziges, bedenklich gelassenes, schwindelerregend geduldiges und herrlich unterschätztes Volk. Wir sind aufgeweckt, fleißig, ideenreich und nachsichtig. Wir sind anders, als man denkt – in beide Richtungen, auf allen Ebenen. Wir sind das giftige Lob und die heimliche Hilfe, der letzte Schmäh im freien Fall. Wir sind die Welt in einer trockenen Erbse. Wir sind ruppig, ernst und scheu, unerträglich liebenswert, bequem und gescheit und verloren. Wir sind etwas Eigenes, und manchmal habe ich uns ganz gern.

Die glatten Erfolgsmenschen haben nur eine Geschichte zu erzählen: Wie ich eines Tages alles richtig gemacht habe. Immer kratzt ihr Leben genau dort, wo es juckt. Früher habe ich sie beneidet, heute bemitleide ich sie. Eine solche Leere kann ich mir nicht leisten. Sie wäre die Erzählunmöglichkeit. Eine Stille, die nichts will.

Ich stelle mir die Kanzlerin vor, wie sie nach der großen Ansprache nervös ins Hinterzimmer tritt, sich an den Besprechungstisch setzt, das Wasserglas an die Lippen hebt und einen großen Schluck nimmt. Wie sie kurz durchatmet und sich die eben live übertragenen Sätze noch einmal durch den Kopf gehen lässt. Wie sie still mit sich verweilt. Dann betritt jemand den Raum, setzt sich zu ihr. Ich stelle mir die Kanzlerin vor, wie sie bescheiden lächelt, sich zurechtrückt und sagt: So, Herr Virologe – wie ist es denn jetzt wirklich?
(Den Wählern wird sie die Tatsachen wie bittere Medizin tröpfchenweise zuführen, in grauer, gemäßigter, nüchterner Sprache; ostdeutsch verhalten. Sie folgt dem Prinzip: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar – in homöopathischer Dosis. Die Zeit ist eine Fläche, auf der man die Dinge geruhsam und nachdrücklich ausbreiten kann.)
Ich stelle mir vor, wie finster und spannend es wäre, würde man die Menschen im großen Stil hinters Licht führen. Und gleichzeitig weiß ich, dass es nicht so ist. Die Welt ist nur dann ein Film, wenn man ihr Zuschauer bleibt.

Hustet einer falsch – nämlich offen oder in die flache Hand –, dann bin ich der Mensch mit dem bösesten Blick. Pass auf, sage ich mir, so möchtest du nicht sein. Kehr erst einmal vor der eigenen Tür. Du wärst ja tatsächlich der allergründlichste Denunziant, wenn es sie braucht. Gefall dir nicht im Niederschauen der Huster. Sei gnädiger mit anderen und fang – wenn es sein muss – an bei dir selbst.

Wie beruhigend ist der Hinweis eines zugeschalteten Korrespondenten, in vielen Ländern des afrikanischen Kontinents sei die Bevölkerung sehr jung, was bei einer solchen Pandemie zum großen Vorteil wird. Besänftigung durch Zahlen – schwelgen in Demographie.

Sich den Dingen stellen, indem man an einem Nebenschauplatz in die Tätigkeit geht.

Ein alleinstehender Freund erzählt kleinlaut, er habe einen Bekannten getroffen, sei zu ihm ins Auto gestiegen und an den Stadtrand gefahren. Sie hätten gemeinsam einen Ausflug gemacht. Der Freund gesteht es wie eine Schuld, die ihn belastet. Er habe nicht gewusst, wohin, sagt er, und sein Bekannter auch nicht. Ihnen sei die Decke auf den Kopf gefallen. Obwohl es nicht an uns ist, ihm zu verzeihen, tun wir es. Man darf sich nicht verrückt machen, sagen wir. Irgendwo hört es auf. Man will nicht an die Luft und zu den Menschen – man muss.

Ich habe beschlossen, die Krankheit durch Sprache auszurotten. Ganz ruhig und entspannt, eher nebenbei, zwischen Kaffeekochen und Händewaschen und Zettelsortieren. So beschwingt von einem Kampf ist man nur dann, wenn man ihn schon vor Beginn gewonnen hat. Ruhig ist, wer die Richtung kennt. Der Frühabend ist langsam und warm. Ein unerklärlicher Frieden legt sich über den Tag. Wort für Wort, Satz um Satz wird die Krankheit geschwächt und zurückgedrängt. Sie fragt, wohin soll ich mich wenden. Ich schreibe ihr eine Antwort in die flüssige Haut. Sie hat sich an uns verrechnet, sich in uns getäuscht. Sie hat sich mit uns die Falschen ausgesucht. Wir haben, was erst anfängt, längst besiegt.

Wie schön ist ein sonniger Tag
Die klare Luft nach einem Sturm
Die frische Luft wirkt wie ein Fest
Wie schön ist ein sonniger Tag

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23 Mittwoch, 08.04.2020

Nachts riecht es auf der Hauptstraße nach Weihrauch. Ob da jemand heimlich die Heilige Messe feiert?

Langsam können sie es. Das Maskentragen geht den Menschen in Fleisch und Blut über. (Ich kann es nicht, verhasple mich unbeholfen in den langen Hamstermaskenschlaufen.)

Unerbittlicher Begriff: Zufallsverteilungsphänomene

Im Hessischen Rundfunk beschreibt ein Wissenschaftsjournalist die kosmische Hintergrundstrahlung als Flickenteppich aus Temperaturen. Das wirft im Kopf eine Bildmaschine an, die versucht, diesen Gedanken in eine konkrete Vorstellung zu übersetzen.

Taxis sind nach wie vor ein legitimes Mittel der Fortbewegung. Sie stehen und lauern auf Kundschaft mit ihrem gelben Warte-Licht. Wie schön wäre es, einzusteigen und loszufahren. Das müssen interessante Gespräche sein, denke ich.

Durch das offene Wohnzimmerfenster riecht es oft so gut nach Essen, dass ich durchs Stiegenhaus rasen, wahllos an Türen hämmern und den Verantwortlichen zur Rede stellen will: Solche Kochkünste sind den Nachbarn gegenüber nicht fair!

Für so etwas wie Langeweile haben wir keine Zeit.

Selbst aus der Ferne das Unbehagen, wenn jemand mit allzu ausgeprägten Zischlauten spricht. (Zum Vorlesen.)

Auf der Rolltreppe stehen die Leute brav rechts und lassen neben sich die Überholspur frei. Normalerweise benutze ich sie, doch im Moment erscheint mir das fragwürdig. Wir halten Abstand.

Jeder Apothekenbesuch, jedes Warten in der Postschlange, jeder Weg in den Supermarkt, jede Essensabholung, jeder Obsteinkauf, jeder Spaziergang, jede Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, jedes Straßeüberqueren, jedes Ampelknopfdrücken, jedes Stehenbleiben, jedes Weitergehen, jede Aufholjagd am Gehsteig, jedes elegante Ausweichmanöver, jedes Maskeanlegen, jedes Maskeablegen, jedes gesichtslose Nicken, jedes stumme Lächeln, jeder Wortwechsel, jedes Rucksackrichten, jedes Umschauen, jedes Abstandhalten, jedes Hausverlassen und jede Heimkehr – sind Übungen der Entfremdung.

Das schwarze Brett im Hauseingang ist verschwunden; die einfache Pinnwand mit bunten Nadeln, um etwas anzuheften. Stattdessen wurde ein absperrbarer Aushangkasten montiert. Die handgeschriebenen Zettel mit Angeboten für Nachbarschaftshilfe stehen lose hinter Glas. Das neue schwarze Brett wird jetzt sozusagen kuratiert, nur die Verantwortlichen – die Schlüsselbesitzer – haben Zugriff darauf. Kommunikation innerhalb der Hausgemeinschaft ist an dieser Stelle nicht mehr vorgesehen. Ein Informationsblatt wurde platziert, auch in den Aufzug hat man es geklebt. Wahrscheinlich hängt es jetzt in vielen Häusern. Darauf werden in neun Kacheln alle empfohlenen Verhaltensweisen kompakt und verständlich zusammengefasst. Jede Regel ist ansprechend illustriert. Der Zettel bündelt sehr prägnant die seltsamen Zeiten.

HALLO
NACHBAR!N

SICHER & GESUND TROTZ COVID 19

ZUHAUSE BLEIBEN!
Ausnahmen:
Weg zur / von der Arbeit
Notwendige Besorgungen
Hilfe für Risikogruppen
Spaziergang alleine oder
mit der Familie

Wer zuhause bleibt, schützt sich selber
und schützt andere

HILFE ANBIETEN.
Bieten Sie Ihre Hilfe bei Besorgungen an,
wenn Sie nicht zu einer Risikogruppe
gehören!

ABSTAND HALTEN!
Halten Sie in der Öffentlichkeit mindestens
1 m Sicherheitsabstand zu Ihren
Mitmenschen

NICHT INS GESICHT GREIFEN.
Um Schmierinfektionen vorzubeugen,
greifen Sie sich nicht ins Gesicht!

HÄNDE WASCHEN.
Waschen Sie Ihre Hände gründlich für
ca. 30 Sekunden – speziell nach dem
Nachhause-Kommen!

HUSTEN UND NIESEN.
Um andere vor einer Ansteckung zu
schützen, husten und niesen Sie bitte in die
Ellenbeuge oder ins Papiertaschentuch.

ROUTINE BEIBEHALTEN.
Strukturen geben Sicherheit. Daher ist es
nun besonders wichtig, sich eine
Tagesroutine zu überlegen.

INFORMIEREN OHNE PANIK!
Informieren Sie sich in vertrauenswürdigen
Medien. Melden Sie Fake News in den
Sozialen Medien.

HALLO NACHBAR!N
Telefonieren Sie mit Verwandten, Freunden
oder den Nachbarn – schließlich kommen
beim Reden die Leut’ z’amm!

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22 Dienstag, 07.04.2020

Bald wird alles ganz anders gewesen sein.

Erwachsene auf Skateboards sind Vollpfeifen.

Die Schlange vor der Post ist lang. Brav halten wir Abstand. Erst wenn man bis zum Eingang vorgerückt ist, darf man sich per Fingerwisch am Touchscreen eine Nummer aus dem Automaten ziehen. Nach dem Aufgeben meiner Sendung gehe ich hinaus und sehe, dass die Postschlange bedrohlich gewachsen ist und nun in einer gemächlichen Kurve fast bis nach hinten zur Rolltreppe führt. Der Letztgereihten steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Ihr gilt mein ganzes Mitgefühl. Es ist die Schmach der verlorenen Zeit. (Notiz an mich selbst: Für alltägliche Besorgungen in naher Zukunft ausreichend Wartepuffer einplanen.)

Der Hustende in der Apothekenschlange wird mit Blicken vernichtet.

Fernando Pessoas Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares ist vielleicht das einzige, das jemals hätte geschrieben werden müssen.

Der kostenpflichtige Zusatzfilter bei einer Dating App: Immune. (Nur sinnvoll mit fälschungssicherem elektronischen Gesundheitszertifikat.)

So freudig in Empfang genommen werden wie die heranbrausende U-Bahn vom luftgebauschten Kind.

Poetischer wäre meistens, etwas nicht getan zu haben.

Mit den Mitteln der Sprache den Beweis erbringen, dass es anstatt zweier Wirklichkeiten – meine eigene und jene der Welt – bloß eine einzige gibt, nämlich die zusammengedichtete Konsenswirklichkeit.

Etwas ist aus der Not geboren. Wie lebensfähig wird es sein, sobald diese endet?

In einem Anfall von Sport joggte er los.

Demonstrationen gegen das Versammlungsverbot.

Spätabends bei Wien Mitte holt sich eine Gleichaltrige ihr Citybike. Sie fährt ein paar Meter. An der großen Kreuzung bleibt sie stehen, steigt ab, klappt den Seitenständer aus und beginnt energisch am Sattel zu ruckeln. Etwas passt nicht, sie versucht es zu richten. Das Fahrrad bewegt sich dabei sehr. Mittlerweile habe ich sie eingeholt und schaue unschlüssig zu. Sie stemmt sich gegen das Rad, es sieht anstrengend aus. Ich öffne den Mund, setze zur Frage an, lasse es bleiben. Es hilft nichts, da fehlt ein Gegenzug. Dann also doch: Ich frage, ob ich das Rad kurz festhalten soll, und deute auf die Lenkstange. Die andere richtet sich auf und entstöpselt verwirrt das Ohr. Sie hat mich zwar gehört, allerdings nicht verstanden. Ich wiederhole die Frage. Sie denkt nach. Ohne es auszusprechen, denken wir beide an den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand.
Ich stelle mir vor, wie ich das Vorderrad zwischen meine Beine klemme, die Lenkstange umfasse und das Citybike behelfsmäßig fixiere, sodass sie in Ruhe den Sattel zurechtrücken kann. Das wäre ein Meter, denke ich, da wäre doch ein Meter zwischen uns. Allerdings hätte ich dann mit bloßen Händen die Lenkstange berührt – die berühren doch ständig irgendwelche Leute. (Ich fand das schon immer unhygienisch; auch bei sirrenden Scootern.) Die Gleichaltrige lehnt dankend ab, es werde schon gehen. Aber sehr nett, sagt sie. In Gedanken sieht sie mich ihr beim Festhalten des Rads zu nahe kommen, denke ich und nicke einverstanden. Sie gibt den Stöpsel zurück ins Ohr und wendet sich wieder dem Sattel zu. Ich warte an der Ampel, dann gehe ich über die Straße.
Später sehe ich sie an mir vorbeiradeln ins dunkle Auge der Stadt. Ich frage mich, wie bequem sie dabei sitzt.

Seine Ungepflegtheit kultivieren.

Die Bonuszahlungen an Supermarktmitarbeiter sind löblich. Wäre da nur nicht die stillschweigende Verteuerung des Salats – offiziell zu begründen mit Exportschwierigkeiten und Lieferengpässen. Konzerne wissen sehr genau, wo sie sich etwas zurückholen. Auch das Verkaufen der Schutzmasken im Dreierpack am Eingang ist pikant; angeblich symbolisch unter dem Selbstkostenpreis, als erzieherische Maßnahme, um den Kunden den Wert des Wegwerfsprodukts zu verdeutlichen. Nett auch von den Supermarktbetreibern, den Verkauf von Non-Food einzuschränken, sobald sie damit einen schönen Gewinn erzielt haben – aus Solidarität mit Fachgeschäften, die geschlossen bleiben mussten. Wahrscheinlich, denke ich, behaupte ich allzu locker drauflos. Es wird schon alles seine Richtigkeit haben.

Wir stecken gemeinsam im Aufzug fest. Hilfe lässt auf sich warten. Es gibt jetzt nur zwei Möglichkeiten: Sich umbringen oder verlieben. (Und wir lösen das Problem der fälligen Notdurft.)

Die Autorenbiographie auf der Umschlaginnenseite eines Buches: Er studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, u. a. in Paris und New York. Ich verlese es erstaunt zu: … und überlebte verschiedene Berufe

Bei Lebensläufen fehlt das Geburtsjahr, wenn eine Frau nicht zugeben möchte, dass sie jünger aussieht, als sie ist; oder wenn jemand das Gefühl hat, für sein Alter noch nicht genug erreicht zu haben und sich dafür schämt.

Unterwegs finden mich Sätze, es sind leise Vergegenwärtigungen.

Mit sich selbst klärende Gespräche mit anderen führen.

Gemeinschaft der Hustenden – und das ewige Räuspern. Amen.

Etwas nähert sich. Ich weiß weder, worum es sich handelt, noch woher es kommt. Auch wann es eintreffen wird, kann ich nicht sagen, genauso wenig, ob sein Erscheinen für mich bestimmte Auswirkungen haben wird. Aber dass sich etwas nähert, weiß ich ganz genau.

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21 Montag, 06.04.2020

In der U-Bahn herrscht das neue Misstrauen.

Hinter mir ertönen zwei rasch aufeinander folgende Schreie. Es klingt wie menschliches Bellen. Sie müssen aus der Trafik gekommen sein, deren Tür offensteht, um Frühling zu atmen. Ich bleibe stehen und stutze. Wahrscheinlich beginnt so ein Raubüberfall. Wie es sich für einen aufdringlichen Hilfssheriff gehört, trete ich ein paar Meter zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Im Inneren der Trafik erblicke ich einen Mann mit zerfurchtem Gesicht. (Er muss viel erlebt haben – und viel zu erzählen.) Er hält sich einen Lottoschein ganz nah vor die Augen, schüttelt ungläubig den Kopf.
Der erste Schrei muss gesagt haben: Gewonnen!
Der zweite Schrei: Doch nicht!
Ich kann den Mann verstehen. So eng liegen Glück und Unglück selten beieinander. Und interessant, dass die gebellten Schreie exakt gleich geklungen haben.

Als ich meine Arbeitsstelle erreiche und den Haustorschlüssel aus dem Rucksack nehmen will, bemerke ich, dass der Reißverschluss des kleinen Außenfachs offen ist – und während des gesamten Hinwegs offen gewesen sein muss. Niemand hat mich darauf hingewiesen, weder auf der Straße noch in der U-Bahn. Seufzend lehne ich mich gegen die Tür. Nicht einmal auf Fremde ist noch Verlass.

Der Bürohund weiß von nichts.

Die Menschen sind Verbrecher. Es gibt konspirative Treffen zur Planung eines späten Osterfrühstücks im familiären Rahmen. Ganz traditionell versteckt man gekochte und handbemalte Ostereier in Nestern aus essbarem Gras; man kredenzt ofenwarme Osterpinze, saftigen Osterschinken garniert mit Sahnekren und Erdäpfelsalat. Die appetitliche Reihe täuscht. Es handelt sich um die Auflistung von Delikten. Mundwinkel Lügen nicht; Schokolade als Tathergang.

Die täglichen Zahlen stimmen zuversichtlich; jene der Neuinfektionen ebenso wie jene der Todesopfer. Was den gesundheitlichen Aspekt angeht – und nur ihn! – wird es in unseren Breiten recht glimpflich enden. Und gleich die Sorge, dass wir nicht genug daraus lernen.

Polizisten halten schlendernde Paare auf und kontrollieren, ob beide den identischen Wohnungsschlüssel eingesteckt haben. Aus Bitte wird Befehl. Sie legen Schlüsselbart an Schlüsselbart, um existierende oder fehlende Kongruenz festzustellen. Vor lauter Eifer kauen sie ihre Zunge, deren Spitze aus feuchten Lippenhälften hervorblitzt. Wenn alles seine Ordnung hat, dürfen die zwei unbehelligt weiterträumen in den Sonntag, gibt es jedoch eine Abweichung, haben sie ein Problem. So geht sie vonstatten, die Polizeiarbeit in der Hauptstadt. Beamte lassen sich dabei bereitwillig filmen.
Bald geht es zum nächsten dringenden Einsatz. Womöglich meldet ein Nachbar störende Beischlafgeräusche; hier bedarf es einer eingehenden Untersuchung, ob denn auch alle involvierten Einzelpersonen über eine aufrechte Meldung an der betreffenden Adresse verfügen. (Erbitten direkten Zugriff aufs aktuelle Register.) Unbürokratisches Betreten von Privateigentum sollte angedacht und durch einen entsprechenden Generalerlass autorisiert werden. Ist der rechtliche Rahmen einmal abgesteckt, können die Beamten nach eigenem Ermessen ganz erstaunliche Bilder malen. Sie werden Augen machen.

Sich beim Mitansehen der Maßregelung und Vertreibung des Stadtpark-Saxophonisten für ein paar Sekunden dem gewaltbereiten Linksextremismus anschließen und das Anarchist Cookbook auswendig lernen.

Gelassen ins Böse hinein fantasieren.

Was plötzlich alles unverzichtbar ist.

Traumbild: Der Boden ist voller Wespen. Ich steige barfuß hinein, doch kein Stich ist zu spüren. Die Wespen umschwirren mich und befallen meinen Körper. Ich trete und trample, spüre aber immer noch nichts. Der Boden ist ganz Wespe. Es ist schön.

Manchmal gehe ich mit einem Lehrer-Freund ein Bier lang spazieren. Gemma Baustelle, sagen wir dann grinsend, und begutachten einen Baustellenfortschritt. Früher oft, und heute seltener. Wohntürme in Zeitlupe gen Himmel wachsen sehen, ist seltsam beglückend.

Laut Sendungsverfolgung hätten heute meine zwei handgenähten Stoffmasken im Postkasten sein sollen. (Zeichen sehen, wo keine sind.)

Warten gibt es nicht. Es gibt nur lesen, bis es weitergeht.

Was uns schlussendlich retten wird, ist nicht die Medizin, sondern Technologie – die intelligent gestaltete App mit stufenlos justierbarem Algorithmus. (Konkrete Beispiele in Asien zeigen Möglichkeiten auf, diese wurden oft genug skizziert.)
Ein hoher Anteil der Bevölkerung lädt besagte App herunter, mindestens sechzig, besser achtzig Prozent. Da die sinnvolle Verwendung der Software ohnehin auf freiwilliger Basis beruht, muss auch die Installation rein freiwillig geschehen. Stellen sich virustypische Symptome ein, werden diese per Knopfdruck gemeldet; der Nutzer ist damit automatisch als Verdachtsfall registriert und für eine zeitnahe Testung gereiht. Telefonschleife und Anmeldung fallen weg. (Testkapazitäten müssen ausgebaut werden.) Hausbesuch eines Arztes, der einen Abstrich macht; bis Erhalt des Ergebnisses (idealerweise zwei bis drei Tage) strenge Heimquarantäne. Bei positivem Ergebnis Verlängerung der Quarantäne um mindestens vierzehn Tage. Konsequentes Mitvollziehen der Symptomentwicklung, regelmäßiges Messen der Körpertemperatur, Dokumentation in elektronischer Form. Die Arbeitgeber der Nutzer sind gesetzlich verpflichtet, eine Freistellung zu gewährleisten, was schon bei der Verdachtsquarantäne gilt – hier stichprobenartige Überprüfung, um ein Ausnutzen der Regelung zu verhindern. (Verzichtbare Größe, da gewisse Dunkelziffer erschlichener Krankenstände ohnehin gegeben.) Abklingen der Symptome und doppelte Negativtestung als Grundvoraussetzung für den Wiedereintritt in gesellschaftliches Leben und Arbeitswelt.
*
Der Nutzer erlaubt das Erstellen seines aussagekräftigen Bewegungsprofils, dieses wird in anonymisierter Form gespeichert. Fällt sein Test positiv aus, ermittelt der Algorithmus jene Personen, die sich über einen festgelegten Zeitraum in unmittelbarer Nähe aufhielten, verständigt diese und rät zu oben genannter Prozedur bestehend aus Heimquarantäne auf Verdacht samt Haustestung und Abwarten des Ergebnisses. Das Abgleichen der Standortdaten kann automatisch geschehen – ein Erfassen der Nutzerbegegnungen in Selbstverantwortung ist als das Projekt torpedierende Fehlerquelle zu verwerfen. Erkennt der Algorithmus Infektionscluster, so kann er automatisch oder kuratiert von menschlichen Experten unmittelbar Gruppen- oder Gebietswarnungen aussprechen, kann dem Nutzer also mitteilen: Innerhalb deiner Begegnungsgemeinschaft gibt es einen statistisch signifikanten Anstieg von Infektionen – bleib zu Hause, lass dich testen. Oder kann dem Nutzer mitteilen: Innerhalb deines Wohn- und Einkaufsgebiets gab es einen solchen Anstieg, bleib zu Hause, lass dich testen. Kommt es zu einem Infektionsausschlag in Bezirk, Gemeinde oder Region, so kann durch zuständige Behörde oder entsprechende Entscheidungsträger die massenhafte und flächendeckende Quarantäne empfohlen oder gar verordnet werden.
(Halbseidene Wiedergabe eingedampfter Konzepte. Zweifel am Rande: Du siehst die Leute husten und traust ihnen Technik zu? Du siehst Menschen, die zu blöd sind, richtig zu husten, und erwartest von ihnen, klug genug zu sein für eine App? Du tappst in die Falle sinnentstellender Verkürzung. Die Selbstgespräche mit dir werden immer besser. Erst warst du nur Hobby-Virologe, und jetzt bist du Informatiker auch noch.)
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Die vernünftige und gewissenhafte Verwendung einer solchen App würde den permanenten Shutdown für alle und alles mit einem Mal obsolet machen, die autokratischen Maßnahmen auf einen Schlag beenden. Zwar würden wir weiterhin jeweils die Nadel im Heuhaufen suchen, doch wir hockten mit Nachtsichtgerät im abgedunkelten Schuppen, und die Nadel wäre in phosphoreszierende Farbe getaucht.
Das Entwickeln und Implementieren einer solchen App hätte gestern passieren sollen. Es ist nicht passiert. Also muss es heute passieren. Die Instrumente sind vorhanden (Open Source sei Dank.) Die App ist wichtig – und sie ist gefährlich.
Bedenken von Datenschützern sind da erst der Anfang. Wir betreten einen rechtlichen Graubereich, bei dem kaum abzuschätzen sein wird, wo er beginnt und wo er endet. (Dichter Nebel, den wir blind durchstolpern.) Es stellen sich mehr Fragen, als sich beantworten lassen: Wer ist Entwickler und Betreiber und Bereitsteller der App? – private Firma, Staat, Verein oder illustrer Zusammenschluss? Wer trifft Entscheidungen, speist Daten in den Algorithmus ein? Überlassen wir der magischen Maschine gleich selbst das Ruder? Wer weiß wann wo warum wie viel? Wo lagern unsere Daten, wie sind sie geschützt und wer greift aus welchen Gründen darauf zu? Erst tun und danach fragen; oder warten und ohne Antwort bleiben? Welcher Zwang schafft Freiheit? Wohin strebt das Recht? (Das Einfallstor wird geöffnet, ein Grenzstein ohne zurückbleibende Markierung verschoben worden sein.)
*
Bald können wir nicht mehr; und früher noch werden wir nicht mehr wollen. Nach heutiger Verlautbarung darf es bis Ende Juni keine Veranstaltungen geben. Damit ist vielen Kunstorten mit flottem Spruch ein Todesurteil gesprochen. Ende Juni wird noch nicht das Ende sein. Wir tragen Masken in Supermärkten, bald auch in öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Feind lacht uns aus. Wir könnten Schlange sein, und schnappen nicht zu. Die App ist nicht weniger als codegewordener Erfindergeist, in Binärsprache übersetzte menschliche Intelligenz; sie ist, was wir dem Virus voraushaben. Sie als Waffe einzusetzen, wäre Pflicht. (Poetik der Technik; Daten als flüssiges Licht.)
Wir möchten hinaus, unsere Eltern und Freunde und Geschwister besuchen. Wir möchten, dass man uns mit Ernst umarmt. Wir möchten uns im freien Gang verlieren. Alles dürfte weitergehen, alles könnte sein. Wie weh kann Hilfe tun.
Was mir an der technologischen Rettung am meisten Angst macht – ist ihre Sinnhaftigkeit. Ich wünsche mir die App. Und bete, dass sich mein Wunsch nie erfüllt.

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20 Sonntag, 05.04.2020

Im Parlament regiert die autokratische Versuchung.

Die Pressekonferenzen der Kabinettsmitglieder klingen wie der feierliche Abschied von etwas.

Ärzte haben zweierlei Schutzmasken: Beruflich die richtige für ihre Arbeit im Krankenhaus beim Behandeln der Patienten. Und privat die bunt gemusterte Schmähmaske oder Ziermaske aus Stoff beim Einkaufen im Supermarkt, um die Maskenpflicht der Regierung umzusetzen; aus einschichtigem, nicht zertifiziertem Material, das keinen Schutz vor Tröpfcheninfektion bietet.
Die Ärzte wissen, wie sinnlos und verschwenderisch die Maßnahme ist, wie kontraproduktiv sogar, da Kinder und Ahnungslose sich verstärkt ins Gesicht greifen, haben nun jedoch andere Sorgen, als ihre Fachmeinung in den Ring zu werfen gegen ein gefährliches Halbwissen, das um sich greift. (Außerdem schießen sie jetzt ja ohnehin aus dem Boden, die pseudowissenschaftlichen Studien zur positiven Wirkung einer maskierten Allgemeinbevölkerung. Mit einer Plötzlichkeit, die staunen macht. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Unwidersprochen bleibt: Bei richtiger Anwendung ist die Maßnahme sinnvoll; diese wird gewährleistet durch Aufklärung und anhaltende Bewusstmachung. Ich selbst als Brillenschlange bin davon besonders überfordert.)
*
Die Menschen tragen Masken wie Kinder ihr Spielzeug. Beim Aufsetzen werden sie am Vorderteil zurechtgezupft, beim Abnehmen wird sich munter an Nase und Mund gefasst. Die Menschen tragen ihre Masken zu locker oder um neunzig Grad verdreht. Ausgeteilt werden sie beim Eingang mit der groben Semmelzange. Beim Verlassen des Supermarkts werfen die Menschen die Einwegmasken achtlos zu Boden. (Der millionenfache Maskenverschleiß setzt einen originellen Kontrapunkt zum umweltschonenden Lahmlegen des globalen Flugverkehrs.)
Die Maske eines Supermarktangestellten geht nicht über die Nase; jene seines Vaters ebensowenig, mit dem er sich angeregt über Getränke und Brot unterhält. Überhaupt gehen Masken selten über die Nase, oder werden kurzerhand unters Kinn geschoben, um mit jemandem zu plaudern. Maskenpflicht ohne Kontrolle ist wie Gurtpflicht ohne Kontrolle: Wir wickeln uns die Schlaufe dreimal um den Bauch, und dürfen weiterfahren. Aber sind wir deshalb angeschnallt? Maskenpflicht mit Kontrolle wäre ja noch schöner. Schaut rings umher, wohin der Blick sich wendet: Es ist ein gutes Land!
*
Die Masken sitzen allgemein schief. In der Schlange zum Vordermann lasse ich einigen Abstand. Eine junge Frau mit Rucksack schwindelt sich dazwischen und gibt vor, nicht bemerkt zu haben, dass ich der Nächstgereihte war. Wahrscheinlich, denke ich, macht sie das öfter, mogelt sich in diese neu entstandenen Zwischenbereiche. Ich verfluche sie, halte aber still. Habe ich nicht – haben wir alle nicht – andere Sorgen? Die Rucksackfrau ist stark tätowiert. An der Kassa nimmt sie einige Päckchen mit Blumensamen aus dem Drehständer. Blühen darf der Frühling ja. Ein Tattoo schlängelt sich verwegen um den Hals. Sie kommt an die Reihe. Vielleicht geschieht es ohne böse Absicht.

– Ich möchte bitte nicht in deinem depperten Notizbuch vorkommen.
– Okay.
– Versprichst du es mir?
– Mhm.

Die Post ist langsamer geworden. Was früher zwei oder drei Tage brauchte, ist jetzt mehr als eine Woche unterwegs. Doch man kann ihr vertrauen. Ich bin ein großer Freund der Post. Neulich beim unförmigen Buchbrief der Menschensammlerin klebte ein aufschlussreiches Pickerl am Kuvert:
Sehr geehrte Postkundin, sehr geehrter Postkunde!
Die Verpackung Ihrer Sendung wurde leider beim Transport
beschädigt oder verschmutzt, daher haben wir die Verpackung
ausgebessert. Dabei wurden keine Mängel an der Ware festgestellt.
Ihr Qualitätsmanagement der Post

Zum ersten Mal seit Langem wieder in der Filiale einer Bäckereikette. Ich bin der einzige Kunde. Hinter der Theke ist niemand zu sehen. Mein Auge fällt auf eine satt eingeringelte Zimtschnecke. Die Verkäuferin erscheint aus einem Hinterzimmer, legt das Exemplar einer Gratiszeitung weg.
Ich: Nicht viel los heute, oder?
Verkäuferin: Nein, in letzter Zeit nicht.
Ich: Schon auch fad auf Dauer.
Verkäuferin: Naja, solange ich fürs Nichtstun bezahlt werde, passt es mir eh. Ich lese halt den ganzen Tag Zeitung oder – … (wahrscheinlich denkt sie daran, dass sie viel ins Handy starrt.)
Ich: Eine Zimtschnecke, bitte.
Verkäuferin: Einmal eine Zimtschnecke.
Ich: Und mit der Familie?
Verkäuferin: Die Tochter habe ich eh abgeben können.
In der Schule? Bei der Oma? Bei einer Bekannten? Ich spare mir die Nachfrage, denn das geht mich nun wirklich nichts an. Ich bezahle, nehme die verpackte Schnecke am Papierkragen und verabschiede mich. Die Verkäuferin kehrt in ihre Zeitung zurück.
*
Ihr Satz hallt in mir nach: Solange ich fürs Nichtstun bezahlt werde, passt es mir eh. Ja, denke ich, das kann ich mir schon vorstellen, dass es ihr passt, aber wenn sie noch länger fürs Nichtstun bezahlt wird, dann wird es sich nicht mehr lohnen, das Geschäft aufzusperren, und dann wird geschlossen und sie wird entlassen, aber ohne neumodisches Kurzarbeitsmodell, sondern klassisch, einfach so. Und dann wird sie weiterhin nichts tun, aber zu Hause, und auch nicht mehr dafür bezahlt werden. Wenn ich sie wäre, würde ich das Bimmelbammel des eintretenden Kunden herbeisehnen wie einen Schöpfer Wasser in der Wüste.
*
Es handelt sich um das altbekannte Kellner-Paradoxon – ich wundere mich, diesen Begriff nicht genau so in der ökonomischen Fachliteratur aufspüren zu können.
Möglichkeitsraum Alpha: Im Restaurant ist viel los. Der Kellner stöhnt unter der Arbeitsbelastung. Er wünscht sich, dass weniger los ist. Doch allzu fest sollte er es sich nicht wünschen, denn ist zu wenig los, dann wird er früher oder später hier nicht mehr beschäftigt sein.
Möglichkeitsraum Beta: Im Restaurant ist wenig los. Der Kellner freut sich über die geringe Arbeitsbelastung. Er hofft, dass es so bleibt. Doch allzu sehr sollte er es nicht hoffen, denn ist nicht mehr los, dann wird er früher oder später hier nicht mehr beschäftigt sein.
Paradox ist also, dass sich der Kellner über die hohe Arbeitsbelastung ein bisschen mehr freuen und unter der geringen Arbeitsbelastung ein bisschen mehr stöhnen sollte. (Mitberücksichtigt werden muss hier die finanzielle Motivation durch erhöhtes Trinkgeldaufkommen; sofern innerbetrieblich fair abgerechnet und transparent verteilt wird.)
Gut wäre – wo nicht? – die stimmige Balance, das gesunde Mittelmaß: Der Laden brummt, der Kellner wird gefordert und verdient gutes Geld; allerdings bleibt ihm Zeit, zu verschnaufen oder für eine Rauchpause zwischendurch. Ein Plausch mit Stammkunden muss ebenfalls möglich sein. Hochphasen der Betriebsamkeit schaffen nötige Puffer für unvermeidliche Tage der Flaute.
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Man braucht bloß mit ein paar Menschen zu reden, mit einer Handvoll Individuen aus verschiedenen Berufsfeldern und sozialen Schichten (oh, wie viel Unbehagen bereitet mir die Verwendung dieses abfälligen Begriffs!) – ein vielbeschworener Querschnitt der Bevölkerung. Man braucht bloß mit offenen Augen und gespitzten Ohren durch die Gegend zu wandern, und den Leuten neugierig Fragen zu stellen, schon erhält man einen adäquaten Eindruck von gesellschaftlichen Vorgängen und sammelt bereichernde Kommentare aus ungewohnten Perspektiven. Was durch das konsequente Sichten und Einordnen subjektiver Schilderungen möglich wird, sind Hochrechnungen ganz anderer Art, nämlich die emotionale, psychologische, soziologische Hochrechnung. Ihr habe ich mich verschrieben; und beteilige mich so ebenfalls am ernsten Spiel der Kurventandler.
*
Im Schaufenster der Bäckerei saß immer eine alte Frau mit Krücken. Manchmal in Gesellschaft, aber meistens allein. Sie trank einen Kaffee und hatte Zeit. An meinen Arbeitstagen im Büro ging ich morgens vorbei. Wir tauschten einen ahnungslosen Blick. Sie sitzt dort jetzt nicht mehr.

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19 Samstag, 04.04.2020

Schimpfbank oder Bankschimpf – Ein Stadtpark-Monolog:

Entschuldigung, ich möchte ja nichts sagen, aber ich frage mich, ob Sie eigentlich verstehen, worum es hier geht. Warum wir das alles jetzt machen. Weil es doch nicht sein kann, dass Sie ihre Tochter da mit diesem Burschen. Ja, ich weiß, dass es nicht Ihre Schuld war, weil der liebe Herr dort nicht in der Lage ist, seinen Sohn bei sich zu halten. Aber dann liegt es an Ihnen, dass Sie Ihre Tochter da wegtun. Doch, natürlich habe ich das gesehen. Ich habe gesehen, wie dieser Bub dort von der Bank aufgestanden und zu Ihrer Tochter hingelaufen ist. Und Sie haben sie nicht weggezogen von dem Bub, sondern er hat sie angegriffen. Ja, ich weiß, dass das Kinder so machen, aber nicht jetzt. Weil jetzt müssen wir uns gemeinsam daran halten, sonst bringt das alles nichts.
*
Nein, mir ist klar, dass Sie Ihre Tochter nicht anbinden können, aber dann müssen Sie als Mutter in der Lage sein, darauf zu achten, dass sie bei ihnen bleibt. Und wenn Sie das nicht schaffen, dann müssen Sie daheim bleiben. Dann können Sie nicht hinaus. Ja, ich verstehe schon, dass das nicht geht. Aber so geht es auch nicht. Wie bitte? Wie bitte, was? Ich glaube, ich habe mich verhört, das ist unglaublich. Sie haben es einfach nicht verstanden. Natürlich kann Ihrer Tochter nichts passieren, weil sie jung ist und weil Kinder insgesamt nicht gefährdet sind. Aber darum geht es ja nicht. Es geht darum, warum wir alle das machen. Damit die Kette unterbrochen wird. Die Kette! Die Kette! Haben Sie keinen Fernseher und kein Radio und kein Internet? Es geht nicht darum, ob Ihre Tochter krank wird, sondern darum, dass sie es nicht merkt und dass sie es mit sich herumträgt und verbreitet. Und dann wandert es munter weiter, das Virus, der Virus. Wurscht.
*
Eigentlich ist dieser Mann Schuld. Mit seinem Bub. Der hat es auch nicht verstanden. Dass er entweder zu Hause bleiben muss oder dass er seinen Sohn festhält. Der hat ja, glaube ich, Englisch gesprochen, er ist nicht von hier. Aber das ist keine Entschuldigung. Er muss darauf achten, dass sein Sohn nicht zu wildfremden Kindern hinläuft und ihnen ins Gesicht patscht. Ja, wenn er nicht sofort weggegangen wäre, dann hätte ich auch ihm ordentlich die Meinung gesagt. Auf Englisch. Aber wenn es solche Leute gibt, die ihre Kinder frei herumlaufen lassen, dann müssen Sie das wissen und darauf reagieren, und dann müssen Sie Ihre Tochter zu sich herziehen und in Sicherheit bringen. Sozusagen in Sicherheit. Sie sind die Mutter und es ist Ihre Verantwortung. Ich habe Freunde, die sind am Limit. Ich kenne Ärzte. Es ist wichtig, wie wir uns verhalten. Man muss sich bei allem immer den Arzt vorstellen.
*
Sie haben es noch immer nicht verstanden. Genau wegen Leuten wie Ihnen wird das alles immer weitergehen und immer länger dauern. Das ist alles wegen Leuten wie Ihnen, die zu blöd sind und es einfach nicht verstehen. Ich könnte auszucken. Es ist zum Randalieren. Ich halte mich an alles. Ich mache alles mit. Ich bin allein zu Hause, nur jeden zweiten oder dritten Tag gehe ich hinaus. Ja, man darf auf einer Bank sitzen. Man muss Sonne tanken, sonst wird man verrückt. Nein, ich habe die Bank vorher nicht desinfiziert. Das geht doch nicht durch das Sakko. Machen Sie sich bitte nicht lustig über mich. Sie kennen sich einfach nicht aus. Wie oft noch? Es ist eben falsch, dass es Ihre Tochter nicht betrifft, weil sie jung ist. Das ist ja eben der Irrglaube. Das ist der fatale Irrglaube, der uns das Leben kosten wird. Sie verstehen es einfach nicht. Sind Sie so blöd oder tun Sie nur so? Das kann es doch nicht sein.
*
Die Alten und die Vorerkrankten haben einen schweren Verlauf und müssen ins Spital. Wissen Sie, wie viele Intensivbetten wir haben? Wie wenige das sind. Die Alten verstopfen das System. Und wissen Sie, was dann los ist? Wenn Ihrer lieben Tochter irgendetwas passiert, egal was, dann haben Sie ein Problem. Wenn Ihre Tochter in ein Auto läuft, wenn sie von einem Hund gebissen wird – es sind gerade genug unterwegs, ohne Beißkorb, ohne Leine manche auch – und Ihre Tochter greift ja eh zu allem hin, wie bei dem Bub. Wenn Ihre Tochter auf eine Scherbe steigt und dringend genäht werden muss, wenn sie wo dagegenläuft und eine Platzwunde hat, wenn sie irgendwie anders krank wird, Kinder in diesem Alter sind ja so anfällig auf alles. Dann können Sie nicht ins Spital. Dann haben die Krankenhäuser nicht mehr die Kapazitäten, um Ihrer Tochter zu helfen. Es gibt keine Rettung für Ihre Tochter. Haben Sie es dann endlich verstanden? Verstehen Sie es jetzt?
*
Entschuldigung. Das wollte ich nicht. Ich wollte Sie nicht zum Weinen. Ich habe mich nur gefragt, ob Sie es verstehen. Weil so viele Leute verstehen es so schwer. Natürlich wünsche ich mir nicht, dass Ihrer Tochter irgendetwas passiert. Ihr wird auch nichts passieren. Und Intensivbetten haben wir hier eh noch knapp ein Drittel frei. In absoluten Zahlen sind das – gestern war es in den Nachrichten. Vielleicht liegen bei uns allen die Nerven schon ein bisschen blank. Aber wir müssen das jetzt machen. Weil wenn es nicht alle machen, braucht es gar keiner zu machen, weil dann bringt es nichts, und dann geht es immer weiter und dann hört es niemals auf. Und dann sitzen wir noch in zwei Monaten daheim. Und dem Vater von dem Bub, wenn ich ihn sehe, werde ich das auch noch sagen. Damit er es versteht. Vielleicht finde ich ihn. Ich glaube, er ist dort hinten. Auf Englisch. Am besten mache ich es jetzt gleich sofort. Alles Gute. Auch Ihrer Tochter. Bitte. Bleiben Sie gesund.

(So oder so ähnlich aufgeschnappt.)

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18 Freitag, 03.04.2020

Vor Wochen habe ich mich für eine Reihe von hochkarätig besetzten Theaterworkshops beworben. Diese würden verteilt über zwei Jahre in zehn Einheiten stattfinden, bei denen man seine entstehenden Stücktexte mit Theaterarbeitern aus verschiedenen Sparten bespricht. Auch Austausch mit Kollegen wäre vorgesehen. Hätten stattfinden sollen, denke ich, wäre vorgesehen gewesen.
Jetzt frage ich mich, was mir lieber ist: Nicht angenommen werden und wissen, dass es ohnehin egal ist – egal gewesen wäre. Oder angenommen werden und wissen, dass es nicht – jedenfalls nicht in dieser Form – stattfinden wird. Wie interessant und lehrreich hätte es sein können, da teilnehmen zu dürfen: Einzelmonitoring, Stückentwicklungswochen mit Schauspielern und Regisseuren sowie Workshops in und um das szenische Schreiben sind Inhalte der angebotenen vier Semester.
Ich denke allzu negativ. Zwei Jahre – vier Semester –, natürlich wird es in abgewandelter Form stattfinden können. Lass dich nicht verrückt machen, sage ich mir. Und gleich nagt der Zweifel: Staaten, Grenzen, Reisefreiheit; New York, Neu Delhi, Abuja. Wie viel Welt bleibt?
*
Die Einreichung war sehr aufwendig und umfangreich, in meinem Fall über zwanzig Seiten. Eine besondere Schwierigkeit lag darin, eine sehr grundsätzliche Bestandsaufnahme der bisherigen sowie eine Positionsbestimmung der kommenden Arbeit vorzunehmen, was noch dazu in höchst komprimierter Weise zu geschehen hatte.
Die zweite Aufgabenstellung lautete: Stellen Sie in einem kurzen Text Ihren Weg zum Autor dar. Beschreiben Sie auch, was Ihr Schreiben bislang beeinflusst hat, auf welche Vorbilder Sie sich beziehen, was Sie an diesen beeindruckt.
Mein Versuch, diesen Weg als Werdegang mitsamt wichtiger Bezüge auf den vorgegebenen zwei Seiten abzubilden, dabei gleichermaßen persönlich wie literarisch zu bleiben, verlangte mir einiges ab. Sich selbst zusammenfassen auf zwei Seiten, dachte ich. Unmöglich, dachte ich, und legte los:

Die elterliche Bücherwand mit starkem Österreich-Bezug, als jugendlicher Computerspiel-Nerd zunächst eher zaghaftes, dann immer gewagteres Herauspicken erster prägender Autoren: Bernhard, Bachmann, Jelinek (der man nur in pubertärem Überschwang etwas abgewinnen kann), Handke, Rilke, Schnitzler, Zweig. Bald das Ausformen eines eigenen Lektüre-Sensoriums, Camus, Auster, Hesse (natürlich), Houellebecq mit seinem weltschmerzenden Männlichkeitspathos. Ein Lesehunger, eine Buchbesessenheit, die seitdem niemals länger als für ein paar erschöpfte Wochen abgeklungen ist.
Der Impuls – woher? – dem Gelesenen auf eine Weise zu antworten, mit den eigenen bescheidenen sprachlichen Mitteln. Das Bemerken eines Sinns, der darin liegt. Noch keine Vorstellung davon, ob es sich bei diesem gedankenverlorenen Tun denn um eine Tätigkeit handelt, geschweige denn um ein zulässiges Lebensmodell. Keine Künstler in der Familie, auch nicht in der erweiterten, kein Vorbild für ein anderes Leben, das auch möglich ist. (Bernhard sagt: Ich gehe den Alleingang. Von ihm die Konsequenz der Künstlerexistenz und die musikalische Sprache, den schwingenden Rhythmus, den augenzwinkernden Eigensinn.) Schulabbruch des einstigen Musterschülers – nicht als mutiger Akt der Rebellion, keine Entscheidung gegen etwas, sondern die bewusste und wohlüberlegte Entscheidung für etwas, in eine zielführende Richtung, ganz nüchtern und gemäßigt.
*
Intensivierung der Schreibtätigkeit (jetzt ist es das, wenn auch für Jahre nach außen hin schwer zu vermitteln). Erste Veröffentlichungen, ein kleiner Wettbewerb, Verlagskontakt. Heilsames Stürmen gegen Wände. Die Literatur als hermetische Welt, in die man als Außenstehender anmaßend Eintritt verlangt – man steht da wie der Ochs vorm Tor, wie ein kleiner Möchtegern-Franz vor dem Gesetz (Kafka hat mit seiner Türhüterparabel alles über das Leben gesagt – wie so oft.) Jeder Satz und jedes Wort ist Anmaßung: Etwas sagen ist die Behauptung, etwas zu sagen zu haben; etwas schreiben ist die Behauptung, etwas zu schreiben zu haben. Schließlich richtet es sich an andere Menschen, zielt auf ein Publikum ab. Das Teilen einer Selbstbefragung – als Selbstvergewisserung, Selbstvergegenwärtigung; wo es sein soll, auch als Selbstvergessenheit.
*
Ein erster Roman, eine selbstverliebt sprachverspielte Dystopie. Ein Erzählband im fahlen Nachtblau der Stadt. Ein umfangreicher Roman, postmodern und in Teilen geglückt (Orte als Figuren, Berlin bei einem Boxkampf gegen Wien), ein verwirrtes und verworrenes Ebenen- und Zeitenspiel, ein großer Versuch. Daneben über die Jahre verschiedene Nebenjobs – Kinderbetreuung, Crowd Management, Startnummern-Herstellung: schiere Notwendigkeit, liebgewonnen als heilsames Am-Boden-Bleiben, als erstrebenswerte Horizonterweiterung, als gesundes Kontakthalten mit dem vielzitierten echten Leben, um sich nicht zu verbunkern im Elfenbeinturm. (Handke, selbsternannter Bewohner desselben: Von ihm jene Beschreibungspotenz, die er seinen Geistern in Princeton voraus hat.) Dann doch lieber der Umweg übern Sisyphos-Hügel, mit selbstbewusstem Zweifel als solidem Fundament. Das andere Leben ist nicht nur möglich, sondern genauso gut oder schlecht, leicht oder schwierig wie bei allen. Diskrete Stetigkeit – so heißt Oswald Eggers Buch über Poesie und Mathematik (Von ihm bloß diesen Titel, denn das Buch selbst ist leider bis zur Unlesbarkeit verkopft). Beim künstlerischen Werdegang sich einer solchen diskreten Stetigkeit verschreiben: Lieber wachsen wie ein Mammutbaum, gemächlich und beharrlich, als verglühen wie ein Komet mit heißem Schweif. Welch halsbrecherische Zuversicht einen manchmal voranpeitscht.
*
Nach einer unfreiwilligen Veröffentlichungspause der nächste Roman, eine Beschreibungsgeschichte zwischen Wien und Tokyo. Und noch ein Roman, über Zeitreise und die Begegnung mit sich selbst, eine abstrakte Raum-in-Raum-Konstruktion. Dann das autobiographische Vaterbuch, bei dem der Ballast der Fiktion und des Verklausulierens abgeworfen wird. Man muss schon auch präzise fühlen, wenn man sich einbildet, seinen Weg zum Autor gehen zu müssen. (Vielleicht kann man Autor gar nicht sein, sondern nur gewesen sein – im Rückblick erhält alles seine Folgerichtigkeit.) Das Künstlerische als gelassen geschulterte Pflicht. Wie der Baron Münchhausen sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat, so kann man sich auch am eigenen Erzählen aus der Misere schreiben.
Stetes Erobern zusätzlicher literarischer Kontinente: Franzen, Knausgård, Joyce, Pessoa, Proust (Von ihm alles, vor allem die mäandernden Sätze, die schmerzhaft wahren Schilderungen unseres Innenlebens, der Verletzungen und Verwerfungen, die wir sammeln. Wie er jahrelang ein kränkelndes Bettleben führt, sich als Person ganz dem Entstehen seines Werks schenkt). Sich voranbuchstabieren im Alphabet der Ratlosigkeit – was bleibt einem denn auch anderes übrig, als heiter seine Niederlagen zu verwalten. (Anmerkung des Coronatikers der Jetzt-Zeit: Diese Phrase habe ich sehr egozentrisch in der dritten Notiz – Donnerstag, 19.03.2020 – zitiert; zwar kursiv gesetzt, jedoch ohne Quellenangabe. Die Wendung gefällt mir, ich bin stolz darauf. Postmoderne Selbstkommentierung: Der von Ihnen gelesene Satz hat sich selbst und das Lesen des Satzes zum Thema.)
*
Vorsichtiges Hineinspüren in die Theaterarbeit. Plötzlich selbst mitzumachen bei Projekten, versöhnt mich mit dem Theater, mit dem ich jahrelang nur als Leser (Beckett, Pinter, Kane), nicht aber als Zuschauer gute Erfahrungen gemacht habe. Die flüchtige Momentkunst Theater ist mir schleierhaft, ich verstehe sie nicht – sie bleibt mir magisch und nimmt mich doppelt ein. Sie zieht mich an, ich habe ihr etwas zu sagen. Schreiben heißt, etwas gern nicht verstehen. (Paul Nizon sagt: Am Schreiben gehen. Ich bin ein vehementer Bewohner der Republik Nizon. Von ihm die Unbedingtheit der Sprache und die Radikalität der Lebensführung; dass er sein Zürcher Redakteursleben aufgegeben hat, um in Paris Flaneur zu sein – wohlgemerkt auf Kosten der Familie).
Theater als Symbiose zwischen Verstand und Affekt, es entstehen Momente vorübergehender Ewigkeit. Es öffnet mir Räume, wirft neue Fragen auf. Es gilt, auch hier den eigenen Ton zu finden. Die Welt in sich hineinschaufeln, und so etwas aus sich selbst schöpfen, und das Entstandene auf den Weg schicken – zurück in die Welt, aus der es kommt. Gehe ich heute ins Theater, dann bemühe ich mich um einen Randplatz abseits, denn oft möchte ich währenddessen ins Notizbuch mitdichten an den Lippen der Schauspieler. Es ist schon auch die Arbeit des Detektivs, der mit offenen Augen durch die Gegend streunt und gegen Unbekannt ermittelt – aus vollen Zügen produktiv sich wundern.
Es gibt eine lebensbejahende Ratlosigkeit. Der Welt begegnen mit grenzenloser Zuversicht – womit denn sonst? Manchmal, im Lesen eines großen Buches oder im Schreiben eines kleinen Satzes der innere Ausruf: Das ist Literatur!
Vielleicht der Gedanke, dass jeder Moment – jetzt, jetzt und jetzt – der Moment sein könnte, dem man vertraut und an dem man etwas wagt. Ich bin und bleibe ratlos – und koste es mit wachen Sinnen aus.

Die fünfte Aufgabenstellung lautete: Beschreiben Sie kurz drei Impulse, die für Sie zum Ausgangspunkt einer literarischen Arbeit werden könnten. Dafür war lediglich eine Seite veranschlagt. Ich zählte auf:

Begebenheit
Der Vatertod, das Auffinden der Leiche. Anblick und Geruch. Das Fensteröffnen, die Kälte. Die unwillkürliche Versprachlichung der Eindrücke. Die tausend inneren Stimmen, die auf einen einsprechen, die tausend aufblitzenden Bilder. Die Erinnerungen an vor zwanzig Jahren, an vor zehn Jahren, an vor einer Woche. Wann zum letzten Mal miteinander gesprochen? Was bei diesem letzten Mal zu einander gesagt? Die Erschütterung als Ruck, der etwas freisetzt und entfesselt.
*
Begegnung
Tatsachen des Herzens, harte Fakten des Gefühls. Die Zeit – die wenige Zeit – verbringen mit Menschen, bei denen man über sich selbst lachen kann. Das Sprechen über Bücher und Kopfgeburten genauso wie die ausgelassene Blödelei. Gemeinsam kochen, essen, trinken. Ein Spazierengehen, das jeder Jahreszeit etwas abgewinnen kann, der gute Schlaf im Beisein. Der Frieden, den gebrauchten Menschen in Sicherheit zu wissen. Vermissen, verwünschen, das auch. Die schlaflose Sehnsucht nach dem anderen, in dem wir uns erkennen. Geschichten, die vorbeigehen, ohne auserzählt zu sein. Die Nähe zu jemandem, der einen über sich selbst hinauswachsen lässt, bei dem man sich nicht verstellen muss. Jemandem Zuspruch und Halt geben dürfen. Die geteilte Euphorie.
*
Alles
Das Intellektuelle ebenso wie das Emotionale, pendeln zwischen den Polen, alles, eine nachhallende Lektüre-Erfahrung, das besorgte Lesen von Lolita, bei dem das gedankliche Umdichten des Stoffes zu einem Stück geschieht, aus Sicht der titelgebenden Kindfrau, als banales Missbrauchsopfer in einer Männerwelt, auch in literarischer Hinsicht, alles, ein amerikanischer Podcast über nach Afghanistan verschiffte Milizsoldaten, großteils mittelständische Familienväter, die überfordert sind und ins Gras beißen, aus dem ein Drehbuch-Entwurf wird, alles, die Folge einer Reality-Show mit einem britischen Fernsehkoch, die Reality TV als Genre auf den Punkt bringt, aus der die Idee einer akribischen, buchlangen Nacherzählung keimt, alles, das schlaflose Bezirkdurchstreunen in der Nacht, aus der man sich Gedichte pflückt, alles, das jahrelange Plasmaspenden gegen Geld, aus dem der Roman Plasma wird über die Studentin Kim, der nie das Licht der Welt erblickt, alles, wissen, wohin man gehört, und wenn man es nicht weiß, es tragen, alles, die Ereignisse und Aussagen in der Stadt-, Innen- und Weltpolitik, das unbedingte Festhalten an einer Integrität, die vehement eingefordert werden muss, alles, wie schade, dass wir nicht viele Leben führen können, eines für jeden Menschen, der wir sind, aber wie schön, dass wir immerhin dieses eine führen dürfen, aus dem man nie schlau werden soll – alles.

Hier endet der Einblick in meine Bewerbung. Viele unserer Hoffnungen und Ziele sind eine Reise in die Zukunft der Vergangenheit. Denn jene Zukunft, die sich von unserer Gegenwart ableitet, wird eine andere sein.

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17 Donnerstag, 02.04.2020

Heute ist der Flakturm wieder besonders groß.

Was kramt so stur im Busch? – Die astelnde Amsel.

Unerbittlicher Begriff: Spaziergehtourismus

Neues Schimpfwort, das sich durchsetzen wird: Heast, du Kitzloch!

Eine studierte klassische Philologin weist mich darauf hin, es heiße das Virus und nicht der Virus. Ich antworte der studierten klassischen Philologin, dass ich dieser Frage bereits nachgegangen sei und folgendes herausgefunden habe:
Als Fachbegriff habe besagter Krankheitserreger zunächst als das Virus Eingang in die deutsche Sprache gefunden. Das sei typisch für bildungssprachliche Entlehnungen: Sie behielten zunächst ihr ursprüngliches Geschlecht bei. Mediziner und Seuchenspezialisten hätten Virus also als Substantiv sächlichen Geschlechts verwendet und seien damit sehr nahe am lateinischen Ursprung geblieben: Mit dem sächlichen Hauptwort virus hätten die alten Römer Schleim, Saft oder Gift bezeichnet.
Doch wie ein Virus passe sich auch eine bildungssprachliche Entlehnung allmäglich an ihre neue Umgebung an. Je häufiger sie in der Alltagssprache verwendet würde, desto eher werde ihr Geschlecht dem angepasst, was gewohnt und üblich klinge. Da Substantive auf -us meist männlich wären, sei das Virus allmählich zu der Virus geworden. Heute würden in der Alltagssprache beide Formen nebeneinander existieren und beide als korrekt gelten. In der Fachsprache dagegen sei es bei der ursprünglich sächlichen Form geblieben: das Virus.
(Um den Inhalt des von mir verschickten Links wiederzugeben, habe ich hier schamlos Satz für Satz kopiert und beflissen in den Konjunktiv gesetzt.) Ich erkläre der studierten klassischen Philologin, dass bei der Zeitung, für die sie arbeite, natürlich die Fachsprache zur Anwendung komme; ich selbst jedoch sei ein Mann des Volkes. Die studierte klassische Philologin resümiert: das duden ist ein lügnerin. Hier endet meine Schlagfertigkeit.

Kurzgedichte auf einer ansonsten leeren Buchseite sind ansprechend einsam.

Und aus dem heimgetragenen Papiersackerl glotzt der Sellerieschopf – wie in einem amerikanischen Film als Versinnbildlichung des gediegenen Mittelstands mit Wohnsitz in der beschaulichen Vorstadtnachbarschaft.

Ich erhalte einen Buchbrief. Er kommt von der Menschensammlerin – die verbunden ist mit anderen vieler Länder. Sie knüpft an einem Menschengeflecht im guten Sinne, es entstehen starke Bande, die nun, da sie strapaziert werden, nur umso stärker werden. Sie ist da für andere, und manchmal für sich selbst.
Dem Brief sind zwei wichtige Bücher beigelegt. Sie kommen zu mir zurück und werden der lockeren Ordnung meines Regals einverleibt. Eines der zwei Bücher ist schön zerlesen, was mich freut; am Eck randet es aus, subtiler Wasserschaden. Die Menschensammlerin war davon angetan und hat es in Rucksack oder Handtasche mit sich spazieren geführt. Dass es ein Geschenk war, konnte sie nicht wissen. Ein drittes Buch ist dabei, über kreatives Bügeln und die Routine des Schreibens; mit orangefarbenem Lesebändchen. Das Bügelbuch ist hosentaschengroß. Es schmeichelt der Hand.
Der Brief selbst hat einen schwarzen Trauerrand – ein herrlich makaberes Detail, wenn auch etwas verfrüht. Das Geschriebene ist ehrlich und aufmunternd. Ein Frontbrief, denke ich.

Lektorin Merle berichtet von einer frisch verwitweten Nachbarin, die jetzt, direkt nach dem Verlust des Ehemannes, allein in ihrer Wohnung hockt – in doppelter Hinsicht auf sich zurückgeworfen. Der brave Enkel bringt regelmäßig Einkäufe vorbei. Richtig besuchen kann er sie nicht. Alleinsein ist eine Frage des Durchhaltens – und Durchhalten eine Frage des Alleinseins.

Mein Arzt-Freund sagt, er habe siebenunddreißig Stunden Hacke hinter sich; das Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz sei de facto orbanisiert. Später bekennt er, sich verschrieben zu haben und korrigiert: Es seien nur dreiunddreißig gewesen. Aber zach genug.

Kein Geld ausgeben ist eine valide Form der Freizeitgestaltung.

Duftende Fundsache am Badewannenrand:
blütenwasser
& PFLEGEKOMPLEX
HYDRO
PFLEGEDUSCHE
SHOWER GEL
MAGNOLIENBLÜTE
& MANDELMILCH
normale bis trockene Haut

Eines muss man sagen: Schrecklich interessant ist das alles ja schon.

Und wieder stimmt die Nacht.

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16 Mittwoch, 01.04.2020

Kafkas Fragment Der große Schwimmer handelt von einem Mann, der mit dem Auto in seine vermeintliche Heimatstadt zurückgebracht wird. Er landet an einem fremden Ort, wo er von ihm unbekannten Leuten für einen Weltrekord geehrt werden soll. Er lauscht einer Rede in einer ihm kaum verständlichen Sprache – gehalten von einem dicken Mann mit auffallend weißem Gesicht. Der Schwimmer gibt von sich aus zu bedenken, dass womöglich eine Verwechslung vorliege, geht dann jedoch achtlos darüber hinweg. (Es ist eine altbekannte Lebenswahrheit, dass wir uns irgendwann selbst für denjenigen halten, für den man uns hält.) Er bekennt, nicht schwimmen zu können, reklamiert den Rekord allerdings einverstanden für sich. Der Schwimmer wirkt unbekümmert ratlos.
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Erinnert habe ich mich an die Geschichte anders, nämlich so: Ein Mann gewinnt landauf landab jedes Wettschwimmen. Er kam aus dem Nichts, und strampelt jedes Mal durchs Becken in einem wüsten, ungeschlachten Stil, wie man ihn noch nie gesehen hat. Es ist eine Sensation, die nach und nach stutzig macht. Eines Tages, bei der großen Siegerehrung, fragt ihn die aufgeregt versammelte Presse nach seinem Geheimnis. Der Mann sagt beschämt: Ich kann nicht schwimmen. Er strample einfach jedes Mal in Panik zur anderen Seite, um nicht zu ertrinken. Sein Trainer schmeiße ihn herzlos ins Wasser, als sei er ein Zirkustier, mit dem sich gut verdienen lasse. Vielleicht fleht er noch: Bitte helft mir. Rettet mich! Die Leute sind nur mäßig irritiert, ihrer Bewunderung tut dies keinen Abbruch.
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Meine Version gefällt mir in ihrer Unerbittlichkeit wesentlich besser. Vielleicht habe ich sie geträumt. Es ist die beste Kafka-Geschichte, die nie geschrieben wurde. Ich hoffe, er macht sich möglichst bald an die Arbeit.
(Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese eindringliche Analogie auf meinem Mist gewachsen sein soll; sie muss in einem Buch, einer Geschichte vorkommen und bei mir hängengeblieben sein. Sie bringt es einfach zu sehr auf den Punkt: Wir alle sind dieser große Schwimmer – im Arbeiten, im Lieben, in allem. Wir gewinnen um unser Leben.)

Wolfgang Herrndorfs Sterbensblog Arbeit und Struktur habe ich damals nur sporadisch gelesen.

Jemandem, mit dem man im sozialen Netzwerk nicht befreundet ist, für seinen Beitrag einen Fremdlike geben.

Überschrift eines dubiosen Online-Portals:
COVID-19-Patient: „Nicht atmen zu können, ist ein schreckliches Gefühl“
Man lernt nie aus.

Die vorvergilbten Plakate abgesagter Konzerte werben für eine ganz eigene Melancholie.

Selbst unter der Woche ist alles sonntagshaft entschleunigt.

Im Arenbergpark sind die Eingangstore zum Spielplatz mit rot-weiß-rotem Signalband verhängt. Es ist schleißig befestigt, was nicht sehr professionell wirkt und wenig vertrauenerweckend ist. (Wer war hier zuständig, frage ich mich, etwa das Stadtgartenamt? Wohl eilig rekrutierte Hilfsarbeiter.) Die Spielgeräte sind umschmachtet von Kindern, die mit sehnsuchtsvollen Blicken patroullieren. Letzten Monat ging es noch – oder war es letzte Woche? Ach, was ist schon Zeit.
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Ein Haubenbub läuft seinem Ball nach, den er erst beim Zaun einholen kann. Er stellt sich davor, umgreift die Gitterstäbe. Er ist noch ganz klein und kann seinen Frust kaum in Worte fassen. Ich weiß, sagt seine Mutter, das ist blöd. Hoffentlich macht der Spielplatz bald wieder auf.
Er hält die Stäbe fest in seiner Faust und quetscht sie ein bisschen vor Hass. Ein von seiner Freude ausgesperrtes Kind, denke ich. Beinah will ich sagen: Da ist etwas kaputt, das wird jetzt repariert. Vielleicht hilft das, zu verstehen. Doch ich lasse es sein.
Die Mutter schupft den Ball zurück ins Gras. Komm, sagt sie, spielen wir ein bisschen in die andere Richtung, da musst du dir nicht die ganze Zeit den traurigen Spielplatz anschauen. Der Haubenbub löst sich vom Zaun. Er ist fixiert auf den Ball und würde ihm überallhin blind folgen.
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Die Menschen sind müde und still. Dabei sind sie ernst. Gerade Ältere verharren auf ihrer Bank wie Statuen, und lächeln die Sonne an. Sie lassen sich von ihr ausbrüten zu neuen Menschen. Selten habe ich jemanden etwas so genießen sehen. Man ist müde und rastet sich aus. Zu Hause geht man sich selbst auf die Nerven.
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Wir gehen unsere Runden, setzen einen Schritt vor den nächsten und wählen jeden einzelnen mit großem Bedacht. Wir sind die Bewohner – Insassen? – eines Sanatoriums. Ja, denke ich, wir sind Patienten, erholen uns vom Ringen mit einer schleichenden Krankheit. Der langsame Verlauf sickert ein durch die Ritzen der Tage. Zwischen den Behandlungseinheiten und der Ruhezeit im Zimmer dürfen wir uns manchmal die Beine vertreten; unter gewissen Auflagen, versteht sich, und unter strenger Supervision des eigens hierfür speziell geschulten Personals. Frische Luft ist bekanntlich gesund; Geregeltes Beinevertreten kann den Heilungsprozess der Patientin um bis zu fünfundzwanzig Prozent beschleunigen.
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Einzelne Eltern sind mit Kleinkind unterwegs. Es ist schwierig zu verstehen. Im Gras und auf den Bänken sind Nester mit jeweils zwei Menschen, immer das eingespielte Duo aus Erwachsenem und Kind. Unter normalen Umständen würde man sich austauschen, den Nachwuchs zum gemeinsamen Spielen animieren. Man hat sich viel Mühe gegeben, ihn zur vorurteilsfreien Begegnung zu erziehen und wünscht sich nun die – sorgsam ausgetriebene – Kontaktscheu zurück. Wie soll man auch verstehen, den anderen zu meiden, wo er doch so einladend allein ist und schaut.
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Eine andere Mutter mit anderem Kind, einer Tochter. Sie kann gerade erst gehen, und dazu mit viel Spucke brabbeln. Sie ist ziemlich begeistert von diesem Gehen, das alle so stolz mit der Handykamera filmten; ihre neu erlangte Fertigkeit will nun gezielt und ausgiebig erprobt sein – zum Leidwesen der Mutter, die wirkt reichlich abgekämpft. Zu allem geht die Kleine hin, so wie sie vorher wohl alles in den Mund gesteckt hat. Ich studiere die Nuancen der Bewegung.
Sobald die Tochter eine Richtung einschlägt, stellt sich ihr die Mutter – frohlockend, denn es ist ein großes Spiel – unmerklich in den Weg. So lenkt sie die Pfade des Kindes. Ansatzweise ist es das Hampelmann-Wischen des gesamten Körper, wie bei Manndeckung – Fraudeckung – im Sport. Ihre moves kommen mir sehr vertraut vor. Vielleicht hat sie ja einmal Handball gespielt. Auch der Blick wird von der Mutter ebenso diskret wie akribisch gelenkt: die Kindesaugen sollen nicht zu lang auf Mitmenschen verweilen, vor allem nicht auf Gleichaltrigen. Irgendjemand könnte ja zu interessant sein. Die Tochter schafft am Baum eine Wurzel.
Es ist zur Mutterpflicht geworden, das eigene Kind vor der Welt zu schützen; und die Welt vor dem eigenen Kind.

Da liest wer einen Reiseführer – das ist die richtige Einstellung!

Ein Mann mit stattlichem Bauch sehr pointiert über die wirtschaftlich prekäre Lage von Blumengeschäften: Des könnens jetz alle wegschmeißen, den Schas.

Nachhilfe oder Klavierstunden geschehen über Videocall. Es funktioniert erstaunlich gut – bei entsprechender Verbindung, die nicht zwischendurch abreißt. Viele Schüler sind recht motiviert, denn all den Stubenhockern – vom Unterricht befreit und auf Echtfreundentzug –, ist zu Hause ja auch schon ur fad. Exzessives Videospielen trägt nur eine gewisse Zeit. So klimpern wir bemüht unseren Chopin, jonglieren mit echten oder unechten Brüchen und suchen einen gemeinsamen Nenner.

Unverändertes Originalzitat einer niederländischen Zypriotin:
Hast du dir eh schon eine Maske genäht? Ich hätte sonst eine ganz einfache Anleitung, basierend auf einer Unterhose. (Ein Satz, für den man noch vor wenigen Wochen ins Irrenhaus gekommen wäre.)

Erster Tag der nach und nach Einzug haltenden Maskenpflicht. Im Supermarkt ist weniger los als befürchtet. Beim Eingang stellt man sich für Masken an. Diese werden einem von einer Angestellten mit Zange aus einer offenen Schachtel gereicht. (Sterile Vorgehensweise?) Nun muss man die Einwegmaske – mit ungewaschenen Händen – anlegen, was ich ebenfalls für nicht ganz ausgereift halte. Die Austeilerin erinnert an eine Flugbegleiterin, die einem das heiße Tuch reicht, mit dem man sich zur Erfrischung das Gesicht betupft. Kurz bin ich verwirrt. Dann lege ich schafsbrav die Maske an. Beim Atmen beschlägt meine Brille. (An uns Brillenträger denkt bei all dem wieder niemand.)
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Die meisten Menschen verfügen nicht über die kognitiven und motorischen Fähigkeiten, eine Mund-Nasen-Schutzmaske korrekt anzulegen, zu tragen oder zu entsorgen. Ich sehe verrutschte und verschobene Masken; Leute greifen sich direkt darauf oder ziehen sie hinunter, um ins Offene zu husten. Aufgeweckte Kinder sausen maskenlos durch die Gänge, und ich denke nach über Details der Regelung – die ich später in Erfahrung bringen möchte.
Die Weltgesundheitsorganisation sieht im allgemeinen Mundschutztragen der Bevölkerung keinerlei Nutzen für die Eindämmung von Pandemien; rät davon sogar ab, da viele ein falsches Sicherheitsgefühl bekommen und sich zu weniger vorsichtigem Alltagsverhalten hinreißen lassen könnten. Es existiert keine wissenschaftliche Studie, die den Beweis einer positiven Wirkung erbringt. Irgendwo lacht jemand, dass wir uns für nix zu blöd sind.
Die ausgedachte Maskenpflicht wirkt wie eine weitere Eskalationsstufe einer perfiden Beschäftigungstherapie; wir bekommen immer komplexere Aufgaben, dürfen regelmäßig neue Verhaltensweisen einstudieren und verinnerlichen. Und kaum fragen wir uns noch, wie uns geschieht – sind die seltsamen Zeiten auch schon wieder vorbei.
Vielleicht wissen die Politiker sehr genau, was sie tun.

Kafka selbst war ein Fragment, die vage Skizze einer Person seines Namens.