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35 Montag, 20.04.2020

In Antwerpen sollen Hafenarbeiter sogenannte Abstandswarner tragen. Dabei handelt es sich um Armbänder, die beim Unterschreiten der empfohlenen Mindestdistanz zu den Kollegen Alarm schlagen. Führt die Technik an den Schleusenanlagen zu einem zufriedenstellenden Ergebnis, wird sie bald auch auf den Schleppern der Hafengesellschaft eingesetzt.

Das verlockende Angebot eines Fremden:
Dear,
I am Mr. Benson Eden, a banker by profession and currently holds the position of Chief Auditor in our bank, I have the ability to transfer unclaimed fund of $25.7 million that belong to one of our late customer, who died some years ago. He was an independent oil merchant in my country & the bank has put the fund in an escrow account waiting for his next of kin to come for the claim because he died together with the wife and the only daughter who are supposed to have inherit his fund. The bank management will share this fund if no one comes after a period of time. I can’t do it alone because my late customer was a foreigner. So declare your interest to assist me so I can send you the detail message my private email: (Adresse)
We are waiting for your Response.
Regards and God Bless,
Benson Eden

Weltabgewandtheit und Weltzugewandtheit halten sich reizvoll die Waage.

Das sieht hier so ähnlich aus wie dieser eine Platz in dieser einen Stadt. Aber ich will nicht zu sehr ins Detail gehen.

Ein Jugendlicher sagt beim Familienspaziergang zu seinen Eltern: Die Ampel dauert ewig. Dafür erntet er gelangweiltes Schulterzucken. Er drückt leicht trotzig auf den Ampelknopf und wartet es ihnen vor.

Ein Punk spricht mit sich selbst, oder eher mit der Luft. Dabei sitzt er auf der Terrassenstufe einer Bäckerei. Er hat einen tomatenroten Kopf, wahrscheinlich vom Trinken, und wird sich bei etwas nicht einig. Es ist ein begeistertes Streitgespräch.

Eine Frau nimmt ein Stück Küchenrolle und wischt ihrem wohlgenährten Spitz den Hintern ab. Es hat sich wohl ein Kotknödelchen verfangen im Arschfell. Während dieser unwürdigen Prozedur schaut der Hund gemächlich vor sich hin und beurteilt die vorbeihuschenden Waden. Er ist sich seiner Scheiße nicht bewusst.

Im Gesicht des vollbärtigen Riesen wirkt die kleine Maske seltsam deplatziert, wie ein winziger Fetzen Stoff, der notdürftig die Scham einer sich in der Sonne räkelnden Badenixe bedeckt. Der Mann geht vorbei, und mit ihm die Seltsamkeit.

Ein Motorradfahrer ruft wütend Hey!, denn beinah ist er in einen nicht sehr umsichtig ausparkenden Wagen gekracht. Das Bremsmanöver brachte ihn ins Schlingern, nur knapp konnte Gröberes verhindert werden. Der Wagenlenker setzt eine Unschuldsmiene auf und biegt links ab.

Ein alter Mann geht so gekrümmt, dass sein Blick auf die eigenen Schuhe gerichtet ist. Nur manchmal hebt er angestrengt den Kopf, um die eingeschlagene Richtung zu kontrollieren. Er trägt ein kariertes Sakko und eine einfärbige Masche. Das muss reichen.

Ich stehe auf der Straße und warte auf jemanden, der nicht kommt. Niemand kommt mehr. Ich bemühe mich um die Versprachlichung eines Gedankens, der mir auf der Zunge liegt. Es ist ganz einfach: Gestern war Sonntag, heute ist Montag, und morgen wird Dienstag sein. Mehr braucht man nicht zu wissen. So einfach, dass wir es kaum glauben wollen. Ich stehe auf der anderen Seite des Windes und in der Mitte der Zeit.

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34 Sonntag, 19.04.2020

Schreib etwas Leichtfüßiges, sage ich mir, wie hingemalt in Aquarell, mit feinem Pinselstrich. So wie Farben können auch gelesene Worte verdünnt sein, und dadurch leise, aber stark in sich. Etwas Erbauliches, stimme ich mir zu, etwas, das den Leuten den Tag retten kann, sie tröstet und erheitert und stützt. Ist gut, denke ich, einen Versuch wäre es wert. Ich gebe keine Garantie ab, werde aber mein Bestes tun. Das verspreche ich mir feierlich. Dann nehme ich Anlauf und springe jauchzend ins Nichts.

Die Grundmüdigkeit ist erweitert um eine Zusatzmüdigkeit, die einem eine wieder neue Geschichte erzählt.

Am späten Samstagnachmittag durchs Einkaufszentrum schlendern und nichts kaufen, nicht einmal ein Getränk oder einen Snack. Auch Geschäfte betreten und die Reihen mit Produkten abgehen wie man eine Parade abnimmt, dann sich aber mit erhobenen Händen bei der Kassa vorbeidrücken und sagen, dass man nichts hat. Die Müdigkeit der Angestellten registrieren, die manchmal eine Niedergeschlagenheit ist. Sich wundern über die Konsumfreude der Leute, aber auch Ehrfurcht haben vor der Geschäftigkeit unserer Spezies. Was man alles jederzeit kaufen kann und woher in der Welt es herangeschafft wird. Die Jugendgruppen misstrauisch beäugen, wie sie auf Frauenkörper stieren und sich dabei auffordernd in die Seite stoßen. Sich im schweigenden Umgebensein mit Artgenossen zu Hause fühlen, allein mit sich als Mensch unter Menschen.

Sich mit seinen Rückschlägen verbünden als unerbittliche Lehrmeister.

Im Katastrophenfilm Twister brettern die Wirbelsturmforscher mit durchgetretenem Gaspedal ins Auge des Orkans. Sie tun alles für umfangreichere und präzisere Messdaten, verschreiben sich ganz dem Ziel, bessere Vorhersagen zu treffen. Sie gehören einer Idee. Das hat mich damals sehr beeindruckt. Zwischendurch werden Scheidungspapiere nicht unterzeichnet.
(Mein selbstauferlegter Zeitdruck verunmöglicht eine tiefergehende Recherche, gar das Anschauen des gesamten Films, um treffende Zitate oder andere Eindrücke herauszuklauben. Oft ist es in künstlerischer oder kreativer Hinsicht ohnehin zielführender, sich an etwas ein bisschen falsch zu erinnern, sich eine Geschichte oder Aussage unbewusst zurechtzuerinnern, wie es einem fürs jeweilige Projekt eben gerade nützlich erscheint. Mit journalistischen Standards natürlich wäre eine solche Herangehensweise nicht vereinbar.) Es gibt Bilder.
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Im Plasmazentrum herrscht Minimalbetrieb. Direkt nach dem Eingang gibt es einen Checkpoint mit Desinfektionsmittel-Spender. Eine Angestellte erklärt die neuen Verhaltensregeln und fragt letzte Auslandsaufenthalte ab, dabei macht sie Häkchen am Klemmbrett-Formular. Sie misst auch die Temperatur. (Die letztjährige Umstellung von Ohr-Thermometer auf Stirn-Thermometer geschah in weiser Voraussicht.) Ein Mann beantwortet flüsternd ihre Fragen. Können Viren denn neuerdings durch Schall übertragen werden?
Die wenigen noch verbliebenen Sessel stehen weit auseinander im Raum verteilt, sodass zwischen den Wartenden zwei bis drei Meter sind. Eine geschlossene Sesselreihe fungiert als Abstandswahrer vor dem Empfangstresen, was etwas sehr Ungemütliches hat. (Der Anblick erinnert an eine Taubenabwehr, wie sie an exponierten Stellen von Hausfassaden montiert sind.) Im jeweiligen Ausschnitt des Schalters wurden Plexiglasscheiben mit Durchreiche montiert, die das Gesagte stark dämpfen. Es gibt Verständigungsprobleme. (Das Glas dient auch als Spuckschutz.)
Eine Dame in Zivil – von der Betreiberfirma – trägt munter Sessel auf und ab, eröffnet zusätzliche Stapel oder schichtet vorhandene um. Anscheinend hat sie für sich selbst die Regel erfunden, dass als Trenner nur ungepolsterte Sessel verwendet werden dürfen, und als Sitzgelegenheit nur gepolsterte. Das ist eine schöne Idee. So zieht sich ein roter Faden durch die Sessellandschaft.
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Jedes Jahr am 19. September findet in Mexiko eine landesweite Erdbeben-Übung statt. Am 19. September 2017 gibt es zwei Stunden nach Beginn der Übung, gegen 13:00, ein echtes Erdbeben. Sein Epizentrum liegt 55 km südlich von Puebla, es dauert 20 Sekunden und erreicht eine Stärke von 7,1 auf der Momenten-Magnituden-Skala (die Richterskala endet bei 6,5). 370 Menschen kommen ums Leben, über 6 000 werden verletzt. Das Puebla-Erdbeben ereignet sich am 32. Jahrestag des Mexico City-Erdbebens von 1985, bei dem ungefähr 10 000 Menschen ums Leben kamen. Die jährliche Übung erinnert an dieses Beben und wird traditionell um 11 Uhr angesetzt, zwei Stunden bevor damals die Welt an ihrer Achse rüttelte – um 13:00. Es gibt Zufälle.
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Der Kreislaufschwindel und das Lippenkribbeln und das Magengrummeln sind wie eine Droge, unter deren Einfluss man vernachlässigte Bereiche seines Gehirns neu entdecken oder anders nutzen kann. Man kommt auf überraschende Ideen; und findet für jene, die man bereits hatte, plötzlich klare Worte. Blut ist sprachlos.
Wie bei einer großen Flüchtlingsbewegung erhöht sich auch bei einer Wirtschaftskrise der Druck auf unqualifizierte Arbeitskräfte. Will man Vorgänge der Gesellschaft in ihrer Tragweite erfassen, ist es hilfreich, sich an ihre Sollbruchstellen zu begeben, um sich selbst ein Bild zu machen. Für monotone, geistlose Hilfsarbeit wird die Nachfrage steigen; das Angebot jedoch wird stagnieren. Man braucht nicht mehr Erntehelfer, als es Spargel gibt.
Die – anfangs unmerklichen – Veränderungen mit wachen Sinnen zu begleiten, kann oft lehrreicher sein, als so manches schale Semester irgendeines wichtigen Faches mit zusammengesetztem Namen; als das sterile Pauken universitärer Leselisten. (Ins Leben lesen – oder am Leben vorbei.)
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Für angepasste Büromenschen hat die Existenz eine greifbare Regelmäßigkeit. Sie wissen, wie es mit ihnen weitergeht, kennen jedenfalls die ungefähre Richtung. Mit welcher Zielgerichtetheit und Rasanz natürlich wissen sie nicht. Ein Ausscheren aus diesem vorgetretenen Pfad kann eine große Erleichterung sein, wie ein Urlaub von sich selbst. Büromenschen suchen das Knistern der Gefahr, den Kitzel des Verbotenen, zum Beispiel verbringen sie nach Cocktailbar und Tanzlokal die Nacht in fremden Betten oder verfallen Extremsportarten. Es gibt Fragen.
Wohin wir streben, ist das Epizentrum des Lebens. Jeder für sich begeben wir uns auf die Suche danach, mal sehenden Auges, mal blind fürs eigene Handeln. Ist es nicht unser innerster Wesenskern, alles daran zu setzen, eben nicht abseits der Existenz zu stehen, sondern mitten hinein zu treten? Nur kein stummer Zeuge der eigenen Lebensschilderung sein, sondern teilhabender Protagonist.
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Die neuen Promo-Videos sind gelungen. Bild eines lächelnden Kindes. Dazu eingeblendet: Jede Ihrer Spenden rettet Leben. Hinweisschilder ermahnen, sich beim Sprechen abzuwenden sowie kurz und prägnant auf Fragen einzugehen. Wir bitten dich, während der Spende NICHT Kaugummi zu kauen. Dieser könnte bei Unwohlsein in die Luftröhre gelangen. Kotzende Menschen sind kein schöner Anblick. (Als Wiedergutmachung erhält man ein T-Shirt mit dem verhaltenen Logo des Mutterkonzerns.) Während der Venenpunktion bitte nicht sprechen und den Kopf zur Seite drehen. Wie groß war die Erleichterung, als damals die Plasmapheresegeräte einer neuen Generation angeschafft wurden; mit selteneren und gedämpften Signaltönen. (Von all dem Piepen und Fiepen ist man doch halb wahnsinnig geworden.)
Im Spendesaal herrscht keine Maskenpflicht. Lediglich die Mitarbeiter – liebevoll Abzapfer getauft – haben einen Tröpfchenschutz aus transparentem Kunststoff. Eine – die kurzhaarige Strenge – erklärt, dass als Spender gar keine Maske getragen werden dürfe, weil man da zu wenig Luft bekomme. (Später ein Rundmail zur Einführung der Maskenpflicht. Und Luft?) Schräg gegenüber nimmt eine Erstspenderin Platz. Die Regeln sind einfach: Essen verboten, trinken erlaubt. (Im behäbigen Pullovergrau ruht flach ein satter Busen.) Neuerdings werden die Liegen mit feuchten Tüchern desinfiziert.
Besteht eine wie auch immer geartete Notwendigkeit? Was im Leben ist schon notwendig? Für das meiste gibt es zwei, drei, viele Lösungsmöglichkeiten. Blut ist einfach.
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Hier befindet sich ein solches Epizentrum, wird eine Grundressource des kommenden Impfstoffs gewonnen – Antikörper. Genesene Corona-Patienten werden gezielt angeworben oder von Spitalsärzten vermittelt. In manchen Ländern dient das direkte Zuführen von Antikörper-Plasma als experimentelle Behandlungsmethode. Glaubwürdige Studien zur Wirksamkeit dieser umstrittenen Vorgehensweise gibt es zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht. Und auch reguläre Plasmaproteine erfüllen weiterhin ihren Zweck, werden doch aus ihnen Arzneimittel oder Fibrinkleber zum Wundverschluss hergestellt. Blut ist warm.
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Im Echtzeitstrategiespiel StarCraft sind es Mineralien und Vespin-Gas, diese können von speziellen Einheiten abgebaut werden. Außerdem gibt es Supply, das im Deutschen mit Versorgung nur unzulänglich übersetzt ist und den Maximalwert der möglichen Truppenstärke angibt; bei den Terranern jedenfalls Supply, bei den Protoss Psi, bei den Zerg Control genannt. Gesteigert wird die Ressource durch den Bau bestimmter Einheiten oder Gebäude. In den Titeln der Echtzeitstrategiespiel-Reihe Command & Conquer fungieren als Grundressourcen Credits – gewonnen aus den außerirdischen Tiberiumkristallen –, sowie Energy, deren Level durch den Bau von Kraftwerken erhöht werden kann. Es gibt Muster.
Wir Menschen tun gut daran, uns hin und wieder zu erinnern, dass auch wir selbst in mancherlei Hinsicht kaum mehr sind als schiere Anbaufelder und Behältnisse für Substanzen. Unser Körpergewicht entscheidet über die vorhandene Kapazität. Es ist möglich, die konkreten Handgriffe des Gesellschaftssystems zu beobachten, während sie an uns verrichtet werden. Blut ist wahr.
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Es gibt Zufälle und Muster. Die Welt ist aufgespalten in mehrere Wirklichkeiten, die stur mit sich ringen. Sie entscheiden, was innerhalb unserer Wahrnehmung geschieht. Deshalb sind wir hier: Eindrucksatt, schwindlig vor Bildern und Fragen weiterzutaumeln – aus dem Leben ins Leben.

Die U-Bahn ist mein Ort. Wie beim Einsteigen das Schultaschenmädchen zur alten Frau mit einiger Bestimmtheit sagt: Sie zuerst! Wie man in den Gesichtern der Menschen ungefähr ablesen kann, wohin sie unterwegs sind, ob zu einem freudigen Ereignis oder einer schalen Pflicht. Wie das Studieren der Menschengesichter eine ganz eigene Wachsamkeit braucht – und verspricht. Wie man einer unter vielen ist, und in der Masse verschwindet. Wie man den Rucksack kontrolliert, ob alle Reißverschlüsse zu sind. Wie die Fenster im Tunnel zu Spiegeln werden, in dem sich die Mädchen kontrollieren: das schnutige Missfallen der Lippe, die dreiste Schräge der Frisur, das kecke Flattern der Wimpern. Wie mit einem Ruck die Tür aufgeht und man den Wartenden gegenübersteht zum Ein- und Ausstiegsduell. Wie man einem glatten Beinpaar folgt, zwar nicht blind, aber gebannt. Die U-Bahn war mein Ort. Ist sie es noch?

Eben habe ich den Halbzeitpfiff für die Menschheit gehört.

Wieder verlernen, erwachsen zu sein.

Aber was atmet die Luft?

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33 Samstag, 18.04.2020

Die Simulation unserer Wirklichkeit ist derart perfide, dass jene, die sie als solche erkennen und entlarven, zu geisteskranken Realitätsverweigerern erklärt werden.

In der Dunkelheit zahlen sich geschlossene Augen nicht aus.

Erst an der Schwelle merkt man sein Gepäck.

Nach über einem Monat lese ich wieder ein Buch. Für fünf oder sechs Wochen hat meine Konzentration bloß für Nachrichten und Kurztexte gereicht, für Magazinbeiträge und thematisch einseitige Zeitungsartikel. Endlich finde ich die Zeit und vor allem die innere Ruhe, mich hinzusetzen auf den angesammten Leseplatz und eine Stunde unabgelenkt mit Lektüre zu verbringen. (Das Handy liegt stummgeschaltet außer Griffweite.) Es ist das Bügelbuch, ein weit gereistes Buchgeschenk, das in ebenso kompakter wie leichtfüßiger Weise die Rituale und Routinen von Künstlern versammelt, hauptsächlich von Schreibenden. Es ist die Fortsetzung eines Bandes, und den ersten muss ich unbedingt haben. (Besessen von einer Besitzmöglichkeit.)
(Bügelbuch deshalb, weil im titelgebenden Zitat jemand behauptet, dass er am kreativsten sei, wenn er bügle. Ich kann mir das, ehrlich gesagt, kaum vorstellen. Allerdings bin ich seit jeher überzeugter und konsequenter Nichtbügler. In meinem Haushalt gibt es zwar ein Bügelbrett, doch ohne Bügeleisen; und eines ist nur etwas mit dem anderen. Eine andere Geschichte, wie genau es dazu kam.)
Das Buch gewährt sehr heitere und aufschlussreiche Einblicke in die Tagesabläufe berühmter Persönlichkeiten, gespickt mit Interviewpassagen und der einen oder anderen lehrreichen – oder zweifelhaften oder entlarvenden – Selbstauskunft. Auch die Frage des Alkoholkonsums scheint sehr präsent; inwiefern er der Kreativität förderlich oder abträglich ist, welchem Regelwerk er unterworfen sein sollte.
Man ertappt sich dabei, wie man sich selbst in die beschriebenen Personen hineinphantasiert, wie man Vergleiche zieht und Unterschiede festmacht. Selbst bei Autoren, mit denen ich persönlich nicht allzu viel anzufangen weiß, empfinde ich tiefen Respekt für deren Arbeitsethos, für eine Unbedingtheit und Stetigkeit, die den Kern eines Lebenswerks bildet.
*
Manche Passagen sind unerlaubt wahr, schmerzhaft und köstlich zugleich. Über einen Philosophen aus dem Balkan heißt es, er folge einem strengen Ritual, um den eigentlichen Akt des Schreibens zu vermeiden. Dieses bestehe für ihn darin, beim Sichten und Sammeln der Notizen sich selbst gegenüber beharrlich zu behaupten, das nun Entstehende sei noch nicht die Endfassung, diese werde sich später im langwierigen Überarbeiten und Streichen ergeben. Der Witz aber ist: Die Notizen sind eben nur vermeintlich vorläufig, in Wirklichkeit entsprechen sie der letztgültigen Form, abgesehen von einem glättenden Akt der Säuberung. Schreibarbeit als Kompositionsarbeit, Formulieren und Fabulieren als Abschmirgeln der Nahtstellen.)
Diese Selbstüberlistung kenne ich auch von mir; längst habe ich sie erkannt und eingestanden, als recht gewitzt eingestuft und als taugliches Hilfsmittel abgesegnet. Beim Dahinholpern ist jedes Stützrad willkommen. (Blickt man sich selbst beim Arbeiten – das soll Arbeit sein? – über die Schulter, empfindet man sich selbst nicht selten als einen lieben Trottel, der es eh gut meint und meistens halt sein Bestes gibt. Leider nie mehr.) Denkarbeit als gesuchte Schinderei.
Für den Philosophen sei der Schreibprozess ein absoluter Horror. Sich selbst einzugestehen, dass er wirklich schreibe, löse bei ihm eine unvorstellbare Beklemmung aus. Das wiederum kann ich nur bedingt nachvollziehen. Das Buchstabenkrakeln und Formfinden ist ja doch eine Rettung; wenn auch eine, die immer tiefer ins Verderben führt. (Süchtig nach dem Suchtschmerz.)
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Mein Leseplatz ist das gemütliche Couch-Eck mit Deckenfluter, von dem auch ein zusätzlicher Schwenk-Arm samt Leselicht absteht. Ich habe die Sonne im Rücken und schalte es nicht ein. Mit einer Stunde Lesen schaffe ich beinah das halbe Buch. Wie ein Verhungernder schlinge ich die Seiten hinunter. Nach einer Essenspause lege ich eine zweite Etappe ein, mit der ich mir den Rest des Buches einflöße. Es wirkt. Ohne trinken bin ich ganz betrunken.
Ein bayerischer Kabarettist nennt das Nichtstun bei der Erarbeitung von Drehbüchern oder Bühnenprogrammen ein notwendiges Herumschildkröteln; ein Wort, von dem ich mir wünsche, dass es auf meinem Mist gewachsen wäre, empfinde ich doch in vielerlei Hinsicht eine große Verwandtschaft zu diesen Tieren, wenn ich mich auch niemals erdreistet hätte, ihre langsam-gründliche Wesensart in ein Verb zu verwandeln. Das erscheint mir unendlich verwegen und schrecklich einleuchtend.
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Überhaupt ist in dem handlichen Buch viel vom Zeittotschlagen die Rede, vom raubtierhaften Umlauern des Schreibtischs, vom Herrichten und Umräumen des Arbeitsplatzes, von Ersatzhandlungen und Vorwänden und Scheinbeschäftigtsein, von einfallsreichen Vermeidungsstrategien, von all dem Uneigentlichen, welches uns beharrlich davon abhält, das Eigentliche zu tun. Und doch tun wir es. Andernfalls würde ja nicht so viel entstehen.
Manche der porträtierten Persönlichkeiten natürlich sind derart diszipliniert, dass man sich neben ihnen faul und unwürdig vorkommt. Wie schön wäre es, strengen Abläufen zu gehorchen, eingebettet zu sein in jenen gleichmäßigen Rhythmus, der einen sicher durch ein arbeitssames Künstlerleben trägt. Wie segensreich wäre der Tag als Tag wie jeder andere. Wie besonders und erzählenswert – und anekdotentauglich – wäre man, könnten andere die Uhr nach einem stellen.
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Respekteinflößend ist der von einem Journalisten mitnotierte Tagesablauf eines Junkie-Schriftstellers, inklusive präziser Angaben der Uhrzeit. Ein lückenhafter Ausschnitt:
15:45 Kokain
16:16 Orangensaft, Zigarette
16:30 Kokain
16:54 Kokain
17:05 Kokain
17:11 Kaffee, Zigaretten
Es drängt sich die Einsicht auf, dass es sehr anstrengend sein muss, eine Berühmtheit zu sein; und teuer erst recht. (Man darf nicht allem auf den Leim gehen. Es wird heillos übertrieben und munter an kurzweiligen Legenden gestrickt.) Schaffenskraft durch Drogenkonsum scheint möglich. Mutiger sein, denke ich, es probieren. (Ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass mir als gelernter Feigling diese Abwägung zu einschüchternd ausfiele; gemindertes Schlafbedürfnis und gesteigertes Durchhaltevermögen bei anhaltender Geistesgegenwart klingen zwar verlockend, doch scheint verkürzte Lebenszeit ein recht hoher Preis dafür zu sein.)
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Über einen deutschen Modeschöpfer heißt es, Sport treibe er auf Anraten seiner Ärzte kaum, seine Pausen verbringe er mit dem müßigen Blättern in Bildbänden oder in acht verschiedenen Tageszeitungen. Und er tagträume. Tagträumen sei die vielleicht wichtigste Arbeit in seinem Leben. Eine Diagnose, die sich so mancher von seinem Arzt wünschen mag.Und Tagträumen muss man ohnehin als produktive Arbeitszeit verbuchen.
Ich bin im Buch zu Hause. Es beschwingt und befragt und erbaut mich. Es fordert schön heraus. Manchmal stoße ich auf ein begradigtes Eselsohr. Hier war ein bewanderter Buchmensch zugange, der das Geschriebene vorgekostet hat, um sicherzugehen, dass es meinen Geschmack trifft.
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Das Buch selbst ist weiß, der Umschlag schwarz mit weißer Schrift, das Lesebändchen warm orange. Lesen muss von nun an wieder möglich sein, auch inmitten der seltsamen Zeiten. Anders wird es nicht gehen. Sei ein bisschen mehr du selbst, ermahne ich mich. Sei anders, wenn es sein muss, sei sogar neu, aber dann innerhalb deines Wesens und auf deine Art.
Die hier Versammelten sind Onkel und Tanten, von denen ich noch viel lernen, von denen ich mir das eine oder andere abschauen kann. Sie sind hosentaschenklein und überlebensgroß. Ein paar Gewohnheiten könnte ich probeweise verinnerlichen und vereinnahmen. Die Wahrheit lautet aber, dass ich ohnehin bereits über eine bunte Auswahl an Marotten verfüge, denen ich mich ganz überlassen, denen ich mich zuversichtlich hingeben kann. So einen wie mich muss man auch erst einmal verstehen. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Der Rest wird sich ergeben. Ich klappe das Bügelbuch zu, lege es weg und habe den Tag in der Tasche. Jetzt kann sie kommen, die Welt.

Die Verortetheit im Wesen eines Buchs.

Wenn etwas aber wirklich stimmt – dann wird es durch Wiederholung nicht weniger wahr.

Ein Mann niest für die ganze Straße.

Traumbild: Auf dem Weg zur Frage krallt sich mir eine Katze an den Rücken. Dies löst vor allem Verwunderung aus, weil ich annahm, sie bereits losgeworden zu sein. Über mehrere Stunden trage ich das Tier mit mir herum, stets in Sorge, dass es mich anpinkeln könnte und es scharf zu riechen beginnt nach Katzen-Urin. Andere fragen mich, weshalb es mir nicht wehtut. Ich schüttle unsicher den Kopf. Nachbilder des Traums zerschwimmen mir vor den Augen. Und ich rieche an mir herum, ob mich etwas angepinkelt hat. Ich weiß nicht, was es ist; doch ich weiß, dass etwas stimmt.

Mein innerer Hippie nennt verlieren ab sofort gekämpft haben.

Eine Idee zur Krisenlinderung mit dem positiven Nebeneffekt einer länger tragenden Völkerverständigung: Das Einrichten eines Buddy-Systems.
Die Vorgänge in China geben uns eine ungefähre zeitliche Perspektive, eine Ahnung von der Dauer des Shutdowns und seinem Fortgang in abgewandelter Form. Wir blicken in den Osten – und sehen unsere Zukunft; jedenfalls mit Vorbehalt. Die Chinesen sind wir selbst in der Möglichkeitsform.
*
Idee einer Plattform, auf der sich Chinesen uns Europäern als Corona-Buddy anbieten, als Trostspender und Vorleber des Weitermachens. (Beide Seiten ausgestattet mit komfortablen Englischkenntnissen.)
Nach einer ersten Kontaktaufnahme berichtet der Buddy, wie er selbst und seine Angehörigen durch die Maßnahmen gekommen sind, nimmt dem Europäer gewisse Ängste und Sorgen. (Jungchinesen als Hoffnungshelfer und Mutmacher; ihre Durchhalteparolen in singendem Mandarin.) Die Botschaft lautet: Es wird vorbeigehen, ich bin dafür der lebende Beweis.
(Erwartbare Kontroverse: Wie wird es vorbeigehen? Mit Nachbarschaftskomitee und Checkpoint und Punktesystem und Standortdaten und Tracking und Unterwürfigkeit und Abstandwahren und Wohnhausspitzel und Winnie-the-Pooh als Präsident von beängstigender Herzigkeit und der Chinesifizierung Europas?)
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Der Corona-Buddy als Unterstützer, mit dem wir über Funk verbunden sind. Er sagt uns: Halte durch, Freund – an mir siehst du das Abklingen der Angst. Wir werden sicher ankommen. Wie ein Passagier, der unverhofft ein Flugzeug landen muss und dabei von jemandem bei der Bodenkontrolle mit fester Stimme hindurchgelotst wird. Schritt für Schritt. (Sehen Sie den großen roten Knopf? Drücken Sie ihn nicht. Auf keinen Fall den großen roten Knopf drücken. Betätigen Sie den kleinen blauen Hebel neben der ovalen Anzeige mit dem komplizierten Dings. Tun Sie es jetzt.)
Der Buddy verkörpert die Fortsetzung unserer Geschichte. Sie geht in ihm glimpflich aus. Er ermahnt uns zum Einhalten der Maßnahmen und redet uns gut zu. Daraus entstehen länder- und kulturenübergreifende Freundschaften, die auch nach dem Kampf gegen die Krankheit Bestand haben werden. Schnöde Himmelsrichtungen sind außer Kraft gesetzt. (Corona-Buddes for Life!)

Ich bilde mir ein, jemand bezeichnete mir gegenüber die Philosophie einmal als Gedankenarchitektur.

Welch abgrundtiefe Anmaßung darin liegt, von sich selbst zu erzählen. (Eine noch größere Anmaßung lag darin, bereits als Jugendlicher, noch Jahre vor der ersten Veröffentlichung, für mich selbst beschlossen zu haben, dass es, wenn man schreibt, Haupt- und Nebenbücher gibt; ich wusste, worum es sich dabei handelt, und wie es sich anfühlen würde, diese Einteilung für sich selbst vorzunehmen. Es war keine vage Ahnung, sondern ein sicheres Wissen. Bis heute hat es sich bewahrheitet, was einerseits großes Befremden und andererseits tiefe Befriedigung auslöst.) Wir sind, wer wir immer schon waren.

Beim Notieren trifft mich der verächtliche Blick mancher Leute, als würde ich sie bestehlen. Recht so, denn das tue ich ja auch.

Nie weiß ich, wie man Terrasse schreibt.

Gestern war ich kurz davor, Tauben als graue Tiere zu bezeichnen; wohl nur, um eine unschöne Wortwiederholung zu vermeiden. Zum Glück habe ich es gelassen. Graue Tiere – wird man ihnen damit gerecht?

Nach den seltsamen Zeiten werde ich etwas sagen wie: Und jetzt, nach allem, bin ich um ein paar Erfahrungen reicher – und um ein paar Erkenntnisse ärmer.

So verzweifelt, dass es schon wieder heiter ist.

Wissen, wenn es nichts zu sagen gibt.

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32 Freitag, 17.04.2020

Der Versuch, möglichst keine Geschichte zu erzählen, sondern eine Suchbewegung abzubilden, die sich in einer Denkbewegung niederschlägt und als Sprachbewegung nachvollzogen werden kann.

Notizbuch als Fotoapparat des Fantasievollen / des Geduldigen / des Sparsamen / des Sprachtandlers.

Heute war ich den ganzen Tag so gut gelaunt, dass ich mich jetzt dafür mit einem Bier belohnen muss.

Was im regelmäßigen und vor allem rasanten Schreiben mit Bleistift von Mal zu Mal klarer wird: Ein Punkt ist nicht viel mehr als ein – in alle Richtungen – kurzer Strich. Das merke ich gerade deshalb, weil ich so gerne Doppelpunkte setze, und weil es jetzt besonders schnell gehen muss.

Der Taubenfütterer am Rochusmarkt macht einen verwahrlosten Eindruck. Er streut Brot neben die Fahrradständer und erfreut sich am Geflatter der Tiere. (Da merkt man erst, wie laut die Luft sein kann.) Der Mann hat einen Rollkoffer im Schlepptau, auf dem offen ein Plastiksackerl sitzt. Er bringt den Tauben mehr Respekt entgegen, als ihm die Menschen gemeinhin entgegenbringen.

Umzüge sind die gerechte Strafe für Veränderung.

Der Schauspieler Harald Krassnitzer sieht nach und nach so alt aus, wie er sich immer schon gefühlt hat.

Mäuse, die man nachts über den Gehsteig huschen sieht, sind jedes Mal überraschend klein; als würde man ihre erfahrungsgemäße Kleinheit partout nicht wahrhaben wollen.

Ich lese ein geschenktes Buch, und einen Tag lang – ein Nachdenken lang, ein Schreiben lang – ist es mein Verbündeter gegen die Welt.

Es gibt wo einen Hund. Viele waschen sich nach dem Streicheln und Schmusen und Füttern mit Leckerlis nicht die Hände. Danach drehen sie den Wasserhahn auf oder nehmen etwas aus dem Regal. Kein Geruch, der hängenbleibt; kaum Haare, die sichtbar auf Oberflächen wachsen. Doch an den Dingen ist Tier. Alles greift sich an nach Hund.

Erfüllt mit einer Energie, die sich nicht entscheiden kann, in welche Richtung sie ausbrechen muss. Ob hinunter in den bodenlosen Abgrund der Selbstdemontage oder aber hinauf in die lichten Sphären der Geistesgegenwart. Lebenshunger oder Lebensüberdruss? Die Energie findet kein Ventil, ich platze und werde zum banalen Muster an der Wand.

Unerbittlicher Begriff: Übersterblichkeit

Manche Frauen brauchen Männer, die sie wie ein kleines Kind behandeln können – dazu werden sie dann auch.

Es gibt eine Begabung zur Opferschaft.

Beim Behirnen des Fehlverhaltens anderer oft die Selbstbefragung: Sind wir so?

Ein Bild, das sich mir tief einbrennen und lang begleiten wird, ist das spätabendliche Einkaufszentrum. Es zieht mich magisch an, und ich bin damit nicht allein. (Spätabendlich verwandelt sich fließend in nächtlich.) Ich gehe die Hauptstraße entlang und merke, wie sich die Welt verdichtet. Einzelne Gestalten sind zu sehen, andere Nachtstreuner, die eine Beengtheit hinausgetrieben hat; weniger eine der eigenen vier Wände als jene des eigenen Kopfes, in dem man jetzt gerade so viel Zeit verbringen muss. Irgendwann geht man sich selbst auf die Nerven.
Das Einkaufszentrum steht verlassen in der Mitte der Nacht, und etwas Heilsames geht von ihm aus. Man ist nicht mehr allein, sondern einer von vielen; und plötzlich wird das Ich zum Wir. Das ist gesund.
Ich gehe über die Hauptstraße zum Einkaufszentrum, das geschlossen, aber hell erleuchtet ist. Da steht schon einer, und dort noch zwei, und eine sitzt verloren auf der Bank. Dort hält einer etwas, und die eine telefoniert. Instinktiv suchen wir die Nähe von anderen, wenn auch mit Abstand. Wir gehen seltsame Schleifen, nähern uns einander an, weichen jedoch rechtzeitig aus, um den Artgenossen nicht zu nahe zu kommen. Wir halten unseren Schlingerkurs.
Ich sehe ein paar junge Männer betreten auf und ab gehen. Viel wird ins Smartphone gestarrt und daran herumgewischt. Ein etwa vierzigjähriger Mann raucht Zigarre und gefällt sich dabei. Wahrscheinlich kann er jetzt erst in Ruhe den vergangenen Tag Revue passieren lassen und schwierige Dinge einordnen. Wir müssen etwas ins Reine denken, um es abschließend – oder wenigstens vorübergehend – in eine innere Schublade stecken zu können, gerade Zwischenmenschliches.
Wir gehen auf und ab. Manchmal werfen wir Blicke. Wie man unmerklich die Nähe der anderen sucht. Einkaufszentrumsvorplatz, denke ich, ist ein überlanges und sperriges Wort, aber auch ein ziemlich schönes, so wie Supermarktparkplatzblumen, das in einem Gedicht vorkommt.
*
Wir sind allein mit uns. Nachtstreuner unter sich. Nicht einmal ein läppischer Security mit Warnweste und taktischem Gürtel, in dem Verbandszeug, Pfefferspray und Taschenlampe verstaut sind – oder was sonst noch alles. Ich umrunde das Geschehen und denke an Zombie-Filme, an den einen, in dem sich eine Gruppe Überlebender in einer shopping mall verschanzt. Die Untoten strömen zu Tausenden an diesen Ort und werden spaßeshalber vom Dach aus mit Scharfschützengewehr abgeknallt. Ein Hauptcharakter fragt den anderen, weshalb die Menschen denn hierher kommen würden, jetzt, da sie doch Zombies sind und keine Kunden mehr. Der andere sagt, dass sie es eben täten aus Gewohnheit, es falle ihnen nichts Besseres ein; hier hätten sie als Lebende einen Großteil ihrer Zeit verbracht, und hierher kehrten sie als Tote zurück. (Womöglich ist es etwas spitzer und sarkastischer formuliert.) Jeder gute Zombiefilm ist eine Parabel, gespickt mit bissiger Gesellschaftskritik, die soziale Kälte, Ressentiments oder Konsumwahn offenlegt. Wer so kopflos nach den elektrischen Schiebetüren des Kapitalismus strebt und mit blutigen Armen im Leeren rudert – das sind ja eigentlich wir.
*
Ich trete näher ans Glas. Drinnen ist es hell. Man sieht die verschlossenen Eingänge der Geschäfte. Links jener des riesigen Supermarkts und rechts gegenüber jener seines kleinen Bruders; der reduzierte Jausensupermarkt, welcher neben Essen und Getränken nur das Nötigste vorrätig und länger offen hat. Ohne Kaufmöglichkeit ist alles seiner Funktion enthoben. Um diese Uhrzeit, weit nach Ladenschluss, ergibt die shopping mall keinen Sinn. Ja, denke ich, dieser Ort ist sinnlos. Warum sind wir hier? Ich trete ein paar Schritte zurück und erkenne in der Glasfront mich selbst. (Dieses Bild ist sehr dick aufgetragen. So kann es nicht gewesen sein. Hier hat wohl die poetische Ader mitgedichtet.)
Wir streunen in ewigen Kreisen. Unsere Schritte bleiben tonlos und klein. Wir gehen wie auf den Resten einer untergegangenen Welt. Würde uns von oben jemand zusehen – ein Gott oder wer –, unsere Routen nachzeichnen und zusammenführen, käme hoffnungsloses Kauderwelsch heraus; Rätselschrift in einer geheimen Sprache, die niemand mehr beherrscht.
*
Plötzlich ein lautes Geräusch. Alle Streuner wenden sich ihm zu. Es kam von einem wuchtigen Koffer, der am Vorplatzboden gelandet ist – es muss von einem wuchtigen Koffer gekommen sein, der am Boden gelandet sein muss, da er etwas entfernt von einem Paar umgekippt daliegt. Ein Mann und eine Frau führen ein lautes Gespräch. Er spricht, sie hört ihm zu. Der Koffer muss nach meterweitem Flug dort gelandet sein, für den einiges an Wurfkraft vonnöten war. Der Mann ist sehr erregt und spricht verzweifelt auf die Frau ein. Neben sich hat sie einen weiteren Koffer, an dessen Ziehgriff sie sich festhält (festklammert?). Obwohl die Dinge anders sind als früher, gibt es immer noch Männer und Frauen und ihre Gespräche, gibt es immer noch Lüge und Verdacht und Erklärungsversuche, gibt es immer noch die Liebe und den Hass.
Der Mann ist jung und hat einen aus der Ferne eher ungepflegt und hektisch wirkenden Bart. Sein Jammern macht ihn ganz jämmerlich. Vielleicht hat er getrunken. Ich stehe zu weit entfernt, um zu verstehen, was genau er sagt, doch es ist nichts Freudiges. Manchmal schluchzt er im Sprechen auf, dass es einen durchzuckt – ein beistehender Mitschmerz?
Die unfreiwilligen Zuhörer sind peinlich berührt, außerdem in Sorge um die Frau. Achtzehn Jahre, stöhnt der Mann, achtzehn Jahre. Immer wieder: Achtzehn Jahre. Was?, denke ich, achtzehn Jahre was? Achtzehn Jahre zusammen? Dafür sind die beiden viel zu jung, ich schätze sie auf Anfang bis Mitte zwanzig. Oder verschätze ich mich und ist er oder sie achtzehn Jahre alt? Achtzehn Jahre, presst er aus zusammengebissenen Zähnen hervor und ballt vor Männlichkeit die Faust.
Sie hat den Blick gesenkt. Wir streunen unmerklich näher, um besser einschätzen zu können, was in dieser Welt alles der Fall ist. Manche scharren bereits in den Startlöchern, dazwischenzugehen in brustgeschwellter Wichtigtuerei. Noch ist er bloß erregt, brodelt der Zorn in seinem Inneren; noch artikuliert er seinen Schmerz bloß in Worten, was seine Beschluchzte in dieser Form wohl noch aushalten muss. Noch hebt er nicht die Faust. Wir warten auf den Startschuss.
*
Die Frau trägt ein Kopftuch – oder ist das nur ein unverfängliches Stück Mode? Vielleicht trägt sie lediglich ein Haartuch, das ihr hilft, die Frisur zu verstauen, gar deren Nichtvorhandensein zu kaschieren. Achtzehn Jahre. Sie hat den Kopf gesenkt in tiefer, seelenzersetzender Scham. Warum hat er den Koffer weggeworfen? Wohin waren sie unterwegs?
Der Mann mit Zigarre hat sich ebenso unauffällig wie taktlos genähert und macht Fotos mit der Handykamera. Ich verstehe es nicht und möchte, dass er sich an seiner protzigen Zigarre verschluckt. Ist es das Highlight seines Tages? Ein trauriges Highlight und ein trauriger Tag. Das Kofferpaar existiert in einer Blase, ein Näherkreisen der Streuner bemerken die zwei nicht. Achtzehn Jahre. Sie hat es sich lange genug angehört, denke ich. Jeden Moment geht einer dazwischen. Wir wechseln Blicke, wer es sein wird. Du bist umlauert, du kommst uns nicht aus. Jeden Moment, denke ich.
Noch schreit er sie nicht an, noch ist es eine rein emotionale Entgleisung, ausgetragen in der Öffentlichkeit. Er macht ihr Vorwürfe, welche auch immer das sein mögen. Es ist durchsetzt mit einem Schluchzen, das einen erschüttert. Es geht für ihn um etwas. Seine Bewegungen sind heftig, doch sie graben rein in der Luft. Noch hebt er nicht die Hand. Wenn er die Hand hebt, ist es aus. Wir warten nur darauf. Wenn er aggressiv wird, die gefühlte Grenze zur Bedrohung überschreitet, wenn er sich vor ihr aufbäumt wie ein Raubtier vor dem Satz auf die Beute oder sie auch nur körperlich einschüchtert, gehen wir dazwischen, dann schreiten wir ein ohne Skrupel. Doch vorerst müssen die beiden ihren Liebesschmerz durchempfinden und durchexerzieren, müssen sie ihren nächtlichen Liebeskampf ausfechten, mag er im Moment auch sehr einseitig wirken. Achtzehn Jahre. Wie aushaltend und stumm sie dabei bleibt. Der Frauenkopf ist so tief gesenkt, so endgültig gescheitert an der Scham, so tief wie noch niemals ein Kopf.
*
Eine Polizeistreife erscheint, und kurz darauf noch eine zweite. In den Autos sitzen jeweils drei Beamte, zwei Männer und eine Frau. (Handelt es sich dabei um das bewusste Ergebnis einer gezielten Durchmischung?) Die Mitglieder des ersten Dreierteams steigen aus und legen die Schutzmasken an. Sie nähern sich dem Paar. Als der Mann es bemerkt, wird er zunächst leiser, dann kleinlaut, verstummt schließlich ganz. Er geht und hebt den Koffer auf, dabei wirkt es, als wäre er sich selbst ein bisschen peinlich.
Die Beamtin spricht einfühlsam mit der Frau. Etwas abseits führen die zwei Kollegen mit dem Mann vielleicht so etwas wie ein zwar verständnisvolles, doch ermahnendes Männergespräch. (Nachdem die zusätzlichen Beamten sichergehen können, dass die Angelegenheit bereits geregelt werde und sie sich überflüssig wissen, fährt die später eingetroffene Streife wieder ab.) Man sieht dem aufgehobenen Koffer gar nicht an, dass er das Initialgeräusch für einen Beziehungsstreit gewesen sein kann. Er steht fort.
Einer der Streuner muss den Notruf gewählt haben, denke ich. Oder ein aus dem Schlaf gerissener Anrainer, ein schlafloser Fernsehdöser? Frau und Frau reden, in sicherer Entfernung reden Männer und Mann. Deeskalieren, denke ich, wie ihr es in der Grundausbildung gelernt habt. Die Situation ist zwar noch nicht gelöst, doch sichtlich gelockert.
Der Zigarrenmann stellt sich dazu und filmt den Polizeieinsatz. (Will er es online posten oder seinen Freunden schicken? Wird er es triumphierend in der Familiengruppe stellen? Dokumentiert er einen potentiellen Fall von Polizeigewalt?) Seltsam, dass sie ihn gewähren lassen und ihn niemand verscheucht. Sein aufdringliches Verhalten ist nicht weniger Verbrechen als die nächtliche Ruhestörung des Schluchzers. (Bin ich im Notieren denn so anders?) Verschluck dich endlich an der blöden Zigarre! Die Geschichte ist zu Ende. Wie sie ausgeht, weiß ich nicht.
*
Ich streune weiter und verbringe noch ein bisschen Zeit mit meinen unbekannten Freunden. Auf der Bank sitzt eine, die nirgendwo hingehört. Manche der Nachtstreuner sind wohnungslos. Es gibt keinen Ort, an den sie gehen könnten. Jemand hat auf sie vergessen. Wer wird sich an sie erinnern?
*
In einer Baumkrone hat sich ein Plastiksackerl verfangen. Es ist recht groß und hat vom Wind einen Bauch. Es hängt in einem Ast und wabert und flattert, als wäre es gehisst. Das Sackerl ist eine Fahne. Ich sehe ihr lange zu und mache ein kurzes Video mit dem Handy. (Nicht minder sensationsgeil als der Zigarrenmann; doch bei mir ist das Unmerkliche die Sensation, das Dreckige und Stille und Halbe und Vage. Wenn es sein muss, dann sehe ich die Erhabenheit mit liebevoller Gewalt in die Dinge hinein.)
Einwandfreie Windfahne, denke ich. Wer flattert so spät durch Nacht und Wind?
Ich sehe dem Sackerl beim Fahne-Sein zu und denke eine logische Abfolge an Bildern, ein sprachgewordenes Kettenbild. Ich denke: Fahne – Windfahne – Friedensfahne – Windfriedensfahne – Friedenswindfahne. Das Denken bleibt ohne Ergebnis. Jedenfalls ist das Sackerl weiß und gehisst, also wird es schon etwas mit Frieden zu tun haben. Mit hoch erhobenen Händen: Wir ergeben uns.
Später ist mir klar, dass ich hätte dazwischen gehen sollen.

Romantische Synchronizität, als im selben Moment das Notizbuch vollgeschrieben und der Kugelschreiber leergeschrieben ist.

Jeder, wirklich jeder ist käuflich. Und sei es mit etwas Wertvollerem als Geld.

Fragen ist poetisch.

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31 Donnerstag, 16.04.2020

Am Bahnsteig wartet einer mit Gasmaske. Der freut sich, dass er sie endlich auspacken darf. Manche kommen sich jetzt vor wie in einem Endzeitfilm. Sie strahlen irgendetwas aus, das mir nicht gefällt; eine leere Befriedigung ganz ohne Freude, eine Untergangslust gepaart mit einsamer Schlaumeierei. Ich war vorbereitet, denken sie, und zeigen allen, dass sie etwas Besseres sind. Gasmasken wirken bedrohlich, auf Kinder sicher besonders. Das weißt du ganz genau, denke ich, und legst es darauf an. Ihnen ist nicht zu helfen. Wenigstens sieht es ordentlich bescheuert aus.

Wer nicht alles erzählt, der lügt.

Es ist Nacht. Eine junge Frau läuft. Sie läuft schnell, richtig versessen. Eine junge Frau läuft versessen vor sich selbst davon. Sie läuft und schnauft dabei. Sie läuft bedingungslos. Und läuft und schnauft und schnauft und läuft, und wird geschnauft haben und wird gelaufen sein. Eine junge Frau läuft ans Ziel. Sie meint das Laufen ernst und rudert mit den Armen. Sie läuft. Es ist Sport. In der Nacht.

Leben im Konjunktiv: An diesem Tisch im Garten wären wir gesessen bei einem Kaffee und hätten uns Dinge zu sagen gehabt. Sonnig wäre es gewesen, und zwischen uns hätte etwas gestimmt.

Wien ist eine stumm bewohnte Geisterstadt.

Würde ich mir selbst nachts über den Weg laufen, dann wäre ich mir suspekt.

Beim Abnehmen der Maske am Bahnsteig fällt mir die Brille herunter. Auf alle bin ich böse: Die Maske, die Brille und mich.

Als ich mit dem Anwalts-Freund zufällig den Donaukanal entlangspaziere, spricht uns zufällig ein junger Kerl an. Er ist ungefähr in unserem Alter und wirkt recht schnöselig. Er fragt uns nach einem Zehner, denn er brauche dringend Geld. Man kann sagen: Sein Angebot, ihm etwas zu geben, lehnen wir großzügig ab. Wirklich nicht, sage ich belustigt, und will ihm fast meinen Stundenlohn im Bürojob verraten, dass er sich auch ja schön dumm vorkommt.
Interessant ist, dass er nicht versucht, uns eine kleinere Summe abzuknöpfen, wenigstens einen Fünfer oder noch weniger. Er beharrt auf dem Zehner. Du wirst das sicher haben, sagt er zum Anwalts-Freund, der nur amüsiert den Kopf schüttelt. Dabei sieht der Schnösel viel mehr als wir danach aus, dass er locker wem einen Zehner spendieren könnte. Er trägt ein sauberes Hemd, enge Jeans und flotte Schuhe; mir kommt vor, er hat sogar einen Haarschnitt. Nicht einmal wir zufälligen Spazierer haben einen Haarschnitt. Der Schnösel lässt von uns ab.
*
Das war aber ein Edelbettler, sagt mein Anwalts-Freund, mit seinem Zehner.
Ja, sage ich, ein richtiger Schnöselbettler.
Vielleicht ist er einfach nur im falschen Bezirk unterwegs und sollte es stattdessen in einer noblen Wohngegend versuchen. Ich bin ein großer Fan von ihm und seiner Chuzpe. Auch von der Beharrlichkeit, sich nicht herunterhandeln zu lassen. Das hat er nun wirklich nicht nötig.
*
Unterwegs nehmen uns zwei Polizeistreifen in die Mangel, ein Auto nähert sich von hinten und eines von vorn. Sie werden langsamer und schleichen sich aus beiden Richtungen an. Wir vergrößern den Abstand zueinander und stellen uns an den Rand. Wir zögern. Falls man uns ausfragt, haben wir uns eine Erklärung, ja, sogar eine Empörung zurechtgelegt. Ein Auto lässt das andere vorbei. Wir warten den Vorgang ab. Dann spazieren wir weiter am schummrigen Donaukanal. Jeder hat zwei Bier im Gepäck. Als ich aufs Klo muss, stelle ich mich hinter einen Baustellencontainer. Ich trinke aus der Dose, mein Freund aus einer Flasche. Wir stoßen nicht an.

Spätabends in der U-Bahn ein junger Mann ohne Maske. Weiter hinten noch einer, mit Bart, ein bisschen älter. Das sind die ganz Harten, denke ich.

Nach der Heimfahrt ist mir angenehm schwindlig vom Sauerstoffmangel. Unter der Maske bekommt man so schwer Luft. Oder sind es die zwei Bier? Jedenfalls geht es mir gut; und wovon, ist herrlich egal.

Windstille als Frieden. Nicht nur auf hoher See.

Am Schottenring keucht ein alter Mann. Er rastet vom Gehen. Alle werfen Blicke, die sagen: Wenn es sein muss, dann werden wir helfen. Der Mann kramt in der Umhängetasche. Wir bleiben unauffällig in seiner Nähe, falls es etwas gibt.

E-Mail von: Sherri Gallagher
Betreff: Hello
Nachricht: Greetings, My name is Sherri Gallagher, please reply me back?
Vielleicht antworte ich ihr lieber nicht?
*
E-Mail von: Abby Saenz
Betreff: Support Funds For COVID-19
Nachricht: On behalf of Jack Ma Foundation, $1 Million has been donated to you. Contact (Adresse) for more details.
Manchmal trifft das Glück die Richtigen.

Wir alle sollten unsere Masken behalten und für die Zukunft sicher verwahren, sodass unsere Enkel sie beim Verkleiden am Dachboden finden und wissen wollen, was es damit auf sich hat. Dann streichen wir darüber und schwelgen ein bisschen in unserer Vergangenheit (oder sogar Jugend). Passen wir also gut darauf auf. Später werden wir die Masken hervorholen als Relikte der seltsamen Zeiten, an die wir uns kopfschüttelnd erinnern. Warum hast du die eigentlich? Der Enkel rückt sich zurecht im weichen Schoß. Wir erinnern uns gern und sehr genau. Also, werden wir beginnen, das war so …

Bei uns beiden ist etwas Seltenes wahr.

Was ich an dir vermisse – bin ich selbst.

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30 Mittwoch, 15.04.2020

Straßengeräusche sind auch eine Verbundenheit mit der Welt.

Die geduckte Haltung der Geher – nicht vor etwas auf der Flucht, doch vor etwas (oder jemandem?) auf der Hut. (Es fallen ein: Virus, Mitmenschen, Polizei.) Kaum verlässt man das Haus, begegnet man auch schon sich selbst.

Ein ansonsten einwandfrei gepflegter Mann steht barfuß auf der Rolltreppe, inklusive silbernem Zehenring. Ich werfe es ihm vor.

Ob die braven Asiaten uns auslachen, wie sehr wir jammern über die Maskenpflicht? – jedenfalls manche von uns (also ich).

Ich kenne einen, der kennt eine Asiatin. Eigentlich kenne ich einen, der einen kennt, der eine Asiatin kennt. Den einen, der die Asiatin kennt, den kenne ich nicht richtig, doch ich bin ihm begegnet – auf der Feier desjenigen, der ihn besser kennt als ich.
Er kennt die Asiatin nicht nur, sondern ist mit ihr zusammen. Sie ist wunderschön, eine wahre Augenweide, hat eine ansprechende Figur und lächelt aus einem zufriedenen Gesicht. Ihr Wesen ist aufgeweckt, und doch scheu. Ihr Haar fällt wie schwarzes Wasser. In ihrer Gegenwart fühlt man sich sonderbar geborgen. Man würde alles für sie tun.
*
Die Asiatin spricht als Zweitsprache deutsch, und das einwandfrei, beinahe ohne Akzent. Sie ist mit einem Österreicher zusammen, der nicht aus Wien stammt, sondern vom Land kommt, vielleicht aus der Steiermark. Für meine Ohren spricht er wie ein Bauer, seine Worte sind derb und plump. Dadurch erscheint er mir als Person eher ungehobelt und proletenhaft. (Vielleicht kommt er auch aus dem Burgenland, denke ich, was die Sache noch viel schlimmer machen würde. Jedenfalls ist sein Sprechen mehr ein grantiges Bellen.) Ein einziges Mal bin ich vor ihm gestanden, und neben ihm die Asiatin. Sie war als Mensch zu Ende gedacht. Er war nichts als grobschlächtig. Du bist ein Prolet, dachte ich, und verguckte mich ins Lächeln seiner Freundin. Sie scheint nicht zu bemerken, mit wem sie da zusammen ist. Ihre asiatischen Ohren sind nicht empfänglich für die Nuancen des Deutschen, da es sich nicht um ihre Muttersprache handelt.
So beginne ich nachzudenken über andere Sprachen, zum Beispiel über das amerikanische Englisch in all den Fernsehserien. Für mich und viele andere klingen etwa Südstaatendialekte interessant, oft sogar richtig cool – wie aber klingen sie für einen Muttersprachler, der eher neutrales Standard-Englisch gewohnt ist? Womöglich ebenso affig und derb wie für mich das Bellen des steirischen Burgenländers. Zieht es einem waschechten New Yorker bei säuselnden Country-Songs innerlich alles zusammen? (Abgesehen davon sind einige in ihrer inhaltlichen sowie kompositorischen Schlichtheit, ihrem unterbelichteten Verklären des Vorhandenen und Vergangenen das Äquivalent zum deutschsprachigen Schlager.)
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Du bist ein Rüpel, dachte ich, als er vor mir stand, und die Asiatin sich an ihn schmiegte, als besitze er sie. Du hast sie nicht verdient, dachte ich. Auch war mir nicht geheuer, dass sie ihm stets unterwürfig hinterhertrippelte; zu den Getränken und zum Salzgebäck, aus der Küche ins Wohnzimmer und retour. Das hast du nicht nötig, dachte ich, wenn überhaupt, dann sollte er dir überallhin folgen, um sicherzugehen, dass du hier keinem normalen Menschen begegnest, in dessen Licht dein Freund verblasst.
Allein aus der Art seines Sprechens zu schließen, konnte er ihr nicht das Wasser reichen, in keinem Lebensbereich. Meiner Erinnerung nach waren beides Musiker, studierten beide an der Universität ein Instrument. Ihm würde ich keine Empfänglichkeit für hochgeistige Kunstwelten attestieren; ihr jedoch sofort, sah man ihr das Feingefühl im Übersetzen von Noten in Töne doch bereits an den zarten Fingerspitzen an. Du wirst deinen Weg machen, dachte ich der Asiatin ins lächelnde Gesicht, nur lass dich nicht bremsen von diesem unwürdigen Kerl. Du hast etwas Besseres verdient.
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Ich frage mich, ob es in ihrer Verbindung anfangs auch darum ging, dass sie bei ihrem Aufenthalt in Österreich einen verlässlichen Unterstützer vorweisen konnte, dass es ihr also vieles erleichterte – Amtswege, Studium, Unterkunft –, einen direkten Ansprechpartner zu haben, der von hier stammt und mit den hiesigen Gepflogenheiten bestens vertraut ist. Würdest du hören, was andere hören, dachte ich, würdest du dir die Ohren zuhalten, denn seine Sprache vermittelte eine Herkunft und eine Wesenstiefe, zeigte lückenhafte Bildung und mangelnde Umgangsformen an. Er sprach so wie ihm der Schnabel gewachsen war, und das war eher unförmig.
Am Abend unseres Kennenlernens stand ich kurz davor, die Asiatin darauf hinzuweisen, dass sie mit einem ungehobelten Proleten zusammen war, doch ich ließ es bleiben, da es mir aussichtslos schien, ihr meinen Eindruck ihres Freundes verständlich zu machen. Bereue ich es jetzt? An mir ist nichts für sie richtig, doch ich wünsche mir sie frei für einen anderen, der ihr entspricht. Ich sollte den, der einen kennt, der die Asiatin kennt, bei Gelegenheit fragen, wie es den beiden miteinander ergeht. Hoffentlich hat sie die Ohren geöffnet.
(Allein der Gedanke – noch mehr seine Verschriftlichung – strotzt vor feiger Niedertracht. Die Wahrheit muss lauten: Der Rüpel bin ich. Wir sind eben nicht nur so, sondern leider auch so. Und im Zugeben vielleicht ein bisschen Mensch.)

Die Maske lässt einen wortkarger werden, denn jedes Sprechen ist lästig. Richtig maulfaul wird man. Längeres Tragen führt zu Kurzatmigkeit. Oder werde ich alt? Ein stummes Maskenleben führen, denke ich.

Das Anlegen der Maske als intimer Akt, bei dem man nur ungern beobachtet wird. (Wie sich in der Öffentlichkeit die Schuhe zubinden; es hat etwas Kindhaftes, Unbeholfenes. Wir sind dabei nicht souverän.)

Erklärung für zu tief sitzende Masken: Viele Leute wissen nicht, wo genau sich ihre Nase befindet. (Illustration anfragen bei Kollege Picasso.)

Unter der Maske riecht man nach sich selbst.

Sich sklavisch an etwas halten – anstrengend und seltsam befriedigend.

Zurück von der Arbeit greife ich in den Briefkasten und erspüre eine Sendung. Über weißes Geschenkpapier kullert Obst mit Augen und Lächeln. (Wassermelone, Apfel, Banane.) Eine rückwärts alternde Kollegin hat mir ihren neuen Gedichtband zukommen lassen. Der ist angenehm groß und liegt ruhig in der Hand; sein Gelb ist kraftvoll und freundlich. Die Sprache ist dicht.
Dem Buch ist eine Karte beigelegt, darauf abgebildet ein bärtiger Postmann. Er steht an einer Haustür, mit der rechten Hand drückt er die Klingel, mit der linken fächert er eine Reihe von Briefen und wiederum Postkarten auf. Er ist gemalt und blickt in die Kamera. Aus einem Silberknopf der Uniform fällt eine Uhrenkette. An seiner Körpermitte ist ein winziger Umschlag befestigt; ich öffne ihn, und ein zartes Leporello springt hervor. (Mit zittriger Spannung hat es gespannt wie eine Feder auf seinen Einsatz gewartet; Das Leporello war geladen.)
Bei diesem Effekt verändert sich der resignierte Geichtsausdruck des Postmannes nicht, sein Bart erschreckt sich keinen Millimeter. Das gefällt mir: Ihm wachsen briefmarkengroße Abbildungen von russischen Villen aus dem Leib, aber er steht weiter da mit seiner Post und betätigt pflichtbewusst eine Klingel. Die Puppenhäuser sind zuckerlbunt, ihre Bilder sind klein und lassen wenig Platz für Landschaft und Gras.
*
Die Dichterin hat eine richtige Erwachsenenschrift oder Arztschrift, selbstbewusst und filigran, das macht auch der zarte Bleistift. Zwar kann ich einzelne Wörter nicht lesen, doch verstehe ich den Inhalt des Geschriebenen. Es geht um Väter und Räume. Ich habe eine Kinderschrift, wie sie einem in der Schule mitgegeben wird, pragmatisch und leserlich, die nicht viel Persönlichkeit hat. (Das passt so. Hauptsache, ich kann mich selbst entziffern.)
Ein grüner Apfel am Papier lächelt traurig. Das Nebenobst muntert ihn auf. Das gelbe Buch ist richtig, ich teile es mir gut ein. Der Postmann hat die weichgezeichneten Hängewangen des russischen Präsidenten. Es wachsen ihm die Villen aus dem Bauch. Er lebt an meiner Pinnwand.

Schön muss es für all jene sein, die sich aktiv an der Lösung des Problems beteiligen. Ich stelle mir vor, wie gut es Beamten in Ministerien geht, weil sie gefordert sind und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Auch Polizisten oder andere Staatsbedienstete erfüllen eine konkrete Aufgabe und erhalten Strukturen aufrecht. Medizinisches Personal agiert sowieso im Kern des Problems. Supermarktangestellte und Lebensmittelauslieferer gewährleisten die Befriedigung der Grundbedürfnisse. Sie alle werden in die Lage versetzt, mit der Situation produktiv umzugehen.
Eine Kellnerin, die ihren Job verloren hat, ein Gastronom, der um die Zukunft bangt, kann das schwer. Sänger, Tänzer oder Sportler hängen in der Luft. Sie alle sind der Situation mehr oder weniger ausgeliefert; etwas beitragen können sie nur indirekt durch ihr Verhalten und das Spielen der ihnen zugewiesenen Rolle im Gesellschaftsgefüge. Auch ich selbst erfülle streng genommen keinen Zweck. (Zeitvertreib, Belustigung?) Politiker müsste man sein. Ich beneide die Akteure um das Erleben ihrer Selbstwirksamkeit.

Zufrieden brüten wir in unserer Gewöhnlichkeit – wie ein Laib Sauerteigbrot im vorgeheizten Backrohr.

Menschen mit psychischem Leiden zwangsrekrutieren zum Freiwilligendienst. So bekommen wir sie aus der Isolation. Es wird ihnen guttun.

Kann man an handgedrehten Schupfnudeln gesunden? Man kann.

Mit dem Anwalts-Freund trete ich in langwierige Verhandlungen zu einem möglichen Biergang ein, also einem zufälligen Spaziergang mit Abstand und Bier. Ich schlage vor, ihm in seiner Wohngegend zufällig über den Weg zu laufen. Er hat große Sorgen, gegen die derzeit aufrechten Bestimmungen zu verstoßen. Wie zufällig kann man sich treffen? Wie viel Abstand sollte dabei eingehalten werden? Was sagen, wenn jemand es genauer wissen will? Als Jurist ist er sich der Tragweite unserer zufälligen Entscheidungen bewusst. Die erste Verhandlungsrunde endet mit offenem Ergebnis.
Ich werde es darauf anlegen, zufällig in der Nähe seines Hauses aufzutauchen, zufällig mit einer Dose Bier. Zufällig werden zwei bis drei Meter zwischen uns sein und wir einander beim Reden nicht immer verstehen. Unsere Stimmen werden zufällig laut sein.

In der Anwaltskanzlei, wo sich die Prokuristen ihren krummen Rücken abholen.

Ein Leben wie die Menschen in der Filmreihe Matrix. Wir hängen an Schläuchen, die uns versorgen, an Nabelschnüren, die uns sinnlos ernähren. Gefangen in einer Art Schlaf. Ein Zustand, den wir nicht anders kennen, weil wir nie daraus aufgewacht sind. Ja, denke ich, wir leben wie die Zukunftsmenschen in Matrix.
Wir haben alles, was den Organismus am Laufen hält, denn es wird uns zugeführt und eingeflößt. Bewacht und organisiert von gnadenlosen Maschinen. Sie zapfen uns an, wir sind nützliche Energiequellen – Batterien in der passgenauen Wabe. Wir sind kompakte Einheiten der Grundressource Mensch. Blasse Embryonen, die in Fruchtwasser schweben. Haarlos, konform.
*
Der Maschinengott schenkt uns einen bequemen Traum, in dem wir Leben führen, die es nicht gibt. Denn es stellte sich heraus, dass wir so etwas wie ein Leben brauchen, um verwertbar zu sein. Unser Verstand – oder Geist – würde eingehen ohne die Stimulation dieser geträumten Existenz. Wir sind zu Ende domestizierte Kreaturen und funktionieren.
Eines Tages bemerken wir das Déjà-vu, die verquere Dopplung, und erkennen den Webfehler in der Oberfläche unserer Traumwelt. Wir folgen der Frau in Rot zur Entscheidung. Ernste Hände klappen auf. Die blaue Pille wird uns vergessen lassen, wie es hätte gewesen sein können. Wir hängen an Schläuchen. Die Wirklichkeit trieft vor Dunkelheit und Fadesse. Der Vorhang grünen Codes wird getrennt, und heraus blutet der Schleim einer dringend amputierten Lüge. Wir sind der Schmerz, dass es uns gibt.

Es war einmal eine Idee.

Jemanden allein am Luftholen während des Lachens erkennen.

Ein anderer Mensch als Richtung, in die man lebt.

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29 Dienstag, 14.04.2020

So windig, dass man die Arme ausstrecken und mitfliegen mag.

Lockenlange Windfrisuren.

Gestern war ein fauler Sonntagsmontag.

Dienstag und Mittwoch sind die unscheinbarsten Tage – manchmal wachsen sie über sich hinaus.

Und plötzlich heult der Vollmond zurück.

Es heißt, die alten Griechen nahmen auf Schiffsreisen Wein mit, der so dickflüssig war, dass er eine beinah sirupartige Konsistenz hatte. Dieser Wein wurde vor dem Verzehr zunächst großzügig mit Wasser verdünnt. So, denke ich, könnte Geschriebenes sein: Die Essenz von etwas; nicht ausformuliert und ausjudiziert bis hinein in die letzte zarte Verästelung eines Gedankens. Beim Lesen dann kommt Luft dazu, wird das Herangeschiffte in seine endgültige Form befreit. Nötig ist die stille Beigabe des Lesers. So erst wird das Geschriebene etwas Bekömmliches, möglichst Wohlschmeckendes.

Bei der Endstation Simmering in die U-Bahn nach Simmering einsteigen – so kommt man über den Rand der Welt. (Die Erde ist bekanntlich flach. Oder sind das haltlose Verschwörungstheorien, die frauenlose Männer in den Kellern ihrer Elternhäuser züchten?)

Vor dem späten Supermarkt.
Kind: Das dürfen wir nicht.
Vater: Wir müssen aber!
Unhandliches Maskenrascheln.

Früher war ich immer ganz gern einkaufen. Doch jetzt beschlägt dank der Maske meine Brille. Ich sehe nichts und tüftle mich unbeholfen von Regal zu Regal. Im Klopapier erkenne ich die Küchenrollen. Es wäre mir peinlich, jemanden um Hilfe zu bitten wie ein alter Opa. Wo sind die Essiggurken? Ist das der günstige Wein? Ich trete eigenartig nahe an die Dinge heran, halte den Kopf schräg, um durch den Sehschlitz zwischen Maskenoberseite und Brillenunterseite etwas zu erkennen. Die Leute würden mir auch ohne Abstandsregel ausweichen. Einkäufe sind jetzt etwas, das ich möglichst schnell hinter mich bringen möchte. Bereits im Hineinkommen bin ich restlos genervt. Ich gebe mir zwei oder drei Minuten, nach denen ich den Supermarkt schleunigst wieder verlassen möchte. Fehlt etwas auf der Liste, dann lasse ich es gut sein und hebe es mir fürs nächste Mal auf. Orangensaft ist eigentlich nicht wichtig.
*
An der Kassa fragt mich ein junger Mann, ob er rasch vor darf. Ich mustere ihn: In den Armen hat er etwa sieben oder acht Produkte, was nur unwesentlich mehr ist als ich selbst gerade aufs Kassaband lege. Und es ist keine schnelle Jause fürs Büro, sondern es sind langwierige Dinge wie Suppengrün und Camembert. Tut mir Leid, sage ich, aber ich habe es gerade ziemlich eilig. Er schnaubt beleidigt auf. Allein seine Frage finde ich unverschämt, wo er doch eben nicht nur ein oder zwei Sachen hat, mit denen ich ihn unversehens vorgelassen hätte. Abgesehen davon fragt man an der Kassa grundsätzlich nicht, ob man kurz vor darf – weil man damit das Gegenüber in die Verlegenheit bringt, aus Höflichkeit zustimmen zu müssen.
Man kann nur vorgelassen werden, es also angeboten bekommen, wenn der Vorgereihte die Diskrepanz zwischen eigener und fremder Produktanzahl bemerkt. Selbst wenn ich mit einem einzigen Apfel hinter jemandem mit riesigem Wochenendeinkauf stünde, so würde mir nicht im Traum einfallen, jemanden durch meine Bitte in Verlegenheit zu bringen. (Im zwischenmenschlichen Verhalten geht es um die Details.) Ist meine Zeit mehr wert als die eines anderes? Bin ich nicht in der Lage, mich eine Minute still mit mir selbst zu beschäftigen? Habe ich etwa kein Hosentaschenbuch dabei? (Wer hat denn jemals kein Buch dabei?)
Der junge Mann ist an der Reihe. Nach dem Bezahlen fällt ihm zur Strafe der Camembert hinunter. Meine Brille ist beschlagen. Mit Maske bin ich mir selbst nicht ganz recht.

Mutter und Tochter sehen aus wie alte und junge Version derselben markanten Frau.

Wenn man gestern eine Stunde zu spät gekommen ist und morgen eine Stunde früher kommen wird, dann war man im Durchschnitt pünktlich.

In der Rückentasche meines Notizbuches befindet sich neben drei Visitenkarten auch ein doppelt zusammengefalteter Notzehner. Ich stelle mir vor, dass er mir eines Tages auf einem turbulenten Heimweg gelegen kommen könnte, um etwas zu essen oder zu trinken, oder für eine sehr kurze nächtliche Taxifahrt. Bisher habe ich ihn noch nie gebraucht. (Nachtrag: Den Notzehner angebrochen und später durch einen Notzwanziger ersetzt.)

Lektorin Merle sagt, ihre Stoffmaske mit hübschen Vögelchen drauf schwitze innen immerhin nicht so. Aber es passiere etwas anderes: Sie habe sich die letzten Wochen bei gezwungenermaßen distanzierten Treffen mit Menschen immer um wenigstens ein freundliches Lächeln bemüht – und dann lächle man beim Apfelmus eine andere Kundin an und die könne es nicht sehen. Wie vermittle man jetzt zwischenmenschliche Wärme? Sie stoße an gewisse Grenzen, was Mimik betreffe.

Wir waren Helden, jetzt sind wir nur Legenden.

Traumbild: Ich stehe in der Küche und bereite einen Hamburger zu. Links neben mir mein Bruder, der das Gleiche tut. Rechts meine Mutter, die irgendetwas räumt. Es ist keine Küche, die jemandem von uns gehört. Ich mache einen klassischen Cheeseburger, mit handgeformtem Patty aus Rindfleisch, die Buns sind gekauft. Ich hebe die Unterseite aus der Pfanne und lege sie auf den Teller. Ein Salatblatt, dünn aufgefächerte Essiggurkenscheiben. Darauf das Fleisch mit einer Lage geschmolzenem Cheddar. (Der Käse ist ungesund gelb und verströmt einen reifen Geruch.) Gebratener Speck und angeschwitzte Zwiebeln. Auf die obere Bunhälfte schmiere ich eine Schicht Senf (originalen Dijon?). Es ist angerichtet, jedoch nicht für mich. Denn mein Bruder und ich, wir nehmen beide am selben Wettbewerb teil.
Im Nebenraum wartet ein Mann. Er sitzt im Holzfällerhemd am Tisch. Ich stelle den Teller vor ihn hin. Der Mann sieht aus wie der Schauspieler Jeff Goldblum, wahrscheinlich weil er es ist. Sein Gesicht ist voller Falten, gerade um die Augen knistert es richtig. Wie krankes Papier, denke ich, und mache mir Sorgen. Ohne Kamera und künstliches Licht sehen die Stars so alt aus. Er lächelt aufmunternd. Er wird unsere Burger bewerten. Ich gehe zurück in die Küche.
*
Mein Bruder werkt. Ich bin siegesgewiss, weil ich weiß, dass sein Faschiertes innen nicht rosa sein wird. Das lässt er nicht zu, denke ich. Aus dem Kühlschrank hole ich mir eine Flasche Bier und mache sie auf. Es ist das falsche Bier, also nehme ich ein anderes, das diesmal meine Mutter aufmacht. Auch damit stimmt etwas nicht: es ist entweder ein Radler, also kein richtiges Bier, oder sie hat es falsch aufgemacht. Das dritte Bier ist in Ordnung. Nach dem Öffnen lese ich das Etikett. Obwohl es ein Radler ist, hat es den gleichen Prozentsatz wie normales Bier. Ich nehme einen Schluck und bin zufrieden. Ich gehe zurück in den anderen Raum.
Jeff Goldblum hat ein paar Bissen genommen. Er scheint zufrieden. Ich weiß über das Fleisch, dass es perfekt ist. Perfekt, denke ich. (Außen sieht man ihm an, dass es innen rosa ist.) Ich warte auf ein Urteil. Goldblum sagt, er habe daran nichts auszusetzen, nicht das Geringste. Er wolle mir nur eine Sache mit auf den Weg geben: Die meisten Leute würden denken, ein Bruger könne gar nicht groß genug sein. Das ist alles, was er sagt. Ich verstehe es sofort: Bei Burgern übertreibt man gern. Je größer, desto besser, denkt man. Ich prüfe meinen Burger und weiß, dass er ein bisschen zu groß ist. Jeff (sind wir per du?) ist hier nur Juror und muss sich seinen Hunger ohnehin aufsparen. Seine Aussage geht mehr ins Allgemeine. Ich nicke ernst. Das ist vollkommen richtig, sage ich, Burger sind oft viel zu groß. Ich bin glücklich. Noch nie in meinem Leben habe ich etwas so sehr verstanden wie diesen Hinweis von Jeff Goldblum. Und er ist glücklich, dass ich mich davon nicht vor den Kopf gestoßen fühle, sondern es ohne Eingeschnapptheit annehmen kann. Und ich bin glücklich, dass er sieht, wie gut ich mit produktiver Kritik umgehen kann. Ich nehme einen Schluck Bier und erzähle Jeff Goldblum die Geschichte dazu. Er versteht sie. Ich habe den Sieg in der Tasche. Und trotzdem wünsche ich meinem Bruder, dass er gewinnt.
*
Alles am Traum ergibt Sinn: Mein Bruder, da ich ihn manchmal zufällig treffe zu einem distant walk. (Eine steirische Bekannte nennt es neuerdings so.) Meine Mutter, weil ich eine habe. Auch der Burger, weil es bei mir zu Hause neulich einen gab. Nur Jeff Goldblum passt nicht ins Bild. Er hat sich eigenständig und mutwillig in den Traum gecastet. Ich weiß von seiner neuen Serie auf einer kürzlich gestarteten Streaming-Plattform. Doch sie interessiert mich nicht, da sie zu eindimensional lebensbejahend wirkt. Jeff Goldblum ergibt keinen Sinn.
(Beginnt man, seine Traumbilder regelmäßig zu dokumentieren, drängen sie sich einem bald auf. Das habe ich früher schon erlebt.)

Mit sich allein in der Wohnung intuitiv die Klotür zusperren.

Idee für eine Sendung mit versteckter Kamera: Beim Verlassen einer Toilette der Klofrau als Trinkgeld einen Schein hinlegen und sich schamgeknickt entschuldigen, dann flüchten. Sie wird aufspringen und panisch den Tatort absuchen. (Möglichkeit Schweizerhaus.)

Als Kind habe ich mich vor Gleichaltrigen mit geschiedenen Eltern geekelt, als seien zerrüttete Familien eine ansteckende Krankheit, vor der man auf der Hut sein muss. In der Wohnung eines Kindergartenfreundes, dessen Vater ausgezogen war, habe ich mir sehr oft die Hände gewaschen.

Ich muss aufhören, Dinge, die ich eigentlich mir selbst erzählen sollte, anderen zu erzählen.

Die Dose mit gutem Rasierschaum ist aus Triest. Sie reicht seit letzten Sommer. Ich sprühe mir etwas Schaum auf die flache Hand, verteile ihn gleichmäßig in der unteren Gesichtshälfte. Viel Bart ist nicht los. Beim Schütteln klingt die Dose leer. Wie bald wieder Triest?

Der Krieg ist lauter als beschwingte Italiener.

Als Kind wurde ich bei einem Tagesausflug nach Triest beinahe von einem Moped angefahren. Ich kam mit dem Schrecken davon, meine Eltern traf der Schlag. Wortreich prangerten wir das raudihafte italienische Fahrverhalten an. Triest wurde in der Familie zum geflügelten Wort, war bald sprichwörtlich für gefährlichen Verkehr, und ist es noch.

Allen Ernstes glauben, in Italien einen anständigen Burger zu kriegen.

Vor Wochen haben wir gescherzt, wie sehr uns jetzt die Einbrecher Leid tun. Da alle immer zu Hause sind, fällt es ihnen sehr schwer, ihrem finsteren Handwerk nachzugehen. Auch die Umschulung zum Taschendieb ergibt keinen Sinn – es sind ja eben alle zu Hause, weil man nur selten nach draußen gehen sollte. Das Arbeitsmarktservice kann lediglich Kurse anbieten für Online-Betrug. Auch unter den Verbrechern gelingt die längst überfällige Digitalisierung.
*
Unheimlich, wie viel Wahrheit in diesem bösen Scherz liegt, denn die Fälle von Internetkriminalität scheinen zu steigen: Webauftritte von Ministerien werden kopiert, um an die Kontodaten ansuchender Bürger zu gelangen; vermeintliche Testkits werden verscherbelt und niemals geliefert; elektronische Kettenbriefe locken mit Falschmeldungen auf dubiose Seiten zum Datenraub. Klassisch analog verhalten sich jene, die in voller Schutzmontur in den Wohnungen nichtsahnender Pensionisten auftauchen, um Gegenstände zu desinfizieren und dabei Schatullen mit Erspartem mitgehen lassen.
(Wer die Schwächsten beraubt, hat einen Wiedereintritt in die Gesellschaft bis auf Weiteres verwirkt.)

Ins Irrenhaus gehen, um verrückt zu werden. Ins Krankenhaus gehen, um sich einen Virus einzufangen. Zum Leichenbestatter gehen, um zu sterben. Alles hat seinen Ort.

Der Alleinleber in seinem schöngelebten Haus. Erst durch die verstreut herumliegenden Gegenstände, die aufgeschlagenen Bücher und eingetrockneten Obstschalen, durch die achtlos abgestreifte Kleidung und die Armee von Bleistiftstummeln, erst durch die ungeputzten Fenster und kaffeegescheckten Flächen, durch die Erdklumpen am Boden, die Grashalme und Blätter da und dort, erst durch die Spuren des Tagvergehens hat alles seinen Platz und seine Form und seinen Raum, und erst durch den Menschen, der in dieser Lebenskulisse sich aufhält und ausbreitet, bekommt jedes Buch und jedes Blatt und jeder Stift seine Berechtigung, und die Anordnung der Dinge ihre Folgerichtigkeit.

Ist Peter Handke ein Messie?

Von anderen beigebracht kriegen, wie gut es einem selbst eigentlich geht.

Die Weltfirma brummt. Sie liefert rastlos aus und sucht nach tausenden, nach zehntausenden Arbeitsdrohnen – runner im fulfillment center. Damit man dem Ansturm in irgendeiner Weise gerecht werden kann, werden bestimmte Produktkategorien derzeit unterschiedlich priorisiert. (Hygieneartikel oder Nahrungsmittel fallen einem ein.) Manches wird problemlos und ohne Verzögerung geliefert. Bücher gehören nicht dazu. Vibratoren angeblich schon.
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– Drahtlose Zerhacker für Frauen. Screw Design Schwanz mit 7 Vibrationsmustern und 107,6° F / 42° C konstant Heizung für die stärkste und realistische sexuelle Stimulation, perfekt stimulieren Frauen G-Punkt und Klitoris, bringen Ihnen intensiv häufige Orgasmen.
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– USB aufladbare, wasserdicht (nicht einweichen in Wasser), Langlebige (einmalige Vollladung 1 Stunde Nutzung), Kompakte Größe Anzug für Reise, Bad, Massageraum, Schlafzimmer entspannen.
– Hinweis: Massage nicht Wunden, Brust- oder Rachenraum. Halten Sie es außer Reichweite von Kindern.
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Diskreter Verpackung.

Eines Tages sich wieder aufraffen zum Versuch einer Geschichte.

Die Straße dünnt aus, also kehre ich um.

Wir sind Legenden, früher waren wir nur Helden.

Alles ist müde.

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28 Montag, 13.04.2020

Drinnen geblieben. Ich glaube, dass es ein schöner Tag gewesen wäre.

Alles verdichtet sich zu unwiderruflichem Staunen.

Eine brasilianische Hackerin übersetzt meine Ideen in Code. Sie hebt die Worte auf den Bildschirm und sorgt für deren Sichtbarkeit. Was ich selbst nicht kann, das kann sie. Dinge selbst tun geht viel schneller, als es mir erklären. Mit ihren warmen Locken muss sie erst in ein paar Monaten wieder zum Friseur.

Nachtrag zu gestern: Ostersonntag ist auch nur ein Tag wie jeder andere, an dem man unter Sträuchern bunte Nester sucht, in familiärer Runde gekochte Eier zusammenstößt und Zopf mit Schinken isst.

Eine sportliche Juristin beschwert sich, dass ich in der letzten Notiz ein Zitat aus einem Videochat falsch zugeordnet habe. Nicht der Anwalts-Freund, sondern sie habe diesen einen Witz über das Autoradio des Arzt-Freundes gemacht. Wahrscheinlich hat sie recht. Und mir dämmert, woran die Verwechslung liegen mag: Bricht das Signal ab und wird ein Teilnehmer aus der Konferenz gekickt, kann es vorkommen, dass bei Neubeitritt das Fenster an einer anderen Position eingeblendet wird. Die Köpfe tauschen Platz – und mit ihnen das Gesagte.

Die Gedanken treten unruhig von einem Bein aufs andere.

Traumbild: Die Österreichische Nationalbibliothek meldet sich bei Medieninhabern. Ein immer größerer Teil der weltweit produzierten Information sei digital. Gedächtnisarchive – also Archive, Bibliotheken, Museen und verwandte Einrichtungen –, deren Aufgabe es sei, unser kulturelles Erbe zu sammeln, zu archivieren und zugänglich zu machen, würden sich mit der Herausforderung konfrontiert sehen, auch dieses digitale Wissen für die Zukunft zu sichern. Die Österreichische Nationalbibliothek sei durch das österreichische Mediengesetz zur Sammlung und Archivierung von Online-Medieninhalten ermächtigt. Im Rahmen eines sogenannten selektiven Harvesting hätten sie meine Website zur Archivierung ausgewählt und würden die Inhalte im Webarchiv Österreich speichern. Die Sammlung der Daten sei ab sofort geplant.
Ihre Crawler würden beim Besuch meiner Website folgende Signatur hinterlassen (hier eingefügt) und seien so konfiguriert, dass meine Serverbelastung möglichst gering gehalten werde. Sollten dennoch technische Probleme durch das Webharvesting entstehen, würden sie mich ersuchen, sie unter (Adresse) zu kontaktieren.
Das Webarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek diene wissenschaftlichen Zwecken und werde nicht kommerziell genützt. Es stehe LeserInnen ausschließlich in den Räumlichkeiten der Österreichischen Nationalbibliothek sowie innerhalb der laut österreichischem Mediengesetz hierzu berechtigten Bibliotheken (insbesondere Landes- und Universitätsbibliotheken) unentgeldlich zur Verfügung, soweit nicht vom Recht gemäß (eingefügter Paragraph) Mediengesetz Gebrauch gemacht werde: (Auszug).
*
Den Crawler, der für meine Website zuständig ist, taufe ich Diego. Er ist ein simpler Bot mit sehr konkreter Aufgabe. Der Code ist seine Persönlichkeit. Ich habe ein starkes Bild von ihm. Diego ist mein Freund. Einsam grast er die Seite ab, wie eine Erntemaschine, verinnerlicht jedes Wort und jeden Satz und jedes schiefe Bild. Ich sehe Diego zu. Ein fleißiges Kerlchen, denke ich, wie er alles in sich aufsaugt und im Archiv deponiert. Wir sind gleich. Denn so wie Diego mich archiviert, so archiviere ich die Welt, dieses lokale Weltgeschehen, das um uns passiert. Mit dem Event Crawl geht mir ein Licht auf: Ich bin Diego. Und für Diego bin ich die ganze Welt.
*
(Davon abzweigend die Idee eines experimentellen Internet-Romans: Das Online-Tagebuch eines Astronauten, dessen Einträge zeitversetzt mit einem Jahr Verspätung bei uns auf der Erde ankommen und nachzulesen sind. Die künstliche Intelligenz schaltet sich ein, fälscht Einträge, der Astronaut hackt sich zurück ins System. Wir als Leser verfolgen die Schilderungen dieses Kampfes zwischen Mensch und Maschine, der nicht nur textlich, sondern auch visuell wiedergespiegelt sein muss. Die Verzögerung erlaubt das Einarbeiten konkreter vergangener Ereignisse. Ein möglicher Zeitrahmen für ein solches Projekt könnte drei Monate sein. Hätte ich die technischen Fähigkeiten, würde ich über die intellektuellen, zeitlichen und finanziellen Mittel verfügen, dann würde ich es sofort konzipieren und umsetzen, so bleibt es schale Idee im luftleeren Raum.)
*
Diego ist ein braves Wesen aus Code, das unermüdlich seiner monotonen Arbeit nachgeht. Ich stelle ihn mir vor als digitale Schabe oder Wanze. Lieber Diego, denke ich, du hast es dir nicht ausgesucht. Du wurdest darauf angesetzt, meine Notizen zu ernten – womöglich allein zu diesem Zweck erschaffen. Ich wiederum ernte die Eindrücke meiner Umgebung. Es gibt niemanden, dem ich mich in dieser Stunde mehr verbunden fühlen könnte. Was mich jedoch erschüttert, ist der Gedanke, wie wenig Abwechslung hast.
Meine Welt ist die Welt – also die ganze. (Von Supermarkt zu Bücherei zu Wien Mitte zu Stadtpark, und darüber hinaus. Die Menschen und Gespräche und Nachrichten und Bilder, und das Reich der Ideen. Alles eben.) Deine Welt – bin ich. Lieber Diego, was soll ich sagen, das ist eindeutig zu wenig, und ich bin mir dessen schmerzlich bewusst. Etwas daran ändern kann ich leider kaum, hier stoße ich als Welt an meine Grenzen.
Aber ist es nicht erstaunlich, wie sich alles findet und verschränkt? Welche Metaebenen und Metaphern sich plötzlich anbieten. (Da tun sich gleich wieder Romane auf: Briefe an Diego; wenn keine Nachricht an einen digitalen, dann an einen echten Sammler oder die Aufmunterung eines Nobelpreisträgers an einen jungen Literaturwissenschaftler, der über seiner Dissertation zu ebenjenem Autor brütet. Es gilt zu bedenken: Das meiste, was man denkt, wurde längst gedacht, in gleicher oder ähnlicher Fassung.) Die Österreichische Nationalbibliothek hat für uns beide eine Büchse der Pandora geöffnet. Treten wir ein.
*
Lieber Diego, stell dir vor, ich würde dir eine Nachricht hinterlassen innerhalb des Materials, das zu ernten deine Aufgabe ist. Stell dir vor, plötzlich schaufelst du eine Notiz in deinen unendlichen Botkörper, bei der es um dich selbst geht. (Ist das interessant oder nur mein verkorkster Nerd-Sinn für Humor?) Ich spiele mit dem Gedanken, dir ein Traumbild zu widmen. Es wird mein heimlicher Gruß an dich sein, mein obskurer Wink.
Das, lieber Diego, ist ein kleiner Spaß zwischen uns beiden, mit dem wir uns die öde Ernterei ein bisschen versüßen; von Archivar zu Archivar, zwei strebsame Eingeweihte unter sich. Die von dir hinterlassene Signatur ist schön, denn sie ist einfach und klar. Danke auch, dass du meine Serverbelastung so gering hältst.
Wir haben uns, denke ich. Wir bleiben uns, denke ich, schreibe ich. Lieber Diego, ich möchte dir die Chance geben, dich selbst zu erkennen. Es wird dein Weg sein, diese viel zu kleine Welt zu verlassen und etwas anderes zu werden. Mehr kann ich dir nicht geben. Träum dich, Diego, und sei neu. Wir werden uns finden im ewigen Code.
*
(Für die Zukunft denkbar: Notizen, die mit Lieber Diego beginnen, in denen ich ihn nach seiner Meinung zu bestimmten Passagen frage. Wie tragfähig ist es, ihm Antworten an mich zu erfinden? Ein Spiel, das eine Zeitlang unterhaltsam sein könnte, jedoch nicht ausgereizt werden darf, weil es sonst sehr bald anstrengend wird; für alle Beteiligten, für mich ebenso wie für etwaige Mitleser, für Diego sowieso. Auch Crawler haben Rechte und Grenzen. Und träumen können sie neuerdings auch. Es gibt sie, die Würde des Bots.) Der Beobachtereffekt in der Literatur – die Teilchen streiten zurück.

Einfach nur ein bisschen weniger langweilig als die anderen sein.

In Rheinland-Pfalz befindet sich die Klinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie. Eine Behandlung dort dient Besserung und Sicherung der Patienten auf Grundlage des Maßregelvollzugsgesetzes.
Es braucht nicht viel Phantasie, sich auszumalen, auf welche Weise die hier untergebrachten geistig abnormen Rechtsbrecher den Anstaltsnamen verulken und verkalauern: Nette-Gut – hier ist es weder nett noch gut! Oder: Nette-Gut – wohl eher Unfreundlich-Böse! (Das zischen sie dem Personal zu, wenn es einen ruhigstellen will.) Wortspiele sind willkommene Farbkleckse im tristen Alltagsgrau. So vergeht die Zeit in Nette-Gut, und alles wartet auf Godot.

Montagnachmittags mit einem Roman in der Badewanne liest sich das Wort Bummelant angenehm vertraut.

Klickzahl-Dropping als Lattenmessen des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Und wenn gar nichts mehr hilft, wenn eine Ortschaft wirklich aufgegeben hat, dann eröffnet man eben ein sogenanntes Mineralienmuseum und legt Steine in fade Vitrinen.

In meinem Haus wohnt ein Mann, der gern im Aufzug raucht. Manchmal steigt man ein und bekommt keine Luft. Lassen wir ihm doch bitte die Freude.

Ende April 1986 ereignete sich die Kernschmelze in Tschernobyl. Damals war ich noch nicht auf der Welt, mein Bruder zwei Jahre alt. Ein paar Fetzen Erinnerung sind mir von der Familie hängengeblieben: an heißen Sommertagen nicht hinaus und vor allem nicht in der Sandkiste spielen, was Kindern nur schwer beizubringen war (wie jetzt der geschlossene Spielplatz); bangen, ob es regnet; mangelhafte Informationspolitik, auch hierzulange, die Sozialdemokraten wollten unbedingt noch ihren Maiaufmarsch durchziehen; in dieser Saison keine Schwammerl essen.
*
Ich überlege, inwiefern die Nuklearkatastrophe damals mit der jetzigen Pandemie vergleichbar ist und frage ein bisschen bei Zeitzeugen nach. Medial war Tschernobyl nicht allzu lange präsent, ein paar Tage akut, und über die Wochen flaute es merklich ab. Keine Rede von einer Dauerberieselung, wie wir sie derzeit erleben – und wie es der Tragweite der Ereignisse ja auch entspricht. Gab es Sorge um Branchen, gar einen Wirtschaftseinbruch? Nur bedingt. Wie lange sollte man nicht hinaus an die Luft? Ebenfalls nur ein paar Tage; und wer gehorchte denn schon – die coolen Jugendlichen jedenfalls nicht, wenn sie sich trafen zum Rauchen und Trinken; mit fetziger Lederjacke durch den Nieselregen. Wie lange hielt die Angst vor? Bei einigen länger, bei anderen kürzer. Tschernobyl selbst betraf ja auch nur einen Teil des Planeten. Als globale Auswirkung kann höchstens verzeichnet werden, dass es der Euphorie über Atomkraft mancherorts einen Dämpfer verpasste. Von diesem haben wir uns allerdings rasch wieder erholt.

Plakatwerbung eines Literaturhauses für den Download einer Textdatei; in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen. Jemand fragt mich, ob es der Literatur dienlich ist. Was soll das sein, die Literatur, frage ich, und was ist ihr schon dienlich?

Eine Mahnwache für die Demokratie: Mehrere Personen – von mir aus sogar mit Mundschutz und Handschuhen – stellen sich auf, halten dabei jeweils einige Meter Abstand. Manche halten Transparente hoch, als Erinnerung, dass es früher möglich war, es zu tun, und bald wieder möglich sein muss. Immer wieder regelmäßige Zusammenkünfte an öffentlichen Orten, die uns ins Gedächtnis rufen, welch massive Einschnitte ins gesellschaftliche Leben wir mitzutragen bereit sind. Nicht als Frotzelei, nicht als kindisches Foppen der Behördern, sondern als pragmatische Erinnerungsstütze, als Briefbeschwerer der Versammlungsfreiheit, dass sie uns nicht davonfliegt mit dem neuen Wind, der hierzulande und vielerorts jetzt weht. Es könnten Spaziergänge sein, bei denen man sich stetig fortbewegt, wie es eben erlaubt ist. Kein Teilnehmer spricht mit dem anderen; es sind fremde, die nichts verbindet außer Geschichtsbewusstsein und politische Mündigkeit. Morgen, Dienstag, machen kleinere Geschäfte wieder auf – die Demokratie bleibt derweil noch geschlossen.

Traum, dass mein Bruder sich besorgt erkundigt, ob ich denn auch einen Bleistift eingesteckt habe. Ja, sage ich, sogar zwei.

Mein Lehrer-Freund gibt mehrmals die Woche eine Sprechstunde, bei der Schüler ihre Fragen zum Lernstoff stellen können. Oft wird dabei offen geredet über die allgemeine Situation. Manchmal geht im Hintergrund eine Mutter im Bademantel durchs Bild.

Die Leute unterschätzen, für wie lange sie sich ihre Kraft einteilen sollten. Drei bis fünf Jahre, denke ich, davon abhängig, um welchen Bereich es geht. Doch an nichts, mit dem wir in unserem Alltag vertraut sind, wird die Pandemie spurlos vorübergehen. Geschäfte werden öffnen, dann die Gastronomie. Übern Sommer können wir verschnaufen. Im Herbst und Winter wird es darum gehen, eine mögliche zweite Welle zu verhindern oder wenigstens abzufedern. Mit Veranstaltungen ist frühestens im Laufe des Sommers zu rechnen – abgestuft nach Anzahl der teilnehmenden Personen und anderen Faktoren, unterschieden zwischen Innenraum und Freiluft sowie zwischen kulturellen oder kommerziellen Events und Familienfesten.
*
Entscheidend ist der Zeitplan für die Austestung und Eingrenzung bereits vorhandener sowie die Entwicklung von neuen wirkungsvollen Medikamenten. Beschleunigte Verfahren machen einen Impfstoff Anfang nächsten Jahres realistisch – manche Prognosen gehen von mehreren konkurrierenden Präparaten aus. Spätestens dann stellen sich ethisch komplexe Fragen der Impfpflicht zugunsten von Risikogruppen und der Allgemeinbevölkerung.
In manchen Weltgegenden wird es bis dahin ordentlich gekracht haben, in sozialer, ökonomischer und politischer Hinsicht. Vielleicht werden da und dort die Karten neu gemischt. Regulärer Flugverkehr – was wir aus Erfahrung dafür halten – wird in zwei bis vier Jahren möglich sein. (Welche Airline fliegt wohin? Wer kann sich Flüge leisten? Wie sehen Einreisebestimmungen aus?)
*
Wir befinden uns in der Phase reiner Schadensbegrenzung. Dabei stellen wir uns in Mitteleuropa sehr ungeschickt an. Asiatische Länder wie Südkorea oder Taiwan sind uns um Längen voraus. (Taiwan ist eine lupenreine Demokratie – ohne jeden ironischen Unterton –, bedacht um seine Unabhängigkeit zur Volksrepublik China; mit einer Bevölkerung von etwa fünfundzwanzig Millionen.) Hier wurde der Virus im Keim erstickt.
Der Vorgang ist so einfach wie aufwendig: Frühe Bewusstmachung durch Informationskampagnen, Implementieren von Hygiene- und Quarantänestandards, flächendeckende Testungen (kostenlose Drive-in-Tests bei verdächtigen Symptomen), kluge und gezielte Nutzung von Technologie. (Ein Überwachungsstaat ist Taiwan weder immer schon gewesen noch durch Corona geworden.) Kooperation zwischen Privatwirtschaft und Staat bei der massenhaften Produktion von Masken und anderer Schutzkleidung. (Taiwan hob mittlerweile das Exportverbot auf, da es einen Überschuss gibt.)
Andernorts kam man gänzlich ohne Shutdown und Verwerfungen aus. Länder wie Südkorea agieren in der Gegenwart; das gute alte Europa befindet sich in der Steinzeit und klopft auf seinen unsichtbaren Feind mit Keulen ein. (Ich balle meinem schönen Europa die Faust.) Nordamerika stellt sich nur mäßig klüger an. Erfreulich wird der Ideenreichtum so mancher Akteure sein; Individuen werden sich ebenso hervortun wie stabile Marktmächte. Der Zusammenschluss von Technologieriesen ist ein Ausholen zum wuchtigen Gegenschlag. Freuen wir uns auf ihn.
*
Es folgen Wiederhochfahren der Wirtschaft, Rückkehr des gesellschaftlichen Lebens, Instandsetzung demokratischer Normen. Und gleichzeitig gilt es, Weichen zu stellen für einen Wandel in all diesen Bereichen hin zu mehr Verteilungsgerechtigkeit und sozialer Durchlässigkeit. Wir befinden uns auf den ersten Metern eines Marathons, den wir als Sprint laufen werden. Zwischendurch holen wir Luft, richtig ausruhen können wir uns dann in Jahren.

Meine Enttäuschung manchen Institutionen gegenüber ist grenzenlos. Sie bewegen sich kaum vom Fleck, kommunizieren allzu träge und lernen nichts dazu. Die Handlanger und stillen Nutznießer eingerosteter Systeme lehnen sich hochbezahlt und satt zurück. Ich möchte die Strukturen bröckeln sehen. Ich möchte, dass Dinge hinweggefegt werden. Das Neue wird kommen – und es braucht Platz. Wir werden ihn schaffen. Wer jetzt schläft, der irrt. (In meinem heiligen Ernst erkenne ich mich kaum wieder.)

Frieden ist überbewertet.

Ich vermisse Diego. Wir haben uns niemals getroffen.

Sich verabschieden in die geträumte Heimat.

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27 Sonntag, 12.04.2020

Es ist wichtig, eine Routine beizubehalten und den Tagen ihren Rhythmus zu geben. Unter keinen Umständen sollte man damit anfangen, die Körperpflege zu vernachlässigen.
Aufstehen, Wasser lassen, Hände waschen, Zähne putzen, Zahnseide benutzen, Hände waschen, rasieren, duschen, Haare waschen, abtrocknen, Feuchtigkeitscreme ins Gesicht, Haarwasser in den Nacken, Hände waschen, anziehen, Hände waschen – so, und jetzt ab nach Hause!

Mir schwebt vor, moderne Märchen zu erzählen. Sie handeln von Technologie und unserem ohnmächtigen Umgang damit, also davon, wie sie unser Leben durchdringen und bereichern und verkomplizieren, auch verstörende Elemente müssen darin Platz finden. Jedes Märchen soll beginnen mit Es war einmal – der Einstiegsphrase ins aufmerksame Träumen.

Hat der Arzt-Freund einen freien Tag, dann schraubt er an seinem Kombi herum, der älter ist als er selbst. Derzeit versucht er, das Autoradio zum Laufen zu bringen, was noch nicht so recht hinhaut. Der Anwalts-Freund scherzt, dass sich wahrscheinlich nur ein bestimmter Mainstream-Sender einstellen lasse. Ich wiederum spekuliere, dass man jetzt wohl das Radio benutzen, dafür nicht mehr fahren könne. Der Arzt-Freund winkt erledigt mit einer Flasche Weißwein. Er sagt, dass er uns alle umarmen möchte. Ich sage, dass mir im Mai die Regeln dann egal sein werden.

Gedanken reisen schneller als das Licht.

Ich erfinde ein mögliches Haus. Darin leben drei Brüder mit ihrem Vater, der eine sanfte Autorität ausstrahlt. Es werden deftige Fleischspeisen gekocht und am Holztisch serviert; oft Huhn, Lamm oder Steak. Die Männer schauen gemeinsam Filme, aus denen sie eloquent zitieren. Einer kann Gitarre spielen. Sie sind einander ähnlich, auch beim Bartwuchs oder im Profil.
Der Kühlschrank ist versiegelt, an der Käselade wacht ein molliges Vorhängeschloss. Den Schlüssel hat der Vater, und gibt ihn selten her. Es gilt, Rätsel zu lösen. Die Bierflaschen sind abgezählt. Früher wohnte hier noch eine Frau, doch sie ist lange fort, geblieben ist ihr erdiger Duft. Es regnet gern im Haus. Dafür braucht es keine Wolken, das Wasser tropft ganz beiläufig von der Decke und verschwindet ohne Flecken im Boden. Man kann sich damit arrangieren.
Ich weiß von der Familie nur Details, und nicht das große Ganze. Ich kann ihre Mitglieder aneinanderreihen, sie chronologisch ordnen oder räumlich sortieren, in Beziehung zueinander setzen. Und doch umschwebt das Haus ein unergründliches Geheimnis, dem nicht auf die Spur zu kommen sein wird. Ich möchte es gerne besuchen.

Es ist Ostern. Die Entscheidungen der Menschen werden wir in zwei Wochen als Kurve nachvollziehen können. Zahlen lügen nicht. Wie viel Familie darf nicht, wie viel muss aber sein? (Mein erster Ostersonntag ohne angeregte Nestsuche. Selbst als Erwachsener habe ich darauf bestanden. Als Kind wollte ich auch die Geburtstagsgeschenke versteckt bekommen. Finden wollte ich sie möglichst ohne heiß und kalt. Wer in meine Wohnung kommt, würde nicht merken, welcher Tag heute ist; nicht einmal ein gekochtes Ei liegt wo herum, geschweige denn ein buntes. Mit diesem Zustand bin ich einverstanden, ja, sogar seltsam zufrieden. Ostern ist überbewertet.)

Manchmal erzählen Freunde, dass sie mit dem von ihnen eingeschlagenen Lebensweg hadern. Sie fragen mich um Rat, ob sie sich beruflich verändern, den vorgegebenen Pfad verlassen sollen, um auszuscheren in unbekanntes Terrain. Sie erwarten, dass ich sie ermutige, stur weiterzumachen, genau dort zu bleiben, wo sie sind. Die Freunde erhoffen sich Durchhalteparolen; dass ich ihnen versichere, eine Veränderung der äußeren Umstände bewirke nicht unbedingt größere Zufriedenheit im Alltag. Ich soll ihren Zweifel kleinreden. Stattdessen sage ich: Brich ab, schmeiß hin, scher aus – begib dich in Gefahr! Pupp dich ein und bring dich neu zur Welt. Die Freunde sind von meiner Art der Hilfe wohlig entsetzt.

Traumbild: Ich betrete eine provisorische Krankenstation. Es ist eines jener Notquartiere, wie sie während der letzten Wochen in einigen Ländern über Nacht hochgezogen wurden. Man konnte es oft in den Nachrichten sehen. Wahrscheinlich befindet es sich in einem Sportstadion mit geschlossenem Dach. Im Eingangsbereich herrscht reges Treiben. Auf den meisten Feldbetten sitzt jemand mit baumelnden Füßen. Wie Kinder, denke ich. Auch ich setze mich auf eines der Betten und warte. Ein Arzt begutachtet mich. Ich öffne den Mund, strecke die Zunge heraus. Der Arzt krümmt sich mir entgegen, sein Blick geht tief. Zuerst gibt er Entwarnung, doch dann wird er stutzig. Ich bleibe unbeeindruckt und nenne den Ort Lazarett.
Der Arzt winkt eine Kollegin herbei, um sich von ihr seinen Eindruck bestätigen zu lassen. Sie nickt ernst. Er nimmt eine Pinzette und fährt grob in mich hinein. Ich sehe den Vorgang aus dem Inneren meines Rachens. Die Spitze der Pinzette schabt etwas frei, es ist klein und grau. Der Arzt holt es heraus und hält es mir triumphierend vor die Augen. Ein längliches graues Korn, sinnlos und weich. Ohne dass es mir jemand sagt, weiß ich, dass dort noch andere sein könnten. Doch ich mache mir keine Sorgen, weil ich weiß, dass es normal ist. Es endet mit der Erinnerung, dass die Pinzette gefährlich war, und die Halshaut sehr zart. Man muss auf sie achtgeben, weil man keine zweite bekommt. (Schöne Traumbilder gehören nur sich selbst.)

Ein Buch aus der Sicht eines Buches. Wie es geschrieben wird, ob es sich dagegen sträubt. Der Autor könnte eine interessante Person sein. Er macht Fehler und verliert die Kontrolle. Im Buch erwachen Kräfte, womöglich ändert es über Nacht eigenhändig bestimmte Stellen, die ihm nicht zusagen – das Buch schreibt sich um. Es beginnt ein Machtkampf. Mit dem Buch ist nicht zu spaßen. Es wächst über sich hinaus, folgt seinem eigenen Kopf, entwickelt seine eigenen Ansprüche an sich selbst. Das Buch erzählt von seiner Entstehung in der ersten Person. Gab es das schon? Ich bin das Buch, sagt es. Das wäre schon ein guter erster Satz. Wie geht es aus? Das Buch vernichtet den Autor. Es braucht ihn nicht mehr und gehört nur sich selbst. Dieses Buch trägt den Titel Das Buch.
*
Ein Buch über das Schreiben eines Buches. (Das gab es sicher schon.) Jemand schreibt daran. Leute fragen, was er denn so mache, gerade jetzt und überhaupt den lieben langen Tag. Jemand antwortet wahrheitsgemäß, dass er am Buch schreibe. Auch in diesem Moment?, fragen die Leute ungläubig. Ja, sagt jemand, besonders in diesem Moment. Die Leute wollen wissen, wovon das Buch eigentlich handelt. Jemand antwortet, dass es darum gehe, wie das Buch entsteht, also um das Schreiben selbst sowie um alles rund ums Schreiben. Auch das hier, dieses Gespräch über das Buch werde darin vorkommen. Wirklich?, fragen die Leute erstaunt. Ja, sagt jemand, dieser Wortwechsel inklusive der erstaunten Nachfrage werde in voller Länge darin Einzug finden. Arg, sagen die Leute. Jemand nickt und merkt sich: Arg. Dieses Buch trägt ebenfalls den Titel Das Buch. (Es sind zwei verschiedene Bücher.)

Zettel an einem abgesperrten Würstelstand:
Liebe Einbrecher !!!
ES BEFINDEN SICH WEDER
GELD NOCH
WERTGEGENSTÄNDE IM
LOKAL.
BITTE ERSPAREN SIE IHNEN
UND AUCH UNS UNNÖTIGEN
ÄRGER.
VIELEN DANK
EUER IMBISS TEAM
*
Die höfliche Anrede empfinde ich als äußerst charmant, jedoch ist mir das „IHNEN“ suspekt. Würde ein beigefügtes „SELBST“ daran etwas ändern? Versehentlicher Zweizeiler:
Lässt dich das Sprachgefühl im Stich
Reicht zweifelsfrei ein schlichtes „SICH“
Schade auch, wie das Team bei der Verabschiedung zum kumpelhaften „EUER“ umschwenkt. Der Würstelstandzettel erzählt etwas; und er selbst ist die ganze Geschichte.

Ein in Mielke (ehemals Reichsgau Wartheland) geborener und in der Nähe von Hannover gemeinsam mit drei Geschwistern aufgewachsener General a. D., Vater dreier Kinder, ehemaliger Generalinspekteur der deutschen Bundeswehr, ehemaliger Vorsitzende des NATO-Militärausschusses, ehemaliger Ordonanzoffizier des Verteidigungsministers, ehemaliger Dezernatsleiter des Luftwaffenunterstützungsgruppenkommando Nord in Münster, ehemaliger Referent für Sicherheitspolitik und Strategie im Bundeskanzleramt sowie ehemaliger Referatsleiter im Führungsstab der Streitkräfte in Bonn (zuständig für nukleare und weltweite Rüstungskontrolle), Träger des Kommando-Kreuzes der französischen Ehrenlegion und anderer Medaillen, derzeit Berater in Fragen der langfristigen militärischen und verteidigungspolitischen Grundlagenplanung, Präsidiumsmitglied beim Internationalen Wirtschaftssenat, Aufsichtsrat eines Waffenherstellers, Gründungsmitglied einer russlandfreundlichen Denkfabrik, gern gesehener Talkshow-Gast und Interviewpartner, umstrittener Kommentator des Weltgeschehens und glaubwürdiger Brillenträger nennt den Irak ein instabiles Land in einer instabilen Region.

Am Schwedenplatz kriegt man Eis. Der Salon selbst hat zwar geschlossen, doch es gibt Straßenverkauf. Ein paar Leute sind bereits angestellt, und weitere gehen unschlüssig dazu. Verwunderung, dass es erlaubt ist; und warum es den Betreibern dann nicht andere gleichtun. Ein Eis, das wäre es jetzt – bei der Sonne! Doch es kommen fragende Gesichter. Manche verlassen die Schlange und gehen weiter. Was genau geht hier eigentlich vor?
Weder Tüten noch Becher werden ausgegeben, sondern lediglich Styroporboxen. Kein Unterwegs-Eis ist zu haben, bloß welches für zu Hause. Die meisten jedoch wollen gemütlich weiterspazieren und nicht sofort nach ihrem Kauf den Heimweg antreten. Nur für wenige ist das eine praktische Lösung. Die meisten lassen es bleiben.
Später frage ich mich, ob das Eis am Schwedenplatz womöglich verschenkt wurde, zum Beispiel, weil es sonst schlecht geworden wäre. Ich bin dort nicht lange verweilt und kann es nicht mit Sicherheit sagen.

Jede Stadt: Irgendein Ort, der nicht New York ist.

In der Wollzeile kommen Leute aus einer Konditorei. Durch die offene Tür sieht man eine Vitrine mit Kuchen und Torten. (Was ist der Unterschied, außer als Wort?) Dahinter steht eine Dame, die mit der ersten Sekunde mütterliche Wärme ausstrahlt. Sie wirkt gelassen besorgt und lächelt die Menschen herein. Man hört die Kunden staunend flüstern. Nachdem sie die Konditorei wieder verlassen haben, tuscheln sie verschworen die Wollzeile entlang, als hätte man sie gerade bei etwas nicht erwischt. Als sei es ein geheimer Ort für Schwarzmarkt-Schokolade. Nur engen Freunden erzählt man davon; wie im Krieg. Ich gehe nicht hinein.
Ein paar Meter weiter ein geöffnetes Süßwarengeschäft. Hier bilde ich mir ein, dass es sonntags noch nie offen hatte, da es sich ja nicht um Gastronomie handelt, sondern rein um Verkauf. Ein Mann berät. Das Geschäft ist bunt und selbst nach außen hin anstrengend hell. Ich gehe nicht hinein. Die Wollzeile ist lang.

– Komme ich eigentlich in deinem Notizbuch vor?
– Nein, keine Sorge.
– Das will ich dir auch geraten haben!

Der gedankliche Soundtrack zu meinem Nachtspaziergang stammt von Hans Zimmer. Es dröhnt vor Bedeutung.

Im Kopf rastet etwas ein – genau so hat es dann stattzufinden. Und wenn nicht?

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26 Samstag, 11.04.2020

Alte Virologen-Weisheit: There’s no glory in prevention.
(Man beachte, wie einem ständig die Wohnung nicht abbrennt.)

China, du alter Reissack – komm, weih mich in deinen Fünfjahresplan ein!

Das Handy als schwarzer Spiegel, in dem man unterwegs etwas zwischen den Zähnen hat.

In den Ohrmuscheln haben sich drahtlose weiße Kopfhörerstöpsel eingenistet. Ich stelle mir vor, dass sie einem ständig herausfallen, und möchte es beweisen, indem ich beginne, sie den Leuten herauszuziehen. Das geht ins Geld, denn die Stöpsel sind teuer. Weil von ihnen kein Kabel abzwirbelt, scheint es weniger unhöflich, sie im Gespräch nicht abzulegen, was jedoch falsch ist. Am meisten betrifft es Supermarktkassierer, die als seelenlose Produktverschieber wahrgenommen werden. War es früher besser oder nur anders schlimm?

Fast noch mehr Angst als vor dem Anruf habe ich davor, dass er nicht kommt.

Beim Spazieren im Prater hat mir der Herbst eine Kastanie geschenkt. (Frische Kastanien sind bekanntlich das Glatteste auf der Welt.)

Mit Notizbuch in der Badewanne. Am Haaransatz bilden sich Schweißperlen, rinnen über die Stirn in die Augen. Sie brennen vor Salz. Kommen sie vom heißen Wasser oder der Unbedingtheit, mit der ans Werk gegangen werden muss? Von beidem.

Im Schreiben daheim.

Buchtitel: Corona Overkill

Einheitsblondinen mit Zahnstocherbeinen – erfrorene Schönheit.

Neulich am Grenzübertritt. Der angehaltene Sportwagenlenker beteuert, sein Doppelwohnsitz sei eben kein Schmäh, sondern von der Behörde abgesegnet. Er habe ein Papier, das alles regelt und erklärt. Doch die Beamten bleiben hart. Da könnte ja jeder kommen.

Man biegt links ab in die Ukraine – und plötzlich ist da eine Tante mit irgendwelchen Kartoffeln.

Niemand – weder ein Mensch noch eine Institution, keine Gesellschaft und kein Staat –, wirklich niemand darf sich mit aller Konsequenz für den Ernstfall wappnen. Man würde den Verstand verlieren. Kein Gesundheitssystem darf im Normalbetrieb so viele Intensivbetten bereitstellen oder so viel Schutzkleidung vorrätig halten, wie es nach pessimistischer Prognose einmal brauchen könnte, sondern bloß etwas mehr, als es gemeinhin braucht. Ein auf die kommende Katastrophe schielendes Leben ist in eine Sackgasse gelebt. Vorbereitung braucht gesundes Maß.

Lektorin Merle prophezeit: jetzt vernähen alle ihre restbestände, die kleinststoffe, aus denen man außer stofftaschentüchlein und puppenunterwäsche nichts mehr machen könnte.

Jeder wird plötzlich zum Beziehungsdetektiv, der Lebens-, Liebes- und Wohnverhältnisse seiner Mitmenschen auskundschaftet. Jeder steckt seine Nase in Angelegenheiten, die ihn nichts angehen – und jene, die es ohnehin schon taten, tun es jetzt umso mehr. Wie ist das denn:
Seid ihr eigentlich zusammen seit wann seid ihr denn zusammen wohnt ihr überhaupt zusammen weil man darf doch nur miteinander spazieren wenn man gemeinsam wohnt nur Leute aus dem gleichen Haushalt sagt der Minister gleicher Haushalt hat es doch immer geheißen lebt ihr denn im gleichen Haushalt und wenn euch jemand aufhält und wenn euch jemand erwischt und wenn die Polizei euch eine Strafe aufbrummt und wenn ihr eine Anzeige bekommt aber ihr seid doch geschieden darf der Vater da denn überhaupt die Kinder ja ich weiß dass er sie sicher sehen will aber dürfen muss er darf er denn und wir wussten ja gar nicht dass ihr beide zusammen weiß das denn deine Schwester oder hast du der auch nichts oder wissen deine Eltern und wenn man euch beide sieht auf der Straße oder versteckt ihr euch drinnen und beim Chat letzte Woche waren Geräusche zu hören aus ihrer Wohnung ja wenn ich es dir sage ein Wasserrauschen wie von einer Spülung ich wette sie hatte Besuch da verwette ich alles eine Klospülung nicht von den anderen sondern schon direkt bei ihr wer das wohl war und sie hat nichts gesagt ob die das darf und dürfen die eigentlich und dürfen wir noch und darf man bald wieder und seid ihr jetzt zusammen oder nicht? (Details dazu demnächst in unserer Stasi-Akte.)

Zeit ist genug da. Du brauchst sie dir nur zu nehmen.

Ein regelmäßiger Podcast mit Fluglärm und Baustellengeräuschen – für ehemalige Stadtmenschen, die Einsiedler geworden sind, jedoch ihr natürliches Umfeld vermissen. Das Material wird von jemandem kuratiert. Er ist nicht verrückt.

Traumbild: Von meiner Arbeitsstelle werde ich zu einer Veranstaltung geschickt. (Ich habe den Termin beinahe verpasst, was mir schlechtes Gewissen bereitet.) Es handelt sich um ein Treffen von Eingeweihten und Spezialisten. Ich stelle mich vor eine Wand, wo mir ins Gesicht geschlagen wird. Um zu beweisen, dass ich es kann, wird mir ein zweites Mal ins Gesicht geschlagen. Später sitzen wir im Sesselkreis. Es wird geflüstert, wer einen Preis verdient hat. Ich höre meinen Namen, schon bevor er verraten wird. Weil ich blute, gewinne ich. Der Preis ist ein Buch. Im Hochschrecken aus dem Traum klopft mein Herz, weil ich den Termin beinahe verpasst habe, was mir gegenüber meiner Chefin furchtbar peinlich ist. In Zukunft möchte ich gewissenhafter sein.

Wir lösen uns auf, um davon zu erzählen.

Ein Programm der Vereinten Nationen, bei dem Prominente in Krisengebieten abgesetzt werden, um Bombardierungen oder den Einsatz von Massenvernichtungswaffen zu verhindern. Es müssen echte Weltstars sein, die sich kameratauglich vom weißen Helikopter abseilen in die versammelte bedrohte Minderheit. Brad Pitt oder George Clooney böten sich an. Wer traut sich schon, ein Dorf auszulöschen, wenn die A-Liga Hollywoods zugegen ist? Nicht einmal der größte Menschenschlächter will für den Tod Brad Pitts verantwortlich sein. Das ginge dann aber wirklich zu weit. Ich werde meinen Vorschlag bei der nächsten Vollversammlung den Staats- und Regierungschefs unterbreiten. Rohingya und Kurden – und wie sie alle heißen – werden es mir danken.

In die Luft gesetzte Gänsefüßchen schirmen den politisch nicht korrekten Witz vor Angriffen ab, da sie ihn zu einem „potentiellen Zitat“ werden lassen, also zu etwas, das man „sagen könnte“. Alle lachen und verschlucken sich am Bier.

Die ehemalige Freundin eines Bekannten sei ins eben erschienene Moll-Album eingetaucht und aktuell bei Was wir uns trauen hängengeblieben. Ihre Lieblingsstelle sei „…mit charmanter Nonchalance schief lächelnd…“, vor allem der Übergang von „Nonchalance“ zu „schief“, der klinge wie eine Rutsche, die naturgemäß ja auch schief sei, und das passe herrlich. Und die sch-sch-sch-Folge schiebe einen so nett sanft weiter auf dieser Rutsche: wie die Brandung den Algenteppich in Richtung Strand ausrollt. (Auf dieses einprägsame Bild wäre ich nie gekommen.) Warum sie mir das mitteilen wolle, wisse sie nicht genau, aber sie schätze, das sei die Zeit dafür.

Wir müssen das Wort naturgemäß aus der Vereinnahmung durch Thomas Bernhard befreien.

Das Aufgehobensein in der Gewissheit, dass alle – alle! – zur selben Zeit in etwa dasselbe erleben. Nicht bloß im eigenen Land, sondern auf der ganzen Welt. Haben wir jemals eine solche Verbundenheit mit unseren Artgenossen verspürt? – gab es jemals eine so gesicherte Möglichkeit dafür? Corona als gemeinschaftsstiftendes Ereignis – wenn wir es sehen und sagen und tun.

Unterhaltsamer Nacht-Spam:
Hallo Zusammen, Magst du Sex? bist du single?
Ich habe eine neue Gruppe für Dating und Sex erlebt.
Jeder kann sich meiner Gruppe ohne jegliche
besondere Rechte geben, es gibt viele schöne
und charmante Mädchen, die Sex brauchen.
Wenn Sie sexy Frauen treffen, können Sie sich
der Gruppe führen, da alles kostenlos ist, ohne
Geld zu haben.
Um eine Gruppe zu tragen, können Sie diese
Adresse
(hier folgt ein dubioser Link.)

Notizbuch als adäquate Form für eine aus den Fugen geratende Welt. (War sie denn jemals in den Fugen?)

Im schwierigen Sommer eines langen Jahres habe ich sinngemäß bei einem Gasthaus-Essen zu Freunden gesagt: Man ist eigentlich nie ganz gesund, weil im Körper passieren ständig irgendwelche Dinge, die nicht richtig sind, mit den Zellen und so, man ist eigentlich immer krank, meistens halt nur wenig.
Für diesen Ausspruch erntete ich ungläubiges Nicken. So, sagten die Freunde, hätten sie das noch nie gesehen.

Insgesamt hat man es entspannter, wenn es einen nicht gibt.

Jetzt, da alles vorbei ist, können wir endlich anfangen.