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32 Freitag, 17.04.2020

Der Versuch, möglichst keine Geschichte zu erzählen, sondern eine Suchbewegung abzubilden, die sich in einer Denkbewegung niederschlägt und als Sprachbewegung nachvollzogen werden kann.

Notizbuch als Fotoapparat des Fantasievollen / des Geduldigen / des Sparsamen / des Sprachtandlers.

Heute war ich den ganzen Tag so gut gelaunt, dass ich mich jetzt dafür mit einem Bier belohnen muss.

Was im regelmäßigen und vor allem rasanten Schreiben mit Bleistift von Mal zu Mal klarer wird: Ein Punkt ist nicht viel mehr als ein – in alle Richtungen – kurzer Strich. Das merke ich gerade deshalb, weil ich so gerne Doppelpunkte setze, und weil es jetzt besonders schnell gehen muss.

Der Taubenfütterer am Rochusmarkt macht einen verwahrlosten Eindruck. Er streut Brot neben die Fahrradständer und erfreut sich am Geflatter der Tiere. (Da merkt man erst, wie laut die Luft sein kann.) Der Mann hat einen Rollkoffer im Schlepptau, auf dem offen ein Plastiksackerl sitzt. Er bringt den Tauben mehr Respekt entgegen, als ihm die Menschen gemeinhin entgegenbringen.

Umzüge sind die gerechte Strafe für Veränderung.

Der Schauspieler Harald Krassnitzer sieht nach und nach so alt aus, wie er sich immer schon gefühlt hat.

Mäuse, die man nachts über den Gehsteig huschen sieht, sind jedes Mal überraschend klein; als würde man ihre erfahrungsgemäße Kleinheit partout nicht wahrhaben wollen.

Ich lese ein geschenktes Buch, und einen Tag lang – ein Nachdenken lang, ein Schreiben lang – ist es mein Verbündeter gegen die Welt.

Es gibt wo einen Hund. Viele waschen sich nach dem Streicheln und Schmusen und Füttern mit Leckerlis nicht die Hände. Danach drehen sie den Wasserhahn auf oder nehmen etwas aus dem Regal. Kein Geruch, der hängenbleibt; kaum Haare, die sichtbar auf Oberflächen wachsen. Doch an den Dingen ist Tier. Alles greift sich an nach Hund.

Erfüllt mit einer Energie, die sich nicht entscheiden kann, in welche Richtung sie ausbrechen muss. Ob hinunter in den bodenlosen Abgrund der Selbstdemontage oder aber hinauf in die lichten Sphären der Geistesgegenwart. Lebenshunger oder Lebensüberdruss? Die Energie findet kein Ventil, ich platze und werde zum banalen Muster an der Wand.

Unerbittlicher Begriff: Übersterblichkeit

Manche Frauen brauchen Männer, die sie wie ein kleines Kind behandeln können – dazu werden sie dann auch.

Es gibt eine Begabung zur Opferschaft.

Beim Behirnen des Fehlverhaltens anderer oft die Selbstbefragung: Sind wir so?

Ein Bild, das sich mir tief einbrennen und lang begleiten wird, ist das spätabendliche Einkaufszentrum. Es zieht mich magisch an, und ich bin damit nicht allein. (Spätabendlich verwandelt sich fließend in nächtlich.) Ich gehe die Hauptstraße entlang und merke, wie sich die Welt verdichtet. Einzelne Gestalten sind zu sehen, andere Nachtstreuner, die eine Beengtheit hinausgetrieben hat; weniger eine der eigenen vier Wände als jene des eigenen Kopfes, in dem man jetzt gerade so viel Zeit verbringen muss. Irgendwann geht man sich selbst auf die Nerven.
Das Einkaufszentrum steht verlassen in der Mitte der Nacht, und etwas Heilsames geht von ihm aus. Man ist nicht mehr allein, sondern einer von vielen; und plötzlich wird das Ich zum Wir. Das ist gesund.
Ich gehe über die Hauptstraße zum Einkaufszentrum, das geschlossen, aber hell erleuchtet ist. Da steht schon einer, und dort noch zwei, und eine sitzt verloren auf der Bank. Dort hält einer etwas, und die eine telefoniert. Instinktiv suchen wir die Nähe von anderen, wenn auch mit Abstand. Wir gehen seltsame Schleifen, nähern uns einander an, weichen jedoch rechtzeitig aus, um den Artgenossen nicht zu nahe zu kommen. Wir halten unseren Schlingerkurs.
Ich sehe ein paar junge Männer betreten auf und ab gehen. Viel wird ins Smartphone gestarrt und daran herumgewischt. Ein etwa vierzigjähriger Mann raucht Zigarre und gefällt sich dabei. Wahrscheinlich kann er jetzt erst in Ruhe den vergangenen Tag Revue passieren lassen und schwierige Dinge einordnen. Wir müssen etwas ins Reine denken, um es abschließend – oder wenigstens vorübergehend – in eine innere Schublade stecken zu können, gerade Zwischenmenschliches.
Wir gehen auf und ab. Manchmal werfen wir Blicke. Wie man unmerklich die Nähe der anderen sucht. Einkaufszentrumsvorplatz, denke ich, ist ein überlanges und sperriges Wort, aber auch ein ziemlich schönes, so wie Supermarktparkplatzblumen, das in einem Gedicht vorkommt.
*
Wir sind allein mit uns. Nachtstreuner unter sich. Nicht einmal ein läppischer Security mit Warnweste und taktischem Gürtel, in dem Verbandszeug, Pfefferspray und Taschenlampe verstaut sind – oder was sonst noch alles. Ich umrunde das Geschehen und denke an Zombie-Filme, an den einen, in dem sich eine Gruppe Überlebender in einer shopping mall verschanzt. Die Untoten strömen zu Tausenden an diesen Ort und werden spaßeshalber vom Dach aus mit Scharfschützengewehr abgeknallt. Ein Hauptcharakter fragt den anderen, weshalb die Menschen denn hierher kommen würden, jetzt, da sie doch Zombies sind und keine Kunden mehr. Der andere sagt, dass sie es eben täten aus Gewohnheit, es falle ihnen nichts Besseres ein; hier hätten sie als Lebende einen Großteil ihrer Zeit verbracht, und hierher kehrten sie als Tote zurück. (Womöglich ist es etwas spitzer und sarkastischer formuliert.) Jeder gute Zombiefilm ist eine Parabel, gespickt mit bissiger Gesellschaftskritik, die soziale Kälte, Ressentiments oder Konsumwahn offenlegt. Wer so kopflos nach den elektrischen Schiebetüren des Kapitalismus strebt und mit blutigen Armen im Leeren rudert – das sind ja eigentlich wir.
*
Ich trete näher ans Glas. Drinnen ist es hell. Man sieht die verschlossenen Eingänge der Geschäfte. Links jener des riesigen Supermarkts und rechts gegenüber jener seines kleinen Bruders; der reduzierte Jausensupermarkt, welcher neben Essen und Getränken nur das Nötigste vorrätig und länger offen hat. Ohne Kaufmöglichkeit ist alles seiner Funktion enthoben. Um diese Uhrzeit, weit nach Ladenschluss, ergibt die shopping mall keinen Sinn. Ja, denke ich, dieser Ort ist sinnlos. Warum sind wir hier? Ich trete ein paar Schritte zurück und erkenne in der Glasfront mich selbst. (Dieses Bild ist sehr dick aufgetragen. So kann es nicht gewesen sein. Hier hat wohl die poetische Ader mitgedichtet.)
Wir streunen in ewigen Kreisen. Unsere Schritte bleiben tonlos und klein. Wir gehen wie auf den Resten einer untergegangenen Welt. Würde uns von oben jemand zusehen – ein Gott oder wer –, unsere Routen nachzeichnen und zusammenführen, käme hoffnungsloses Kauderwelsch heraus; Rätselschrift in einer geheimen Sprache, die niemand mehr beherrscht.
*
Plötzlich ein lautes Geräusch. Alle Streuner wenden sich ihm zu. Es kam von einem wuchtigen Koffer, der am Vorplatzboden gelandet ist – es muss von einem wuchtigen Koffer gekommen sein, der am Boden gelandet sein muss, da er etwas entfernt von einem Paar umgekippt daliegt. Ein Mann und eine Frau führen ein lautes Gespräch. Er spricht, sie hört ihm zu. Der Koffer muss nach meterweitem Flug dort gelandet sein, für den einiges an Wurfkraft vonnöten war. Der Mann ist sehr erregt und spricht verzweifelt auf die Frau ein. Neben sich hat sie einen weiteren Koffer, an dessen Ziehgriff sie sich festhält (festklammert?). Obwohl die Dinge anders sind als früher, gibt es immer noch Männer und Frauen und ihre Gespräche, gibt es immer noch Lüge und Verdacht und Erklärungsversuche, gibt es immer noch die Liebe und den Hass.
Der Mann ist jung und hat einen aus der Ferne eher ungepflegt und hektisch wirkenden Bart. Sein Jammern macht ihn ganz jämmerlich. Vielleicht hat er getrunken. Ich stehe zu weit entfernt, um zu verstehen, was genau er sagt, doch es ist nichts Freudiges. Manchmal schluchzt er im Sprechen auf, dass es einen durchzuckt – ein beistehender Mitschmerz?
Die unfreiwilligen Zuhörer sind peinlich berührt, außerdem in Sorge um die Frau. Achtzehn Jahre, stöhnt der Mann, achtzehn Jahre. Immer wieder: Achtzehn Jahre. Was?, denke ich, achtzehn Jahre was? Achtzehn Jahre zusammen? Dafür sind die beiden viel zu jung, ich schätze sie auf Anfang bis Mitte zwanzig. Oder verschätze ich mich und ist er oder sie achtzehn Jahre alt? Achtzehn Jahre, presst er aus zusammengebissenen Zähnen hervor und ballt vor Männlichkeit die Faust.
Sie hat den Blick gesenkt. Wir streunen unmerklich näher, um besser einschätzen zu können, was in dieser Welt alles der Fall ist. Manche scharren bereits in den Startlöchern, dazwischenzugehen in brustgeschwellter Wichtigtuerei. Noch ist er bloß erregt, brodelt der Zorn in seinem Inneren; noch artikuliert er seinen Schmerz bloß in Worten, was seine Beschluchzte in dieser Form wohl noch aushalten muss. Noch hebt er nicht die Faust. Wir warten auf den Startschuss.
*
Die Frau trägt ein Kopftuch – oder ist das nur ein unverfängliches Stück Mode? Vielleicht trägt sie lediglich ein Haartuch, das ihr hilft, die Frisur zu verstauen, gar deren Nichtvorhandensein zu kaschieren. Achtzehn Jahre. Sie hat den Kopf gesenkt in tiefer, seelenzersetzender Scham. Warum hat er den Koffer weggeworfen? Wohin waren sie unterwegs?
Der Mann mit Zigarre hat sich ebenso unauffällig wie taktlos genähert und macht Fotos mit der Handykamera. Ich verstehe es nicht und möchte, dass er sich an seiner protzigen Zigarre verschluckt. Ist es das Highlight seines Tages? Ein trauriges Highlight und ein trauriger Tag. Das Kofferpaar existiert in einer Blase, ein Näherkreisen der Streuner bemerken die zwei nicht. Achtzehn Jahre. Sie hat es sich lange genug angehört, denke ich. Jeden Moment geht einer dazwischen. Wir wechseln Blicke, wer es sein wird. Du bist umlauert, du kommst uns nicht aus. Jeden Moment, denke ich.
Noch schreit er sie nicht an, noch ist es eine rein emotionale Entgleisung, ausgetragen in der Öffentlichkeit. Er macht ihr Vorwürfe, welche auch immer das sein mögen. Es ist durchsetzt mit einem Schluchzen, das einen erschüttert. Es geht für ihn um etwas. Seine Bewegungen sind heftig, doch sie graben rein in der Luft. Noch hebt er nicht die Hand. Wenn er die Hand hebt, ist es aus. Wir warten nur darauf. Wenn er aggressiv wird, die gefühlte Grenze zur Bedrohung überschreitet, wenn er sich vor ihr aufbäumt wie ein Raubtier vor dem Satz auf die Beute oder sie auch nur körperlich einschüchtert, gehen wir dazwischen, dann schreiten wir ein ohne Skrupel. Doch vorerst müssen die beiden ihren Liebesschmerz durchempfinden und durchexerzieren, müssen sie ihren nächtlichen Liebeskampf ausfechten, mag er im Moment auch sehr einseitig wirken. Achtzehn Jahre. Wie aushaltend und stumm sie dabei bleibt. Der Frauenkopf ist so tief gesenkt, so endgültig gescheitert an der Scham, so tief wie noch niemals ein Kopf.
*
Eine Polizeistreife erscheint, und kurz darauf noch eine zweite. In den Autos sitzen jeweils drei Beamte, zwei Männer und eine Frau. (Handelt es sich dabei um das bewusste Ergebnis einer gezielten Durchmischung?) Die Mitglieder des ersten Dreierteams steigen aus und legen die Schutzmasken an. Sie nähern sich dem Paar. Als der Mann es bemerkt, wird er zunächst leiser, dann kleinlaut, verstummt schließlich ganz. Er geht und hebt den Koffer auf, dabei wirkt es, als wäre er sich selbst ein bisschen peinlich.
Die Beamtin spricht einfühlsam mit der Frau. Etwas abseits führen die zwei Kollegen mit dem Mann vielleicht so etwas wie ein zwar verständnisvolles, doch ermahnendes Männergespräch. (Nachdem die zusätzlichen Beamten sichergehen können, dass die Angelegenheit bereits geregelt werde und sie sich überflüssig wissen, fährt die später eingetroffene Streife wieder ab.) Man sieht dem aufgehobenen Koffer gar nicht an, dass er das Initialgeräusch für einen Beziehungsstreit gewesen sein kann. Er steht fort.
Einer der Streuner muss den Notruf gewählt haben, denke ich. Oder ein aus dem Schlaf gerissener Anrainer, ein schlafloser Fernsehdöser? Frau und Frau reden, in sicherer Entfernung reden Männer und Mann. Deeskalieren, denke ich, wie ihr es in der Grundausbildung gelernt habt. Die Situation ist zwar noch nicht gelöst, doch sichtlich gelockert.
Der Zigarrenmann stellt sich dazu und filmt den Polizeieinsatz. (Will er es online posten oder seinen Freunden schicken? Wird er es triumphierend in der Familiengruppe stellen? Dokumentiert er einen potentiellen Fall von Polizeigewalt?) Seltsam, dass sie ihn gewähren lassen und ihn niemand verscheucht. Sein aufdringliches Verhalten ist nicht weniger Verbrechen als die nächtliche Ruhestörung des Schluchzers. (Bin ich im Notieren denn so anders?) Verschluck dich endlich an der blöden Zigarre! Die Geschichte ist zu Ende. Wie sie ausgeht, weiß ich nicht.
*
Ich streune weiter und verbringe noch ein bisschen Zeit mit meinen unbekannten Freunden. Auf der Bank sitzt eine, die nirgendwo hingehört. Manche der Nachtstreuner sind wohnungslos. Es gibt keinen Ort, an den sie gehen könnten. Jemand hat auf sie vergessen. Wer wird sich an sie erinnern?
*
In einer Baumkrone hat sich ein Plastiksackerl verfangen. Es ist recht groß und hat vom Wind einen Bauch. Es hängt in einem Ast und wabert und flattert, als wäre es gehisst. Das Sackerl ist eine Fahne. Ich sehe ihr lange zu und mache ein kurzes Video mit dem Handy. (Nicht minder sensationsgeil als der Zigarrenmann; doch bei mir ist das Unmerkliche die Sensation, das Dreckige und Stille und Halbe und Vage. Wenn es sein muss, dann sehe ich die Erhabenheit mit liebevoller Gewalt in die Dinge hinein.)
Einwandfreie Windfahne, denke ich. Wer flattert so spät durch Nacht und Wind?
Ich sehe dem Sackerl beim Fahne-Sein zu und denke eine logische Abfolge an Bildern, ein sprachgewordenes Kettenbild. Ich denke: Fahne – Windfahne – Friedensfahne – Windfriedensfahne – Friedenswindfahne. Das Denken bleibt ohne Ergebnis. Jedenfalls ist das Sackerl weiß und gehisst, also wird es schon etwas mit Frieden zu tun haben. Mit hoch erhobenen Händen: Wir ergeben uns.
Später ist mir klar, dass ich hätte dazwischen gehen sollen.

Romantische Synchronizität, als im selben Moment das Notizbuch vollgeschrieben und der Kugelschreiber leergeschrieben ist.

Jeder, wirklich jeder ist käuflich. Und sei es mit etwas Wertvollerem als Geld.

Fragen ist poetisch.