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5 Samstag, 21.03.2020

Pessima tempora plurimae leges
In den schlechtesten Zeiten gibt es die meisten Gesetze
Unbekannter Verfasser

Phrasen, die sich mittlerweile bei mir eingeschlichen haben:
Munter bleiben
Sauber bleiben
Legal spazieren
Wird schon
(Über Nacht entsteht ein eigenes Vokabular.)

Die Fernsehbeiträge des Österreichischen Rundfunks sind oft so langsam geschnitten und so altmodisch gestaltet, dass noch die ärgsten Einschnitte und Verwerfungen mit einer unbehaglichen Beiläufigkeit transportiert werden. Die Kirche im Dorf lassen – notwendige Volksberuhigung. Im Gegensatz dazu die perplexe Aufgeregtheit und schrille Übersteuerung der sozialen Medien. Es könnte ein Zwischenreich geben, in dem einer den Schlaf des Monsters streng bewacht.

Ein Allgemeinmediziner zur Lage in einem verunsicherten Bergtal: Derzeit herrsche stabiles Chaos.

Unverdrossen die menschenmöglichste Reflexion anstreben und dabei eine gewisse Rasanz beibehalten – um jeden Preis; koste es, was es wolle.

Seien Sie unbesorgt: Neben den diversen Kapazundern, die beharrlich den Virus und seine Mutationen beforschen – dabei das eine oder andere Genom entschlüsseln –, neben den Weißkitteln, die mit Feuereifer an der Entwicklung zunächst eines wirksamen Medikaments und – auf lange Sicht – eines Impfstoffes herumdoktern, wird es auch uns geben, die wir in der Lage sind, auf all das zu warten.

Mein Arzt-Freund erzählt, der Wiener Krankenanstaltsverbund arbeite an einem Verfahren, Einweg-Schutzmasken aufzubereiten, um sie wiederverwendbar zu machen. Eine gute Idee, da sind wir uns einig. Wir fachsimpeln ein bisschen. Einfach in den Geschirrspüler, sage ich. Mikrowelle, sagt er. Dazu fällt mir gleich wieder eine griffige Schlagzeile ein. Welt dankbar: Wiener Top-Mediziner entwickelt Verfahren zur Maskenreinigung! Mein Freund ist damit einverstanden. Bewirb dich als Clickbait-Schreiber, sagt er. Vielleicht sollte ich das tun.

Mittäglicher Handy-Spam:
Hallo allerseits
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Nein, denke ich, bin ich nicht.

Zettelwerkwuchern im Schubladenkopf. (Selbstermahnung – bei allem gebotenen Tempo bitte leserlich bleiben!) Kaffeegenährtes Muskelzucken in der Unterlippe.

Ich finde einfach kein welthaltiges Thema für meine Dissertation – fällt in nächster Zeit als zulässige Ausrede weg.

Eine ferne Bekannte aus dem Off: Oida, crave soooo nach Kontakten.

Wir schreiben dagegen an
Wir lesen dagegen an
Wir singen dagegen an
Wir tanzen dagegen an
Wir musizieren dagegen an
Wir kochen dagegen an
Wir essen dagegen an
Wir trinken dagegen an
Wir reden dagegen an
Wir schweigen dagegen an
Wir lernen dagegen an
Wir schlafen dagegen an
Wir lachen dagegen an
Wir klatschen dagegen an
Wir warten dagegen an
Wir fragen dagegen an
Wir diskutieren dagegen an
Wir sitzen dagegen an
Wir stehen dagegen an
Wir gehen dagegen an
Wir putzen dagegen an
Wir fernsehen dagegen an
Wir duschen dagegen an
Wir baden dagegen an
Wir denken dagegen an
Wir spielen dagegen an
Wir lieben dagegen an
Wir leben dagegen an
Wir geben dagegen nicht auf

Für einen geplanten Fernsehbeitrag soll ich zu gewichtigen Fragen knappe Video-Statements aufnehmen und verschicken, jeweils möglichst nicht länger als fünfundzwanzig Sekunden – was den selbsternannten Welterklärer in mir vor gewisse Schwierigkeiten stellt. Der Sendungsmacher kommuniziert ebenso launig wie akkurat. Ich nehme windschief Schnipsel auf, vermisse einen Selfie-Stick. Kommt das Herumgestammel allzu holprig daher, verwerfe ich das aufgenommene Material und setze neu an. Versprachlichtes Tappen im Dunkeln. Erfahrungsgemäß weiß ich, dass selbst komplett finalisierte und fristgerecht abgegebene Beiträge oft kurzfristig aus der Sendung fliegen, ohne jemals zur Ausstrahlung zu kommen. All das werde ich also womöglich nie gesagt haben:
Nach so einem kurzen Zeitraum würde ich mich nicht trauen einschätzen zu können (sic!) was sich durch dieses ganze Ereignis verändert auch für für kreative Leute ich für mich persönlich glaube aber dass man es kaum überschätzen kann was da passiert zum Beispiel wird jeder Roman der in der Gegenwart spielt und die Corona-Pandemie nicht mitdenkt automatisch zu einem historischen Roman und das führt natürlich dazu dass es jetzt sehr schwerfällt an irgendwas zu arbeiten das abseits der Ereignisse spielt für mich persönlich jedenfalls.
Es gibt für mich natürlich auch gewisse Einbußen aber im Vergleich zu vielen anderen geht’s mir sehr sehr gut wir hatten jetzt nicht die riesen Tour geplant die die komplett abgeblasen ist ähm wir wir werden sehen wie’s weitergeht aber ich bin’s ohnehin gewohnt ähm mich mich so durch Dinge durchzuimprovisieren und wir sollten jetzt dringend die Leute unterstützen die ganz massiv betroffen sind die ihre Arbeit verloren haben zum Beispiel ähm da müssen wir uns jetzt dahinterklemmen und das wird auch gemacht denk ich.
Ich muss gestehen ich hatte einen kleinen Durchhänger den wird’s auch immer wieder mal geben aber insgesamt hab ich eine grenzenlose Zuversicht dass ähm es einen unglaublichen Zusammenhalt gibt eine eine Bereitschaft aufeinander zu schauen und sich gegenseitig aufzumuntern und auf diese Weise kommt man da gut durch.
Unser größter Respekt muss in erster Linie mal denen gelten die alles am Laufen halten die Müllabfuhr die Supermarktangestellten oder alle sonstigen Firmen und Geschäfte die weitermachen die Politiker die mit wie ich finde sehr ruhiger Hand und kühlem Kopf uns da sehr gut durch manövrieren aber all diese Leute freuen sich dann auch vielleicht am Abend mal entspannt Musik zu hören und und daraus Kraft ähm zu schöpfen und deshalb spielt Kunst natürlich genauso eine Rolle in diesem ganzen Gefüge wie alles andere auch und der Arzt der nach einer langen Schicht heimkommt braucht vielleicht einfach mal zum Abschalten ähm einen einen Komiker der ihn einfach mal zum Lachen bringt wir sind alle ein Teil des Ganzen und wir spielen alle unsere Rolle und jeder trägt bei was er eben beiträgt.
Ich bin kein Wahrsager und will mich nicht als einer aufspielen grundsätzlich geschieht jetzt mal ein Schock und auch auf eine gewisse Weise eine gemeinschaftliche Traumatisierung es kann aber auf lange Sicht natürlich ein heilsamer Schock sein der vieles infrage stellt und manches neu ordnet im positiven Sinne.
Jede Krise ist natürlich eine Chance aber eine Chance ist kein Geschenk sondern eine Einladung zur Anstrengung und das liegt dann an uns wie wir uns an diese Zeit erinnern und ich glaub es wird sein als eine Herausforderung aber auch als eine Geschichte des Zusammenhalts.

Bald fasst sie Fuß, die neue Unbekümmertheit.

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4 Freitag, 20.03.2020

Tritt man einen Schritt zurück und atmet kurz durch, verinnerlicht und vergegenwärtigt und versinnbildlicht man sich alles – dann wird es bloß noch unübersichtlicher.

Ich gehe in die Nacht wie an einen Ort.
Leere ist Stille. Vielleicht sollte ich meinen Rhythmus umstellen, nachtaktiv werden wie ein Nagetier, wie der Hamster, den ich vorhabe, zu holen. Werde ich jemandem begegnen? Dort lauert ein bisschen Gestalt. Etwas hustet näher. Ein Allerweltsmann mit Rucksack. Er hustet schlimm, dass man beinah sich einschalten möchte. Er geht weiter, ist verschwunden.
Die Hauptstraße gehört nur sich. Ein Krankenwagen rauscht vorbei. Später noch einer. Wieder später noch ein Krankenwagen. Das sind sie, die Zeichen. Drei hintereinander – bringt das Glück? Allerdings liegt zwischen den Vorbeifahrten eine beträchtliche Dauer, die alles wieder recht unverdächtig erscheinen lässt. (Ein confirmation bias hat uns fest im Griff.)
In der Nacht hat man seine Ruhe. (Aber wann hat die Nacht denn einmal ihre Ruhe vor uns?)
Fern ein Mann, der langsam in seine Richtung abbiegt. Auf eine Weise kennen wir einander, Nachtstreuner unter sich. Auch er hustet stark.
Jetzt verstehe ich es: Nachts sind die Huster unterwegs, die Räusperer und Rotzaufzieher und Schleimrassler. Das leuchtet sofort ein, denn tagsüber können sie sich unmöglich auf die Straßen trauen, würden sie doch bei der kleinsten Regung sofort den Argwohn der Passanten auf sich ziehen. Abgemacht: Die Nacht gehört den Hustern.
Die Hauptstraße war noch nie so leer, und so still keine Nacht. Mehrmals höre ich es plätschern aus dem Kanal. (Venedighaft gesundet die Lagune.)
Am Markt der Anlieferer für eine Bäckerei. Wir führen ein kurzes Gespräch in erlaubter Distanz: Es gehe ihm gut, jedoch habe er gerade recht wenig zu tun, die Filialen würden derzeit nur mit einem Drittel der normalen Warenmenge ausgestattet; er habe einen Sohn, bereits erwachsen; er wohne allein; tagsüber werde geschlafen, sagt er, und alles sei ein bisschen komisch. Ein Nachtschichtleben führen, denke ich. Wir wünschen einander alles Gute und verabschieden uns.
Ein Taxi fährt vorbei. (Es sind noch Taxis unterwegs, das ist mir gestern oder vorgestern schon aufgefallen. Verlust des Zeitgefühls?) Der nächtliche Tagtraum, einfach einzusteigen wie Fritz Muliar als Bürgermeister in der Filmgroteske Muttertag, einfach am Rücksitz Platz nehmen und dem seriös bekappten Chauffeur sagen: Foans nach Kuba. Und vom Plattenbau in Alterlaa einfach nach Kuba fahren, Direktverbindung ohne Pinkelpause, einfach weg. Und ward nicht mehr gesehen.
Taxis, Krankenwagen, Lieferanten: Wäre das denn in einer Normalnacht so anders? Wohlgemerkt unter der Woche.
Am Vorplatz zum Einkaufszentrum spaziert ein Entenpaar entschieden bei roter Ampel über den Zebrastreifen. (Hier beginnt sie also, eure heroische Stadteroberung – weiter so!)
Frau Ente und Herr Enterich auf Bezirksdurchwatschelung. Die zwei sind aus dem Stadtparktümpel ausgebüchst (Anmerkung von mir an mich als Korrekturleser: ausgebüchst passt auch, aber ausgebüxt ist cooler, weil irgendwie lässig und frech.) Sie sind nicht scheu. Er bleibt auf Abstand, doch sie kommt immer näher. Die Erfahrung sagt ihr: Mensch bedeutet Brot. Sie kommt ganz nah und senkt den Kopf, ihr Schnabel glänzt so feucht; allein vom Hinsehen schmatzt es satt. Als würde die Ente mich kennen. Ich strecke meine kalten Hände aus, erst die Bleistift-Hand, dann die Notizbuch-Hand. Doch gleich weiche ich zurück, denn womöglich bin ich ihr eine heimliche Gefahr. Ob ich die Ente wohl anstecken kann? (Womit denn?, denke ich, Halskratzen Fehlanzeige.) Der Enterich hält sich zwar weiterhin im Hintergrund, wird allerdings langsam ungeduldig und möchte den Weg fortsetzen. Die Frau Gemahlin ist noch nicht so weit. Wir verweilen, unschlüssig, was mit dem anderen anzufangen ist. Und da geht mir ein Licht auf. Vielleicht, denke ich, sollte ich Tiere neu sehen. Ich richte mich auf, wende mich ab.
Ich Nachteule vor den beiläufigen Nacht-Enten. Erbauliche Begegnung. Es ist der geruhsamste, der intimste Augenblick, den ich seit einer Woche mit einem anderen Lebewesen geteilt habe. (So geht es also aus, unser glorreiches Isolationsexperiment.)
Auf der Bank eines Wartehäuschens liegt ein verwahrloster Mensch unbestimmbaren Geschlechts. Der Mensch liegt unförmig hingefläzt im engen Querformat, über sich eine flatternde Jacke drapiert. Er/sie zieht an einer Zigarette, gierig und gezwungen, wie entgegen der eigenen Lust. Vorsichtige Annäherung.
Ich: Gibt es nicht irgendwo einen Schlafplatz?
Er/sie: Komm, hau ab, das interessiert mich nicht! (Drohgebärde mit der aus dem Mund gefuchtelten Zigarette.)
Ich lasse ihn/sie mit sich allein. Vielleicht, denke ich, sollte ich Menschen neu sehen.
Ein Haubenträger joggt vorbei, mit vor Eiseskälte gerötetem Gesicht. (Instinktiv weiche ich aus – wie lange wird es dauern, bis wir uns dieses Distanzhalten nach allem wieder abgewöhnt haben? Ach, Soziologe müsste man sein. Das wird spannend.) Ich nicke dem Jogger stumm zu; sage absichtlich keinen Gruß, auf den er höflichkeitshalber antworten müsste, um ihn nicht aus seinem Atem-Rhythmus, seinem Ein-aus-ein zu bringen. Nicken ist ja noch erlaubt, und Lächeln; überhaupt müsste man eine staatliche Initiative auf den Weg bringen, um die Lächelfreudigkeit in der Bevölkerung zu erhöhen, und das Winkbewusstsein. (Sollte es als Ausgleich zum Abstandhalten nicht einfach viel lauter sein? Sollten wir nicht permanent singen und musizieren? Einige tun es. Mit Schall überträgt sich ja nichts.) Der Jogger nickt zurück. Wir grinsen uns regelrecht an – und einigen uns stumm darauf, wie absurd die Dinge eigentlich sind. Vielleicht sollte ich alles neu sehen – geduldiger, freier, zufriedener sein.
Geisterbusse fahren leer durch tote Straßen. Es ist kalt. Ich mache mich auf den Rückweg. Aus einem Fenster im dritten Stock hustet es. Ein trockenes, beharrliches, tief eingenistetes Hechelhusten. (Eine Wortwahl, als schriebe man bereits an der Pest.) Ich bleibe unwillkürlich stehen, halte inne. Stimmen sind zu hören. Es wird Leute geben, die jetzt beginnen, jedes Husten zu denunzieren.
Noch ein Jogger, im Hoodie. Wir grinsen uns an. Dialogschema: Absurd? – Absurd! Das auch genießen dürfen, denke ich, die Begegnungen mit Fremden, den unsichtbaren Zusammenhalt. Das stimmige Aufgehobensein in seiner rastlosen Nachdenklichkeit. So gern hat man plötzlich die Menschen, dass man sich überschwänglich fernhält von ihnen.
Es ist still. Es bleibt kalt. Das war die Nacht.

Mein Spiegelbild zu mir: Ein bissl zerrupft schaust du aus. (Zur Strafe fladere ich ihm das Wort.) Oder auch lustig: Du bist so müde, wie ich ausschau. Was haben wir gelacht.

Ich: Wenn alles vorbei ist, ruhe ich mich aus.
Auch ich: Solange würde ich aber nicht warten, wenn ich du wäre.

Morgen? – Aber das war doch schon!

Ich im Chat: wenn wir dann alle mal zamsitzen bei einem bier und drüber reden, was jetzt grad abläuft …
Label-Boss aus New York: ja darauf looke ich forward.

Die Normalität – als das Vorherige – wird nicht genau so wieder einkehren, doch es wird sich ein Normalzustand einpendeln. Früher, als erwartet; später, als erhofft. Viele Leute wissen noch gar nicht, dass sich danach manches verändert haben wird. Nur einmal angenommen, mit dem morgigen Tag wäre der Spuk plötzlich vorbei – selbst dann würde es sich um ein historisches Ereignis globalen Ausmaßes handeln, würden die maßgeblichen journalistischen und kreativen Hervorbringungen bis zu einem gewissen Grad Zeitdokumente sein oder Wünschelroutentriebe zur Sichtbarmachung des einen Moments. (Überschriften funkeln aus dem Archiv.) Der Spuk wird aber noch ein bisschen dauern.

Auch die Ereigniskurve hat einen natürlichen, organischen Verlauf, der nicht abrupt abbricht oder sich verflacht; Kurven haben einen Sinn für ihre Form, wollen zu Ende bringen, was sie begonnen haben als logischen Spannungsbogen. (Sie erzählen eine Geschichte, die auserzählt werden muss.) Kurven nehmen Schwung, springen ab, segeln dahin und landen schlüssig im toten Winkel des Koordinatensystems; mal steiler, mal flacher. Einzureitende Kurvenwesen, die sich aufbäumen unter zögernder Dressur, sich unwillig beringen und besänftigen lassen. (Ich zu mir als armverschränkte Sprachpolizei: Okay, passt schon. Dabei hatte ich gerade einen Lauf. Heute übertreibst du es, da ist einfach zu viel Sprache, und das wirkt so gewollt. Dem kann ich nicht widersprechen. Und die Klammern erst! Ja, eh.)

Luftsprungverdächtig: Die Büchereien Wien teilen mit, dass alle entliehenen Medien bis auf Weiteres automatisch verlängert werden. Die automatische Verlängerung bis in alle Ewigkeit: Feuchter Traum des Buchjunkies.

Allem ein paar Schritte – ein paar Tage – voraus sein. Andernfalls galoppieren einem die Ereignisse davon und wir kommen nicht hinterher. So ist man nicht Opfer der Umstände, sondern Herr der Lage.

Ich weiß schon jetzt den letzten Satz des Coronarrativ, und wann ungefähr ich ihn schreiben werde. Er lautet: –

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3 Donnerstag, 19.03.2020

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder bin ich verrückt geworden oder die Welt. (Offen bleibt die Frage, was mir lieber ist.)

Einmal, ein einziges Mal nur möchte ich in einem Interview mit einem Experten die Aussage hören, eine Dunkelziffer sei niedrig.

Es heißt, die Tiere erobern sich jetzt die Städte zurück. Im klaren Wasser Venedigs dümpeln gelassen die Fische. (Es gab angeblich Delphin-Sichtungen.) Italienische Dörfer werden von Hunden und Katzen durchstreift. Ob aber die gemeine Wiener Schmutztaube das alles rechtzeitig mitbekommt und unbefangen gurrt in sonst gemiedenen Zonen? (Später dann werden sich die Menschen ihre Städte wieder von den Tieren zurückerobern. So geht es launig hin und her, von einer Pandemie zur nächsten.)

Draußen knurrt ein Hund. Ob sie es spüren?

Ich hätte mir am Montag einen Hamster kaufen sollen. (Der schmerzlich wahre Kalauer vom Hamsterkauf.) Als die Geschäfte – und damit die Tierhandlungen – noch offen hatten, wäre die Zeit gewesen, mir ein anderes Lebewesen zu besorgen, um es in meinem Unterschlupf einzuquartieren. Wie schön wäre das, jetzt ein Katzenstreichler zu sein, ein warmes Schnurren auf dem Schoß zu haben. Ob man zur Psychohygiene nicht einmal punktuell ein paar Tierhandlungen öffnen sollte? Da könnten die Leute sich eindecken mit ein paar desinfizierten Kaninchen. Als Kind hatte ich einen Angora-Hamster namens Maxi, mit einsamen Augen und einem Rexfell, das so gern verfilzte.

Das Sirenengeheul meint es plötzlich ernst.

Die Medien schaffen eine zweite Wirklichkeit. Denn die vielbeschworene Gefahr habe ich selbst nicht mit eigenen Augen gesehen – weder einen ominösen Virus, noch die Überlastung eines Gesundheitssystems, noch die Menschen aus Fleisch und Blut hinter den abstrakten Tabellen mit Arbeitslosenzahlen. Doch all das gibt es.
Nie können es mir die Medien Recht machen: Behandeln Sie das Thema, denke ich: Fällt euch denn gar nichts anderes mehr ein! Sparen sie das Thema aus, denke ich: Vergesst ihr da gerade nicht etwas? Transportieren sie eine Erregtheit, denke ich: Das ist jetzt aber kontraproduktiv. Leiert die Kommentarstimme gewichtige Verlautbarungen allzu fad herunter, denke ich: Da fehlt mir jetzt aber eine gewisse Dringlichkeit! Die Medienmacher sind derzeit meine liebsten Prügelknaben. (Selbstermahnung: Dich aber nicht zu sehr ausklinken – Bleib so gut informiert, dass du in die Lage versetzt wärst, auch andere über den Stand der Dinge aufzuklären.)

Ist es nicht bedauerlich – oder mindestens bedenklich –, dass ich von Anfang an über das Rüstzeug verfügte, mich in der Krise zurechtzufinden? Dass ich im ersten Moment ihres Herannahens umschaltete in den Krisenmodus und Bewältigungsstretegien erprobte, die mir weiterhalfen, den Ereignissen für mich eine Art von Sinn abzutrotzen. (Was bleibt einem denn auch anderes übrig, als heiter seine Niederlagen zu verwalten.)

Aufblühen an der Aufgabe – wie ein Pötzelsberger im Ibiza-Modus.

Die künstlerische oder kreative Sofortmaßnahme, muss lauten, zu verdichten. (Und Verdichtung bedeutet nicht zwangsläufig Verkürzung.) Es braucht die klare, beruhigte, gemäßigte Form, die tageweise befüllt werden kann. Noch ist alles reine Geschwindigkeit, eine wachsende Masse, die Fahrt aufnimmt und einen überrollt – es ist möglich, sich mit aller Kraft dagegenzustemmen und dagegenzuhalten, und den Schneeball zu bremsen. Es gibt den langen Atem und die aus sich selbst schöpfende Kraft. Es gibt die Unbedingtheit, mit spielerischem Ernst gegen das noch nicht wahr gewordene Wirkliche anzuschreiben. So wird aus Geschwindigkeit ein Rhythmus – und wo Musik ist, da ist auch Tanz. Gut leben – schön stolpern.

Die Sinne sind frisch gespitzt wie ein sehr harter Bleistift – in alle Richtungen präzise bereit.

Wir fragen einander, ob wir schlecht schlafen, obwohl wir die Aufgewühltheit der anderen ganz genau kennen – es ist unsere eigene.

Zu Lebzeiten – das ist ja jetzt!

Erstaunlich, wie bereitwillig sich alle haben einchineseln lassen.

Die Hundezone entwickelt sich zur Oase der Geselligkeit. Überhaupt sind seltsam oft die Gassi-Geher miteinander unterwegs. Verständlich, denn da herrscht eine unausgesprochene Verwandtschaft. Man kauderwelscht ein bisschen übers Wetter, politisiert, beratschlagt das Problem der eingeschränkten Bewegungsfreiheit und des mangelnden Auslaufs, man vergleicht die Menge eingelagerten Dosenfutters und analysiert kenntnisreich den jeweiligen Stuhlgang – so jedenfalls stelle ich es mir vor. Es wird schon in Ordnung sein, dass die Hundehalter sich zusammenrotten, schließlich leben sie auf eine Art zusammen – nämlich innerhalb ihrer reichlich alltagsgebeutelten Gruppe.

Im Supermarkt herrscht gespenstische Stille. Man hält Abstand, kommt einander nicht zu nah. Wir bleiben höflich, lassen den Vortritt, zeigen unser Abbiege-Verhalten als Fußgänger mit einer Neigung des Kopfes oder einer ruhigen Geste an. Eine Frau marschiert beherzt umher, eine Harke unter die Achsel geklammt – die von der Frau wegsteht als unscheinbare Abstandswahrerin. (Frühlingsfroh sich an die Gartenarbeit machen!)
Die Stille dröhnt. Wo ist sie denn, die einlullende Plätschermusik, die einem sonst so auf die Nerven fällt? – jetzt, wo man sie braucht zur Sorgenmilderung. Kluge Filialleiter legen ihr Seelenbalsam-Mixtape ein. Die Menschengeräusche stehen für sich und stören. Ich pfeife vor mich hin wie das Kind beim furchtsamen Abstieg in den Kohlenkeller als Selbstermunterung. Im Ton liegt ein Zweifel. Glaubst du dir das Pfeifen selbst?
Beim Kassaband ist kein Trennstab mehr nötig, zwischen den Kunden – und somit zwischen ihren Produkt-Clustern ist mindestens ein Meter frei. Die Supermarktkassiere werden ab heute durch eine Plexiglasscheibe vor hustfreudigen Kontakten geschützt. Interessant, wie plötzlich über Nacht Dinge möglich sind. Man stelle sich vor, es hätte vonseiten der Arbeitnehmer (des Betriebsrats, der Gewerkschaft) die Forderung nach einer konkreten Maßnahme zur Verbesserung der Arbeitsabläufe gegeben: durch wie viele lähmende Instanzen hätte das hindurchdiskutiert werden müssen, wie viele wohlformulierte (und wohlargumentierte) Absagen hätte es da gehagelt, wie viele trüblaunige Gremien hätte das beschäftigt, bis das Ansinnen schließlich still und heimlich im Nichts versandet wäre?
Mein Vordermann erkundigt sich nach der Sinnhaftigkeit der Sicherheitsmaßnahme. Bringt nix, sagt die Supermarktfrau, völlig sinnlos, weil beim Bezahlen steht dann sowieso jeder vor mir. Der Mann nickt. (Vielleicht erhöht es ja das vielbeschworene Sicherheitsgefühl.) Ich bin an der Reihe, zahle bar, und habe großen Respekt vor ihren ernstschwarzen Latexhandschuhen. Nächstes Mal bitte lieber mit Karte, sagt sie. Ich sage: Ja, ich weiß eh.

Der Eurovision Songcontest wurde abgesagt – zwischendurch also auch gute Nachrichten, an denen man sich aufrichten kann. (Den humorlosen Missverstehern als garstiger Seitenhieb markiert.)

Humor greift zu kurz. Irgendwann kommt der Moment, wo einem das Lachen vergeht. Und wer dann nichts hat, ist verloren. Da wäre es besser, wenn man dann und wann auf einen gelassenen Ernst zurückgreifen kann – wohlgemerkt ohne zu verzagen.

Ich beneide die Politiker für ihre anhaltende Geselligkeit. Wie schön wäre es, ebenfalls hin und wieder im Sitzungssaal mit einem Krisenstab zu hocken und menschliche Nähe zu atmen. Oder ein Journalist im nach wie vor stattlich belegten Pressebereich im Verlautbarungsraum. Krawattenträger unter sich.

Ein neuer Austropopper im Messenger: Ich glaub dauernd, es ist morgen. (Meine überwachungsstaatliche Archivierung der Chatprotokolle.)

Am Telefon mit meinem Bruder. Die letzten Tage hat er damit verbracht, fernzusehen, nicht nur den heimischen, sondern verschiedene Kanäle. Etwas, das wir einander dringend ausreden sollten. Er sehe das alles ganz nüchtern, mit wenig Emotion, und so kenne ich ihn auch. Wir haben uns nun schon länger nicht mehr getroffen, jedenfalls drei bis vier Wochen, denn vor den seltsamen Zeiten herrschte die dichte Zeit, als wir alle noch jonglieren mussten mit unaufschiebbaren Terminen.
Ob es in Ordnung wäre, gemeinsam getrennt zu spazieren, also, mit dem gebotenen Sicherheitsabstand, in Rufweite? Wir sind uns einig: Lieber nicht. Was sind wir nur für elende Beschränkungsstreber. Und an uns Verrückten soll alles gesunden? (Vielleicht parallel auf gegenüberliegenden Straßenseiten spazieren und sich aus der Ferne anschreien. Vielleicht sich zufällig im Supermarkt begegnen, sich also eine Zeit ausmachen, bei der man die nötigsten Besorgungen macht. Verstohlen Blicke wechseln wie zwei heimliche Verliebte, gezischelt den Niedergang Gileads organisieren wie Offred in The Handmaid’s Tale – überhaupt die bedrückende Sterilität der Serie, zu der einem schlagartig Beispiele in der Wirklichkeit einfallen. Alles huscht als Schattenmensch von Haus zu stillem Haus, dazwischen baumeln mahnend die Erhängten.)

Was man darf und was man nicht darf: Darf man mit dem Fahrrad an den Stadtrand fahren? (Darf man das Fahrrad in der U-Bahn mitnehmen?) Darf man sich zum Zweitwohnsitz in ein anderes Bundesland begeben? Darf ich den Onkel meiner Frau besuchen, die sich beide sehr oft sehen, es also praktisch eine Art geschlossenes System bleibt? Darf mir die Nichte meines Nachbarn den Mistkübel ausleeren? Darf ich zur Arbeit gehen, wenn ich nicht muss? Darf ich dem Lieferanten helfen, den Handkarren über die Schwelle zu hieven? Darf ich meine langjährige Partnerin besuchen, obwohl wir nicht zusammen wohnen? Darf ich länger spazieren, als ich eigentlich müsste, damit mir nicht die Decke auf den Kopf fällt? Darf ich so weit und so lange spazieren, dass mir schon ganz schwindlig wird vor heißer Scham, dass ich zerspringe vor schlechtem Gewissen, über das gebotene Maß hinausgegangen zu sein? (Ein Sicherheitsbeamter beim Auswerten meiner Standortdaten: Da schau her, hat da vielleicht jemand eine Ehrenrunde gedreht?)
All das nur das eigene Dürfen. Hinzukommt das Dürfen der anderen: Darf der das überhaupt? Dürfen die eigentlich nebeneinander gehen? Darf die jetzt mit dem Auto dorthin?
Unbekümmert zetert eine Kleingruppe von Halbstarken vorbei. Ihr habt es lustig, denke ich, und werfe böse Blicke. Wie man aber auch sofort zum Blickewerfer wird, zum Besserwisser und Klugscheißer. Wie genüsslich man den Ober-Vernaderer in sich entdeckt.

Das Klatschkonzert um sechs – wer klatscht, hat Recht.

Kindliche Freude über nächtlichen Spam. Im Original bereits formatiert wie ein Gedicht:
Nehmen Sie meine Spende von 7.200.000 USD
Hallo
Helfen Sie mir dringend, meine 7,2 Billionen Dollar an zu verteilen
humanitär
Dies ist ein Akt der Spende und eine gute Wohltätigkeit, die ich gerne tun würde
vor meinem Tod
Evangelium nach Johannes, Kapitel 15, 9-17

Ich schicke es meinem Arzt-Freund zur Aufmunterung. Er dazu lapidar: Amen. (Nach zwei Tagen in vorsorglicher Quarantäne nun wieder regulär im Einsatz. Seine Schicht ist zu Ende, doch hat er keine Lust, zu plaudern: War heute auch schon wieder arbeiten. Und ich sage euch: Ich will wieder in Quarantäne. Dazu bitteres Lachen. Amen.

Haltung bewahren – allein schon aus Protest!

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2 Mittwoch, 18.03.2020

Praktisch ist ja: Ich bin ohnehin gewohnt, das Leben zu improvisieren, jetzt halt auch die seltsamen Zeiten.

Bloß noch das eine Ziel: Elfriede Jelinek zu schlagen im Wettlauf ums Corona-Stück. Das wird kommen, wie das Amen im Gebet: Kaprun? Jelinek-Stück! Donald Trump? Jelinek-Stück! Finanzcrash? Jelinek-Stück! Flüchtlingspolitik? Jelinek-Stück! Ibiza-Affäre? Jelinek-Stück! (Premiere dann in acht Wochen aus dem Burgtheater per Stream.)

Alle hatten ihn für seinen Waschzwang belächelt. Doch nun schlug seine Stunde.

Die U-Bahn ist voller Corona-Frisuren: Vor lauter Ansteckungsangst sich unterwegs nicht mehr durchs Haar fahren – beziehungsweise bloß noch mit dem Handrücken, was jedoch selbst bei mehrmaliger Wiederholung kaum den gewünschten Effekt hat.

In Gedanken zu einem vorlauten Dreijährigen: Na, du kleine Bazillenschleuder, heute schon erfolgreich deine Tröpfcheninfektionen absolviert?

Nichts unheimlicher als stille Kinder.

Früher haben auch wir eine Zukunft gehabt.

Greta Thunberg ist während all dem verdächtig still – ob die Fridays for Future-Bewegung da nicht etwas gezüchtet hat im geheimen Kellerlabor? Schade, dass sie ihre Freude über die zahlreichen Flugstreichungen nicht offen zeigen können.

Den Fernseher anwerfen als Überforderungsmaschine. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist man heillos überinformiert.

Heimlicher Gedanke des einkasernierten Elternteils: Also, wenn ich gewusst hätte, dass ich mit ihnen Zeit verbringen muss, dann hätte ich sicher keine Kinder bekommen!

Wir gehen auf der Straße als vereinzelte Gespenster. Wann wurde neben dem Ausgang das Lachen beschränkt?

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1 Dienstag, 17.03.2020

Es sind neue Zeiten angebrochen. Die seltsamen Zeiten. So war der Frühling nicht gedacht.

Zum ersten Mal ein abendliches Bier mit zwei Freunden über Video-Chat. Es funktioniert erstaunlich gut, gibt kaum Zeitverzögerung. Mein Arzt-Freund befindet sich in Quarantäne, da er am Vortag eine Patientin behandeln musste, die als Verdachtsfall eingestuft ist. Er wurde getestet (oder war sie es?), wartet jetzt zu Hause das Ergebnis ab. Seine Freundin arbeitet in einer Arztpraxis, wohnt deshalb sicherheitshalber vorübergehend woanders. Denn fällt er aus, dann fällt auch sie aus. Und sind irgendwann alle ausgefallen, ist niemand mehr da, der das Gesundheitswesen am Laufen hält.
Mitten in seiner Schilderung bekomme ich einen Lachanfall. Fällt uns denn überhaupt auf, wie absurd das alles ist? Vor vier Wochen, oder noch vor zwei, hätten wir uns nicht träumen lassen, jetzt so hier zu sitzen: Virtuell verbunden in einer digital verschränkten Wohnzimmer-Welt, seelenruhig plaudernd über Virus-Tests und Quarantäne.
Der Anwalts-Freund macht Home-Office, und lebt sich darin zurecht. Er klinkt sich ein ins System der Kanzlei, wo er Zugriff auf alle nötigen Daten bekommt, dabei hält er sich streng an die Arbeitszeiten.
Wir malen uns die Zukunft aus. Mit zwei bis drei Monaten in diesem Zustand sollten wir durchaus rechnen – falls es weniger wird, können wir dann ja positiv überrascht sein. Besser als umgekehrt. Noch herrscht ein vergnüglicher Galgenhumor. Der Arzt gibt zu, er habe die Zeit genutzt, eine Patientenverfügung aufzusetzen, die er mit konkreten medizinischen Beispielen erweitert hat – nicht aus Sorge, dass sie bald zum Einsatz kommen werde, es habe sich einfach so ergeben und es sei ja gerade ein guter Anlass dafür. Sogleich erfinden wir eine Boulevard-Überschrift. Whistleblower-Arzt: Machen Sie Ihr Testament! Wäre ich ein zwielichtiger Zeitungsredakteur, würde ich seine Aussagen jedenfalls dazu verwursten. Wir lachen wie sonst auch. Noch ist ja alles ein großes Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Verstehen wir den Ernst der Lage? Wir trinken Bier und stoßen an, und für Momente ist alles beinah normal.

Digitale Vernetztheit zu nutzen, obwohl es nicht nötig ist – zum Beispiel für ein Treffen über Bildschirm innerhalb derselben Stadt –, wäre graue Dystopie; sie aber verwenden können als nützliches Instrument, um vorübergehend zu ersetzen, was anders nicht zu bewerkstelligen wäre, ist ein Segen. Ich bekreuzige mich vor dem Gott des Internets.

Die seltsamen Zeiten haben auch ihr Gutes: Endlich keine alten Verwandten mehr im Pflegeheim besuchen müssen. Zahnarzttermine fallen aus. Man darf den anstrengenden Familienfeiern unentschuldigt fernbleiben.

Ich stelle mir einen Aufruf der Bundesregierung vor: Um die Ansteckungsgefahr der Mitmenschen zu verringern, bitte bei Schlägereien keine Ohrfeigen mehr austeilen, sondern stattdessen hygienische Fußtritte geben.

Nichts verdienen, aber eh nichts ausgeben können – auch ein kosmologisches Gleichgewicht.

Am Telefon mit dem Schriftsteller (und Musiker) Alfred Goubran. Wir beide vermeintlich ganz cool. Für uns ändert sich ja derweil nicht so viel. (Mit Auftritten allerdings wird es mau.) Er hat nur etwas zu bekritteln: dass er in den letzten Tagen so wenig zum Arbeiten kommt, weil alle rundum viel zu aufgeregt sind. Statt wie sonst vier Seiten, hat er eher nur zwei übersetzt. Dann morgen halt sechs, sagt er.
Ständig soll man mit irgendwem telefonieren und sich zur Lage äußern, die Maßnahmen der Regierung einschätzen und Verhaltensweisen durchdiskutieren. Immer wollen alle wissen, wie es einem geht. Wir beide sind derzeit stark im Vorteil, denn wir können allein sein – wollen es, müssen es. Nicht ununterbrochen, doch wir kommen damit gut zurecht und suchen gezielt diesen Zustand.
Wir plaudern über Fernsehserien. Alfred gibt mir eine Empfehlung, fachsimpelt über den Unterschied zwischen amerikanischen und unseren Schauspielern, die auf eine Verständlichkeit der Sprache getrimmt sind, allerdings oft sehr wenig ausstrahlen. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Die Amerikaner wirken einfach. Er erzählt ausführlich seine Beobachtungen und Theorien, die Gedanken sind dabei so präzise formuliert, dass man sie beinah als Essay mitschreiben könnte. Entwirklichung – hat er dieses Wort so benutzt?

Es brodelt. Die seltsamen Zeiten sind eine Katastrophe, mindestens eine Herausforderung, jedenfalls ein Einschnitt. Geschäfte taumeln, Gastronomen verzweifeln, Betriebe fahren die Produktion herunter. Menschen verlieren ihre Stellen. (Bloß Supermärkte suchen händeringend nach Verstärkung.) Manche Branchen natürlich florieren: Lieferservice, digitale Lösungen, Online-Kurse. Den Selbständigen und Freischaffenden und Kulturarbeitern in meinem Umfeld geht es schlecht: Konzerte gestrichen, Lesungen abgesagt. Unsicher, wie es weitergeht. Aber es brodelt, und hier liegt die Chance.
Es gibt tausend Möglichkeiten. Mir fallen ein paar davon ein, und ich weiß nicht, wo anfangen. Jetzt ist die Zeit. Jetzt schlägt die Stunde für Lieder, für Quarantäne-Kurzfilme, für Ein-Personen-Theaterstücke. Jetzt endlich den Monolog aufführen und mitschneiden und in die Welt hinausschicken (liegen nicht ein paar davon auch in meiner Schublade?). Die Kunstszene muss explodieren vor Ideen, und das wird sie auch. Herzklopfen, kein Schlaf.
Mein Vorhaben, mich in gleichmütiger innerer Einkehr zu üben, hat sich in Luft aufgelöst. Die Idee, endlich den Proust fertigzulesen, war schöngeistig überambitioniert. Es stellt sich keine Lese-Ruhe ein, schließlich will man sich permanent informiert halten. Doch es stellt sich eine Arbeitswut ein, der unbedingte Wille, mit den seltsamen Zeiten produktiv umzugehen. Ideen ausbrüten, sie in die Tat umsetzen. Jetzt.

Kontrollanrufe: Mutter, Bruder, Cousin, Tante, Freunde – alles in Ordnung? Besorgte Heiterkeit.

Es gibt das Wort Angstgemeinschaft.

Also – sage ich zu mir selbst –, also, wenn ich du wäre, dann würde ich mich schon jetzt wappnen für den kommenden Aufschwung!