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15 Dienstag, 31.03.2020

Ich schließe die Augen.

Und ich sehe das Land in einer Woche und Europa in einem Monat und die Welt in einem Jahr, und ich sehe eine erschöpfte Alleinerzieherin, die sich heimlich am Klo einsperrt, zusammenbricht und heult, und ich sehe die mürbegeschuftete Ärzteschar in der Lombardei und die vielbeschworenen italienischen Verhältnisse, die unbedingt verhindert werden sollen, und ich sehe die Vereinzelten, die nicht einmal mehr abends allein die stummen Tresenlümmler geben, sondern die in Einsamkeit verenden, und ich sehe sie, die Währinger Buchhändlerin mit geschwollener Müdigkeit, wo einmal Augen waren, die über Nacht auf einen zuverlässigen Versandbuchhandel umgesattelt hat, die es gern tut, aber einfach nicht mehr kann, und ich sehe das Land in zwei Wochen und Europa in zwei Monaten und die Welt in zwei Jahren, und ich zähle sie auf, meine Schlaflosigkeiten, und ich schreibe, schreibe, schreibe, was ich weiß, und was ich nicht weiß, das schreib ich umso mehr, und ich sehe die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen am Werk und die Errungenschaften der Zivilisation niedergerissen, und die Auswirkungen der Entscheidungen, und ich höre von verschwiegenen Selbstmorden, um keinen Effekt auszulösen und Nachahmer zu motivieren, und ich sehe sie aus dem Fenster springen, die Arbeitslosen und die Bankrotteure – unschuldig verschuldet –, und ich sehe die Notenbank Geld drucken, Geld erschaffen und erfinden, um etwas am Laufen zu halten, das nicht mehr brummt, und ich sehe das Land in drei Wochen und Europa in drei Monaten und die Welt in drei Jahren, und ich sehe die barbarische Vernunft, stattdessen Risikogruppen zu isolieren, nicht alle und alles, nur die Alten, Schwachen, Vorerkrankten, und ich sehe das gefasste Rentnerpaar aus Opferbereitschaft mit Schmerztabletten sanft entschlafen – für die Wirtschaft – und ich schmecke ihn, den giftigen Orangensaft, in den der Tod gerührt ist, den wir trinken und trinken wie schwarze Milch, ich habe ihn auf der Zunge und ich lecke mir die Lippen, und ich sehe die verschobene Perspektive derer, für die sich allzu viel ja nicht geändert hat, die Staatsdiener und Balkonkräutergärtner und Hochspezialisierten, wie sie sich zurückziehen in ihrem Brotback-Biedermeier, für das ich sie zum Teufel und an den Strick wünschen könnte, wie sie Germ hamsterkaufen, und ich sehe das gefälschte Dokument, in dem jemand als unabkömmlich für eine Firma ausgewiesen wird, das er vorzeigt bei einer Polizeikontrolle, um unbehelligt über die Bundeslandgrenze zu kommen, und ich sehe das Land in vier Wochen und Europa in vier Monaten und die Welt in vier Jahren, und ich zähle rasant, was den Schlaf torpediert, und ich lese Triage, immer wieder Triage, und ich sehe sie verzweifelt tagen – antagen gegen etwas, dem sie nicht gewachsen sind –, die Mitglieder des Ethikrats, und eloquent abwägen, ob man es tun darf, ob man den Achtzigjährigen am Beatmungsgerät extubieren darf, wenn eine Dreißigjährige eingeliefert wird und kein Intensivbett mehr frei ist, ob man ihm den Luftschlauch aus dem Rachen reißen darf, dass seine Lunge kollabiert, ob man sein Leben opfern darf, um jenes einer Jüngeren zu retten, und ich denke, ja, man darf es nicht nur tun, man muss, man muss, man muss, wer sind wir sonst?, dann wären wir keine Menschen, dessen Zweck darin besteht, den Fortbestand unserer Spezies zu sichern, und ich sehe die norditalienische Fließbandsegnung der Särge und weiß, dass ich mich irre, und mein Irrtum ist jener der entkräfteten Verweiler, und ich höre die Leute mit schwärmerischem Blick den Sommerurlaub planen, weil sie glauben, dass sie fliegen können werden, und ich kann es ihnen nicht sagen, und ich sehe die Leute ihre Pläne schmieden, die nicht weit genug in der Zukunft liegen, sondern noch viel zu sehr in der Gegenwart, die zur neuen Normalität geworden ist, und ich weiß von einem, der zieht im Herbst zurück nach New York, und ich frage mich, weiß er es denn nicht?, wieso sagt es ihm denn keiner?, und ich sehe das Land in fünf Wochen und Europa in fünf Monaten und die Welt in fünf Jahren, und ich sehe New York, immer wieder New York, die Stadt der Städte, untergehen mit hochgetrotzter Freiheitsfackel, und ich höre sie klagen, give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free, gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, und ich sehe sie, die hastig Intubierten, wie sie frei zu atmen begehren, aber nichts kommt, oh, gebt mir eure Alten, eure Schwachen, eure Diabetiker mit Immuninsuffizienz, und ich sehe die Dame Corona, wie sie in mächtiger Strenge uns zu sehen ermahnt, und in wütendem Eifer das Feuer der Erneuerung erhebt und niederbrennt, was wir als sicher wussten, und ich sehe die Menschen in den bewaffneten Widerstand gehen, und ich sehe die Politiker ihre Ausgaben für den Personenschutz erhöhen, und ich weiß, dass es unsere Ausgaben sind, was wir uns leisten müssen, um zu funktionieren, und ich sehe die tägliche Fanpost, die der medienerprobte Chefvirologe wäschekorbweise von begeisterten Mitbürgern erhält – Comeback handgeschriebener Briefe –, die sich bedanken für sein nüchternes Einschätzen der Kurven, das ihnen zur Routine, das ihnen zur taktgebenden Tagesration Verstand geworden ist, und ich sehe ihn, den Vielbefragten, zürnen ob der sinnentstellenden Verkürzungen seiner abwägenden Aussagen im Minenfeld des Hochgeschwindigkeits-Journalismus, und ich sehe das Land in sechs Wochen und Europa in sechs Monaten und die Welt in sechs Jahren, und ich sehe sie, die abgehängten Schüler aus sozial benachteiligten Familien, gestützt über das Hausaufgabenheft am Esstisch am Schreibtisch, mit altem Laptop als Schild vorm Gequengel der Schwester, oh, ich sehe sie hocken und brüten und rechnen im beengten Zimmer eines schwülen vierten Stocks, sich plagen mit dem Schulausfall und den Anschluss verlieren, und ich frage mich, wie viele Gewächse unentdeckt bleiben bei gestrichenen Vorsorgeuntersuchungen, und ich sehe sie bösartig wuchern, und ich frage mich, wie viele Zwillingsschwangerschaften durch verschobene Kontrolltermine in vermeidbare Katastrophen abzweigen, und ich sehe die Frage, aber stelle sie nicht, und ich kenne die Antwort, aber gebe sie nicht, und ich sehe Kreuzfahrtschiffe als schwimmende Petrischalen und feiere die Wendung, und ich sehe sie auf Irrfahrt und krank irgendwo stranden, doch nicht mehr einfahren als Zerstörer in Venedig, das sie dem Untergang weihten, und ich sehe das Meer als sein eigener Raum, und ich denke in Tagen und ich denke in Wochen und ich denke in Monaten und ich denke in Jahren, und ich halte mich fest und ich schnalle mich an, und ich sehe Afrika, immer wieder Afrika, und ich denke an Kairo und ich denke an Accra und ich denke an Abuja und Harare und Dakar, ich sehe sie und kenne ihren Schmerz, und ich sehe die Welt, wie sie war, und die Welt, wie sie ist, und die Welt, wie sie sein wird, was wir an ihr tun, und i saw die besten minds meiner beat generation von Wahnsinn destroyed, ich saw sie hungernd hysterical naked, und ich heule mit den Wölfen und ich wandle mich vor Nacht zum bösen Tier mit Silberfell, zum Wermenschen, der vollmondig als angelheaded hipster durch allenlangen Ginsbergginster bricht, um lykanthropisch zu verenden, wie es kommt, und ich gehe dir aus dem Platz an der Sonne als falsch überlieferte Diogenese zurück in den Traum im Traum im Traum, und ich sehe das Land in sieben Wochen und Europa in sieben Monaten und die Welt in sieben Jahren, und ab übermorgen Mittwoch werde ich beim Einkaufen im Supermarkt eine Schutzmaske tragen, wie der Bundeskanzler sagt, mit souveräner gelackter Geschlecktheit, und der militante Innenminister, der verbal aufrüstet und rhetorisch eine Wehrmachtsuniform trägt, der Angst macht, Angst Angst Angst, und der Gesundheitsminister, dem vor lauter Stress längst die Haare ausfallen, der sich bald wieder feig davonstiehlt ins Burnout wie es eben seine grüne Art ist, und ich sehe ja, wie unmenschlich und unfair ich bin – und ich sah, dass es gut war – aber immerhin bescheiden, und wenn schon nichts wissen, dann es wenigstens dichten, und wenn schon nichts glauben, dann wenigstens fest, und ich bin nie der geworden, wer ich hätte können sein, und ich sehe das Land in acht Wochen und Europa in acht Monaten und die Welt in acht Jahren, und ich sehe die Veränderungen im Berufsleben – auch die wahren, guten und schönen –, ich sehe neue Berufsbilder, Produktgruppen, Dienstleistungen, und jemand kann nicht mehr, aber nicht können, das kann er ja auch nicht, und man darf sich die Verzagtheit niemals anmerken lassen, weil es das Starksein für die anderen untergräbt, und nachtlang weiß ich manches, das der Schlaf wieder zerschläft (Selbstzitat), und was sich lüstern erhebt aus den Schwingen der Nacht (Fake-Zitat), aber die Nacht hat einen einzigen Namen (Fremdzitat), und jedes Buch braucht ein strömendes Canto-Kapitel, damit es bei sich ist, und ich sehe die Partnerschaften mit getrennten Wohnsitzen – Not-Comeback des Cybersex –, und zwei Menschen, die sich wie Verbrecher fühlen, wenn sie sich verstohlen treffen bei einem der beiden, wie sie sich unbeholfen zurechtlieben in ihrer misslichen Lage, und ich sehe den Rechtfertigungszwang, noch Bedürfnisse und Sehnsüchte zu haben, trotz allem, und die Feuchte unserer Körper muss verführen, und ich sehe, wie bei der Sündenbocksuche der Trend zum Karnevalsrückkehrer geht, und immer wieder nach Tirol, und ich sehe das Land in neun Wochen und Europa in neun Monaten und die Welt in neun Jahren, und ich sehe mich satt am Erzählstrom einer Zeit, die nicht mehr unsere ist, und ich wundere mich satt über eine Geschichte, die erzählt werden könnte gegenläufig zum Zeitstrom, die stattfinden darf an befriedeten Orten des Geschehens, und immer wieder Afrika, und wie alle, die ohnehin nichts haben, auch noch das verlieren sollen, und vielleicht wäre es angemessen, wenn jene, die alles haben, das ebenfalls verlieren, um ein mögliches Gleichgewicht herzustellen, den Versuch des Versuchs des Versuchs, und wenn wir uns ausklinken aus dem kommenden Erneuerungsprozess, dann findet er ohne uns und unser Mitreden statt, und ich sehe, wie der Staub sich legt, und ich sehe das Messer und sehe das Fleisch, und sehe die Wunde und sehe den Schnitt, und sehe den Eiter und sehe das Blut, und sehe das Pflaster und sehe den Schorf, und sehe das Wunder und sehe die Zeit, und sehe die Sorge und sehe den Sinn, und sehe das Warten und sehe den Schmerz, und sehe die Narbe und habe die Narbe gesehen, und ich sehe die Leere der Plätze und Straßen, und ich höre das nachtlange Hupen der Alarmanlagen liebeskranker Autos, das niemand mehr erhört, und ich finde plötzlich allem eine Form und lade ein zur wahrgeschriebenen Gegenwirklichkeit, und ich sehe, wie der Staub sich gelegt haben wird, und ich sehe die müde Buchhändlerin erstarken, und ich sehe den Tresenlümmler stumm einen heben, und New York und den Germ und Orangensaftgift, und die Angst und die Dame und give me your Geld für die Wirtschaft, und ich sehe uns erzählen, wie es war, und uns sagen, wo wir stehen, und ich sehe mich schlafen, und ich sehe das Land in zehn Wochen und Europa in zehn Monaten und die Welt in zehn Jahren.

Ich öffne die Augen.

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14 Montag, 30.03.2020

Zum ersten Mal seit Langem wieder in der U-Bahn. Die junge Frau an der Tür macht einen Schritt von mir weg, tiefer hinein in den Waggon. (Heute die Verlautbarung einer Maskenpflicht im Supermarkt. Rund zehntausend Anzeigen wegen Verstößen gegen die Maßnahmen soll es gegeben haben. Zehntausend.) Die junge Frau mustert mich und überlegt, wie viel Gefahr von mir ausgeht.
Die U-Bahn-Türen (der neuen Garnituren) öffnen automatisch, ohne dass jemand davor auf den Knopf drücken muss, um seinen Haltewunsch zu äußern.
Erstaunlich, wie man plötzlich jede Veränderung des Tagtäglichen – selbst die allerkleinste – registriert als große Irritation. Und es ist eine Menge an Veränderungen, die wir unentwegt erfahren, auf die wir reagieren, zu denen wir uns verhalten sollen. (Ermüdungserscheinung der Sinne.)
*
Ich studiere den amtierenden U-Bahn-Hund. (In Tiergesichtern liegen Dinge offen.) Was für einer? Ich kenne mich bei Rassen so schlecht aus. (Im Nachhinein recherchiere ich ihn mir zum Golden Retriever.) Sein Beißkorb ist verrutscht wie so manche Atemschutzmaske der Passanten. Er sitzt ganz fromm und blickt auf zu seinem Frauchen, ob sie ihn gutheißt. Er wirkt müde, richtiggehend erschöpft; dabei aber keineswegs verzagt, sondern zufrieden. Vielleicht ist er einfach nur alt und macht nicht mehr so leicht jede Aufgeregtheit mit. Die Augen wirken ein bisschen enttäuscht. Der Hund ist gutmütig schwach.

Die Luft anhalten, wenn man an einer suspekten Person vorbeigeht.

Lichtschalter auswärts mit dem Ellenbogen betätigen.

Erwin Uhrmann sieht teilweise mehr das System bedroht als die Menschen. (Sind wir davon zu trennen?)

Lektorin Merle sagt: Sich beobachten und sich beim Beobachten beobachten, und sich beim Beobachten der Beobachtung beobachten. (Wer bin ich, ihr zu widersprechen?)

Ein tagealtes Rückschaubild: Die Kuchenschmugglerin nimmt einen verbotenen Schluck aus jenem Flachmann, den ein ehemaliger Mitbewohner bei ihnen vergessen hat. Er ist zurück in England, und ich frage mich, ob bei ihm alles passt.

Gehen ökonomischer Kollaps und ökologische Gesundung des Planeten Hand in Hand? (Zu allem fällt mir das rechthaberische Wort Gesundschrumpfen ein; sicher auch dort, wo es nicht hingehört.)

Bei Videochats in der Gruppe werden die Menschen angeordnet zu übersichtlichen Kacheln. Damit sich Gesprächsbrocken nicht zu sehr überlappen, behelfen wir uns teilweise mit einer Art improvisierter Tauchersprache: Daumen nach oben als Bejahung, Daumen nach unten als Verneinung, Winken als Begrüßung und Verabschiedung, Halsabschneiden als Hinweis auf technische Probleme.
Leider wohl ein zukunftsträchtiges Unterfangen, sich in dieser Richtung konsequent weiterzubilden: Zahlen, Warnzeichen für Luftknappheit, Bitte um Wiederholung des Gesagten, Zeichen die Tauchtiefe betreffend, Notfälle, Hinweise auf Boote und bestimmte Unterwasser-Lebewesen. Ich lerne, dass es genormte und ungenormte Zeichen gibt. Jeder Freundeskreis könnte anfangen, einen intern gebräuchlichen Soziolekt herauszubilden. Der virtuelle Raum ist unser Meer.

Die Paketboten halten Abstand. Sie verharren im Stiegenhaus, nähern sich nur widerwillig und in Ausnahmefällen der betreffenden Haustür; stattdessen werfen sie einem die abzuliefernde Ware gegen die Brust. Im Vorteil ist, wer in seiner Jugend passabel Basketball gespielt hat.
Wird es demnächst einen statistisch nachweisbaren Anstieg von Platzwunden und anderen Kopfverletzungen geben? Nimmt das Sprungtalent der Vielbesteller zu?

Mein Arzt-Freund behauptet, Zivildiener würden neuerdings dazu eingesetzt, in ungelüfteten Hinterzimmern des Krankenhauses das vierlagige Klopapier Blatt für Blatt in einlagiges auseinanderzufalten, um so eine Vervierfachung des Klopapierbestands zu gewährleisten, was vom Krankenanstaltenverbund als ressourcenschonende Maßnahme eingeführt worden ist. (Wundersame Fischvermehrung in Zeiten des heraufdämmernden Gesundheitsnotstands.)
Ich verliere das Vertrauen in meinen Arzt-Freund. Was ist noch Blödelei, was bereits von der Wirklichkeit eingeholt? Die Grenzen bleiben fließend. (Als Satire markieren.)

Entwicklungspolitische Siuation, habe ich wo in Krakelschrift notiert. Beim Wiederlesen mancher Zeilen werde ich aus meinen Fetzen nicht schlau; es sind Schübe, denke ich. Das Notizbuch ist zerfleddert (und beinah voll), bei den Bleistiften komme ich mit dem Spitzen kaum nach. Was soll das überhaupt heißen, frage ich mich, gibt es diese Wendung denn als gebräuchlichen Allerweltsbegriff – oder eben als Fachterminus? Das ist der Fall, und ich muss es irgendwo aufgeschnappt haben, ohne dessen tiefere Bedeutung zu verinnerlichen.

Manches deutet hin auf den Sturm vor dem Sturm vor dem Sturm. Atemlos zwar, aber sich dessen bewusst sein – denke, sage, schreibe ich.

Weltzugewandte Einsiedelei – weitschweifige Subenhockerei.

Jene, die vorher schon verrückt waren, sind jetzt klar im Vorteil.

Jemanden vermissen – und sich darin selbst vermissen.

Your quarantine nickname is how you feel right now and the last thing you ate. In meinem Fall:
Tired Spaghetti (Ungefähr so heißen doch wohl alle.)
Weitere Beispiele:
Stressed Leftovers

Depressed Cookie
Anxious Cracker (Doppelfund)
Horny Apple
Enraged Bolognese
Bored Banana Bread

Eine ferne Bekannte nutzt die frei gewordene Zeit für längst überfällige Aufräum- und Ordnungsarbeiten. Dabei schießt sie – wie sie selbst reumütig eingesteht – etwas übers Ziel hinaus, nämlich als sie dazu übergeht, eine Liste anzulegen, wie viele Bücher aus welchen Verlagen sie jeweils besitzt. Darauf muss man erst einmal kommen, denke ich.
Regelmäßig isst sie mit der – einzigen – Stockwerknachbarin zu Abend. Dazu stellt jede einen Sessel in die offene Tür, und so sitzen sie sich gemütlich gegenüber mit einigen Metern Abstand. (Auf dem Foto, das ich zum Beweis kriege, schätze ich ihn auf sieben bis zehn.)
In der Mitte steht ein Topf mit von der Nachbarin gekochtem Essen. Angerichtet wird streng nacheinander, der Deckel wird gelüpft mit einem Tuch. Neben dem Topf steht eine Flasche Wein, aus der sich jede abwechselnd einschenken darf. (Ich bilde mir ein, dass ich erzählt bekommen habe, wie manchmal jede ihre eigene Flasche neben sich stehen hat.) So wird feierlich getrennt zusammen gespeist.
*
Wie viele dieser schrulligen Einfälle – die entstehen, um aus der Not eine Tugend zu machen – werden später beibehalten, werden sich als nützlich oder launig etablieren, werden den Sprung schaffen aus der Extremsituation in die friedvolle Geläufigkeit des Postcoronarismus.

Wie schön wäre es, endlich nichts mehr verstehen zu wollen.

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13 Sonntag, 29.03.2020

Es ist zwei Uhr früh, und ich erinnere mich daran, dass mein Vater – würde er noch leben – uns daran erinnert hätte, die Uhr eine Stunde vor zu stellen, von Winterzeit auf Sommerzeit. (Eine Stunde weniger nicht schlafen.)

Zufällig treffe ich meinen Bruder, und zufällig hat er ein bisschen Zeit, und zufällig gehen wir eine Runde spazieren. Wir vertreten uns die Beine in einem erst kürzlich errichteten Park mit künstlichen Hügeln zwischen den Spielgeräten. Die Bodenfläche ist rau und gibt einen starken Reibungswiderstand, sodass man selbst mit glatten Sohlen nicht so leicht abrutschen kann. Wir wandern von Hügel zu Hügel, besprechen dabei das Weltgeschehen, seine Darstellung in den Medien, die Pressekonferenzen, die Statistiken und Kurven, erzählen von uns. Dann wechseln wir in die Ebene.
Es gibt ein kleines Sonnenfeld, wir gehen auf und ab. Wie ein Hofgang im Gefängnis, sage ich. Mein Bruder trägt dazu passend einen labberigen Jogginganzug, denn später will er noch laufen im Prater. Wir achten darauf, uns nicht zu nahe zu kommen, halten streng die zwei, drei Meter ein. Wir gehen von Zaun zu Mauer, von Mauer zu Zaun. Echt wie beim Hofgang, sage ich, die eine Stunde Bewegung in der Woche. Mein Bruder lacht zustimmend.
*
Wir reden über die abgesagte Fußball-Europameisterschaft und fragen uns, ob es nicht amüsant wäre, wenn irgendein Sender (wer hat sich denn unlängst mit wie vielen Millionen die Rechte gesichert?) die letzte Europameisterschaft von vor zwei Jahren in voller Länge als Wiederholung ausstrahlt; und zwar komplett, von der Auslosung der Gruppen bis zum Finale. Und alle geben vor, als sähen sie es zum ersten Mal und tun bei jedem Tor ganz überrascht. Das wäre doch etwas! Wäre das nichts? Also irgendetwas wäre das doch!
Mein Bruder sagt, es gibt ein paar Dinge, die jetzt unfreiwillig zurechtgestutzt werden. Der überhitzte Transfermarkt im Profifußball gehöre sicher dazu, oder das gegenseitige Überbieten der Billigflugfirmen mit wahnwitzigen Sonderangeboten. Vielleicht konnte es so nicht mehr weitergehen. Vielleicht wird irgendwann einfach alles zu viel – und dann ist es genug.
*
Wir spazieren zufällig weiter zum Donaukanal, das trübe Wasser hat eine sehr beruhigende Wirkung auf mich. Ich frage meinen Bruder, was er so koche. Das Übliche, sagt er, Hühnergeschnetzeltes mit Reis, Kaiserschmarrn, Riebel – mit echtem Vorarlberger Riebelmais –, demnächst vielleicht wieder eine Lasagne. Genau das mache er doch immer, sage ich, dabei wäre doch jetzt die perfekte Gelegenheit, etwas Neues auszuprobieren, sich ein unbekanntes Rezept vorzunehmen. Du hast Zeit, und wo essen gehen kannst du auch nicht. Ich schlage ihm vor, sein Repertoire zu erweitern. Nein, sagt er, wichtiger scheine ihm jetzt, das Repertoire zu erhalten.
Wir klettern über Steine als brüderliche Seilschaft ohne Seil. Das Wasser flüstert ruhig. Unterwegs entdecke ich eine Behausung aus Stecken, mit der sich jemand sehr viel Mühe gegeben hat. Ein filigranes, doch stabiles Flussrandhaus, sehr super für Actionfiguren, die man dort hineingehen lassen kann. Baumeister war ein geduldiges Kind – bewacht von nicht minder geduldigen Erziehungsberechtigten. Da waren wieder die Donaubiber am Werk, sage ich. Dieses minutenlange Steineklettern mit dem Bruder werde ich behalten.
*
An einer Straßenecke mit Mistkübeln verabschieden wir uns. Ich verbeuge mich und sage Namasté. Dann machen wir den Gruß der Vulkanier aus Star Trek, jeder spreizt seine Finger zum Schlitz in der Hand. Wenn das alles vorbei ist, schauen wir wieder gemeinsam eine Folge The Next Generation. Zufällig wird das bald sein. Denn mein Bruder und ich, wir sind Meister des Zufalls. Live long and prosper, sagen wir. Ich gehe einkaufen. Und mein Bruder geht joggen in den Prater.

Der Gedanke, das Gefühl, die Ahnung, die Sorge, die Gewissheit – nicht zum Arzt gehen zu können. (Am Tag, da ich mir böse drei Zehen anhaue und sich die eine burgunderrot verfärbt.)

Im Ungargassenland kommt mir eine Lächlerin entgegen, sie trägt einen Hosenanzug und hat einen adretten, teerschwarzen Bubikopf. (Wer lächelt, wirkt; oder, zugeneigter gesagt: wer lächelt, setzt Vertrauen in die Welt.)

Die letzten Tage der Menschheit
Die seltsamen Zeiten der Menschheit

Im ersten Bezirk hängt an der Kirche Maria am Gestade folgendes Banner:
Nur Mut,
Gott lenkt
alles
Es baut mich auf.

Ich mach es wie der Messenger – bin derzeit nicht aktiv.

Schwindel des zu schnellen Aufstehens – taumelnde Sekunden.

Es verliert einfach nie an Komik, dass einen an der Busstation eine sachliche Frauenstimme über Lautsprecher dazu auffordert, sich bitte die Hände zu waschen sowie in Ellenbeuge oder Taschentuch zu husten und zu niesen.

Arzt-Freund nach einer zehrenden Nachtschicht: Es ist nicht so, dass wir gar nichts haben; aber das, was wir haben, ist wenig. (Die Einweg-Schutzmasken werden jetzt wiederverwendet.) Der Arzt-Freund ist ein Philosoph. Ob er es weiß?

Ein ausgangsbeschränkter Spaziergang wird zum gelungenen, wenn auch kurzen Stadtparktag.
Etwa eine Stunde verbringe ich dort. Dabei habe ich immer das Notizbuch gezückt, um alles einzufangen. Ich werde – hoffentlich – niemals wieder die vertrauten Orte meiner Stadt in einer solch eigenartigen Stimmung erleben. Es liegt an mir, sie einzufangen und für mich zu konservieren.
*
Die Menschen tanken Sonne. Sie verbringen den Tag mit Abstandhalten und Anstandwahren.
Dort balanciert ein Mädchen über Holz, dort wirft ein Bursch einsam Körbe, dort liest eine Teenagerin hustend im Gras, dort treten zwei Geschwister in die Pedale und drehen lustig ihre Runden. Dort frohlockt ein angeschnalltes Baby aus seinem Kinderwagen, es jauchzt auf, dass die Mutter stehenbleibt und sich daran erfreut. Na, fragt die Mutter das Kind, hast du es fein? Dort küssen sich welche und werden nicht satt. Dort geht eine Mutige im Schaukeln aufs Ganze. Dort tapst ein Zwerg den bangen Satz. Dort schiebt sich ein Knirps einen Zopf in den Mund. Dort wartet eine alte Frau auf etwas, das nicht kommt. Dort sind zwei beisammen und dort ist wer ganz bei sich. Ich weiß es, denn ich habe es gesehen.
*
Drei Polizisten kontrollieren schlendernd das Einhalten der Bestimmungen. Sie wirken entspannt und haben nichts zu beanstanden; nirgendwo sehen sie den Ansatz einer Gruppenbildung oder Menschen, die anderen zu nahe kommen. Unter der Uniform sind sie Onkel, Mütter und Nichten, Bandkollegen und Schachpartner. Dort gehen Polizist und Polizistin wie verliebt.
*
Ein unsichtbarer Klarinettist spielt O sole mio, und er spielt damit den Frühling, und verspielt sich nicht einmal. Ich finde ihn am Einschwenk zur Brücke. Er spielt uns. Ich streue ihm ein paar Münzen in den Hut, zwei abwartende Mädchen tun es auch. Mir ist bewusst, dass wir Bargeld derzeit eher vermeiden sollten.
O sole mio ist das, was man zu singen beginnt, wenn man sich über Oper lustigmachen will, über die Künstlichkeit des Gesangs. Dann schmettert man es vor lauter Bruststimme tief aus sich heraus und gibt den Pavarotti mit Bart und Bauch und Zähnen. Nie habe ich mich gefragt, worum es in dem Lied eigentlich geht. Erst zurück daheim suche ich nach einer Übersetzung.
O sole mio – neapolitanisch für Meine Sonne:
Wie schön ist ein sonniger Tag
Die klare Luft nach einem Sturm
Die frische Luft wirkt wie ein Fest
Wie schön ist ein sonniger Tag
Ich lehne mich gegen die Mauer und höre ein bisschen zu. Dann bemerke ich, dass ich mich gegen die Mauer lehne und gehe weiter. Es gibt hier viel Taubendreck, doch er ist eindringlich weiß und sieht sauber aus.
*
Ein Blondschopf tut, als ob er lernt; ich hoffe, dass er sich auf seine Prüfung halbwegs gut vorbereiten kann. Japanische Eltern ermuntern den Sohn, auf dem Foto zu lächeln. Eine Frau sitzt neben ihrem abgestallten Fahrrad und hat eine tiefliegende Sorge im Blick, die niemand ihr nehmen kann. Ein magerer Hippie meditiert mit freiem Oberkörper auf der Wiese; die Sonne meint ihn, wenn sie scheint. Eine gepflegte Dame hält sich den Schal vors Gesicht. Ein Kind fragt, was hier eigentlich los ist. Ein junges Paar liegt stumm und denkt an nichts.
*
Mein Blick ist geeicht auf den Meterabstand, den wir einhalten sollen. Wir sind verboten. Ich frage mich, wie lang es dauern wird, bis wir einander nicht mehr aus dem Weg gehen, bis wir einander nicht mehr argwöhnisch beäugen als vermeintliche Gefahr, wann wir ihn uns wieder abgewöhnt haben werden – den höflich ausweichenden Schritt.
Wir sehen einander an wie etwas, das uns nicht mehr gehört.
*
Banknachbarn – Fremde – beginnen ohne Scheu ein Gespräch. Sie erzählen einander ihren Tag oder ihr Leben. Es geht allen gleich, wir sitzen alle im selben Boot. Manchmal wissen wir es. Der Stadtpark wird müde, bleibt aber wach. Das hier, denke ich, ist keine Idylle, sondern etwas anderes, das nicht weniger ist: Artgenossenschaft als Widerstand. Wenn wir sie uns merken, haben wir viel gelernt.
Wie schön ist ein sonniger Tag. Dort hören sie gern Musik. Dort streichelt einer wen. Dort ärgert sich wer, lässt es dann aber bleiben. Die klare Luft nach einem Sturm. Dort jammert eine, ob das Eisgeschäft öffnet. Dort stolpert einer harmlos übers offene Schuhband. Dort flattert einer grob das weite Kleid. Die frische Luft wirkt wie ein Fest. Dort nickt der Polizist wem zu in freundlichem Ernst. Dort gibt es was zu lachen. Dort bleiben wir anders, dort leben wir neu. Wie schön ist ein sonniger Tag.
Plötzlich wird mir klar, wie alles endet. Ich sehe, dass die Menschen eine komplizierte, einfallsreiche, unschuldige, liebenswerte Spezies sind. Und wäre ich ein Gott, ich würde ihnen verzeihen.

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12 Samstag, 28.03.2020

Nachts treffe ich die Kuchenschmugglerin. Noch im Hingehen erfinde ich den Refrain eines Liedes – Text und Melodie –, das ich zunächst einmal probeweise vor mich hin summe, um es anschließend sofort in den Voice Recorder des Smartphones zu singen:
Dann treffma uns halt illegal am Stephansplatz
Obwohl von uns ja keiner was verbrochen hat
Das Lied ist im Dreivierteltakt und passt zu meiner raunzigen Walzerseligkeit. Auf den gesungenen Refrain folgt eine eingängige Melodielinie, die mich seitdem hartnäckig als Ohrwurm begleitet. Während des Hinwegs wiederhole ich mein Lied ein paar Mal laut. Es ist mir nicht peinlich. Ich singe es gern.
*
Die Kuchenschmugglerin wartet am vereinbarten Treffpunkt. Wir bleiben auf Abstand. Legen Sie es hin, sage ich. Sie nimmt etwas aus dem Stoffbeutel, es schimmert matt. Sie legt es auf eine Steinbank vor dem Kircheneingang. Dann tritt sie einige Schritte zurück. Ich nähere mich mit der abgeklärten Vorsicht des Bombenentschärfers. Das abgelegte Objekt ist mit Alufolie umwickelt, auf die jemand mit Filzstift einen rudimentären Smiley getupft hat, der einen spöttisch mustert.
Meine Mitbewohnerin hat einen Zitronenkuchen gebacken, sagt die Schmugglerin.
Danke, sage ich, das ist sehr nett.
Die Mitbewohnerin arbeite in einer Bäckerei in der Innenstadt und wisse, wie man etwas so verpacke, dass man es nicht berührt.
Am nächsten Tag – frühmorgens – schlinge ich beide Stücke mit dem ersten Arbeitskaffee herunter. Der Zitronenkuchen schmeckt vorzüglich, er ist saftig und nicht zu süß.
*
Das nächste Mal treffe ich die Kuchenschmugglerin bei Wien Mitte. Die Übergabe geschieht sinnigerweise vor einer (geschlossenen) Konditorei. Es handelt sich um ein großzügig bemessenes Stück Patzerlgugelhupf, in dem köstliche Nester aus Powidl, Mohn, Topfen und Haselnussgatsch eingelagert sind; die knusprige Oberseite ist mit Staubzucker bestreut. Die Bombe wiegt schwer im Beutel, den ich zum Heimtragen an mich nehmen durfte. Die Kuchenschmugglerin hat den Gugelhupf selbst gebacken.
Zurück in der Wohnung koste ich direkt aus der Alufolie. Der Germteig ist gut spröde und die Füllungen ein miteinander ringender Genuss. Den Rest hebe ich mir für später auf.

Idee für ein Kunstprojekt: Capture Corona (Arbeitstitel).
Eine Sammlung von Screenshots unserer Videochats. Natürlich gab es diese schon vorher, auch das Teilen sehr privater Momente in Fernbeziehungen oder bei Zusammenkünften von Familienmitgliedern, die in unterschiedlichen Ländern wohnen und keine Besuchsmöglichkeit haben. (Ich denke an Großeltern, die den ersten Blick aufs frisch geschlüpfte Enkelkind über den Bildschirm werfen.) Doch die seltsamen Zeiten sind anders.
*
Wir treffen uns mit Menschen auf einen Kaffee, wobei jeder daheim in der Küche sitzt; Menschen in derselben Stadt, denen wir unter anderen Umständen regelmäßig begegnen würden. Abends gehen wir auf ein Bier mit guten Freunden. (Für heute hat sich bereits der fix und fertige Arzt-Freund angekündigt; der Anwalts-Freund hat Sorge um das samstägliche Mehrgangmenü und lässt sich sehr bitten.) Auch Videokonferenzen gab es in der Berufswelt; plötzlich aber halten sie auch dort Einkehr, wo sie zuvor undenkbar waren.
Im Privaten etablieren sich Gruppenchats – neulich waren wir zu acht und hatten vier Fenster gleichzeitig offen, haben in die Kamera angestoßen mit unseren Gläsern und Flaschen. Diese Erfahrung ist fremd und neu und höchst absonderlich; und unter den gegebenen Umständen sehr beglückend als bester Versuch der Geselligkeit. (Bildschirme als Wahrheitsbehaupter.) Diese Beweise unserer zukünftigen Vergangenheit, diese Stichwortgeber unserer Erinnerung, muss man in großer Zahl abspeichern und festhalten und fixieren. (Der Sammelvorgang als soziale Plastik.)
*
Der Titel Capture Corona hat eine Doppel-, nein, sogar eine Dreifachbedeutung, die einen angenehm kitzelt an einer Stelle im Kopf. Capture meint den technischen Vorgang des Einfangens, also das Herstellen des Screenshots. Capture meint auch das Infiziertwerden mit dem Virus, vor dem wir uns und andere durch unser Verhalten bewahren wollen. Und zu guter Letzt meint Capture auch das Einfangen der Ereignisse, des Phänomens Corona als historisches, weltumspannendes Ereignis.
Von den – abzuwendenden – Verheerungen, den Kranken und Toten, den Benachteiligten und Abgehängten soll – und muss – und wird – die Rede sein. Capture Corona wiederum soll einen positiven Aspekt der seltsamen Zeiten abbilden: die Möglichkeit des virtuellen Zusammenrückens bei physischem Abstand, das Aufrechterhalten und Erneuern starker freundschaftlicher Bande in virtuos getanzter Parallelbewegung zum social distancing.
Konkret denke ich an eine simple Plattform (betrieben von einem Museum?), auf der User anonym die Screenshots ihrer Chats hochladen; mit oder ohne Registrierung und Profilerstellung, unbedingt jedoch mit Einverständniserklärung zur Weiterverwendung des Materials für künstlerische Zwecke. (Das Einhalten der Datenschutzgrundverordnung muss gewährleistet sein.)
*
Das Projekt kann einerseits im virtuellen Raum stattfinden, als stetig wachsendes Bild-Archiv, das durchforstet oder als Environment in der virtual reality aktiv betreten und durchstreunt werden kann. Andererseits jedoch soll es den Sprung zurück schaffen in die echte, die physische Welt; so erlauben wir dem Virtuellen als Notlösung das Eintreten in die greifbare Wirklichkeit, zu der es strebt.
Ich sehe eine klassische, betretbare Ausstellung. Digitale Screenshots werden auf Leinwand gedruckt und gehängt. Capture Corona erlöst so die eingefrorenen Gesichter – das beduselte Kichern, den neutralen Meeting-Mund – der Chatlinge wie die spukenden Geister von Toten, die noch etwas Unerledigtes im Reich der Lebenden hält. Dann suchen uns die Bilder nicht mehr heim.
*
Ich möchte das Projekt samt Arbeitstitel und Konzept-Skizze verschenken, und selbst darin nicht mehr involviert sein. (Obwohl mir noch so manche Idee ausbrütenswert erscheint, muss ich aufpassen, kein peinlicher Corona-Gschaftlhuber zu werden. Oder bin ich es schon?)
Capture Corona steht zur freien Verfügung.

Idee für ein Fotoprojekt: Ablichten der menschenleeren Straßen und Plätze.
Möglicher Titel: Die Welt ohne uns
Oder: Wir ohne uns
Wird sicher bereits überall umgesetzt. Hier geht es darum, schneller, besser, umfangreicher – unbedingter – als die anderen zu sein. Ich wundere mich über jeden Fotografen, der nicht draußen unterwegs ist und die seltsamen Zeiten einfängt. (Sogar über jeden Menschen, der eine Kamera besitzt, ein bisschen Zeit hat und halbwegs bei Sinnen ist.)

Idee insgesamt: Vielleicht für einen Tag einmal gar keine Idee haben, sondern im Kopf die Goschn halten. Nur einen kühlen Sonnensamstag lang.

Ein virtueller Kaffeeplausch mit dem Schriftsteller Erwin Uhrmann. Von Bücherwand zu Küchenblick. (Er hat ein hintergründiges Lächeln, dem man das stille Denken mit messerscharfem Verstand ansieht; sein akkurater Vollbart ist gepflegt und irgendwie gesund.) Wir treffen uns nicht oft – vielleicht alle paar Monate einmal –, doch jedes Mal führen wir ein erhellendes Gespräch, das für einige Zeit in mir nachwirkt. (Gute Gesprächspartner erkennt man nicht zuletzt daran, dass man selbst zum besseren Gesprächspartner wird, man sich im Antworten und gemeinsamen lauten Nachdenken über die Dinge plötzlich Sätze sagen hört, die klüger sind als man selbst.)
*
Ich erzähle ihm von meiner Idee zu Capture Corona. Er hört es sich geduldig an, nickt langsam. Allerdings schlägt er vor, dass ein Künstler diese Screenshots dann auf Leinwand malen sollte.
Stimmt, denke ich, so gelänge eine noch tiefere und vollständigere Rückführung des Virtuellen in die Wirklichkeit; die sterile Kälte einer Bildschirmspiegelung erhält so die Haptik und Oberflächenstruktur einer Farbschicht. Durch den Akt des Malens eignet sich der Mensch sein eigenes Bild wieder an, das er sich von der Maschine (freiwillig) hat wegnehmen lassen. Diebstahl oder Geschenk wird so durch Menschenhand entschärft zu offenem Borgen.
Mit einem Bein lebt und arbeitet Erwin in der Kunstwelt. Gemäldewerdung von Videokonferenzen oder Chat-Portraits mag es früher schon in ähnlicher Form gegeben haben, doch alles ist Kontext – das weiß er besser als ich. (Neben dem eigenen Schreiben kuratiert er eine Lyrikreihe; daneben wirkt er als Kommunikationsdramaturg – geheimnisvolle Berufsbezeichnung, die ich mir nie merken kann.)
*
Erwin sagt: Was wir derzeit erleben, das sind die Auswirkungen der Normalität auf die Krise, aber bald, in ein paar Monaten vielleicht, wird es umgekehrt sein, und wir erleben die Auswirkungen der Krise auf die Normalität. (Bist du deppert, denke ich, das ist deep.)

Der Postler stellt vor meiner Haustür einen riesigen Karton ab, der mit vergnügtem Klebeband umwickelt ist. Sodala, brummt er, da kommt das Spielzeug. Ich weise ihn darauf hin, dass ich nichts bestellt habe. Wir kontrollieren die Anschrift: Haus- und Türnummer stimmen zwar, doch Name und Straße sind falsch. Der Postler entschuldigt sich: Mein Fehler. Er nimmt den Karton wieder mit. Ich hätte den Mund halten und das Spielzeug entgegennehmen sollen.

Nach zwei Wochen pendelt sich alles ein auf einen erträglichen Normalstress.

Jede Krise ist eine Frage; und jede Antwort sind wir selbst.

Angeblich wurde in Frankreich bei Intensivbetten ein Alterslimit von fünfundsiebzig Jahren eingeführt. Ich traue mich nicht, zu recherchieren, ob es stimmt.

Hätten wir uns jemals träumen lassen, dass es zum subversiven Akt werden könnte, sich zu umarmen?

Musikvideos sind Kurzfilme mit viel Soundtrack.

Der Arzt-Freund schickt mir das Bild einer Tafel, die vorm asiatischen Supermarkt aufgestellt wurde:
ACHTUNG (in empörtem Rot)
VOR DEM
BETRETEN
BITTE
DESINFIZIEREN
DANKE
Dazu der Verschicker: Wenn du reingehst kommt wirklich ein Chinese mit der Sprühflasche Desinfektionsmittel daher! (Ich weise ihn sanft darauf hin, dass ich Beistrichsetzung in Zitaten grundsätzlich nicht korrigiere.)

Später leitet der Arzt-Freund ein von einem Kollegen weitergeleitetes Zitat unbekannter Herkunft weiter: Uganda has more government ministers than intensive-care beds.

Am Geschäftseingang ein Zettel mit windschiefer Kugelschreiberschrift:
Lieber Postmann,
Bitte klopfen Sie die Tür
Bei Bedarf
Vielen Dank
(Das Notieren und Kopieren und Archivieren und Dokumentieren der Zettelfunde wäre ein eigenes Projekt, eine eigene Disziplin, die ich mir nur am Rande aufhalsen darf.)

Ich bin gerade irgendwo anders, auf eine gute Art; und genau dort, wo ich hingehöre.

Einander begegnen in verzweifelter Erregung.

Unerbittlicher Begriff: Hygienestandard

Wenn ich Tirol wäre, dann würde ich ebenfalls um meinen Ruf bangen.

Gelungener Verleser bei der Bildunterschrift einer privaten Winterszene. Ich trotze der Kälte draußen – wird zu: Ich strotze vor Kälte draußen.

Erst die Arbeit und dann die Arbeit. (Und man täte gut daran, wenn es gleichzeitig das Vergnügen ist.)

Wer archiviert das Jetzt?

Wir alle werden uns später die Frage gefallen lassen müssen, ob wir uns brav zurückgelehnt und Brot gebacken haben oder von Anfang an – bereits in der Kernzeit der Krise, der Phase reiner Schadensbegrenzung – alle zusätzlich vorhandene Energie investierten, einen dringend notwendigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandel herbeizuführen.

Frage: Wie geht es dir?
Antwort: Auf meine Weise gut.

Mit leuchtenden Augen: Was das für ein Schauspiel sein wird, da sich die Welt danach wieder erhebt.

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11 Freitag, 27.03.2020

Beim nächsten sogenannten Zukunftsforscher, der im Ton herablassender Selbstaufgeilung die banalsten Offensichtlichkeiten absondert, schmeiß ich mich durch den Bildschirm und spring ihm an die Gurgel. (Der deutsche Obertrottel schickt jetzt auch seinen Klon-Sohn auf den Medienstrich; fürs österreichische Fernsehen ist sich der Schmied natürlich wieder zu blöd und setzt den Schmiedl hin.) Ich tausche alles, was die zwei Trendgurus im Laufe ihres ertragreichen Arbeitslebens noch von sich geben werden, gegen einen einzigen Satz meines Postlers – da lerne ich mehr.

Ich ekle mich vor Geld, vor Münzen mehr als vor Scheinen. Dieser Geldekel, denke ich, muss in gewisser Weise auch ein Selbstekel sein, denn wir sind es, die es ständig mit uns herumtragen und einander in die ungewaschenen Hände legen. Das auf dem Geld, vor dem ich mich ekle, das bin eigentlich ich und das sind die anderen mit ihrer übertragbaren Verschwitztheit. Geldekel ist Menschenekel.

Steigen auch Sie ein ins hektische Business der Domain-Broker. Das Prinzip ist einfach: Voraussehen, welche Internetadresse in Zukunft Bedarf finden könnte, diese erwerben, und sie schließlich zu einem späteren Zeitpunkt mit deftigem Aufschlag weiterverkaufen. So weit, so banal. Nun herrscht (wie in so vielen Branchen) Goldgräberstimmung.
Wir befinden uns am Beginn eines historischen Ereignisses, womöglich sogar am Anbruch einer neuen Epoche. In vielerlei Hinsicht wird der Reset-Knopf gedrückt, werden die Karten neu gemischt. Wer jetzt in der Lage ist, gleichermaßen rasch wie hochkonzentriert zu handeln, verschafft sich einen Startvorteil in der neuen Normalität.
Jedwedes existierende Produkt und jedwede bereits vorhandene Dienstleistung kann potentiell in den Corona-Kontext gesetzt werden. Wir empfehlen das frühzeitige Sichern diverser Internetadressen; diese sollten einerseits spezifisch genug sein, um eine konkrete business opportunity abzubilden, andererseits jedoch so pauschal gehalten werden, dass sie eine gewisse Allgemeingültigkeit beibehalten. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf!
*
Als besonders zukunftsträchtig erachten wir das Sichern von Adressen, die im Zusammenhang stehen mit psychologischer Betreuung, Therapie von Angststörungen, Selbstfindungstrips, Meditation, Coaching oder Lebensberatung. (Im ersten Zeitfenster für die Betreuung von Akutfällen; als mittel- und langfristige business vision zur Linderung von Panikreaktionen und Stress-Symptomen während der kommenden Jahre.) Ein paar Beispiele:
http://www.corona-detox.com
http://www.coronahelp.com
http://www.coronacoach.com
Ebenfalls sinnvoll erscheinen uns diverse Wortspiele und naheliegende Verballhornungen wie:
http://www.mycorona.com
http://www.coronarrativ.com
http://www.corona-türlich.de
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Desweiteren empfehlen wir das Erspüren von kommenden Produkten und neuartigen Dienstleistungen in bekanntem Zusammenhang (Professionelle Desinfizierung von Räumen und Gegenständen, Gütesiegel für Keimfreiheit, Standardisierung von Nahrungsmittelerzeugung.) Auch hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.
(Achten Sie auf das zeitgleiche Sichern von lokalen und internationalen Endungen, stets verbunden mit der jeweils abgeänderten Schreibweise. Globale Probleme erfordern globale Lösungen. Identifizieren Sie dringend mögliche Abwandlungen oder Zusätze wie Bindestriche – der Bindestrich gilt nicht ohne Grund als die Nemesis des unachtsamen Domain-Brokers.)
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Sichern Sie sich die Adressen für Internetauftritte von zu erwartenden Buchprojekten, Ausstellungen, Filmen (Dokumentationen ebenso wie fiction) und Fernsehserien. Zur Inspiration:
http://www.corona-zombies.com
http://www.coronapocalypse.com
http://www.coronacatastrophe.com
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Achtung – Universalfaustregel: Auch banale Flüchtigkeitsfehler und auf die Rechtschreibschwäche der User zurückzuführende Falscheingaben sollten Sie klug vorwegnehmen:
http://www.meicorona.com
http://www.koronatif.com
http://www.corronokalüps.org
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Das Antizipieren von medizinischen oder pharmazeutischen Beratungsseiten versteht sich von selbst. Nicht unter den Tisch fallen sollten dabei lokal spezifische Angebote, also Orts-, Städte- und Landesnamen verbunden mit einem sinnvollen Corona-Kontext. (Dankbarer und spendierfreudiger Abnehmer könnte hier die jeweilige Regierung oder ein Ministerium sein.) Merke: Regional denken, global kassieren.
Der Domain-Broker blickt in die Zukunft, und zwar weiter als der Normalsterbliche. Malen Sie sich realistische Szenarien aus, und bei den abwegigen gambeln Sie munter drauflos, schließlich soll das Ganze ja auch ein bisschen Spaß machen. Werfen Sie im launigen Domain-Freestyle Ihre Adress-Angel sehr weit hinaus – und seien Sie nicht enttäuscht, sollte sich erst in ein paar Jahren der gewünschte Erfolg einstellen. Vertrauen Sie uns: Langer Atem zahlt sich aus. Wir empfehlen intensive Recherche und gemäßigte Spekulation in den folgenden Bereichen:
Armutsbekämpfung
Organhandel
Impfgegner
Verschwörungstheorien (Laborentwicklung, Weltbevölkerungsreduktion, Seuchenerfinder)
Überwachung
Digitalfaschismus
Nicht selten sind wir mit dem Vorwurf konfrontiert, in unserem Bestreben der Gewinnmaximierung etwas pietätlos, ja, sogar zynisch zu sein. Nun, da sagen wir: Carpe diem. Und: Abducet praedam, qui occurit prior. Und vor allem: Lieber ein satter Zyniker als ein hungernder Moralapostel!
*
Vergessen Sie niemals das oberste Prinzip der Domain-Broker: Don’t do it yourself! So mancher Adressen-Verscherbler erliegt der Versuchung, ein herbeiphantasiertes business model selbst umzusetzen. Auch Sie mögen jetzt vielleicht denken: Also, das mit dem Corona Detox, das ist doch eine wunderbare Sache; ich miete mir irgendein Gelände, auf das ich ein paar windschiefe Indianerzelte setze, oder ich erstehe günstig ein Seminarhotel mit Thermen-Anbindung irgendwo im Salzkammergut, engagiere ein paar unseriöse Esoteriker und erlöse die urbanen Besucher von ihrer Corona-Überforderung, ich lasse sie den ganzen Stress-Ballast herauskotzen und die ganze Herzscheiße wegtanzen. Da rasselt die Kassa. Vorsicht.
Wir sagen: Tun Sie das nicht! Denn: Sie können es nicht! Glauben Sie uns, Sie können es einfach nicht. (Schuster, bleib bei deinem Leisten.) Kaufen Sie einfach die Domain – und verkaufen Sie die Domain an den Meistbietenden. Die Einrichtung selbst muss ein anderer aufziehen, jemand vom Fach oder ein geschäftstüchtiger Opportunist. Vergessen Sie nie: Ein business kann scheitern, doch bis dahin ist die Adresse längst verkauft. Für Sie gilt: Geringes Risiko, großer Ertrag.

Heute ist wieder viel Sprache in dem, was zu schreibst. (Ein bisschen zu viel.)

Die Begriffe der Unerbittlichkeit:
Übertragungsrate
Basisreproduktionszahl
Gesundheitszeugnis
Infektionsgeschehen
Haftungsrahmen
Notverstaatlichung
Intensivbett
Schulterschluss
Lastwagenstau
Epidemiegesetz

Selbstübersetzung einer Gedankensprache in erfundenen Wortschatz; dabei entstehen beglückende Fremdklänge. Sich in einer Feinwahrnehmung schulen; niemals sich ganz über den Weg trauen.

ZEIT-Leser in Sorge: Ist mein Abo sicher? (Jetzt, wo die ganzen schönen Kreuzfahrten ausfallen.)

Zu einem tatterigen Spazierer auf der Straße: Hallo, Mister Risikogruppe!

Welche Jahreszeit hätten wir jetzt eigentlich?

Ein Arzt ohne ausreichende Mittel kann lediglich den Tod verwalten. (Und wird daran verrückt.)

Solidarität ist Eigennutz. Erlässt der Hauseigentümer dem kleinen Friseursalon im Erdgeschoss für einen oder zwei Monate die Miete, sodass dieser nicht bankrottgehen und alle Mitarbeiter entlassen muss, wird es nur zu seinem Vorteil sein. Verschwindet der Salon, fallen auch in Zukunft die Mieteinnahmen weg. Verzichtet der Hauseigentümer (sofern er es sich leisten kann; und meistens kann er es) vorübergehend auf Einnahmen, sichert er das Überleben des Betriebs – und auf lange Sicht den Geldfluss in die eigene Tasche. Mit der Dankbarkeit und Verlässlichkeit des Unterstützten kann er ebenfalls rechnen. (Marx für Arme?)
Auch die Wirtschaft braucht Konsumenten, die über ausreichend Mittel verfügen, einzukaufen. Es ist im Interesse der Firmen, Armut massiv zu bekämpfen; so bleibt der Kreislauf stimuliert.
*
Shareholder führen gern ein komfortables, genussreiches Leben. Sie lieben es, durch Städte wie Paris und New York zu flanieren, oder mit dem Cabrio einen Abstecher ins kleine (authentische!) italienische Bergdorf zu machen, wo sie beim herzlichen Fabrizio einen kleinen Happen essen und eine Flasche Hauswein bestellen. Es wäre ja ganz nett, wenn diese Orte nicht zu einem Moloch aus Krankheit und Kriminalität werden, sondern über eine stimmungsvolle Atmosphäre mit halbwegs zufriedenen Bewohnern verfügen.
Auch Topmanager haben Töchter, die frühmorgens durch den Central Park joggen, und sie schätzen es womöglich, wenn diese nicht überfallen werden. Auch Hollywoodstars reisen hoffnungsfroh nach Indien als anonyme Rucksacktoursiten, um eine ayurvedische Entschlackungskur zu machen oder zu sich selbst zu finden, und könnten auf den Gestank von klaustrophobischen Latrinen gern verzichten. Auch Multimillionäre und Multimilliardäre profitieren von einer Welt als kollektivem Möglichkeitsraum, in dem die Schwächsten nicht durch den Rost fallen, sondern die Teil sind einer kooperativen Verflechtung. Wir alle profitieren von der Förderung des benachteiligten Jugendlichen, der später das eine Lied singt, den einen Film dreht oder die eine Erfindung macht.
Für jene, denen Mitmenschlichkeit allein noch nicht reicht als stichhaltiges Argument, die ungern hinterfragen, inwiefern das eigene Verhalten den Bedürfnissen anderer zugutekommt, die es nur pragmatisch und faktenbasiert verstehen: Zahlen lügen nicht – Solidarität ist Eigennutz.

Immer wieder die Vorstellung, meinen Altersgenossen, den Bundeskanzler, am Ohrwaschl zu nehmen; ein bisschen ermunternd, ein bisschen ermahnend – aber sehr zärtlich.

Alle Aspekte des Corona-Phänomens zweigen ab in ihre jeweiligen Teilaspekte, die sich wiederum verjüngen in filigranste Verästelungen, denen man mit den Mitteln höchster, langanhaltender Konzentration hinterherdenken muss. Es stellen sich alle Fragen, gleichzeitig und laut; allesamt Gretchenfragen.
Jene der Medizin (Virologie, Wirkstoffstudien, Triage) und jene der Politik (Grenzen der Demokratie, Wiedererstarken des Lokalpatriotismus, Krisenmanagement, Verwaltungsapparat, Aushebelung des Rechtsstaats, Redefreiheit, Versammlungsrecht, Überwachung als Kinderstube des Totalitarismus) und jene der Justiz (Verhandlungen, Besuchsrecht, Vollzugslockerung, Freigang) und jene der Ethik (Schüren des Generationenkonflikts, gezielte Infizierung junger Ärzte als immunisierte Reserve, Herstellung einer Herdenimmunität) und jene der Ökonomie (Verteilungsgerechtigkeit, Wirtschaftseinbruch, Arbeitslosigkeit, Wandel der Arbeitswelt, Sackgassen der Globalisierung, Etablierung neuer Modelle, Technologieschub, Neoliberalismus, Home-Office) und jene der Ökologie (Klimawandel, Infrastruktur, Flugscham) und jene der Soziologie (Gruppendynamik, Hierarchisierung der Gesellschaft, Vereinzelungseffekte, Teambuilding, Schulschließung, Didaktik) und jene der Psychologie (Stressreaktion, Depression, Empathiepotenzial, Resilienz, soziale Intelligenz) und jene der Komparatistik (Spielwiese der Kreativität, Einordnung und Analyse der maßgeblichen künstlerischen Hervorbringungen) und jene der Publizistik (Rolle des Journalismus, Meinungs- und Panikmache, Dokumentation der Berichterstattung) und jene der Linguistik (Kriegsrhetorik, Begriffsdiktatur) und alle sonst.
Eines geht dabei fließend ins andere über. Es gibt keine Disziplin, die nicht befragt, kein Feld, das nicht beackert wird. Und ausnahmslos sind es lohnenswerte Untersuchungsobjekte.
*
Früher oder später wird es nötig sein, einen eigenen Wissenschaftszweig herauszubilden (ähnlich wie in Stanislaw Lems Science-Fiction-Roman Solaris die Solaristik um den wundersamen Ursuppen-Planeten), der sich ganz der Erforschung des Phänomens und all seiner Teilaspekte verpflichtet. Dies ist die Geburtsstunde der Corona-Wissenschaft oder Coronaristik. (Domain-Broker aufgepasst!)
*
Das Benennen und Herausbilden der Coronaristik geschieht zunächst nur im Kopf. Hier gilt es, Räume zu schaffen – Denkräume. Sterile Orte mit ausreichend Fläche. Das kreative Chaos verzettelter Schreibtische wird es neben leergefegten Seziertischen ebenfalls geben. Etwaige Umbaumaßnahmen können in Gang gesetzt werden; so manche Wand muss durchbrochen, so mancher Schwellenunterschied eingeebnet werden, um die Coronaristik so ernsthaft wie wagemutig zu betreiben. Es sich bequem machen im geistigen Großraumlabor. Schafft Platz in den Bibliotheken.

Wie erbarmungslos und präzise einen Minimal Techno voranpeitschen kann.

In der Nacht gewesen. Geweint. (Wie ein Ersatz-Kafka im Kino. Als bedrohlich geschwenkte Waffe in der Hand die leergetrunkene Weinflasche mit Whiskey – bitterer Zaubertrank für unterwegs. Weinen nicht vor Unglück oder Glück, sondern als erschöpftes Einsehen, wie poetisch alles ist. Poetisch heißt nicht leicht oder klar oder schön. Auch Celans Todesfuge ist poetisch, oder Adornos begeistert missverstandenes Bonmont, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch. Vielleicht heißt poetisch ja nur, dass wir nicht wissen, wie es weitergeht, und dass wir dieser Tatsache anstatt mit Angst oder Flucht mit Würde und Erhabenheit begegnen. Wir sind poetisch.)

Wenn dann alles vorbei ist – was heißt alles und wann ist es vorbei?

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10 Donnerstag, 26.03.2020

Ob sich eine gewisse Biermarke bald umbenennen wird?

Man kann sich eigentlich nur gewissenhaft wundern.

Eine Bekannte sagt: Ich entdecke das Quarantier in mir. (Dabei trägt sie einen kompliziert gemusterten Bademantel aus den Neunzigerjahren.) Außerdem sei ihr Handy schon ganz verappt von der Vielzahl an Programmen zur reibungslosen Abwicklung der Kommunikation in alle Richtungen.

Schnelligkeits-Verschreiber einer deutschen Regisseurin: Daheimbleib-Kusntprohejet.

Anhaltende Heiserkeit. Trifft man sich – selten, aber doch – von Angesicht zu Angesicht, so hält man stets den gebotenen Abstand ein, muss also die Stimme erheben; manchmal geht man schräg versetzt, und der Wind schnappt einem frech ein paar Satzfetzen weg.
Bei Videochats neigt man ebenfalls zu sehr lautem Sprechen, weil man die Empfindlichkeit des eingebauten Mikrophons unterschätzt; brüllt den Laptop an wie einen Schwerhörigen (wie jene Altersheimbewohner, die man derzeit zu ihrem Schutz nicht besuchen darf).
Außerdem muss – und will! – man ständig mit irgendwem normal telefonieren, von so vielen will man hören, wie es so geht und was sich so tut, dass man kaum mehr hinterherkommt und höchstens abends einmal eine halbe Stunde Ruhe findet, einen müden Schöpfer Zeit, den man zum Ausgleich mit sich selbst verbringt, eine abgezwackte, hart erkaufte halbe Stunde, in der man sich einen Brocken Hühnerfleisch in die Pfanne haut und den übertakteten Kopf durchlüften darf. (Unterbrochen nur vom mütterlichen Vorwurf: Vorgestern haben wir uns dreißig Sekunden gehört. Und es stimmt. Entspannte Aussöhnung beim nächsten Morgenkaffee.)

Für Videochats – gerade in Gruppen – braucht es eine gewisse Gesprächsdisziplin. Einer muss den anderen streng ausreden lassen. Wer ins Wort fällt, stört den Segen der Begegnung.
(Hustetikette, Gesprächsdisziplin – was sind wir nur für normierte Gesellen! Wie schön wird es sein, einander dann wieder vorlaut ins Gesicht zu rotzen so wie früher.)

Das Leben ist in den virtuellen Raum abgewandert. Kehrt es jemals zurück?

Eigentlich wollte ich doch nur in Ruhe den Pile of Shame auf Steam abarbeiten – abspielen. Nämlich:
Aviary Attorney
Burley Men at Sea
A Case of Distrust
Crossing Souls
Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today
DeadCore
Deus Ex: Mankind Divided (Digital Deluxe Edition)
Dust: An Elysian Tail (sic)
Kathy Rain
Kentucky Route Zero (Act V)
Mad Father
Missing Translation
Shardlight
(Und was ist mit GOG.com und Epic Games Store? Gusch!)

Stille Feiung – Immunantwort des Körpers bei asymptomatischem oder stummem Verlauf; sprich: man ist infiziert, ohne es zu bemerken, und entwickelt im Geheimen eine Immunität.
(Ein diskreter Vorgang, in dem auch ich mich derzeit befinden könnte, nachdem ich so fleißig den Handlauf der Rolltreppen abgeschleckt habe.)

Zurückschlagen heißt: Aus China kommt jetzt eine Großlieferung Masken. Nimm das, du depperter Virus! (Heute scheint sie im feinfühligen Schöngeist wieder durch – die derbe Ader.)

Gedanken haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Mein Bruder weist mich amüsiert darauf hin, dass am Ende von E-Mails manchmal der Hinweis steht: Garantiert virenfrei. (Machen wir das ab jetzt auch handschriftlich auf Briefen?)

Der Tag ist schön; man sieht es ihm nicht an.

Wie befremdlich es sein wird, jemanden dann wieder in echt zu sehen.

Und trotzdem die Selbstverpflichtung: Wir werden das Beste daraus gemacht haben.

Bequem dich in die Hoffnung.

Der Regierungschef lässt sich von einem Assistenten noch rasch ein Hustenzuckerl aus dem Papier schälen und unauffällig zustecken. Eine Minute vor der Live-Schaltung lutscht er panisch daran herum. Denn er weiß: Jetzt husten – und es purzeln die Kurse. (Vielleicht war es aber gerade die hektische Übergabe des Zuckerls, das in wenigen Tagen zum positiven Testergebnis führt.)

Das laszive Räkelbild des eindeutigen Fake-Profils. (Werauchimmer Soundso hat dir eine Freundschaftsanfrage gesendet.)

Der Paketzusteller lächelt eilig zurück.

Draußen ein Hupkonzert – ist dafür denn überhaupt noch genug Verkehr?

Ein Kulturkoch empfiehlt mir nach meiner gestrigen Glühbirnenexplosion, auf LED-Lampen umzusteigen – garantiert explosionsfrei. Den globalen Finanzjongleuren empfiehlt er ein vorübergehendes Aussetzen des Aktienhandels, um die Märkte abzukühlen und nicht parallel zum Lösen der Probleme gleich wieder neue in Gang zu setzen. Dazwischen nippt er am irischen Whiskey – der nicht gut schmecken muss, um gut zu sein.
(Das Glitzern am Vorzimmerteppich entpuppt sich als hartnäckiger Glühbirnensplitter.)

Ich bin jetzt der verschrobene Einzelgänger, der auf der Straße alle begrüßt und ein Gespräch anfängt – und keiner findet es sonderlich schrullig. Meine Neugier auf die Perspektive der anderen ist grenzenlos, ich frage sie aus mit aller gebotenen Unverschämtheit:
Wie geht es, wie vergehen die Tage, wie ist das Arbeitsleben organisiert, wie gelingt die Kinderbetreuung, wie beengt sind die Wohnverhältnisse, wie beurteilt man das Weltgeschehen, welche Serie ist gerade gut, welche Spiele zockt der Nachwuchs, wie fähig sind aus der Ferne die Lehrer, wie machen sich die Politiker, wie schnell kommt das vielversprechende Medikament auf den Markt, wie bald dürfen wir mit einer Aufhebung oder wenigstens Lockerung der Beschränkungen rechnen, wie sehr sollten wir autoritätshörige Asiaten sein, was kann man der Lage abgewinnen, wie begeistert ist man vom Zusammenrücken der Mitmenschen und der überbordenden Kreativität der Geschäftsleute, haben sich auch aus der eigenen Familie welche freiwillig gemeldet, um wen sorgt man sich, wann werden die Grenzen geöffnet, wie sieht die Welt in ein, zwei, fünfzehn Jahren aus, und ist man denn überhaupt schon dazu gekommen, die Fenster zu putzen und am Kamin ein gutes Buch zu lesen?
Diese Fragen schuften sich bei uns allen permanent mähdrescherartig durch den Kopf, doch ich traue mich begegnungsweise jeweils nur ein paar davon zu stellen.
(Zur Abgleichung des Mähdrescher-Bilds – zwischen Vorstellung und Wirklichkeit klafft gern eine Lücke – konsultiere ich das Drohnenvideo einer epochalen Getreideernte, bei der ein halbes Dutzend kraftstrotzender Maschinen ans Werk gehen. Es ist mit smoothem Dubstep-Teppich unterlegt, auf dem das überlegene Dröhnen meiner ins Herz geschlossenen Neuzeit-Mammuts wunderbar zur Geltung kommt. Bei nächster Gelegenheit möchte ich zur Weltleitmesse in Hannover jetten, um diese Wunderwerke der Technik in all ihrer majestätischen Pracht ergriffen zu betatschen. Es war Liebe auf den ersten Klick.)

Lektorin Merle ist der robusteste Mensch Tirols. (Verständlich, dass ich nach der überbordenden Mähdrescher-Passage an die berechtigte Streichfreude dieser Berufsgruppe denken muss.)
Lektorin Merle hält arbeitsam die Stellung. Eine Nachbarin mit Hund habe beobachtet, wie die Polizei in ihrer Gegend jeden auf dem Gehsteig kontrolliere – wo man wohne, was man hier mache, wohin man wolle und warum. (Polizeistaat ist nicht nur ein Wort.)
Also nein, sagt Merle, kein Ausflug mit den Kindern. Aber sie würden jetzt mit dem Müll runtergehen (darf man) und zweimal um den Block rennen (darf man auch). Vielleicht nehme sie erstmal nur den Kompost mit und laufe für Papier und Plastik noch zweimal rauf – ihr fehle echt die Bewegung.
(Mein aufgekratzter Schaffensdrang weicht einer beunruhigten Nachdenklichkeit. Weitere Beispiele für Willkür sind dokumentiert. Angst machen sollten uns jene Polizisten, denen das alles gerade irgendwie taugt. Es gibt sie, und wir werden sie zur Rechenschaft ziehen.)

Die Vernunft der Politiker hat sich über die Mündigkeit der Menschen hinweggesetzt.

Wie seltsam einverstanden ich mit allem bin.

Weiter Pläne schmieden – nur eben mit offenem Zeithorizont.

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9 Mittwoch, 25.03.2020

Corona – in einem Jahr wird es kein Wort geben, das ich öfter gehört, gelesen, geschrieben und gesagt habe; die häufigsten Bei- und Bindewörter inbegriffen.

Zu einem krisenerschöpften Politiker: Bist deppert, der schaut auch schon fertig aus!

Beim Einschalten des Vorzimmerlichts explodiert eine Glühbirne. Sie explodiert. Diese Aussage ist nicht übertrieben. Die Fassung der Glühbirne ist seitlich am Übergang zur Küche angebracht, die Glühbirne zeigt also quer in den Raum. Beim Betätigen des Schalters gibt es einen lauten Knall, und die Glühbirne wird im Zerspringen mehrere Meter weit herauskatapultiert, prallt schließlich gegen den Vorzimmerkasten. Der Boden ist voller Scherben. Es riecht verbrannt.
Die Sicherung ist gegangen, ich öffne den Sicherungskasten und lege den Schalter um. Die anderen zwei Glühbirnen innerhalb desselben Stromkreises sind intakt und leuchten unschuldig (unbehelligt) weiter. Kurz der Gedanke, dass mich die explodierte Glühbirne im Gesicht hätte treffen können. Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt. Neue Wirklichkeit, in der Glühbirnen mit lautem Knall zerbersten. (Anzeichen für eine Überlastung des Stromnetzes?)
Ich mache mich daran, die Scherben aufzukehren – das Gröbste mit einem Stück Küchenrolle behelfsmäßig aufzuklauben –, und reiße das Küchenfenster auf, um den Brandgeruch hinauszulüften. In nächster Zeit werde ich Glühbirnen meiden – oder jedenfalls mit anderen Augen sehen. Die gefährliche Fassung bleibt vorerst leer. (Lieber seltener barfuß.)
Vielleicht war es nur meine Wohnung, die mich ermahnen wollte, endlich wieder staubzusaugen. Und sie hat ja recht – die Haushaltsführung habe ich in letzter Zeit stark vernachlässigt. Ich nehme den Staubsauger aus dem Kasten und ziehe die Splitter vom Teppich. Die wunderliche Glühbirnenexplosion ist das Ereignis des Tages. (Heimsuchung des Vorbesitzergeists?)

Zum Fernseher: Naja, so geil ist euer Programm auch nicht, dass man immer daheim sitzen will.

Die Fernsehmacher lernen Internet.

Guten Tag!
Hier spricht Prof. Christian Drosten mit dem täglichen Coronavirus-Update. Ich befinde mich derzeit auf Forschungsreise in Österreich, um gemeinsam mit meinen Kollegen vom Wiener AKH zu untersuchen, inwiefern die flächendeckende, von Polizeistreifen umgesetzte Beschallung mit dem Welt-Hit I am from Austria zur Immunisierung der Bevölkerung beiträgt – bisher offene Ergebnislage.
Dennoch bitte ich Sie, uns von der Berliner Charité auch weiterhin bei diesem bahnbrechenden Experiment zu unterstützen. Wir erhoffen uns aufmerksame Selbstbeobachtung Ihrerseits sowie eine akkurate Beschreibung und kompakte Zusammenfassung derselben. Alles im Dienste der Wissenschaft, versteht sich. Herzlichen Dank für Ihre Mithilfe!
Bleiben Sie keimfrei, bleiben Sie gesund.
Ihr Prof. Christian Drosten

Termine ausmachen, um zu telefonieren.

Jetzt endlich verstehe ich das patriotische Thank you for your service der Amerikaner, ihr zelebriertes Verbundenheitsgefühl mit den Streitkräften. Sag es zur Krankenschwester, sag es zum Arzt, sag es zum Regaleinschlichter, sag es zum Mistkübler, sag es zum Straßenbahnfahrer, sag es zur Reinigungskraft, sag es zur Richteramtsanwärterin, sag es zum Streifenpolizisten, sag es zum Pressesprecher, sag es zum Übersetzer, sag es zur Journalistin, sag es zur Apothekerin, sag es zum Lastwagenchauffeur, sag es zum Simulationsforscher, sag es zum Lehrer und sag es zum Experten, sag es zum Lagerarbeiter und sag es zur Erntehelferin, sag es zur Frau und sag es zum Mann, sag es gern und sag es oft und sag es laut: Thank you for your service.

Die Superreichen ziehen sich klammheimlich auf ihre Privatinseln zurück – soll noch einer sagen, es war ein peinlicher Affektkauf.

Spätnachmittags ließ sich der sonst eher risikoscheue Hilfsbuchhalter und Gelegenheitsdetektiv Lukas M. nahe Wien Mitte zu einem waghalsigen Überholmanöver hinreißen, bei dem der staatlich verordnete Sicherheitsabstand zum gegnerischen Fußgänger nur haarscharf nicht unterschritten wurde. Und nun zum Wetter.

Donald G. McNeil Jr., Wissenschafts- und Gesundheitsreporter der New York Times, im Daily-Podcast auf die Frage, weshalb die Amerikaner im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus denn vermehrt auf einen Lockdown oder Shutdown setzen würden, und nicht das südkoreanische Modell zur Eindämmung wählen, das darin besteht, so viele Menschen wie möglich zu testen und Kontaktketten zu identifizieren: Well, we could do that here if we had a time machine and we could travel back in time to about January 20th. Because January 15th is where we know one of the first cases arrived in the United States and started spreading.
(If we had a time machine – ein Satz, den man gerade eher nicht so gern hört.)

Die Welt ist ins Burnout geschlittert und verbringt jetzt ein paar Jahre im Sanatorium Zur fröhlichen Entschleunigung.

Wir legen Listen an, was wir später nachholen werden, danach, wenn das alles vorbei ist. Wo und was wir essen gehen wollen, mit wem wir uns treffen, wen wir berühren wollen. Wir erweitern diese Listen stetig – mal zurückhaltender, mal übereifrig – und empfinden eine Vorfreude ins Ungewisse.

Klickt man auf der Seite des Österreichischen Rundfunks auf den Link für Reisehinweise des Außenministeriums nach Ländern geordnet, so erscheint folgende Fehlermeldung:
404 Seite nicht gefunden
Leider gibt es die von Ihnen aufgerufene Seite nicht.
Die Internetseiten des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten werden überarbeitet. Gegebenenfalls sind die Verweise von Suchmaschinen noch nicht aktualisiert. Möglicherweise wurde die Datei, nach der Sie suchen, umbenannt oder verschoben. Es könnte auch sein, dass ein externer Link Sie auf eine nicht mehr aktuelle Seite führt.

Mein Anwalts-Freund im Home-Office arbeitet derweil an einem Gutachten über Flugasche. Ich denke dabei sofort an eine etwas verunglückte Meerbestattung, die zur unwürdigen Windbestattung wird, zur unfreiwilligen Kostprobe, wie bei The Big Lebowski – Flugasche eben!
Doch es geht um etwas anderes, nämlich um den Rückstand von Verbrennungen in Wärmekraftwerken. Das Hauptaugenmerk des kompetenten Gutachters liegt dabei auf der Nicht-Abfall-Bescheinigung. (Kandidat fürs Wort der Woche.) Jeder beschäftigt sich eben gerade mit etwas anderem.
Sehr zugute kommt meinem Anwalts-Freund in den seltsamen Zeiten, dass er leidenschaftlich und hervorragend kocht; Nutznießer dieser schon beinah ins Professionelle schielenden Kochkunst dürfen sich glücklich schätzen. Beim virtuellen Feierabend-Bier haben wir diesmal nicht den Arzt-Freund dabei, sondern einen norddeutschen Technomusiker, der schläfrig seine Vaterfreuden teilt.

Die Unerbittlichkeit der Begriffe:
Letalitätsrate
Mortalitätsrate
Infektionskette
Risikogruppe
Durchseuchung
Ausgangsbeschränkung
Kontaktsperre
Inkubationszeit
Neuinfektion
Tröpfcheninfektion
Selbstisolation
Heimquarantäne
Kontamination
Herdenimmunität
Antikörper
Pflegefrage
Krisensitzung
Konjunkturpaket
Expertenkommission
Epizentrum
Desinfektionsmittel
Atemschutzmaske
Atemwegserkrankung
Pneumonie
Einweghandschuhe
Sauerstoffsättigung
Videokonferenz
Kurzarbeit
Steuerstundung
Supermarktprämie
Helikoptergeld
Überbrückungskredit
Ausfallgarantie
Kurvenabflachung
Reisewarnung
Rückholaktion
Heimflug-Plattform
Homeoffice
Home-Potato
Daheimbleib-Blues
Handyüberwachung
Standortdaten
Nachbarschaftstelefon
Ansteckungsgefahr
Vorerkrankung
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Versammlungsgesetz
Personenfreizügigkeit
Grenzübergang
Gesundheitscheck
Medikamententest
Impfstoffhoffnung
(Unvollständige Aufzählung)

Eines Tages werde ich nichts verstanden haben.

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8 Dienstag, 24.03.2020

Sind wir uns doch ehrlich: Keiner kann es mehr hören.
Aber: Keiner will etwas anderes hören.

Ganz zufällig begegne ich meinem Bruder. Wir wohnen nicht weit voneinander entfernt und hängen zufällig beide um halb elf am Vormittag vor demselben Geschäft herum. Zufällig begrüßen wir uns und machen zufällig einen Spaziergang, der zufällig in dieselbe Richtung führt. Zufällig bleibt aber stets ein Sicherheitsabstand von zwei bis drei Metern zwischen uns. Wir achten zufällig sehr darauf. Zufällig haben wir beide keine allzu feuchte Aussprache. Wir gehen also zufällig eine Runde, die zufällig recht ausgiebig ist, zufällig so ungefähr eineinhalb Stunden lang.
*
Wir reden über dies und das, halten uns auf dem Laufenden. Wir besprechen die Möglichkeit einer Arbeitslosenmeldung und prognostizieren eine fiese Hascherei unter den Klein- und Mittelbetrieben, aber auch zwischen den Einzelunternehmern, die jetzt vom Staat finanziell unterstützt werden sollen aus einem eilends eingerichteten Katastrophenfonds. Unbürokratisch, denken wir, heißt schnell und weniger sorgfältig geprüft als sonst. (Andererseits wird es auch Beispiele großer Integrität und pragmatischer Selbstwahrnehmung geben.)
Wir dozieren, dass sehr viele ihren Verdienstentgang geltend machen werden, obwohl ausreichende Rücklagen vorhanden sind. Ein berühmter Musiker zum Beispiel, dessen Tournee abgesagt oder verschoben wurde, dem ist zwar etwas entgangen, er braucht aber keinen sanften Fall ins Auffangnetz. Er kann es sich leisten, dass sein Geldhaufen nicht wächst – oder weniger schnell als geplant. Wünschenswert und notwendig wird sein, dass wirklich nur diejenigen ihre Hand aufhalten, die auch tatsächlich dringenden Bedarf haben. Nicht alles, was einem zusteht, muss man auch einfordern. Ob die zuständigen Beamten der Komplexität ihrer Aufgabe gewachsen sind und aus dem Stand einen gerechten Verteilungsschlüssel etablieren? (Wo wenig ist, wollen alle viel.) Ein bisschen genieren wir uns wohl, wie gut es uns geht im Vergleich zu vielen anderen.
*
Mein Bruder zeigt mir stolz den kürzlich erstandenen Shakespeare, im feierlichen Orange eines originalsprachlichen Reclam-Büchleins. Zwei Preispickerl – das ursprüngliche sowie das aktuelle fürs Mängelexemplar – kleben noch am Cover. Die Sonne scheint, doch nur der halbe Gehsteig ist im Licht. Nach einer Zeit tauschen wir Seite, sodass wir beide etwas davon haben. Wir beschließen, das bald zu wiederholen. Es tut gut, meinen Bruder zu sehen, von Angesicht zu Angesicht. Wie schön, dass es Zufälle gibt. Dann ist mir zufällig kalt, außerdem muss ich zufällig aufs Klo und zufällig etwas einkaufen. Zufällig geht mein Bruder auf der Sonnenseite nach Hause.

Der Arzt-Freund relativiert seinen wohlmeinenden Hinweis bezüglich Einschränkung unserer Ernährungsgewohnheiten: „Gekochtes“ Fledermausfleisch ist gemäß diesem Wording aber völlig kosher!

Nachts in der Rotenturmstraße herrscht eine menschenleere Totenstille. Bloß ein Essensausfahrer lungert herum vor einer Konditorei, in deren Auslage er mit dem Handy etwas photographiert. Wahrscheinlich wartet er auf den nächsten Auftrag.
Ich: Schon kalt, oder?
Er: Naja, es geht. Man hat halt eine warme Jacke.
Ich: Und, viel los? Mehr als sonst?
Er: Kommt darauf an. Vor manchen Lokalen ist eine … wie heißt das?
Ich: Schlange.
Er: Ja, eine Schlange. (Er spricht korrektes Deutsch mit starkem Akzent.)
Ich: Alles Gute!
Er: Dir auch.

In der Innenstadt glitzert es aus den Geschäften. Alle Lichter sind voll aufgedreht. Es ist ja nicht so, dass plötzlich Krieg ausgebrochen und alles zerbombt wäre. Es herrscht Ordnung und Struktur. All das, was wir gerade nicht kaufen können, wird uns umso dringlicher vor die Nase gehalten. Die Stadt ist in ihrem Wohlstand erstarrt.

Eine mittelalte Frau bei einem nächtlichen Schaufensterbummel. Sie steht lange vor einem Bestattungsinstitut und sieht sich die Abbildungen der unterschiedlichen Sarg-Modelle an. Wahrscheinlich vergleicht sie die Preise. Es ist nie zu früh. Wien halt.
Fast möchte man hingehen und sagen: Gnädige Frau, da hams aber sicher noch ein bisserl Zeit! Aber wer kann das schon wissen?
Bekanntlich: Vorsicht ist die bessere Mutter der Porzellankiste als Nachsicht.

Der Österreichische Rundfunk stellt das täglich ausgestrahlte Kulturjournal ein. Stattdessen werde es ein Online-Kulturforum als Medien-Kulturraum und Plattform geben – was immer sich hinter diesem unförmigen Wortgebilde auch verbergen mag –, auf der sich Kulturschaffende dankenswerterweise von Radioredakteuren kuratiert, selbst einbringen können. Ob das so eine gute Idee ist, genau jetzt die professionelle Kulturberichterstattung auf Minimalbetrieb herunterzufahren? Kuratiert lässt sich in diesem Fall treffend übersetzen mit: Macht ihr jetzt einfach derweil unsere Arbeit, schickt uns Dinge fertig zu, wir wählen dann aus, was gefällt. Gutes Gelingen! (Wahrscheinlich ist alles ganz anders; und Halbwissen irrt sich besonders gern.)
*
Eine Redakteurssprecherin rechtfertigt eloquent diesen Schritt – bei dem es sich in keinster Weise um eine Sparmaßnahme handle. Das Kulturjournal sei eine Live-Sendung, bei deren Gestaltung man im Funkhaus sein müsse – eine Person für Moderation und eine für Regie. (Moderatoren haben ja bekanntlich keine Hände.) Etwa die Hälfte des kleinen Mitarbeiterstabs hätte akute Kinderbetreuungspflichten und könne nicht von zu Hause weg. (Erstaunlich, so geht es derzeit ja sonst niemandem.) Zum Wohle der Gesamtbevölkerung wolle man die Anzahl der Funkhausbesuche möglichst gering halten. (Löblich.) Telefoninterviews im Home Office seien nur in behelfsmäßiger Qualität herzustellen. (Mit Nachsicht der Hörer ist zu rechnen.) Viele Interviewpartner würden nicht skypen. (Können oder wollen nicht, frage ich mich, und formuliere im Kopf den verwegenen Ratschlag, das Durchschnittsalter der Befragten dann doch um ein paar Jahrzehnte zu senken.) Übrigens wäre das Beste, wenn eine zivile Öffentlichkeit weiter das Bemühen unterstütze, den Österreichischen Rundfunk nicht schleichend kaputtzusparen. (Da fühle ich mich ertappt – was tue ich?) Alles valide Punkte, denke ich, und lese darin doch eine gewisse Trägheit der Institution, die man an diesem Beispiel sehr schön erkennt. Einzelpersonen sind selten das Problem, oft aber die Struktur, in der sie sich bewegen; und ich empfinde zur unbekannten Redakteurssprecherin eine stürmische Verwandtschaft. Anrufung des Radiogottes: Angenommen, nur einmal angenommen, ihr würdet improvisieren – wie viele, wie die meisten es gerade tun.
*
Ich zerkugle mich vor beleidigtem Spott. So sprechen satte Menschen mit üppigen Gehältern, welche verlässlich ausgezahlt werden, denke ich, und vermisse hier jene Unbedingtheit und Unermüdlichkeit, die ich bei anderen sehe; bei Kreativen, Geschäftsleuten, Beamten, und nicht zuletzt bei meinungsfreudigen Medienmachern, die ihren Arbeitsstandort nach Hause verlagern, waghalsig mit Schnittprogrammen hantieren, daneben Kinder im schulpflichtigen Alter bespaßen, bekochen und besänftigen. (Unermüdlichkeit bis an die Grenzen des Stemmbaren ist doch wohl das Mindeste, das man von Journalisten und Protagonisten an Kulturinstitutionen jetzt erwarten können muss.) Es gibt Informations- und (nicht weniger wichtige) Zerstreuungslieferanten, die vollen Einsatz zeigen und in Eigenverantwortung gewisse Opfer bringen. An ihnen wird es liegen, zu tun, was getan werden muss.
Es sind Schleusen geöffnet, in jeder Hinsicht, dies verlangt ein konzentriertes Handeln in Echtzeit und nicht zeitversetztes Hinterherfabulieren (ein solches muss und wird es dann ebenfalls geben, in anderem Rahmen mit anderer Form). Jene Journalistenpflicht, mit wachem Ernst die Dinge einzuordnen, besteht auch darin, einen Wandel in der Kultur abzubilden und kritisch zu begleiten – während er geschieht. Manche tun es, und vor ihnen ziehe ich den Hut. Es sind die Unermüdlichen.
*
(Nachtrag: So schnell kann es gehen – gestern noch sich wortreich echauffiert, heute lenkt der Radiogott nach vehementem Protest ein und rudert versöhnlich zurück: Das Kulturjournal gehe in veränderter, etwas abgespeckter Form weiter. Oft hechelt man mit dem Ausformulieren seiner Meinung den Geschehnissen um ein paar Eilmeldungen hinterher. Vielleicht sollte man sich viel öfter berechtigt echauffieren.)

Als Trost bleibt immer noch ungesunde Ernährung.

Munter weiter mit der Gschaftlhuberei!

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7 Montag, 23.03.2020

Abends heulen wir vor Erschöpfung, und morgens erzählen wir einander bei einem gemütlichen Videochat-Kaffee, wie gut es tut, endlich wieder mehr Zeit für sich selbst zu haben.

Wir befinden uns am Anfang einer kollektiven Traumatisierung. Aus mehreren Richtungen gleichzeitig prasseln die Dinge auf uns ein, an mehreren Fronten müssen wir uns auseinandersetzen mit belastenden Ungewissheiten einerseits und mit unliebsamen Gewissheiten andererseits. Dem vielgestaltigen Input standzuhalten, erfordert ein Durchhaltevermögen nicht zuletzt der Psyche, und kann nur durch eine – ebenfalls kollektive – Kraftanstrengung gelingen. Dann – und nur dann – werden wir gestärkt daraus hervorgehen, wird sich im Nachhinein alles als Vorleistung zur heilsamen Reinigung, zur Rückbesinnung auf das Wesentliche herausstellen. (Wer betreibt den psychosozialen Dienst für die Gesellschaft? – wir alle!)

Bei der Wahl zwischen der Virus und das Virus habe ich mich diplomatisch für beides entschieden.

Der Arzt-Freund leitet nützliche Verhaltensregeln weiter: Vom Genuss von rohem Fleisch oder Blut von Wildtieren wie Schlangen, Fledermäusen etc. wird dringend abgeraten.

In Ungarn treibt man mit großen Schritten die Orbanisierung Europas voran.

Olli Schulz in Late Night Berlin: Meinst du, nur weil du länger scheißen kannst, bist du länger am Leben und glücklich, wenn du Klopapier hast? Das is so ne doofe Logik, ganz ehrlich. Und so viele Leute kommen nich raus, weil sie ein Holzbein haben oder grade sowieso schon krank sind und so.

Thomas Glavinic schreibt den Corona-Fortsetzungsroman. Genau so klingt es auch.

Dass man sich aber auch wirklich jedes Mal aufs Neue in Lisa Gadenstätter verschauen muss. (Falsch verheiratete Fernsehmoderatorin.)

Jetzt ist sogar der Letzte draufgekommen, dass man My Sharona zu My Corona verballhornen kann.

Die Welt, schreibt Wittgenstein, ist alles, was der Fall ist. Was ist der Fall?
Es gibt einen Virus, der sich rasant durch die Population unseres Planeten frisst – wohlgemerkt kein hollywoodgemäßer Horrorvirus, der weite Teile der Bevölkerung auslöscht, allerdings einer, den man auf keinen Fall unterschätzen darf. Abgesehen von den Erkrankten selbst geht es auch um den Rattenschwanz an Konsequenzen sozialer, ökonomischer und politischer Natur, die er unmittelbar und längerfristig nach sich zieht. (Statistiken erzählen eine Geschichte, Tabellen als neu entdeckte literarische Gattung.)
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Der Virus ist – so zynisch muss man sein –, gerecht. Denn vornehmlich sind es die Alten, Kranken und Geschwächten, die er sich holt. In seiner Fairness bleibt er radikal. Corona filtert sozusagen darwinistisch aus. (Was das Grauen keinesfalls mindert, es jedoch auf makabre Weise begreifbarer und erträglicher macht.)
Noch habe ich von keinem Fall gehört, wo ein Baby oder Kleinkind oder Jugendlicher verzweifelt um sein Leben kämpft. Und so wird es – aller wissenschaftlich begründeten Voraussicht nach – auch bleiben. (Die himmelschreiend ungerechte Ausnahme erwischt uns bald am falschen Fuß.) In den notdürftig zusammengeschobenen Pestlagern, den mit Lazarettbetten bestückten Mehrzweckhallen und zweckentfremdeten Sportstadien wird keine Säuglingsstation vorgesehen sein. Es sind nicht zuletzt die alten, weißen Männer, die Vorsicht walten lassen, ihre Alltagswege und -begegnungen einschränken sollten. (In China ging es vornehmlich männlichen Kettenrauchern an den Kragen.)
*
Da es sich nicht um einen handelsüblichen Altersschwäche- oder Krankheitstod handelt und man erforderliche Sicherheitsmaßnahmen nur bedingt garantieren kann, ist es den Angehörigen mancherorts verboten, sich von ihren Liebsten am Sterbebett zu verabschieden; nur so wird ausgeschlossen, dass sie sich infizieren und den Erreger in weitere Gruppen einschleppen.
Der Virus ist sozusagen das Hauptgeschäft der Krise, doch bei Weitem nicht ihr einziges. Wird der Druck aufs Gesundheitswesen zu groß, müssen bei Ärzteschaft und Pflegepersonal zu viele Helfer freigestellt werden (wegen Ansteckung oder auf Verdacht), knickt es ein, kollabiert sogar in Teilen, und kann so die Versorgung aller nicht mehr gewährleisten. Es wird dann auch mich betreffen, sobald ich in ein Auto laufe und meine Notoperation nicht rechtzeitig durchgeführt werden kann. Es wird dann auch ein Kind sein, das zu lange auf eine dringend erforderliche Maßnahme wartet.
Mein Kopf versteht das alles, doch es übersteigt meinen Geist.
*
Was also tun? Auf Abstand gehen, sich abschotten auf unbestimmte Zeit. Die Wirtschaft zum Erliegen bringen, Löcher in Budgets reißen, Arbeitslose generieren; die Menschen unter Hausarrest stellen, was für Alleinstehende zum unaushaltbaren Vereinzelungsprojekt werden kann, für Beziehungen und Familien zur Belastungsprobe ungewissen Ausgangs. Demokratische Grundrechte einschränken, zum eigenen Schutz und zum Wohl der Gemeinschaft. (Vorübergehend heißt: Wir werden darauf pochen, dass die Versammlungsfreiheit bis auf den letzten Millimeter in ihren Urzustand versetzt wird.) All das leuchtet mir ein, doch kann ich mir nur in den seltenen Momenten absoluter Klarheit einen Reim darauf machen. Je nach Müdigkeit erzähle ich mir auch von all dem Schönen, das es gibt.
Worüber man nicht schweigen kann, darüber muss man sprechen.

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6 Sonntag, 22.03.2020

Alle sollten viel mehr spazierengehen – aber nur so weit, wie man (inklusive Rückweg) nicht aufs Klo muss.

Dass die Polizei neuerdings täglich um achtzehn Uhr über Lautsprecher die heimliche Landeshymne I am from Austria erschallen lässt, führt dazu, dass ich grinsen oder sogar laut lachen muss, sobald ich einen Polizisten sehe – die Imagekampagne funktioniert!

Jemand erzählt mir, beim fahrlässigen Ärztekongress in Tirol – das waren eher so schwindlige Sportmediziner.

Bald werden sie alle jungen, gesunden Männer einziehen zum Dienst am Supermarktregal.

Die festgefahrenen Bahnen und die wahrgeglaubten Gewissheiten – entlarvt in ihrer Prozesshaftigkeit. (Wachstumsschmerzen der Welt.) Die Dinge sind lohnenswert anstrengend.

Für die innere Einkehr hat sich mein Bruder zwei Theatertexte gekauft (beide im Original):
Shakespeare – Romeo and Juliet
Molière – Le Malade Imaginaire
Es geschehen also noch Zeichen und Wunder! (Sonst liest er ja so wenig.)

Arzt-Freund: Winter is here. (Game of Thrones-Trope.)
Ich: Pfuh … ich wünschte, ich könnt was hilfreiches sagen … aber weiß nix außer blöde sprüche.
Arzt-Freund: Ich freue mich auch über blöde Sprüche.
Ich: Passt.
Arzt-Freund: Um vielleicht ein etwas weniger düsteres Bild zu zeichnen: Es hat zu schneien begonnen. Wettervorhersage ungewiss.
Ich: Whistleblower-Arzt: Stoppt die Corona-Panik!

Neuerer Kommentar von acbpanda am Problembär-Kanal zu Filou: Ich steige in den Sound des Songs. Sehr geil! Es macht mir traurig, dass ich in Oklahoma lebe. Es wird mir unmöglich sein um sie ins Fleisch zu sehen!

Digitaler Erheiterungsbrief in Arztkreisen:
INFO – 100% KEINE FAKE NEWS
Jeder in Österreich kann jetzt auf Corona
getestet werden, ohne auf den Komfort
seines zuhauses verzichten zu müssen.
Kein Krankenhausbesuch notwendig!!!
Senden Sie einfach eine Stuhlprobe an:
Freiheitliche Partei Österreichs
Friedrich-Schmidt-Platz 4/3a
1080-Wien

Das Schwarze Brett im Hauseingang entwickelt sich zur Drehscheibe der nachbarschaftlichen – wenn auch gesichtslosen – Kommunikation.
Originalbeitrag: Wenn Sie Hilfe brauchen, gerne jederzeit melden (Es folgen Name, Haustür und Telefonnummer.) Alles Gute
Daneben in anderer Handschrift ein knappes: Auch (Und dabei ein weiterer Name samt Tür und Nummer.)
Darunter: Auch gerne an (Telefonnummer) oder Briefkasten (Türnummer). Beste Grüße, Unterschrift.
Im rechten unteren Eck steht: DANKE für euer Angebot, Unterschrift.
*
Ein weiterer Zettel: Hilfe für alte, kranke und immunschwache Menschen. (Name, Adresse, Telefonnummer.) Bin gesund, fit und habe ein großes Auto. Erstaunlich daran ist, dass derjenige zwar in derselben Straße, allerdings in einem anderen Haus wohnt, er sich also die Mühe macht, hausfremden Menschen seine Unterstützung anzubieten. Dieser Begriff von Nachbarschaft reicht viel weiter als bei den meisten. Auch gefallen mir die Gegensatzpaare, die er insgeheim mit seiner Nachricht behauptet, nämlich:
Krank / gesund
Alt / fit
Immunschwach / großes Auto
*
Ich rufe ihn an und bedanke mich für seine Aufmerksamkeit. Er klingt müde, seine Stimme ist älter als er selbst. Ich schätze ihn auf Mitte vierzig. Er sagt, das sei doch selbstverständlich. Er sei jetzt ohnehin daheim, weil er nicht arbeiten gehe. Ich frage ihn, wo er denn beschäftigt sei. Wenn ich mir die Frage erlauben darf, füge ich respektvoll hinzu. (Wie neugierig und aufdringlich ich geworden bin, plötzlich ist alles so schrecklich interessant.) Im Qualitätsmanagement, sagt er. Ich habe keine Ahnung, was das sein soll, hake aber nicht nach. Die Firma sei vorerst heruntergefahren. Ich frage ihn, ob er denn auch oft genug die Wohnung verlasse. Ja, sagt er, immer wieder, er fahre sogar mit dem Auto (natürlich, dem großen!) hinaus ins Grüne, nach Niederösterreich, in ein nahegelegenes Waldgebiet, dort verbringe er gern Zeit, sagt er, weil wenig Leute sind. Er könne mich gern einspeichern, sage ich, obwohl ich nicht weiß, was er für einen Grund haben würde, mich anzurufen. Wir wünschen einander alles Gute und legen auf.
*
Ein dritter Zettel hängt am Schwarzen Brett, wieder hausintern:
CICERO sagte: DENN KEINE PFLICHT IST UNAUSWEICHLICHER ALS DIE, DANK ABZUSTATTEN
Ich danke EUCH FREIWILLIGEN!
Soll noch einer sagen, die heutige Jugend …
Alles Liebe, GESUND bleiben, Unterschrift
Gebildete Leute wohnen hier, denke ich, mit Cicero und allem Drum und Dran. (Gibt es das – beschwingt vor Beistrichsetzung?).
So geht es jetzt in jedem Haus in jeder Straße in jedem Bezirk in jeder Stadt in jedem Bundesland. Die Polizei hat schon Recht: I am from Austria.

Sternchen sind die Strichpunkte der Absätze.

Der Stadt erzählen, wer sie ist.

Wie sich die Menschen dann wieder um den Hals fallen werden?

Wie sich die Menschen dann wieder um den Hals fallen werden.

Wie sich die Menschen dann wieder um den Hals fallen werden!